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Die Jesuiterkirche in G.
Die Jesuiterkirche in G. ist eine Erzählung von E. T. A. Hoffmann, die Ende 1816 im ersten Teil der Sammlung „Nachtstücke“ bei Reimer in Berlin erschien.
Inhalt5 Abschnitte
Werk und Kernthema
„Die Jesuiterkirche in G.“ ist eine Erzählung von E. T. A. Hoffmann. Er beendete sie im August 1816; Ende desselben Jahres erschien sie im ersten Teil der Sammlung „Nachtstücke“ bei Reimer in Berlin. Das Geschehen spielt hauptsächlich in der Jesuitenkirche von Glogau.
Im Mittelpunkt steht der Maler Berthold und damit die Frage, wodurch künstlerische Schaffenskraft entsteht und warum sie verloren gehen kann. Berthold sucht nach einem vollkommenen, innerlich geschauten Bild. Als er dieses Ideal in der wirklichen Prinzessin Angiola T. zu erkennen glaubt und mit ihr ein bürgerliches Familienleben beginnt, scheitert seine Kunst. Erst später schafft er in der Jesuiterkirche ein großes, herrliches Altarbild, verschwindet anschließend aber vermutlich durch Suizid.
Rahmenhandlung in der Jesuiterkirche
Nahe bei G. zerbricht die Postkutsche des reisenden Enthusiasten, der als Ich-Erzähler auftritt. Während einer dreitägigen Zwangspause besucht er Professor Aloysius Walther vom Jesuiten-Collegio. Dieser berichtet, dass die Innenwände der Jesuitenkirche neu bemalt werden. Da bedeutende Maler G. gemieden hätten, müsse man sich mit einem vermeintlich „dürftigen Wandpinsler“ namens Berthold begnügen.
Neugierig besichtigt der Reisende die Arbeiten. Weil der Professor seine Fragen nach Berthold nur zurückhaltend beantwortet, kehrt er um Mitternacht allein in die Kirche zurück. Dort überrascht er den Maler bei der Arbeit im Fackelschein und hilft ihm, ein Gerüst aufzubauen. Am Morgen erkennt er, dass ein beeindruckendes Altarbild entsteht.
Walther beschreibt Berthold lediglich als sanft, gutmütig, arbeitsam und nüchtern. Schließlich gibt er dem Reisenden eine schriftliche Lebensgeschichte des Malers. Sie stammt von einem früheren Studenten des Collegio, der Berthold gelegentlich geholfen hatte.
Nach der Lektüre nennt der Reisende Berthold einen „ruchlosen Mörder“, während Walther ihm eine solche Tat nicht zutraut. Um Gewissheit zu erlangen, steigt der Reisende in der Kirche zu Berthold auf das Gerüst und fragt unvermittelt, ob er im Wahnsinn Frau und Kind ermordet habe. Berthold erklärt sich für unschuldig und will sich in maßlosem Entsetzen zusammen mit dem Fragenden vom Gerüst stürzen. Der Reisende rettet sich, indem er Berthold durch eine kritische Bemerkung über dessen „häßliche[s] Dunkelgelb“ ablenkt. Walther lacht später über diesen gefährlichen Auftritt, und der Reisende setzt seine Fahrt in der reparierten Kutsche fort.
Ein halbes Jahr danach berichtet der Professor, Berthold habe ein großes, herrliches Altarbild hinterlassen. Danach habe er sich vermutlich im O-Strom, also in der Oder, ertränkt. Sein Tod bleibt damit ebenso ungewiss wie das Schicksal seiner Familie.
Bertholds Lebensgeschichte
Berthold stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Der alte Maler Stephan Birkner empfiehlt seinen Eltern, den begabten Jungen zur Ausbildung nach Italien zu schicken. In Rom wird Berthold Schüler des Landschaftsmalers Hackert. Ein wunderlicher alter Malteser erkennt sein Talent, stellt ihm aber einen schwierigen künstlerischen Weg vor Augen: Wer „in den tiefern Sinn der Natur“ eindringe, dem würden in seinem „Innern ihre Bilder in hoher glänzender Pracht aufgehen“. Wahre Kunst soll demnach nicht nur die sichtbare Wirklichkeit kopieren, sondern aus einer tiefen inneren Anschauung entstehen.
Um 1798 glaubt Berthold am Golf von Neapel, ein solches vollkommenes Bild leibhaftig vor sich zu sehen: die Prinzessin Angiola T. Er verliebt sich in sie, nimmt sie zur Frau und zieht mit ihr in das süddeutsche M. Dort möchte er durch seine Kunst den Lebensunterhalt der kleinen Familie verdienen. Doch gerade das Porträt seiner geliebten Frau misslingt. Das Eheleben scheint seine Schaffenskraft gebrochen zu haben.
