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Altsüdarabische Religion
Die altsüdarabische Religion war wie die anderen Religionen semitischer Völker polytheistisch, erst im 4. nachchristlichen Jahrhundert breiteten sich das …
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Grundzüge der Religion
Die altsüdarabische Religion war zunächst eine polytheistische Religion, also eine Religion mit mehreren Göttern. Wie bei anderen semitischen Völkern spielten Himmelskörper eine wichtige Rolle: Viele Gottheiten wurden mit Sonne, Mond oder Venus verbunden. Erst seit der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. verbreiteten sich in Südarabien monotheistische Religionen, besonders Judentum und später Christentum. Zu Beginn des 7. Jahrhunderts wurde diese religiöse Entwicklung durch den Islam abgelöst.
Götterwelt und ihre Deutung
Im Mittelpunkt des Pantheons, der Gesamtheit der Götter, stand in allen altsüdarabischen Reichen Athtar. Er repräsentierte den Planeten Venus, war für die lebenswichtige Bewässerung zuständig und zugleich ein kriegerischer Gott, der Feinden Tod brachte.
Oft wird versucht, die Götterwelt auf eine Trias aus Sonne, Mond und Venus zurückzuführen. Ditlef Nielsen vertrat diese Theorie besonders stark und nahm sogar eine dreigliedrige Götterfamilie an. Seine Rekonstruktion wird weitgehend abgelehnt. Auch darüber, ob die Vielzahl der Gottheiten auf diese Trias vereinfacht werden kann, besteht kein Konsens: Maria Höfner deutete seltenere Gottheiten als Erscheinungsformen der drei Hauptgestalten, während A. F. L. Beeston dies als zu starke Vereinfachung ansah.
Die Sonne wurde in Qataban und Hadramaut durch Schams dargestellt. Daneben gab es weitere Göttinnen, die wahrscheinlich ebenfalls Sonnengottheiten waren. Jedes Reich besaß außerdem einen Nationalgott: In Saba war dies Almaqah, traditionell ein Mondgott, der wegen seiner Symbole aber auch mit der Sonne verbunden wurde. Wadd („Liebe“) war der minäische und wohl auch ausanische Nationalgott und ausdrücklich ein Mondgott. Der hadramitische Gott Sin („Mond“) galt wegen seines Namens als Mondgott, könnte nach seiner Symbolik aber ein Sonnengott gewesen sein. Qatabans Nationalgott Amm war vielleicht ebenfalls ein Mondgott.
Inschriften nennen außerdem regional verehrte Gottheiten, etwa Sama im Westen Sabas, der später von Ta'lab verdrängt wurde, die aus Nordarabien übernommene Göttin 'Uzzayan und Dhu-Samawi, den Stammesgott der Amir zwischen Ma'in und Nadschran. Über Mythen, also Erzählungen über die Götter, ist nichts bekannt. Symbole und Symboltiere erlauben nur begrenzte Rückschlüsse und lassen sich meist keiner Gottheit sicher zuordnen.
Tempel, Reinheit und Opfer
Der Tempel war Wohnsitz und Kultort einer Gottheit. Er war ein offenes Gebäude und hieß haram oder mahram. Sein Betreten war an rituelle Reinheit gebunden: Schmutzige oder zerrissene Kleidung war verboten; Frauen durften den Tempel während der Menstruation nicht besuchen.
Neben großen öffentlichen Tempeln gab es kleinere Kultorte. In Burgkapellen verehrte die Familie der Burgherren ihren Patron, den schāyim. Hausheiligtümer hießen mas₃wad („Feuerstelle“), Gebetsplätze madhqanat. Diese Orte lagen innerhalb von Siedlungen. Dagegen standen Stelen, qayf genannt, einzeln an auffälligen Punkten in der Landschaft.
Die wichtigste bekannte Kulthandlung war das Opfer auf verschiedenen Altären. Unterschieden werden Schlachtopfer, Räucheropfer und möglicherweise Libationen, also Trankopfer. Bei offiziellen Anlässen konnten bis zu 40 Tiere geopfert werden. Als Opfertiere sind verschiedene Wildkatzenarten und Stiere belegt. Eine ähnliche Handlung war die sakrale Jagd, die nur der Herrscher ausüben durfte; ihre Beute entsprach offenbar den Tieren der Schlachtopfer. In bestimmten Teilen des Hadramaut wird dieser Ritus noch heute praktiziert.
Menschenopfer sind nicht gesichert. Überliefert ist nur die rituelle Tötung von Feinden im Zusammenhang mit Kämpfen. Früh belegte Personendedikationen bedeuteten keine Opferung, sondern die Verpflichtung einer Person zu Arbeitsdienst im Tempel einer Gottheit.
