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Antinatalismus
Die deutsche Aktivistin Verena Brunschweiger provozierte 2019 mit ihrem Buch Kinderfrei statt kinderlos, in dem sie für einen Verzicht auf Kinder dem Klima …
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Grundidee und Formen
Antinatalismus bezeichnet Positionen, die freiwillige Kinderlosigkeit befürworten. Sein Gegenteil ist der Pronatalismus. Dabei werden zwei grundsätzlich verschiedene Formen unterschieden:
- Ethischer Antinatalismus fordert aus moralischen oder philosophischen Gründen, keine neuen Menschen hervorzubringen. Manche seiner Anhänger sehen ein Aussterben der Menschheit durch natale Enthaltsamkeit als erstrebenswert an.
- Bevölkerungspolitischer Antinatalismus setzt sich meist für deutlich weniger Geburten ein. Er soll häufig das Überleben der Menschheit sichern und menschliche Lebensbedingungen verbessern.
Daneben gibt es praktischen Antinatalismus: Kinderlosigkeit kann Einzelnen oder Paaren bessere Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung bieten; manchmal beruht die Entscheidung einfach auf einem Missbehagen beim Zusammenleben mit Kindern. Die Grenzen zwischen den Strömungen sind oft fließend, weil bei persönlichen Entscheidungen mehrere Gründe zusammenkommen können.
Bevölkerung, Ressourcen und Klima
National begründen Vertreter eine Beschränkung auf kleine Familien oder einen Verzicht auf Kinder damit, dass ein Staat durch eine zu hohe Bevölkerung überlastet werden könne. Mögliche Folgen seien etwa Hungersnöte und Umweltprobleme. Die Volksrepublik China begrenzte mit der Ein-Kind-Politik das Bevölkerungswachstum: Eine Familie durfte bis 2015 nur ein Kind haben. Auch Indien verfolgte oder verfolgt nach dem Artikel eine antinatalistische Politik (Stand: 2007). Im nationalsozialistischen Deutschland gab es laut Gisela Bock eine selektiv antinatalistische Politik: Sie richtete sich im Rahmen der rassistischen Ideologie gegen die Fortpflanzung verfolgter Gruppen, besonders von Menschen jüdischen Glaubens oder mit jüdischen Vorfahren.
Global-anthropozentrische Positionen führen Überbevölkerung und die Überschreitung planetarer Grenzen an. Dadurch seien Selbsterhaltung und Wohlstand der Menschheit gefährdet; auf supranationaler Ebene werde eine antinatalistische Bevölkerungspolitik seit Mitte der 1960er Jahre betrieben. Dennis Meadows nennt Klimawandel, ein auf dauerhaftes Wachstum ausgerichtetes Wirtschaftssystem und die Verknappung nicht erneuerbarer Ressourcen als Faktoren für einen sinkenden Lebensstandard. Er betont zudem, dass Menschen kurzfristige Opfer oft nicht für einen späteren langfristigen Nutzen aufbringen könnten.
Beim klimapolitischen Antinatalismus steht die Verringerung von Treibhausgasemissionen im Mittelpunkt. Seth Wynes und Kimberly Nicholas argumentierten 2017 in Environmental Research Letters, der Verzicht auf die Geburt eines Kindes spare deutlich mehr CO₂-Emissionen als zahlreiche Maßnahmen bei Wohnen, Mobilität und Konsum. Für ein nicht geborenes Kind wurden jährlich 58,6 Tonnen CO₂-Einsparung errechnet; zum Vergleich verursacht ein Mensch in Deutschland über sein Leben rechnerisch etwa 916 Tonnen CO₂-Äquivalente. In der Birth-Strike-Bewegung gilt Kinderlosigkeit sowohl als Reaktion auf Klimawandel als auch als Beitrag zur Ressourcenersparnis und zur Verringerung des eigenen ökologischen Fußabdrucks. Klimaangst ist laut Emma Lawrance ein Grund, warum bis zu 40 Prozent junger Menschen lieber keine Kinder bekommen möchten.
Tiefenökologische Positionen begründen geringere Geburtenzahlen nicht nur mit menschlichen Interessen. Sie bestreiten eine privilegierte Stellung des Menschen gegenüber anderen Arten und verweisen darauf, dass wachsende Weltbevölkerung und Übernutzung natürlicher Ressourcen die Lebensqualität aller Arten beeinträchtigten. Das Voluntary Human Extinction Movement (VHEMT) lehnt Gewalt ab, wirbt aber für freiwillige Kinderlosigkeit bis zum Aussterben der Menschheit zum Wohl des Planeten.
Philosophische und moralische Begründungen
Metaphysischer Antinatalismus deutet Fortpflanzungsverzicht aus einer umfassenden Lehre über Welt und Leben. Arthur Schopenhauer betrachtet Leben wesentlich als Leiden und hält deshalb das Absehen von Fortzeugung für geboten. In seiner Metaphysik könnte mit dem Aussterben der Menschheit durch Nichtfortpflanzung die gesamte Welt als Vorstellung aufhören. Philipp Mainländer versteht das Verschwinden der Menschheit durch Geburtenlosigkeit religiös-metaphysisch als Gottesdienst: Gott habe die Welt geschaffen, um zu nichts zu werden; Virginität sei für ihn eine notwendige Bedingung der Erlösung.
