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Drei-Säulen-Modell (Nachhaltigkeit)

Nur auf diese Weise kann die ökologische, ökonomische und soziale Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft sichergestellt und verbessert werden. Die drei Aspekte …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und drei Dimensionen
  2. 2. Entstehung und Verbreitung
  3. 3. Kritik und offene Fragen
  4. 4. Fortbestehende Bedeutung
  5. 5. Weiterentwicklungen des Modells

Kernidee und drei Dimensionen

Das Drei-Säulen-Modell der nachhaltigen Entwicklung beschreibt Nachhaltigkeit als gleichzeitige und gleichberechtigte Verwirklichung umweltbezogener, wirtschaftlicher und sozialer Ziele. Nachhaltige Entwicklung soll dadurch die ökologische, ökonomische und soziale Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft sichern und verbessern. Die drei Bereiche stehen in Wechselwirkung und bedingen einander.

Anschließend an den Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen definierte die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Schutz des Menschen und der Umwelt“ Nachhaltigkeit als die Konzeption einer dauerhaft zukunftsfähigen Entwicklung der ökonomischen, ökologischen und sozialen Dimension menschlicher Existenz. Der Brundtland-Bericht selbst verwendete dabei nicht die Metapher der Säulen, sondern sprach von drei Bereichen („areas“), die langfristig ausgewogen koordiniert werden müssen.

  • Ökologische Nachhaltigkeit bedeutet, keinen Raubbau an der Natur zu betreiben. Natürliche Lebensgrundlagen sollen nur so stark beansprucht werden, wie sie sich regenerieren können.
  • Ökonomische Nachhaltigkeit bedeutet, wirtschaftlich nicht dauerhaft über die eigenen Verhältnisse zu leben. Eine Wirtschaftsweise gilt als nachhaltig, wenn sie dauerhaft betrieben werden kann und dadurch die nachkommenden Generationen nicht belastet werden.
  • Soziale Nachhaltigkeit verlangt eine gesellschaftliche Ordnung, in der soziale Spannungen begrenzt bleiben und Konflikte friedlich und zivil ausgetragen werden können.

Entstehung und Verbreitung

Der genaue Ursprung des Drei-Säulen-Modells ist nicht eindeutig geklärt. Der Oldenburger Professor Bernd Heins beanspruchte die Urheberschaft für das Jahr 1994. Ein vergleichbares Nachhaltigkeitsverständnis lässt sich jedoch ebenfalls für 1994 in der internationalen Debatte sowie im Umfeld des Brundtland-Berichts und der Enquete-Kommission nachweisen.

Das Drei-Säulen-Modell beziehungsweise das „magische Dreieck der Nachhaltigkeit“ wurde durch den Verband der Chemischen Industrie (VCI) in die Diskussion der Enquete-Kommission eingebracht. Der VCI forderte 1996, wirtschaftliche, ökologische und soziale Aspekte gleichrangig zu berücksichtigen, und verstand Sustainable Development als ganzheitliches Zukunftskonzept. In der Studie „Bausteine für ein zukunftsfähiges Deutschland“ von 1997 präzisierte der VCI sein Modell. Die Studie war eine Gegenstudie zu „Zukunftsfähiges Deutschland. Ein Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung“ des Wuppertal Instituts und beruhte auf dem Konzept der schwachen nachhaltigen Entwicklung.

Eine breite öffentliche Wirkung entfaltete das Modell durch den Abschlussbericht der Enquete-Kommission „Schutz des Menschen und der Umwelt“ aus dem Jahr 1998. Für die Kommission war es attraktiv, weil es nachhaltige Entwicklung unter dem Gesichtspunkt der Machbarkeit darstellte. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) stellte 2008 fest, dass sich das Konzept international durchgesetzt habe und ein früher eher restriktives Verständnis von Umweltpolitik durch ein integriertes und synergistisches Verständnis ersetzt worden sei.

Seit 1998 verbreitete sich das Modell stark. International wurde der Schwerpunkt teilweise stärker auf Entwicklungsfragen gelegt. Die Johannesburg Declaration von 2002 betonte, dass Umweltschutz sowie soziale und wirtschaftliche Entwicklung grundlegende Bestandteile nachhaltiger Entwicklung seien. Häufig wird das Modell um eine vierte Säule ergänzt: die politische Umsetzungsebene. In der deutschen Politik wird außerdem die Bildungsperspektive besonders hervorgehoben.