Orakel und religiöse Organisation
Eine wichtige kultische Praxis war das Orakel, masʾal genannt: Dabei wurde eine Gottheit nach einer Entscheidung oder Auskunft gefragt. Es fand offenbar an bestimmten Orten statt. Der Tempel des Ta'lab in Riyam auf dem Dschebel Itwa war noch in islamischer Zeit als Orakelstätte bekannt.
Inschriften aus einer Orakelstätte bei Naschq im Dschauf ermöglichen eine Rekonstruktion des Ablaufs. Die Befragung erfolgte an festgelegten Tagen. Die fragende Person brachte auf bestimmten Altären Opfer dar oder stiftete eine Statuette und trug anschließend ihre Frage vor. Ein Priester übermittelte den Orakelspruch. Bei einem negativen Spruch wurde erneut geopfert und die Befragung wiederholt. Belegt sind auch Losorakel, maqsam, sowie Orakelsprüche als Visionen im Schlaf im Tempel.
Nur bruchstückhaft bekannt sind weitere Kulte: der Umlauf um ein Heiligtum (tawāf / ṭwf), die Zuführung einer Frau zu einem Gott als Gattin, Bittprozessionen, die kultische Reinigung von Waffen und öffentliche Schuldbekenntnisse, besonders bei Verstößen gegen Reinheitsvorschriften. In der „Mukarrib-Periode“ wurde ein Bund geschlossen, dessen genauer Ablauf unbekannt ist.
Tempel wurden von Priestern und weiteren Titelträgern organisiert; ihre Funktionen sind jedoch oft unklar. Besonders wichtig waren Priester, die in festen Zyklen wechselten: die Kabīre. Sie dienten als Eponyme, das heißt als Namensgeber für die Datierung von Jahren. Ob Mukarribe ebenfalls Priester waren, ist unklar; qatabanische Mukarribe trugen allerdings priesterliche Titel.
Bestattung und Jenseits
Im vorislamischen Südarabien gab es unterschiedliche Bestattungsformen. In Felswände wurden künstliche Grabhöhlen von etwa 3 × 3 m Grundfläche und 3 m Höhe gehauen. Nischen in ihren Wänden dienten wohl für Grabbeigaben oder kleine Statuetten. Einfachere Gräber waren Erdlöcher für den Leichnam, die mit einem Steinhaufen bedeckt und manchmal durch einen Steinkreis markiert wurden.
Vornehme Personen erhielten oberirdische Grabbauten. Häufig waren würfelförmige, mausoleenartige Anlagen mit inneren Kammern und Nischen für Tote. Ein Bau neben dem Awwam in Marib besaß etwa 60 Grabnischen sowie weitere Grabkammern unter dem Fußboden. Daneben gab es „Pillboxes“ auf Bergkämmen: Sie hatten meist runde Außenwände, einen viereckigen Innenraum und ein mit Geröll bedecktes Gewölbe. Auch runde, bienenkorbförmige Grabhäuser und Grabtürme sind belegt. Die Grabtypen konnten einzeln oder in Gruppen vorkommen.
Bei vielen Gräbern standen Grabstelen. Sie nennen oft den Namen der bestatteten Person und zeigen sie teilweise in einer diesseitigen Umgebung sowie im Jenseits zusammen mit einer Gottheit. Da keine eigentlichen religiösen Texte erhalten sind, ist über Jenseitsvorstellungen wenig bekannt. Grabbeigaben wie Schmuck, Siegel, Amulette, Plastiken, Waffen und Keramik sollten wohl der Versorgung im Jenseits dienen; nur einmal sind auch geschlachtete Tiere belegt. Auch das Verbot, weitere Personen in bereits belegten Gräbern zu bestatten, weist darauf hin. Teilweise wurden Tote mumifiziert.
Rahmanismus, Judentum und Christentum
Seit der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. riefen Inschriften des sabäo-himjarischen Reiches nicht mehr die alten Götter an, sondern den „Herr des Himmels“ und „der Barmherzige“. Nach dem altsüdarabischen Wort Rahmanan („der Barmherzige“) wird diese monotheistische Religion Rahmanismus genannt.
Synagogen und Inschriften zeigen, dass das Judentum seit dem 4. Jahrhundert in Himjar wichtig war. Es ist aber nicht gesichert, ob es die einzige monotheistische Religion Südarabiens war. Spätestens seit Anfang des 6. Jahrhunderts sind christliche Gemeinden belegt, die ihren Gott ebenfalls Rahmanan nannten. Yusuf Asʾar Yathʾar († 525) war der einzige König Südarabiens, dessen Monotheismus nachweislich jüdisch war. Möglicherweise stand dies im Gegensatz zum christlichen Konkurrenten Aksum. Aksum eroberte 525 den Jemen und führte das Christentum ein; dieses blieb bis zur Einführung des Islam 632 herrschend.