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Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Décima (Verslehre)

Das Reimschema ist nahezu beliebig und es ist nicht erforderlich, dass beide Halbstrophen gleichartige Reimschemata aufweisen. Bis 1450 sind dreireimige …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Definition und Grundbau
  2. 2. Die ältere Form
  3. 3. Die königliche Strophe
  4. 4. Die bis heute verbreitete Espinela
  5. 5. Fortleben in Spanien und Lateinamerika

Definition und Grundbau

Als Décima bezeichnet die Verslehre eine zehnzeilige Strophenform der spanischsprachigen Literatur. Ihr gemeinsames Kennzeichen ist die Gliederung in zwei Halbstrophen. Bis zum Neoklassizismus wurde sie gewöhnlich aus Achtsilblern, also Versen mit jeweils acht Silben, gebildet.

Als möglicher Vorläufer und Baustein gilt der achtsilbige Vierzeiler. Er kommt etwa als Romanzenstrophe mit dem Reimschema [abab] oder als Redondilla mit [abba] vor. Nach dieser Erklärung besteht eine Décima aus zwei Vierzeilern, die um zwei Verse ergänzt werden.

In der spanischen Dichtung existieren zahlreiche Varianten. Allein im zwischen 1475 und 1479 datierten Cancionero del siglo XV. finden sich etwa 60 unterschiedliche Formen des Zehnzeilers, viele davon allerdings nur in wenigen Beispielen. Rudolf Baehr unterscheidet nach der Aufteilung der zehn Verse drei Hauptgruppen: die unsymmetrische décima antigua mit 4+6 oder 6+4 Versen, die symmetrische copla real mit 5+5 Versen und die décima espinela, die einen 4+6-Aufbau mit einem festen Reimschema verbindet. Die historischen Angaben dieses Teils sind im Ausgangsartikel als nicht hinreichend belegt gekennzeichnet.

Die ältere Form

Die décima antigua besitzt kein einziges verbindliches Reimschema. Ihre Vielfalt lässt sich dadurch erklären, dass in einen aus Vierzeilern zusammengesetzten Grundbau an fast beliebiger Stelle ein zusätzliches Reimpaar eingefügt werden kann.

Die älteren Varianten verwenden zwei Reime, beispielsweise [abab:baab(bb)], oder drei Reime, beispielsweise [abba:acc(cc)a]. Nach 1450 verschwinden diese Formen fast vollständig. An ihre Stelle treten vierreimige Varianten wie [abba:cddc(dd)] und [abba:cddc(dc)] sowie vor allem Formen mit fünf Reimen. Ein Beispiel mit einer Pause nach dem sechsten Vers ist [ab(c)ab(c):deed]. Der Doppelpunkt kennzeichnet dabei die Pause, die in Klammern gesetzten Buchstaben stehen für die eingefügten Verse.

Die königliche Strophe

Die copla real, auf Deutsch „königliche Strophe“, wird auch décima falsa („falsche Dezime“) oder estancia real („königliche Strophe/Stanze“) genannt. Ihr wesentliches Merkmal ist die symmetrische Gliederung in zwei Halbstrophen zu jeweils fünf Versen.

Das Reimschema kann nahezu beliebig gestaltet sein; die beiden Halbstrophen müssen auch nicht nach demselben Muster reimen. Bis 1450 waren Formen mit drei Reimen verbreitet. Danach erschienen fast ausschließlich vierreimige Formen, bei denen jede Halbstrophe zwei eigene Reime besitzt. Dadurch wird die Zweiteilung besonders deutlich: Die copla real wirkt wie eine Verbindung zweier Fünfzeiler und heißt deshalb gelegentlich quintilla doble, also „doppelte Quintilla“.

Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts setzten sich bestimmte Muster stärker durch. Bei gleichartig gebauten Halbstrophen waren dies [abaab:cdccd] und [abbab:cddcd], bei unterschiedlich gebauten Halbstrophen [ababa:ccddc] und [abbab:ccddc].

Die bis heute verbreitete Espinela

Die décima espinela, kurz espinela, ist die erfolgreichste der drei Hauptformen und die einzige, die bis heute verbreitet ist. Lope de Vega benannte sie nach Vicente Espinel. Ihr festes Reimschema lautet [abba:accddc]. Nach dem vierten Vers ist eine Pause vorgeschrieben; an dieser Stelle endet zugleich eine Sinneinheit. In semantischer und syntaktischer Hinsicht entspricht sie daher der 4+6-Gliederung der décima antigua.

Nach dem Reimschema kann die Espinela zugleich als besondere Form der copla real verstanden werden: [abba(ac)cddc]. Die in der Mitte eingeschobenen Verse wirken dabei wie eine Brücke, welche zwei Vierzeiler verbindet. Wegen ihrer strengen, festgelegten Form ist die klassische Espinela mit dem Sonett vergleichbar.

Ein Beispiel von Pedro Calderón de la Barca aus La vida es sueño erzählt von einem armen Weisen, der sich nur von gesammelten Kräutern ernährt. Als er sich fragt, ob jemand noch ärmer sei, sieht er einen anderen Weisen, der die von ihm weggeworfenen Kräuter aufsammelt. Das Gedicht folgt dem vorgeschriebenen Schema und gliedert den Gedankengang nach dem vierten Vers.

Seit dem Neoklassizismus des 18. Jahrhunderts entstanden Veränderungen am Versmaß und Reimschema. Diese Varianten lassen sich unter der Bezeichnung décima moderna zusammenfassen, hatten aber keine nachhaltige Wirkung.

Fortleben in Spanien und Lateinamerika

Während die anderen Formen weitgehend verschwanden, lebt die Espinela bis heute in Spanien und besonders in Lateinamerika fort. Viele moderne lateinamerikanische Dichter machten ihre ersten dichterischen Übungen mit Espinelas. Sie werden mitunter extemporiert, also spontan gedichtet. Auch Autoren der spanischen Generación del 27, der „Generation von 1927“, darunter Jorge Guillén und Gerardo Diego, zeigten eine besondere Vorliebe für diese Form.

Als modernes Beispiel nennt der Artikel Volver a los diecisiete der chilenischen Sängerin Violeta Parra aus dem Jahr 1966. Die zehn Verse beschreiben die Rückkehr zum Empfinden eines siebzehnjährigen Menschen nach einem ganzen gelebten Jahrhundert. Das lyrische Ich vergleicht diesen Zustand unter anderem mit dem Entziffern von Zeichen ohne ausreichendes Wissen und mit der Zerbrechlichkeit eines Augenblicks. Die Darstellung des heutigen Fortlebens ist im Ausgangsartikel ausdrücklich als unvollständig gekennzeichnet; insbesondere fehlen dort nähere Angaben dazu, in welchen konkreten Formen die Décima weiterlebt.

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