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Atomsemiotik
Atomsemiotik ist eine Richtung der Semiotik, also die „Lehre von den Zeichen, die im Rahmen von mit Atomenergie verbundenen Problemen nutzbar gemacht werden …
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Was ist Atomsemiotik?
Atomsemiotik ist eine Richtung der Semiotik, der „Lehre von den Zeichen“, die bei Problemen rund um die Atomenergie angewendet wird. Im engeren Sinn bezeichnet sie den Versuch, Warnungen vor den Gefahren von Atommüll zu entwerfen, die von der Nachwelt auch nach Jahrtausenden verstanden werden können.
Die Forschungsrichtung entstand 1981: Die US-Regierung und der Bechtel-Konzern beriefen die Arbeitsgruppe „Human Interference Task Force“ zur dauerhaften Sicherheit von Atommüll; in das Team wurde der Semiotiker und Linguist Thomas Sebeok aufgenommen, der ein eigenes Kapitel des Abschlussberichts schrieb. Im deutschsprachigen Raum wurde das Thema bekannt, als Roland Posner (Arbeitsstelle für Semiotik, TU Berlin) 1982/83 zwölf internationale Wissenschaftler um Beiträge für eine Themenausgabe der Zeitschrift für Semiotik bat, die 1984 erschien. Seit 2011 befasst sich eine gemeinsame Arbeitsgruppe der Nuclear Energy Agency und der OECD mit dem „Erhalt von Daten, Wissen und Erinnerungen über Generationen“ im Zusammenhang mit Atommüll.
Problemstellung
Kernkraftwerke, Waffenfabriken und Forschungszentren erzeugen radioaktive Stoffe in Mengen, die noch in Tausenden von Jahren tödlich wirken können. Die Nukleartechnik begründet damit die ethische Pflicht, diese Stoffe sehr lange von der Biosphäre fernzuhalten. Es gibt aber keine Institution, die über Jahrtausende kontinuierlich Wissen bewahren und Verantwortung tragen kann – die Zeitdimensionen übersteigen die menschlichen Maßstäbe. Vergleichbare Aufgaben ergeben sich auch bei Gentechnik, Landminen, Giftmüll-Deponien, Weltraumschrott, dem Gedenken an den Holocaust und der interstellaren Kommunikation (z. B. Pioneer-Plakette, Arecibo-Botschaft, Voyager Golden Record).
Der Nachwelt müssten drei Dinge mitgeteilt werden: dass überhaupt eine Mitteilung vorliegt, dass an einem Ort gefährliche Stoffe lagern, und Informationen über die Art dieser Stoffe. Zudem muss die Warnung glaubhaft sein, damit die Adressaten sie nicht als Schutz von wertvollen Schätzen missverstehen – Sebeok verwies dazu auf die Legende vom Fluch des Pharao.
Staatliche Institutionen überdauern selten mehr als einige hundert Jahre; Religionen sind „kaum älter als ein paar tausend Jahre“ und haben Mythen statt naturwissenschaftlicher Informationen überliefert. Für die USA gilt ein Zeithorizont von 10.000 Jahren für Markierungen; in Deutschland legte der Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte (AkEnd) eine sichere Lagerung von einer Million Jahren (rund 30.000 Generationen) fest. Die schriftlich tradierte Geschichte umfasst bisher aber nur etwa 5.000 Jahre – Keilschrift verstehen nur Experten, die Indus-Schrift niemand.
Geschichte der Projekte
Auf die Langzeitproblematik wurde erstmals 1972 hingewiesen. Nach dem Reaktorunfall in Three Mile Island gab US-Präsident Jimmy Carter 1979 den geschlossenen Plutoniumkreislauf mit Schnellem Brüter auf; als Endlagerstandort wurde der Yucca Mountain in Nevada gewählt. 1980 berief die Bechtel Corporation im Regierungsauftrag Arbeitsgruppen, u. a. die Human Interference Task Force, die 1981 Sebeok ins Team holte.
