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Übertourismus
Übertourismus (englisch: overtourism) wird von der Welttourismusorganisation UNTWO als „die Auswirkung des Tourismus auf ein Reiseziel oder Teile davon, …
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Begriff und Problemkern
Übertourismus bezeichnet nach der Welttourismusorganisation UNWTO die Auswirkungen des Tourismus auf ein Reiseziel oder Teile davon, die die wahrgenommene Lebensqualität der Bürger und/oder die Qualität der Besuchererfahrungen so stark beeinträchtigen, dass sie den Alltag der Einwohner oder die Fähigkeit der Besucher stören, das Reiseziel zu genießen. Er gilt auch als Steigerung des Massentourismus. Partytourismus wird im Deutschen häufig als Ballermann-Tourismus bezeichnet.
Das Problem entsteht besonders an stark besuchten Reisezielen, sogenannten Hotspots, wenn wachsende Besucherzahlen auf begrenzten Raum treffen. Neben der ökologischen und sozio-kulturellen Tragfähigkeit – also der Belastungsgrenze von Natur, Infrastruktur und Gesellschaft – umfasst Übertourismus auch psychologische und politische Konflikte. Bereits in den 1980er Jahren empfahl Mohamed A. Tangi vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen Regeln für ein verträgliches Zusammenleben von Gästen und Einheimischen, beispielsweise höchstens 600 Gäste pro Hektar Strand.
Eine 2017 von McKinsey im Auftrag des World Travel & Tourism Council veröffentlichte Studie bewertete Überfüllung anhand mehrerer Kriterien. Bei einer Besucherdichte ab 930.000 Menschen pro Quadratkilometer und Jahr sah sie den größten Handlungsbedarf: Das Gedränge werde für Bewohner und Besucher unzumutbar, während Infrastruktur, Sehenswürdigkeiten und Natur übermäßig belastet würden.
Ursachen und Folgen
Der Tourismus wächst weltweit stärker als die Gesamtwirtschaft. Welche Ursachen Übertourismus auslösen, unterscheidet sich jedoch von Reiseziel zu Reiseziel.
• Plattformen wie Airbnb führen Wohnungen dem touristischen Markt zu, die zuvor Einheimischen dienten. Das kann Mieten erhöhen, Leerstand begünstigen und das soziale Gefüge verändern. Die Regulierung ist schwierig, weil kommerzielle Ferienwohnungen und gelegentlich vermietete Privatwohnungen gemeinsam angeboten werden.
• Billigfluggesellschaften machen große Entfernungen weniger bedeutsam und erhöhen die Passagierzahlen.
• Klassische Medien steigern die Bekanntheit von Reisezielen und können durch starke Aufmerksamkeit für Konflikte auch deren Wahrnehmung verschärfen. Filme und Fernsehserien verwandeln Drehorte mitunter plötzlich in Hotspots.
• Soziale Medien beeinflussen die Wahl des Reiseziels und das Verhalten vor Ort. Elektronische Mundpropaganda erzeugt einen Konsens über besonders attraktive Ziele; Nutzer besuchen bekannte Fotomotive, Restaurants oder Orte, ahmen andere nach und teilen ihre Erlebnisse wiederum im eigenen Netzwerk.
• Kreuzfahrtschiffe mit 2000 und mehr Passagieren bringen in kurzer Zeit sehr viele Menschen an einen Ort. Liegen mehrere Schiffe gleichzeitig im Hafen, können Reiseziele schnell überfordert sein.
Übertourismus kann zugleich wirtschaftliche Abhängigkeit erzeugen. Wenn Einwohner und andere Wirtschaftszweige verdrängt werden, bleibt Tourismus häufig als wichtigste Einnahmequelle zurück. Gegenmaßnahmen stoßen dann auf erheblichen Widerstand. Besonders ausgeprägt sind Proteste in Städten mit vielen gebildeten Einwohnern, die am Tourismus nicht oder nicht unmittelbar verdienen.
Typische betroffene Reiseziele
Die Beispiele zeigen unterschiedliche Formen und Größenordnungen des Problems:
• Amsterdam hatte 2017 bei rund 800.000 Einwohnern 18 Millionen Besucher. Beschwerden betreffen besonders Lärm und Müll durch Partytouristen. Nach einer Volksinitiative beschloss der Stadtrat 2021 unter anderem Einschränkungen für neue Hotels.
• Barcelona verzeichnete 2019 bei 1,6 Millionen Einwohnern rund 24 Millionen Touristen, darunter 10,5 Millionen Kreuzfahrtpassagiere. Proteste richteten sich gegen hohe Mieten und die Dominanz des Tourismus im Alltag. Seit Oktober 2023 dürfen Kreuzfahrtschiffe nicht mehr im stadtnahen nördlichen Hafenteil anlegen.
• Das etwa 600 Einwohner zählende englische Dorf Bibury wird zeitweise von bis zu 50 Bussen und 20.000 Touristen täglich besucht. Gefordert werden strengere Busbeschränkungen sowie Halte- und Parkverbote.
• In Dubrovnik konzentrieren sich Besucher auf die nur 400 mal 300 Meter große Altstadt. Dort standen 2016 vier Lebensmittelläden 107 Souvenirgeschäften und 143 Restaurants gegenüber. 2018 lebten nur noch rund 1000 Einheimische dort. Die Serie Game of Thrones und bis zu sieben gleichzeitig eintreffende Kreuzfahrtschiffe verstärkten den Andrang.
• Hallstatt verzeichnete 2018 bei 776 Einwohnern 19.344 Reisebusse und rund eine Million Besucher, an einzelnen Tagen bis zu 10.000. Seit Herbst 2020 dürfen Busse nur noch gebührenpflichtige, vorab zugeteilte Zeitfenster nutzen.
