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Österreichischer Gewerkschaftsbund
Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) ist eine 1945 gegründete überparteiliche Interessenvertretung für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen.
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Aufgabe und Bedeutung
Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) ist eine am 15. April 1945 gegründete, überparteiliche Interessenvertretung der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in Österreich. Er ist als Verein mit der ZVR-Nummer 576439352 organisiert und hat seinen Sitz in Wien. Präsident ist Wolfgang Katzian. Für 2025 werden rund 1,2 Millionen Mitglieder angegeben; zum Jahresende 2025 waren exakt 1.194.029 Mitglieder registriert.
Der ÖGB vertritt die Interessen von Beschäftigten gegenüber Arbeitgebern, Staat und politischen Institutionen. Er ist Mitglied des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB) und des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB). Außerdem gehört er zur österreichischen Sozialpartnerschaft. Wegen seiner hohen Mitgliederzahl besitzt er großen Einfluss auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Teilgewerkschaften und Aufbau
Der ÖGB gliedert sich in sieben Teilgewerkschaften:
- Gewerkschaft GPA
- Gewerkschaft öffentlicher Dienst (GÖD)
- Gewerkschaft younion für Gemeindebedienstete, Kunst, Medien, Sport und freie Berufe
- Gewerkschaft Bau-Holz (GBH)
- Gewerkschaft vida
- Gewerkschaft der Post- und Fernmeldebediensteten (GPF)
- Gewerkschaft PRO-GE, die Produktionsgewerkschaft
Die Bezeichnung „Teilgewerkschaft“ ist heute passender als „Fachgewerkschaft“, weil die Zuständigkeiten nicht mehr vollständig nach einzelnen Wirtschaftsgruppen geordnet sind. Früher kümmerten sich Fachgewerkschaften vor allem um die Arbeiter bestimmter Betriebe, während die GPA für Angestellte zuständig war. Heute wird die traditionelle Trennung zwischen Arbeitern und Angestellten nicht mehr in derselben Weise aufrechterhalten. Auch Kleinunternehmer und andere neue Formen von Arbeitsverhältnissen sind in die gewerkschaftliche Vertretung integriert.
Neben den Teilgewerkschaften gibt es Abteilungen, darunter die Jugendabteilung ÖGJ, die in fast jeder Gewerkschaft aktiv ist. Außerdem ist der ÖGB in Landesorganisationen gegliedert, die sich ebenfalls in den meisten Gewerkschaften wiederfinden. Die ÖGB-Zentrale befindet sich seit Anfang 2010 am Johann-Böhm-Platz 1 beziehungsweise am Handelskai 348 im 2. Wiener Gemeindebezirk, im Gebäude einer ÖGB-Tochtergesellschaft. Zuvor lag die Zentrale jahrzehntelang in der Hohenstaufengasse 10–12 im 1. Wiener Gemeindebezirk.
Fraktionen und innere Organisation
Die Führung des ÖGB ist in Fraktionen organisiert. Diese haben enge Verbindungen zu politischen Parteien. Die stärkste Fraktion ist die Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter (FSG), die traditionell die meisten Spitzenpositionen besetzt und ein enges Verhältnis zur SPÖ hat. Zweitstärkste Fraktion ist die Fraktion Christlicher Gewerkschafter (FCG), die der ÖVP nahesteht und die Gewerkschaft öffentlicher Dienst dominiert. Weitere Fraktionen sind die Freiheitlichen Arbeitnehmer (FA), die der FPÖ nahestehen, die Unabhängigen GewerkschafterInnen im ÖGB (UG), die Fraktion Parteifreier Gewerkschafter sowie der Gewerkschaftliche Linksblock (GLB).
Die innere Demokratie des ÖGB ist nur begrenzt ausgeprägt. Mitglieder in Betrieben und Dienststellen haben kein direktes Wahlrecht zu den gewerkschaftlichen Gremien. Stattdessen werden die Ergebnisse der jeweils letzten Betriebsrats- beziehungsweise Personalvertretungswahlen unverändert auf die gewerkschaftlichen Gremien übertragen. Dadurch können auch Nichtmitglieder mittelbar die Zusammensetzung dieser Gremien beeinflussen. Der Aufbau gilt außerdem als stark zentralistisch. In der Vergangenheit führte dies dazu, dass ein scheidender Präsident seinen Nachfolger faktisch bestimmen konnte; die anschließende Wahl war dann nur noch ein Formalakt.
Präsident Wolfgang Katzian wurde am 14. Juni 2018 gewählt. Norbert Schnedl wurde als Vizepräsident bestätigt, Korinna Schumann folgte als neue Vizepräsidentin auf Renate Anderl. Zuvor war Erich Foglar ab 1. Dezember 2008 Präsident. Nach dem Rücktritt von Fritz Verzetnitsch war Rudolf Hundstorfer zunächst interimistischer Nachfolger und wurde 2007 offiziell bestätigt.