1990, als sich das Yucca-Mountain-Projekt verzögerte und stattdessen das Waste Isolation Pilot Plant (WIPP) bei Carlsbad (New Mexico) deutlich wurde, setzten die Sandia National Laboratories ein „Future Panel“ ein, das Szenarien für 10.000 Jahre menschlicher Entwicklung entwarf – von geopolitischen und sprachlichen Veränderungen über globale Katastrophen bis zu als „phantastisch“ bezeichneten Welten wie einer „Feministischen Welt“ oder einer Welt radikalen Relativismus (nach Thomas S. Kuhn und Herbert Marcuse). Es verwies auf die generellen Schwächen lokaler Markierungen.
Ebenfalls 1990 kam ein „Marker Panel“ mit Semiotikern zusammen; zwei parallel arbeitende Gruppen legten 1991 Entwürfe vor. 1994 entschied das US-Energieministerium, keinen umzusetzen, sondern nur den konventionelleren Entwurf zu übernehmen, um weitere Texte ergänzt und ohne großflächige Gestaltung der Oberfläche. Die Umsetzung wäre erst nach Füllung des Lagers WIPP und 100 Jahren „aktivem Monitoring“ vorgesehen – nicht vor 2133 –, ist also ungewiss.
Weitere Entwicklungen: In der Schweiz stellte 2010 eine Literaturstudie für das Bundesamt für Energie internationale Markierungsmodelle zusammen (das Kernenergiegesetz schreibt dauerhafte Markierung von Tiefenlagern vor). 2012 beauftragte die schwedische Atombehörde Archäologen an der Linné-Universität Kalmar; deren Grundsatz: Jede Generation interpretiert überliefertes Wissen selbst, direkte Übermittlung ist nur an die nahe Zukunft möglich. Das NEA/OECD-Programm arbeitete 2011–2018; eine erste internationale Konferenz zur Preservation of Records, Knowledge and Memory fand 2014 statt. Ergebnis war bis 2018 kein allgemeingültiges Modell, sondern ein individuell anzupassender „Werkzeugkasten“.
Lösungsvorschläge
Alle Ansätze behandeln zwei Aspekte oder deren Kombination: dauerhafte Zeichen und die Vermittlung ihrer Bedeutung.
Der ursprüngliche Entwurf der Human Interference Task Force sah eine großflächige Oberflächenanlage vor: ein Monument mit dreieckigem Platz von 300 m Kantenlänge mit Erdwällen, zentraler Bodenplatte im Biohazard-Logo-Format, drei Obelisken mit Warnungen in verschiedenen UN-Sprachen und drei Dokumenten-Tresoren; im Umkreis von 1000 m Stelen mit Warnungen. Später wurde vorgeschlagen, den Stelenkreis in aktuellen Sprachen zu erweitern.
Sebeok setzte auf Redundanz: Ein „künstlich geschaffenes Ritual“ in Form einer Legende sollte Menschen an gefährliche Orte erinnern; die wahren Hintergründe sollte eine „Atompriesterschaft“ (atomic priesthood) aus technisch Gebildeten kennen, die ihre Nachfolger durch Kooptation bestimmte. 1990 ergänzte Posner den Vorschlag eines demokratisch gewählten Zukunftsrats als Verfassungsorgan in jedem Staat und bei den Vereinten Nationen.
Kuriosere Ideen: Stanislaw Lem nannte unveränderliche Objekte (etwa aus Edelmetallen) und genetische Kodierung als Erhaltungsmöglichkeiten und schlug „Strahlenkatzen“ vor, deren Fellfärbung Radioaktivität anzeigen soll; er äußerte aber Skepsis. 2017 kündigte die DARPA genetische Experimente an Pflanzen als Gefahren-Detektoren an.