Kritik und offene Fragen

Das Modell ist in der Fachwelt umstritten, weil sich aus ihm nur schwer konkrete Handlungsregeln ableiten lassen. Kritiker bemängeln seine geringe Operationalisierbarkeit, also die Schwierigkeit, die allgemeinen Ziele in überprüfbare Maßnahmen und Entscheidungen zu übersetzen. Die Enquete-Kommission legte sich beispielsweise nicht fest, ob nachhaltige Entwicklung vorrangig der Erhaltung von Naturkapital dienen soll oder ob langfristige Ziele stets an kurzfristig machbare Ziele gekoppelt werden müssen, um das gegenwärtige Entwicklungsmodell fortzuführen.

Der SRU sprach dem Modell 2002 die Orientierungsfunktion ab. Es drohe zu einem „dreispaltigen Wunschzettel“ zu werden, in den jeder Akteur seine eigenen Anliegen eintragen könne. Dadurch entstehe eine „Hyperkomplexität, die das arbeitsteilige politische System überfordert“.

Ein weiterer Streitpunkt ist die Gewichtung der drei Ziele. Das Modell stellt ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit als gleichrangig dar. Viele Kritiker fordern dagegen einen Vorrang der ökologischen Nachhaltigkeit, weil stabile natürliche Lebensbedingungen als Voraussetzung wirtschaftlicher und sozialer Stabilität gelten.

In diesem Zusammenhang unterscheidet die Nachhaltigkeitswissenschaft zwischen schwacher und starker Nachhaltigkeit. Schwache Nachhaltigkeit geht davon aus, dass sich ökologische, ökonomische und soziale Ressourcen gegenseitig aufwiegen lassen. Die Erschöpfung von Naturressourcen und damit von Naturkapital könnte demnach durch ausreichendes Humankapital oder Sachkapital ausgeglichen werden. Ökonomie und Ökologie sind in diesem Verständnis gleichrangig.

Starke Nachhaltigkeit nimmt dagegen an, dass Naturkapital nur sehr begrenzt oder gar nicht durch Human- oder Sachkapital ersetzt werden kann. Konzepte wie der ökologische Fußabdruck, das Umweltraum-Konzept und das „Leitplankenmodell“ entsprechen diesem Ansatz. Ökologische Grenzen bilden dabei einen Entwicklungskorridor, der langfristig stabile Lebensbedingungen sichert. Wirtschaftliche und soziale Ziele können nur innerhalb dieses Korridors verwirklicht werden.

Kritiker sehen im Drei-Säulen-Modell eine Bevorzugung schwacher Nachhaltigkeit. Der SRU beanstandete außerdem, dass die geforderte Integration aller drei Belange dem Querschnittprinzip der Umweltpolitik widerspreche. Dieses Prinzip, das auch im Vertrag von Amsterdam verankert wurde, verlangt zunächst die Integration von Umweltbelangen in alle Politikbereiche. Der SRU empfahl deshalb 2002, das Drei-Säulen-Modell zugunsten des besser handhabbaren Prinzips der Integration der Umweltbelange aufzugeben.

Kritisiert wird außerdem, dass die isolierte Betrachtung ökologischer, ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeit den Eindruck erwecken könne, diese Bereiche seien unabhängig voneinander verwirklichbar. Dadurch könne die integrative Funktion der Nachhaltigkeitsidee geschwächt werden.

Eine Studie des Forschungszentrums Karlsruhe ergänzte das Modell um eine globale Perspektive. Der auf Deutschland begrenzte Operationalisierungsansatz der Enquete-Kommission sollte durch globale Mindestvoraussetzungen für nachhaltige Entwicklung erweitert werden. Diese müssen sowohl der Bestandserhaltung als auch der Entwicklungsperspektive Rechnung tragen. Grundsätzlich richtet sich Nachhaltigkeit nicht nur auf intergenerationelle Gerechtigkeit, also Gerechtigkeit zwischen Generationen, sondern auch auf globale beziehungsweise intragenerationelle Gerechtigkeit, also Gerechtigkeit innerhalb der gegenwärtigen Generation. Umstritten bleibt dabei auch, warum künftige Generationen und Menschen in anderen Erdteilen stärker berücksichtigt werden sollten und ob alle wirtschaftlichen und sozialen Ziele des Diskurses tatsächlich zum Nachhaltigkeitsbegriff gehören.

