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Anna Veronika Wendland
Anna Veronika Wendland (* 6. Juni 1966 in Remscheid) ist eine deutsche Technik- und Osteuropahistorikerin sowie Publizistin.
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Historikerin mit Schwerpunkt Ukraine und Kerntechnik
Anna Veronika Wendland (* 6. Juni 1966 in Remscheid) ist eine deutsche Technik- und Osteuropahistorikerin sowie Publizistin. Ihre zentralen Arbeitsfelder sind die Geschichte der Ukraine und historische Fragen der Reaktorsicherheit, also der Sicherheit von Kernreaktoren. Öffentlich tritt sie als Befürworterin der Kernenergie hervor.
Sie studierte in Köln und Kiew osteuropäische Geschichte, Politikwissenschaft und Slavistik. 1998 promovierte sie in Köln über Die Russophilen in Galizien. Ukrainische Konservative zwischen Österreich und Russland 1848–1915. Seit 2009 arbeitet sie am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg, unter anderem im Bereich Forschungskoordination.
Ihre Forschung verbindet Umwelt-, Technik- und Sozialgeschichte. Sie untersucht unter anderem Atomstädte, Kernenergie und städtische Lebenswelten in Russland, der Ukraine und Litauen von 1965 bis 2011. Weitere Themen sind Nationsbildung, Nationalismus, soziale Identitäten sowie Erinnerungskulturen in Ostmittel- und Osteuropa. Seit 2013 erforscht sie im Bereich Industrial Anthropology Mensch-Maschine-Beziehungen in Kernkraftwerken Osteuropas und Deutschlands durch teilnehmende Beobachtung. Dabei beobachtet die Forschende Arbeitsabläufe und Situationen unmittelbar vor Ort.
Wendland leitete mit Eckart Conze ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt zu „Erweiterter Sicherheit“. 2021 habilitierte sie sich an der Philipps-Universität Marburg mit der Schrift Kerntechnische Moderne. Atomstädte, nukleare Arbeit und Reaktorsicherheit in Ost- und Westeuropa 1966-2021. Die Arbeit wurde 2025 für den Carl Erdmann Preis nominiert. Seit Beginn der russischen Invasion 2022 wird sie von Medien und Politik regelmäßig zu nuklearer Sicherheit in der Ukraine befragt.
Ukraine als Geschichte gewaltgeprägter Nationsbildung
In ihrem 2023 erschienenen Buch Befreiungskrieg: Nationsbildung und Gewalt in der Ukraine beschreibt Wendland die ukrainische Geschichte als Abfolge von „Befreiungskriegen“. Der Bogen reicht von den Kosakenaufständen des 17. Jahrhunderts über die Weltkriege bis zum russischen Angriffskrieg seit 2014. Mit dem Begriff will sie die Eigeninitiative der ukrainischen Bevölkerung betonen und Darstellungen entgegenwirken, die die Ukraine vor allem als Opfer oder Schauplatz eines Stellvertreterkriegs zeigen.
Der Historiker Fabian Baumann hob hervor, dass das Buch die ukrainische Nationsbildung konsequent unter der Leitthese einer durch Gewalt geprägten Entwicklung darstelle. Er lobte Argumentation und historischen Überblick, wies aber darauf hin, dass der Begriff „Befreiungskrieg“ Phasen friedlicher Koexistenz nicht vollständig erfasse.
Positionen zur Kernenergie und Energiewende
Wendland war zunächst an der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung beteiligt, wurde später jedoch Kernkraftbefürworterin. Ihren ersten Besuch im Kernkraftwerk Tschernobyl unternahm sie 1991. Nach eigenen Angaben vertritt sie ihre Position zur Kernenergie aus linker Perspektive. Sie wirbt für einen Weiterbetrieb und Neubau von Kernkraftwerken und nennt als Neubauoption Anlagen der Generation 3+, also fortentwickelte Reaktortypen. Die deutsche Energiewende ohne Kernkraft hält sie für kaum umsetzbar.
Im Juli 2020 veröffentlichten Wendland und Rainer Moormann ein Memorandum zur Rolle der Kerntechnik in der Energiewende. Sie forderten einen befristeten, möglichst staatlichen Weiterbetrieb der damals noch laufenden sechs deutschen Kernkraftwerke. Dies sollte nach ihrer Berechnung ermöglichen, etwa 60 Prozent der deutschen Braunkohleverstromung rasch zu beenden und die CO₂-Emissionen um 10 Prozent zu senken. Für 2030 empfahlen sie, einen Neubau von Kernkraftwerken auf Basis von Leichtwasserreaktoren zu prüfen, falls die technischen Voraussetzungen für eine weitgehend erneuerbare Energieversorgung bis dahin nicht geschaffen seien und eine starke Nutzung fossiler Energien über 2050 hinaus drohe.
Diese Berechnung wurde kritisiert: Hans-Josef Fell und der Journalist Wolfgang Pomrehn nannten höchstens 4 Prozent als anfängliches Einsparpotenzial der jährlichen Emissionen. Ein Beitrag der IPPNW warf den Autoren vor, Studienlage und Marktentwicklung einer kernkraft- und fossilfreien Stromerzeugung zu übergehen. Wendland und Moormann wiesen technisch begründete Kritik zurück. Die Betreiber deutscher Kernkraftwerke nahmen zum Memorandum selbst nicht Stellung, lehnten aber eine erneute Debatte über Laufzeitverlängerungen ab.
Buch und öffentliche Kontroversen
2022 veröffentlichte Wendland Atomkraft? Ja bitte!. Darin schlägt sie für Deutschland eine Kombination aus erneuerbaren Energien und Kernenergie ungefähr im Verhältnis 60 zu 40 vor, um zum 1,5-Grad-Ziel beizutragen. Der Wissenschaftsjournalist Manfred Lindinger bezeichnete das Buch als anregend, betonte ihr fundiertes Wissen über Kerntechnik und schrieb, sie bemühe sich um sachliche Argumentation.
Die Journalistin Annika Joeres warf Wendland in einem Artikel von März 2022 dagegen beleidigende Äußerungen über Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten, „Nazianalogien“ sowie zweifelhafte Publikationskanäle vor. Joeres folgerte daraus, Wendland bemühe sich nicht um eine ordentliche Diskussion. Wendland trat außerdem als Sachverständige im 2. Untersuchungsausschuss der 20. Wahlperiode des Deutschen Bundestages auf. Dieser befasste sich mit Entscheidungen über einen möglichen Weiterbetrieb deutscher Kernkraftwerke nach dem russischen Überfall auf die Ukraine.