Die konkretesten Entwürfe stammen vom Marker Panel 1991 für WIPP: Team 1 schlug eine vierstufige Nachricht vor – großflächige Erdwerke (Radioaktivitäts-Symbol oder Totenkopf-Form), Monolithe mit kurzer Warnung und negativen Gesichtern (angelehnt an Munchs „Der Schrei“ sowie ein Übelkeits-Gesicht von Irenäus Eibl-Eibesfeldt) und detaillierte Texte mit komplexen Symbolen und Diagrammen. Das Zentrum sollte bewusst leer bleiben – ein „Un-Ort“ statt eines geschätzten Ortes. Team 2 wollte soziale Praktiken (z. B. eine Fellowship, die alle 25 Jahre die Stätte besucht) und eine bedrohliche Lagergestalt: ein Dickicht riesiger Dornen oder eine glatte schwarze Fläche mit einer zentralen Informationsstruktur.
2004 entschied das US-Energieministerium: 32 Monolithe in einem Quadrat, darin Erdwälle und 16 weitere Monolithe, beschriftet in Englisch, Spanisch, Russisch, Französisch, Chinesisch, Arabisch und Navajo: „Hier liegt gefährlicher radioaktiver Abfall. Auf keinen Fall graben oder bohren.“ Im Zentrum detaillierte Informationen mit Comic-artigen Illustrationen. In Frankreich betreibt die ANDRA für das 1994 geschlossene Lager Centre de stockage de la Manche ein Programm zum Erhalt der Dokumentation und seit 2006 ein Forschungsprogramm zur Langzeit-Erinnerung. 2012 schlugen ein Schweizer Geologe und Sozialwissenschaftler vor, zehn bis hunderttausende Tonscherben mit Warnsymbolen auszustreuen – das Material dürfe nicht wertvoll sein – und die Regionbewohner einzubinden.
Rezeption und Kritik
Die Atomsemiotik begreift das ungelöste Atommüllproblem als Kommunikationsproblem. Die Vorschläge gelten teils als kurios und absurd und wurden nie umgesetzt; sie werden mit „gängigen Science-Fiction-Ideen der Achtzigerjahre“ in Verbindung gebracht. Sebeok selbst nannte die Bezeichnung „Atompriesterschaft“ später einen Fehler, weil Fachwelt und Öffentlichkeit den Begriff als absurd ansahen und weder Vorschläge noch Problem ernst nahmen. Umberto Eco fand es „kurios“, dass bei Sebeok am Ende ein narrative Typ übrig bleibe, der die jahrtausendealte Menschheitsgeschichte wiederhole.
Fundamentale Kritik kam schon 1984 von Marshall Blonsky: Die Vorschläge seien autoritär, angstbestimmt und gingen von einer Spaltung zwischen Eliten und uninformierter Allgemeinheit aus. Susanne Hauser hält die Suche nach Lösungen für nachrangig, solange Atommüll nicht einmal technisch gegen Naturgefahren gesichert werden kann. Peter C. van Wyck bewertet das WIPP-Projekt negativ: „Es ist nicht möglich, die Abfälle für den vorgegebenen Zeitraum zu sichern. Er ist einfach zu lang. Aber wir haben einen Plan, der wie eine Lösung aussieht, obwohl er zugibt, dass es keine Lösung geben kann.“
In der Anti-Atom-Bewegung wurde die Idee ab etwa 2004 im Wendland von einer Widerstandsgruppe aufgegriffen (Straßentheater, Performance). Die „Atomianer“ erscheinen seit 2004 bei Aktionen, u. a. mit den „Trash-People“ von HA Schult in Gorleben/Gedelitz und einem Comic (2013) in Schöppingen. Es folgten 2024 eine Ausstellung „One Million Years“ in Köln und die Wanderausstellung „Das Atomzeitalter in Westfalen“. Annette Hug verarbeitete das Thema im Roman „Tiefenlager“ (Heidelberg 2021).