Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Endogene Regionalentwicklung
Endogene Entwicklungsstrategien gründen nicht auf einem geschlossenen Theoriekonstrukt, sondern zielen auf Mit- und Selbstbestimmung als integralen Prozess ab.
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Bedeutung
Endogene Regionalentwicklung, auch eigenständige Regionalentwicklung genannt, ist ein Konzept der Raumordnung. Die sozioökonomische Entwicklung einer Region soll dabei vor allem aus den eigenen Möglichkeiten der Region entstehen. Dazu werden regionseigene Potentiale genutzt, also vorhandene Entwicklungsmöglichkeiten im wirtschaftlichen und sozialen Bereich.
Im Mittelpunkt steht das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“, das mit dem Subsidiaritätsprinzip verbunden ist. Die Region und ihre Bewohner sollen ihre Entwicklung möglichst selbst mitgestalten. Endogene Regionalentwicklung ist ein informelles Instrument der Raumordnung: Sie ist nicht rechtsverbindlich und gehört deshalb zu den persuasiven, also auf Überzeugung und freiwillige Mitwirkung ausgerichteten Instrumenten der Regionalentwicklung.
Entwicklung und theoretische Einordnung
Vor allem in den 1970er Jahren geriet die traditionelle exogene Regionalentwicklung in die Kritik. Bei diesem älteren Ansatz wurde die Entwicklung zentral vom Staat gelenkt. Ein wichtiger Kritikpunkt waren die ständig veränderten weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Daraufhin gewannen Ansätze an Bedeutung, die stärker auf die besonderen Eigenschaften einzelner Regionen eingingen. Der dezentrale endogene Ansatz erwies sich als wirksamer, um regionale Ungleichheiten auszugleichen und Wachstum zu erzeugen. Er ist außerdem Bestandteil der nachhaltigen Regionalentwicklung.
Eine umfassende Theorie der endogenen Regionalentwicklung gibt es bisher nicht. Stattdessen existiert eine Vielzahl von Partialansätzen. Diese befassen sich mit theoretischen und strategischen Fragen der endogenen Entwicklung in Ländern mit unterschiedlichem Entwicklungsstand. Sie gehören zu den regionalen Wachstums- und Entwicklungstheorien. Ihr Ziel ist es, internationale Wirtschaftsbeziehungen mit Regionalentwicklung zu verbinden und die Raumwirtschaftstheorie dynamischer zu gestalten.
Potentiale und zentrale Strategien
Am Anfang endogener Regionalentwicklung steht die Untersuchung der Entwicklungsfähigkeit einer Region. Dabei werden Potentialfaktoren bestimmt. Sie können wirtschaftlicher, soziokultureller und/oder ökologischer Art sein. Die Kategorien reichen von besonderen „Begabungen“ und Stärken bis zu „Engpässen“, die die Entwicklung behindern.
Endogenes Potential oder regionales Entwicklungspotential ist allgemein die „Gesamtheit der Entwicklungsmöglichkeiten in einem zeitlich und räumlich abgegrenzten Wirkungsbereich“.
Nach Schätzl sollen Entwicklungspotentiale vor allem auf drei Wegen aktiviert werden:
-
Bestehende Engpässe der endogenen Entwicklung sollen überwunden werden. Dafür müssen die Engpässe zunächst erkannt werden. So können bisher nicht ausreichend genutzte Potentialfaktoren besser eingesetzt werden.
-
Regionsspezifische Fähigkeiten und Begabungen sollen genutzt werden. Die besonderen Standortvorteile einer Region gegenüber anderen Regionen werden ermittelt und durch Spezialisierung gefördert.
-
Intraregionale Kreisläufe sollen entstehen. Die einzelnen Potentiale einer Region werden auf ihre Verflechtungen geprüft und in kleinräumige Netzwerke eingebunden. Ziel ist eine von den Bewohnern gesteuerte intraregionale Integration von Produkten.
Endogene Entwicklungsstrategien beruhen nicht auf einem einheitlichen, geschlossenen Theoriekonstrukt. Sie verstehen Entwicklung als einen integrierten Prozess der Mit- und Selbstbestimmung. Gefördert werden sollen Kontakt- und Kooperationsmöglichkeiten, regionale Identität und Selbstbestimmung. Damit ist ein Wertewandel innerhalb der industriellen Gesellschaft verbunden, der bei zunehmendem Wohlstand stärker auf diese Aspekte setzt.
Nachhaltigkeit, Lebensqualität und Beteiligung
Das Leitbild der Nachhaltigkeit, auch Dauerhaftigkeit oder Zukunftsfähigkeit genannt, verlangt die „Einbettung des ökonomischen Systems in das soziale System und beider Systeme in den Naturhaushalt“. Die „Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts“ bleibt dabei der übergeordnete Maßstab. Endogene Entwicklungsstrategien müssen deshalb ganzheitlich angelegt sein und einer integrierten Nachhaltigkeit entsprechen.