Nihilistischer Antinatalismus bewertet das menschliche Leben insgesamt als Unglück. Die unter dem Pseudonym Kurnig veröffentlichte Schrift Der Neo-Nihilismus verlangte keine gewaltsame Auslöschung, sondern eine „sanfte Entvölkerung“ durch Einstellung der Kinderzeugung.
Die moraltheoretische Form argumentiert, dass jeder Mensch Leid, Schmerz, Verlust, Trauer und Verzweiflung erfährt. Dieses nicht kompensierbare Leid könne nicht durch Glück oder Zufriedenheit aufgewogen werden, auch nicht in reichen Gesellschaften. Daher solle künftigen Generationen die Bürde der Existenz erspart bleiben.
Wichtig sind ethische Asymmetrien, also die Annahme, dass Leid und Glück moralisch nicht gleich zu behandeln sind. Karl Raimund Popper kritisierte die Vorstellung, möglichst viel Glück sei das oberste Ziel: Ethisch dringlicher sei es, Leid zu verringern, weil Leid schwerer wiege als Glück. Karim Akerma folgert daraus, dass Leid genau dann minimiert werde, wenn keine Menschen hervorgebracht werden.
Hermann Vetters Argument lautet: Wird ein Kind gezeugt und wäre es unglücklich, wird eine Pflicht verletzt; wird es nicht gezeugt, kann keine Pflicht verletzt werden. Da sich das künftige Leben eines Menschen nicht sicher vorhersehen lasse, sei Nichtfortpflanzung geboten. David Benatar begründet dies ähnlich: Bei Nichtfortpflanzung sei die Abwesenheit von möglichem Glück nicht schlecht, die bei Fortpflanzung unvermeidliche Anwesenheit von Leid aber schlecht. Akerma beschreibt außerdem ein Entscheidungsgefälle: Eine Entscheidung gegen Kinder müsse selbst dann nicht revidiert werden, wenn ein sehr gutes Leben sicher wäre; eine Entscheidung für Fortpflanzung müsse hingegen revidiert werden, wenn ein schlechtes Leben sicher wäre.
Religion und Rechtfertigung der Zeugung
Religiöser Antinatalismus findet sich dort, wo das Erdenleben als kurz, geringwertig, Strafe oder Prüfung gilt oder ein besseres Leben nach Wiederauferstehung oder Reinkarnation erwartet wird. Solche Lehren können Nachkommenlosigkeit nahelegen, meist strenger für Priester, Nonnen oder Mönche als für Laien. Genannt werden Jainismus, Brahmanismus beziehungsweise Hinduismus und Buddhismus; sie weisen einen Weg aus dem Kreislauf von Wiedergeburt und Sterben. Antinatalistische Tendenzen gab es auch im frühen Christentum, besonders in gnostischen Gruppen, im von Mani (216–277) begründeten Manichäismus, bei den mittelalterlichen Katharern und bei den amerikanischen Shakern.
Die Anthropodizee fragt, wie Menschen angesichts des für jeden zu erwartenden Leids die Zeugung eines weiteren Menschen rechtfertigen können. Sie tritt neben die Theodizee, die versucht, Gottes Schöpfung trotz des Leids in der Welt zu rechtfertigen. Nach Karim Akerma folgt Antinatalismus aus dem Scheitern bisheriger Anthropodizee-Versuche: Es gebe keine Metaphysik und keine Moraltheorie, die das Hervorbringen neuer Menschen rechtfertigen könne.
Universelle Ausweitung
Universeller Antinatalismus beschränkt die Frage nicht auf Menschen. Während das VHEMT ein freiwilliges Aussterben der Menschheit befürwortet, damit andere Lebewesen besser leben können, verlangen andere Vertreter ein leidloses Aussterben aller schmerzempfindlichen Lebewesen. Ihre Begründung: Auch ohne Menschen würden fleischfressende Tiere andere empfindungsfähige Tiere jagen, töten und sich von ihnen ernähren. Sterilisierungen sollen nach dieser Position verhindern, dass Tiere weitere Nachkommen in einen Kreislauf aus Geburt, Parasitenbefall, Altern, Erkrankung, Sterben sowie Fressen und Gefressenwerden hineinbringen. Damit berücksichtigt diese Form auch Wildtierleid und geht über Forderungen hinaus, die sich traditionell auf das Leid von Nutztieren konzentrieren.
Als radikale Vertreterin dieser Position wird die in den Vereinigten Staaten als Religionsgemeinschaft anerkannte Church of Euthanasia genannt. Sie kritisiert rasches Bevölkerungswachstum mit der Forderung „Thou shalt not procreate“ („Du sollst dich nicht fortpflanzen“).