Nachdem Angiola einen Sohn geboren hat, gerät Berthold in den Wahnsinn. Er wünscht Frau und Kind den Tod, angeblich weil Angiola ihn um sein Leben betrogen habe. Nachbarn zeigen ihn an. Als die Polizei ihn festnehmen will, ist jedoch die gesamte dreiköpfige Familie verschwunden. Später wird ein Berthold „voll heitern Mutes“ im oberschlesischen N. gesehen. Der studentische Verfasser der Lebensgeschichte behauptet, Berthold habe „sich seines Weibes und Kindes entledigt“. Ob damit tatsächlich ein Mord gemeint ist und ob Berthold ihn begangen hat, wird nicht bewiesen. Berthold selbst weist den Vorwurf zurück, und Professor Walther hält ihn ebenfalls nicht für schuldig.
Erzählweise und Gestaltung
Die Erzählung besitzt eine Rahmenhandlung und eine eingeschobene Lebensgeschichte. Zunächst schildert der reisende Enthusiast seine Begegnungen mit Walther und Berthold. Innerhalb dieser Handlung liest er den Bericht des ehemaligen Studenten, der Bertholds Vergangenheit erzählt. Weil dieser Bericht Vermutungen enthält und die wichtigsten Ereignisse nicht unmittelbar beobachtet wurden, bleibt die Wahrheit über Frau und Kind offen.
Hoffmann spielt selbstironisch mit seiner Rolle als Autor. Walther hält den Reisenden nicht für einen Schriftsteller und erklärt, der Verfasser der „Fantasiestücke in Callots Manier“ hätte den Stoff nach seiner „tollen Manier“ zugespitzt und sofort drucken lassen. Damit verweist Hoffmann innerhalb der Erzählung auf sein eigenes Werk und auf seine Art des Schreibens. Auch der studentische Erzähler berichtet ungezwungen und macht die Künstlichkeit seiner Darstellung sichtbar, etwa mit der Formulierung: „Einer..., wir wollen ihn Florentin nennen,...“
Kauzig-humorige Szenen verbinden sich mit Wahnsinn, Gefahr und nächtlicher Unheimlichkeit. Besonders deutlich wird das im Streit auf dem Gerüst: Der Vorwurf eines möglichen Doppelmordes führt beinahe zum tödlichen Sturz, doch eine beiläufige Bemerkung zur Farbgebung lenkt Berthold ab. Zugleich zeigt die Szene den Künstler als außergewöhnlichen Menschen, dessen Denken vollständig von seiner Kunst bestimmt wird.
Deutungen und Aufnahme
Nach dem Erscheinen lobte die „Allgemeine Literatur-Zeitung“ die „vorzüglich“ gelungene Schilderung der „kecken Art“. Spätere Deutungen konzentrieren sich besonders auf das Verhältnis von Kunst, Ideal, Wirklichkeit und bürgerlichem Leben.
Steinecke verweist auf biografische und literarische Hintergründe: Im Juli 1796 half Hoffmann in Glogau dem Maler Aloys Molinary beim Ausmalen der Kirche. Berthold trage sowohl Züge Molinarys als auch Hoffmanns; außerdem habe Hoffmann seine Neigung zu Dora Hatt verarbeitet und Goethes biografische Skizze über Hackert von 1811 verwendet. Nickel verbindet die nächtlichen Szenen mit Hoffmanns Tätigkeit als Dekorationsmaler am Theater Bamberg. Die Hell-Dunkel-Malerei und die Lichteffekte der Erzählung greifen demnach Erfahrungen aus der Bühnenpraxis auf.
Mehrere Auslegungen sehen Bertholds Scheitern im Konflikt zwischen einem übermenschlichen Kunstideal und dem gewöhnlichen Leben. Jean-Jacques Pollet zufolge richtet das „bürgerliche Wohlleben“ Bertholds Kunst zugrunde: Das Bild der Prinzessin misslingt, sobald sie seine Ehefrau geworden ist. Kunst berühre für Berthold „das Übermenschliche“ und müsse „Gott oder Teufel sein“. Jules Keller deutet sein Streben als „romantische Suche nach dem Ideal“: Berthold habe das Ideal gesehen, könne es aber nicht erreichen. Gerhard R. Kaiser beschreibt den Aufbau als „eine schrittweise sich verdunkelnde Erzählung“, während Jeanine Charue-Ferrucci besonders die erzeugte Furcht sowie die Motive Rot und Schwarz untersucht.
Heimes versteht das vollkommene, zurückgelassene Altarbild als eine Art Epitaph, also als bildliches Grabmal, für den verschollenen und wahrscheinlich toten Künstler. Das Werk überdauert Berthold, doch seine Vollendung fällt mit seinem mutmaßlichen Tod zusammen. Damit bleibt die künstlerische Schöpfung zugleich als Triumph und als zerstörerische Macht sichtbar.