Neben den drei Grundsäulen Ökologie, Ökonomie und Soziales werden drei querschnittsorientierte Dimensionen unterschieden:
-
Die normative Dimension betrifft gesellschaftliche Ziele und Bewertungen.
-
Die analytische Dimension beschreibt und untersucht Probleme und Prozesse im Hinblick auf ihre Nachhaltigkeit.
-
Die operative Dimension bezieht sich auf die Umstrukturierung politisch-strategischer Handlungsfelder.
Ein gemeinsames Ziel der Strategien ist qualitatives Wachstum. Es geht also nicht nur um wirtschaftlich-quantitatives Wachstum, sondern auch um eine Verbesserung der Lebensqualität. Dadurch sollen Bewohner peripherer Räume stärker in ihrer Region gehalten werden, sodass sie eine Abwanderung weniger in Betracht ziehen.
Die gewonnene regionale Identität soll die Bewohner außerdem dazu befähigen, künftig selbstinitiativ zu handeln. Ein stärkerer innerregionaler Kommunikationsfluss kann generationenübergreifende Impulse auslösen. Zugleich soll die Bevölkerung den Naturraum, der die Grundlage der verbesserten Lebensqualität bildet, schonend und zukunftssichernd behandeln. Voraussetzung ist, dass jeder Einzelne mitentscheiden und Ideen einbringen kann. Die Projekte werden dabei von Projektleitern im Sinne des Bottom-up-Prinzips gesteuert.
LEADER als Beispiel
Das EU-Programm LEADER bedeutet „Liaison Entre Actions de Developpement de l’Economie Rurale“ („Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft“). Es wird als Werkzeug des Europäischen Raumentwicklungskonzepts im „Europa der Regionen“ beschrieben. Da es keine umfassende Theorie der endogenen Regionalentwicklung gibt, gilt LEADER als Beispiel für eine Methode, die die Grundzüge des Ansatzes besonders deutlich zeigt, nicht als Werbung für einen EU-Strukturförderungsplan.
Nach dem LEADER-Netzwerk Österreich beruht die Methode auf sieben Grundpfeilern:
-
Der territoriale Ansatz richtet die Strategie an den besonderen Gegebenheiten, Stärken und Schwächen eines Gebiets aus. Wichtig sind außerdem soziale Zusammengehörigkeit, gemeinsame Geschichte und Tradition sowie ein gemeinsames Identitätsbewusstsein.
-
Der Bottom-up-Ansatz bezieht lokale Akteure, die gesamte Bevölkerung, soziale und wirtschaftliche Interessengruppen sowie öffentliche und private Einrichtungen in Entscheidungen ein.
-
Beim partnerschaftlichen Ansatz bildet eine lokale Aktionsgruppe die Plattform und den Motor der lokalen Entwicklung. In ihr arbeiten Partner aus dem öffentlichen und privaten Sektor zusammen. Sie entwickeln und verwirklichen eine gemeinsame Strategie und innovative Maßnahmen.
-
Der Innovationswert der Aktionen umfasst sowohl erstmalige Ideen als auch eine Hebelwirkung für dauerhafte Veränderungen. Dazu gehören auch Übertragung und Vernetzung.
-
Der multisektorale Ansatz setzt auf die Verbindung verschiedener Aktionen zu einem koordinierten Gesamtkonzept, statt vor allem einzelne, voneinander getrennte Maßnahmen zu fördern.
-
Vernetzung und grenzübergreifende Zusammenarbeit schaffen Entwicklungspartnerschaften und Netzwerke zwischen Akteuren verschiedener ländlicher Regionen. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit gilt als Quelle des europäischen Mehrwerts der Politik für den ländlichen Raum.
-
Dezentrale Management- und Finanzierungsmodalitäten sehen ein Management vor Ort vor. Es koordiniert Fördermittel und Projekte.
Deutsche Modellprogramme
In Deutschland gab es Programme mit einem LEADER-ähnlichen Ansatz.
Regionen Aktiv wählte das Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft modellhaft 18 deutsche Regionen aus. Diese wurden in zwei Perioden, von 2002–2005 und von 2005–2007, beispielhaft gefördert. Das Förderverfahren orientierte sich teilweise am LEADER-Ansatz.
LandZukunft wurde 2011 als weiteres Modellprogramm vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gestartet. Zur Bewerbung wurden 17 Regionen eingeladen. Vier Regionen wurden ausgewählt, darunter die Solling-Vogler-Region im Weserbergland e. V. Nach einer Qualifizierungsphase erhielten sie für zwei Jahre, bis 2014, eine Förderung.
Die Förderung bezog sich auf Projekte in den Bereichen gesellschaftliche Teilhabe, Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftsleistung sowie auf die Herausforderungen räumlicher Abgelegenheit. Jede Region verpflichtete sich in vertraglichen Vereinbarungen, zuvor individuell festgelegte Unterziele zu erfüllen.