Fortbestehende Bedeutung

Trotz der Kritik konnte sich bisher kein anderes Modell allgemein durchsetzen. In fast allen Definitionen nachhaltiger Entwicklung bilden die drei Säulen zusammen mit inter- und intragenerationeller Gerechtigkeit den größten gemeinsamen Nenner. Auch wichtige politische Umsetzungen beziehen sich auf die drei Dimensionen, etwa Punkt I.2 des Johannesburg-Implementierungsplans und Artikel 3 des EU-Vertrags.

Das Modell bleibt daher ein wichtiger Ausgangspunkt für Nachhaltigkeitsdiskussionen. Seine anhaltende Bedeutung wird mit seiner pragmatischen Form und dem breiten Konsens über die drei Ziele als gemeinsames Zielbündel erklärt. Nach der Johannesburg-Konferenz sollen die Säulen voneinander abhängig sein und sich gegenseitig unterstützen („interdependent and mutually reinforcing pillars“). Das Modell wirkte zudem stilbildend für den Nachhaltigkeitsdiskurs: Es verlangte die wechselseitige Akzeptanz ökologischer, ökonomischer und sozialer Interessen und lenkte die Aufmerksamkeit auf institutionelle Innovationen sowie auf konsensorientierte, dialogische und partizipative Verfahren. Zugleich trug es zur Aufwertung von Umweltbelangen bei, weil es deren Gleichrangigkeit gegenüber wirtschaftlichen und sozialen Themen feststellte.

Weiterentwicklungen des Modells

Das Forschungszentrum Karlsruhe entwickelte das Drei-Säulen-Modell zu einem integrierten Nachhaltigkeits-Ansatz weiter. Dieser ergänzt die institutionelle Dimension und verbindet die drei Bereiche mit dimensionsübergreifenden Nachhaltigkeitszielen. Genannt werden die „Sicherung der menschlichen Existenz“, die „Erhaltung des gesellschaftlichen Produktivpotentials“ und die „Bewahrung der Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten“.

Ausgangspunkt sind nicht isolierte Einzeldimensionen. Vielmehr werden die allgemeinen Ziele auf die Dimensionen projiziert und mit den jeweiligen Eigenlogiken der Bereiche verbunden. Daraus entstehen Regeln zur Operationalisierung, also zur konkreten Bestimmung nachhaltigkeitsrelevanter Elemente. Intra- und intergenerative Gerechtigkeit werden dabei als gleichrangig und aus anthropozentrischer Perspektive betrachtet.

Für eine integrierende Darstellung kann anstelle isolierter Säulen ein Nachhaltigkeitsdreieck verwendet werden, das auch als Gibbsches Dreieck bekannt ist. Es stellt ein Gemisch aus drei Komponenten dar, für die gilt: x+y+z=100 %. Die drei Dimensionen werden dabei als kontinuierliche Anteile verstanden. Ökoeffizienz kann beispielsweise zu 50 % der Ökonomie und zu 50 % der Ökologie zugeordnet werden. Biodiversität gilt dagegen als vorwiegend ökologisches Thema mit ungefähr 100 % Ökologie. Das zentrale Feld steht für eine Position, zu der alle drei Dimensionen etwa gleich große Erklärungsbeiträge leisten.

Das integrierende Nachhaltigkeitsdreieck kann alle möglichen Kombinationen der drei Dimensionen darstellen. Dadurch erlaubt es eine differenziertere Analyse, eine zielgenauere Einbindung weiterer Konzepte wie der Ökoeffizienz und eine übersichtliche Zusammenstellung. Es betont das Zusammenwirken der Dimensionen und kann unter anderem für Nachhaltigkeitsbewertungen, die Sammlung von Indikatoren und inhaltliche Gliederungen verwendet werden.

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