Historische Entwicklung
Eine ähnlich benannte Organisation entstand bereits am 2. März 1934 unter der Diktaturregierung von Engelbert Dollfuß. Der Gewerkschaftsbund der österreichischen Arbeiter und Angestellten wurde gegründet, nachdem unter anderem die sozialdemokratisch orientierten freien Gewerkschaften verboten worden waren. Sein nicht demokratisch bestimmter Präsident war der Christlichsoziale Johann Staud. Die Organisation entfaltete keine nennenswerte Wirksamkeit und wurde vom ÖGB nicht als Vorläufer anerkannt.
Der heutige ÖGB wurde unmittelbar nach dem Ende der Schlacht um Wien am 15. April 1945 gegründet. Zu den Gründern gehörten Johann Böhm (SPÖ), der erste Präsident, Lois Weinberger (ÖVP), der erste Vizepräsident, und Gottlieb Fiala (KPÖ). Sozialdemokratische, kommunistische und christliche Gewerkschafter schufen damit eine einheitliche und nicht parteigebundene Gewerkschaftsorganisation.
1947 wurden das neue Betriebsrätegesetz und das Kollektivvertragsgesetz beschlossen. Im selben Jahr wurde dem ÖGB die Kollektivvertragsfähigkeit zuerkannt, also die rechtliche Fähigkeit, Kollektivverträge abzuschließen. Ebenfalls 1947 überschritt die Mitgliederzahl die Millionengrenze. Beim ersten ÖGB-Bundeskongress 1948 wurden 16 Fachgewerkschaften gegründet. Durch Zusammenschlüsse verringerte sich ihre Zahl bis 2011 auf sieben Teilgewerkschaften.
Mehrere ÖGB-Präsidenten übernahmen später hohe staatliche Ämter. Johann Böhm wurde Zweiter Präsident des Nationalrats, Anton Benya Präsident des Nationalrats. Franz Olah wurde Bundesminister für Inneres, Rudolf Hundstorfer Bundesminister für Soziales. Fritz Verzetnitsch trat 2006 nach der BAWAG-Affäre als ÖGB-Präsident zurück; er hatte ohne Wissen des ÖGB-Präsidiums hohe Haftungen für die in Schwierigkeiten geratene BAWAG P.S.K. übernommen.
Von 2008 bis 2019 war Bernhard Achitz Leitender Sekretär. 2019 wurden Willi Mernyi und Ingrid Reischl zu Leitenden Sekretären bestellt. 2023 wurden Mernyi, Reischl und Thomas Hochmayr zu ÖGB-Bundesgeschäftsführern ernannt. 2024 übernahm Helene Schuberth die Nachfolge der pensionierten Reischl. 2025 kritisierte die GÖD die Scheinselbständigkeit bei Lieferando und wirkte gegen diese Form der „modernen Ausbeutung“.
Mitgliederentwicklung und wirtschaftliche Beteiligungen
Der Mitgliederstand des ÖGB erreichte 1981 mit 1,677 Millionen seinen Höchststand. Danach sank die Zahl deutlich; der BAWAG-Skandal verstärkte diese Entwicklung. 2013 fiel sie unter 1,2 Millionen. Ende 2014 waren in den sieben Einzelgewerkschaften 1.198.071 Personen registriert. 2016 wurde erstmals seit 1984 wieder ein Mitgliederplus erreicht, das auch 2017 bis 2019 anhielt. 2020 und 2021 ging die Mitgliederzahl wieder zurück. Ende 2025 waren 1.194.029 Mitglieder registriert. Seit den 1950er Jahren verfügte der ÖGB langfristig meist über etwa 1,2 Millionen Mitglieder oder mehr.
Der Organisationsgrad bezeichnet den Anteil der Arbeitnehmer, die Mitglied einer Gewerkschaft sind. Obwohl die absolute Mitgliederzahl in den letzten Jahren annähernd gleich blieb, sank der Organisationsgrad wegen der wachsenden Zahl der Beschäftigten in Österreich. Er ging von knapp 60 % im Jahr 1981 auf 32 % zurück.
Der ÖGB besitzt außerdem wirtschaftliche Beteiligungen. Zum 31. Dezember 2012 hielt er 100 % an der 2009 errichteten ÖGB Liegenschaftsholding GmbH und 51 % an der ÖGB Beteiligungsgesellschaft m.b.H.; 49 % waren 2009 an die Österreichische Gewerkschaftliche Solidarität Privatstiftung verkauft worden. Die Beteiligungsgesellschaft hält unter anderem Anteile an der ÖGB Vermögensverwaltungsgesellschaft m.b.H., der Quirinus Holding GmbH und dem Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes GmbH. Über weitere Tochtergesellschaften ist der ÖGB Eigentümer der Liegenschaft „Catamaran“ am Handelskai 348, in der der ÖGB gemeinsam mit vier Gewerkschaften Büroräume mietet.
Bis in die 1980er Jahre war der ÖGB über die BAWAG der größte private Bankier Österreichs. Im Zusammenhang mit der BAWAG-Affäre trennte er sich 2006/07 vollständig von der Bank und verkaufte sie an den US-amerikanischen Investor Cerberus. Auch das Reisebüro Ruefa wurde 2005 vom Österreichischen Verkehrsbüro gekauft. Dadurch verringerte sich die frühere wirtschaftliche Macht des ÖGB erheblich.