• Island zählte 2017 etwa 2,5 Millionen Touristen, gegenüber 0,5 Millionen sieben Jahre zuvor. Bei rund 340.000 Einwohnern war im Sommer jeder fünfte Mensch im Land ein Tourist. Steigende Preise sowie die Gefährdung von Ruhe und unberührter Natur führten zu Plänen für eine stärkere Regulierung privater Unterkünfte.
• Palma de Mallorca erlebte 2017 an manchen Tagen bis zu sieben große Kreuzfahrtschiffe. Proteste im Mai 2024 mit rund 10.000 Teilnehmern richteten sich gegen teure Wohnungen, Umweltverschmutzung, überfüllte Strände und Trinkwasserknappheit. 2024 beschloss die Inselregierung, die Zahl der Übernachtungsplätze von 430.000 auf 412.000 zu senken.
• Venedig empfängt jährlich rund 30 Millionen Menschen. Die Einwohnerzahl der Innenstadt sank von 175.000 im Jahr 1951 auf 50.000 im Jahr 2022. Von rund 60.000 täglichen Besuchern entfällt etwa die Hälfte auf Kreuzfahrer. Seit August 2021 dürfen große Kreuzfahrtschiffe nicht mehr in die Lagunenstadt einfahren; seit 2024 wird von Tagestouristen ein Eintrittsgeld erhoben.
Auch kleine Fotomotive können betroffen sein: Im Südtiroler St. Magdalena löste ein durch soziale Medien verbreitetes Panoramabild einen starken Andrang aus. Mehrsprachige Hinweise, Fotopunkte, Toiletten, Einzäunungen, hohe Parkgebühren und begrenzte Buszahlen sollen ihn lenken.
Strategische Steuerung
Gegen Übertourismus ist nach McKinsey eine langfristige, nachhaltige Planung nötig. Statt den Erfolg nur am Wachstum der Übernachtungszahlen zu messen, sollen Reiseziele zunächst ihre Lage untersuchen, konkrete Ziele festlegen und geeignete Messgrößen zur Erfolgskontrolle bestimmen. Ziele, Maßnahmen, Erfolge und Misserfolge müssen gegenüber der Bevölkerung transparent sein; lokale Institutionen und Interessengruppen sollen beteiligt werden.
Die UNWTO veröffentlichte 2018 mehrere Strategien: Gäste räumlich verteilen und Besuche auf verschiedene Zeiten ausdehnen; weniger bekannte Routen und Attraktionen fördern; Beschränkungen prüfen; Besuchergruppen gezielter ansprechen; qualifizierte Arbeitsplätze und die Beteiligung Einheimischer sichern; Infrastruktur für Gäste und Bevölkerung verbessern; lokale Gruppen einbeziehen; Besucher über Regeln und Werte informieren; sowie Steuerung und Austausch auf gesicherte Daten und neue Technologien stützen.
Als Gegenbewegung zu Empfehlungen besonders beliebter Ziele entstehen außerdem Not-to-go-Listen. Sie raten wegen Übertourismus und teilweise weiterer Kriterien wie Sicherheit oder Umweltbelastung vom Besuch bestimmter Orte ab. Fodor’s führte 2026 unter anderem die Antarktis, den Glacier-Nationalpark, Mombasa, Mexico City, die Kanarischen Inseln, Isola Sacra und die Jungfrau auf. Eine CNN-Liste von 2018 nannte unter anderem Venedig, Dubrovnik, Barcelona, Santorin, Machu Picchu, Galápagos, den Mount Everest und das Taj Mahal.
Konkrete Eingriffe
Operative Maßnahmen setzen unmittelbar bei Besucherzahlen, Preisen, Unterkünften oder Verkehrsmitteln an:
• Kontingentierung begrenzt die Zahl der Gäste. Bei Kreuzfahrtschiffen geschieht dies über Anlegegenehmigungen. Für Dubrovnik empfahl die UNESCO höchstens 8.000 Altstadtbesucher pro Tag; der Bürgermeister wollte 2017 auf 4.000 senken. Besucher werden an den Stadttoren gezählt, doch die praktische Wirksamkeit ist nicht bekannt. Zeitgebundene Online-Reservierungen, etwa bei den Uffizien in Florenz und im Miniatur Wunderland Hamburg, verteilen den Andrang. Auch Höchstgrößen für geführte Gruppen sind möglich.
• Preise, Gebühren und Steuern können Besuche steuern oder ihre Folgen finanzieren. Berlin erhebt seit 2014 eine Übernachtungsgebühr von 5 % des Übernachtungspreises; ob sie regulierend wirkt, ist nicht bekannt. Venedig verlangt seit 2024 versuchsweise zu bestimmten Zeiten Eintritt von Tagestouristen. Bhutan erhebt von ausländischen Touristen eine Tagesgebühr von 100 US-$ sowie eine Visagebühr von 40 US-$, Stand 2025.
• Verbote richten sich beispielsweise gegen große Kreuzfahrtschiffe, zweckentfremdete Wohnungen oder neue Hotels. Berlin erließ ein Zweckentfremdungsverbot für Wohnraum, Barcelona ein Moratorium für Hotelneubauten. Im Nationalpark Berchtesgaden gilt seit 2021 ein Betretungsverbot für die durch soziale Medien bekannt gewordenen Natur-Gumpen am Königsbach-Wasserfall.
• Bettenobergrenzen oder Bettenstopps schreiben die maximale Zahl touristischer Übernachtungsplätze fest, etwa in Südtirol oder Salzburg.
Ergänzend ist freiwillige Selbstbeschränkung möglich. Für Venedig reduzierten P&O Cruises, Holland-America und Cunard bereits die Zahl ihrer jährlichen Besuche.