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Die Geschichte des Grundgesetzes | Das Grundgesetz | planet schule | ARD

planet schule12:59 31.914 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 113 Zeilen
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  1. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind es unsichere Zeiten. Die Hälfte aller Wohnungen ist zerbombt,
  2. einen funktionierenden Staat gibt es nicht mehr. Deutschland ist besiegt, besetzt, geteilt.
  3. Wie der Neuanfang aussehen kann, ist nicht klar. Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs sind zerstritten.
  4. Damals herrschen Franzosen, Amerikaner und Briten in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands.
  5. In der Ostzone hat die Sowjetunion das Sagen. Die Alliierten haben zwar in ihren Zonen neue Länder gegründet.
  6. Doch zwischen den Zonen gibt es zunächst noch Passkontrollen. Wie zum Beispiel an der Rheinbrücke bei Karlsruhe-Maxau,
  7. wo die französische an die amerikanische Zone grenzt. Bis 1948 heben die drei Westmächte die Grenzkontrollen auf,
  8. um den wirtschaftlichen Wiederaufbau voranzutreiben. Denn besonders in den zerstörten Städten ist die Not groß.
  9. Mehr als ein Drittel der Menschen haust in Notunterkünften. Ein Zusammenschluss der Westzonen soll den Wiederaufbau erleichtern
  10. und den Westdeutschen wieder mehr Verantwortung übertragen. Die Idee: Aus den drei Westzonen soll ein Bundesstaat entstehen.
  11. Am 1. Juli 1948 werden die Ministerpräsidenten der westdeutschen Besatzungszonen
  12. nach Frankfurt einbestellt. Auftrag: Staatsgründung. (Original-Sprecher:) Die Militärgouverneure
  13. wiesen die Ministerpräsidenten an, bis 1. September dieses Jahres eine verfassunggebende Versammlung einzuberufen, um Westdeutschland
  14. zu einer politischen Einheit zusammenzuschließen. Auf der demokratischen Verfassung
  15. soll eine westdeutsche Regierung errichtet werden. Nur zwei Monate haben die Ministerpräsidenten,
  16. um die Beratungen über diese Verfassung vorzubereiten. Die Lage ist jedoch ernst:
  17. Wenn die westlichen Zonen sich zusammenschließen, ohne die sowjetische Besatzungsmacht einzubinden,
  18. zementiert das die Teilung Deutschlands. Kann man die Deutschen in der sowjetischen Zone im Stich lassen,
  19. fragen sich die westdeutschen Politiker. (Ernste Musik)
  20. Eine mögliche Lösung: ein provisorisches Grundgesetz für einen vorübergehenden westlichen Teilstaat.
  21. Wortführer dieser Idee ist der SPD-Politiker Carlo Schmid. Schmid, in jungen Jahren Universitätsdozent und Richter,
  22. wird im Oktober 1945 Regierungschef des neuen Landes Württemberg- Hohenzollern in Tübingen.
  23. (Vogelzwitschern) (Düstere Musik)
  24. Dort engagiert er sich für den demokratischen Wiederaufbau nach Kriegsende.
  25. Die Lebensbedingungen sind hart, die Wege beschwerlich, es fehlt an Nahrung, Heizung und Arbeitsmaterial.
  26. Mit Schnitzel und Kartoffelsalat lockt er die Landräte zu Besprechungen, um den Wiederaufbau
  27. einer funktionierenden Verwaltung voranzutreiben. Auch bei den Beratungen zum Grundgesetz
  28. fällt Schmid eine zentrale Rolle zu. Im August 1948
  29. fährt er zum Verfassungskonvent nach Herrenchiemsee. Ein kleiner Kreis von Politikern und Rechtsexperten
  30. macht sich hier im Auftrag der Ministerpräsidenten an die Arbeit. Das Speisezimmer des bayerischen Königs Ludwig II.
  31. wird zur Keimzelle der Bundesrepublik. (Hoffnungsvolle Musik)
  32. 26 Vertreter der deutschen Länder schreiben hier in nur 13 Tagen einen Entwurf für das Grundgesetz: ganze 149 Artikel.
  33. Heute kaum noch vorstellbar: Bis auf zwei Telefone haben sie keinen Kontakt zur Außenwelt.
  34. Es gibt dieses Beratungszimmer hier und den großen Luxus von täglich einem Liter Bier, einer halben Flasche Wein,
  35. zwölf Zigaretten oder drei Zigarren pro Person. Sie wollen es anders machen.
  36. Die Grundrechte des Einzelnen sollen garantierte Grundrechte werden. Jeder Mensch soll vor staatlichen Übergriffen geschützt werden.
  37. Ihnen geht es etwa um die freie Entfaltung der Persönlichkeit, das Recht, zu demonstrieren,
  38. das Recht, seinen Beruf frei zu wählen und die Religionsfreiheit.
  39. (Dynamische Musik) Der Mensch und seine Rechte stehen im Mittelpunkt.
  40. Dieser Gedanke bestimmt von Anfang an die Beratungen zum Grundgesetz. Auf Herrenchiemsee wird diese Idee
  41. zum ersten Artikel des Verfassungsentwurfs. Carlo Schmid formuliert: "Der Staat ist um des Menschen Willen da,
  42. nicht der Mensch um des Staates Willen." (Spannende Musik)
  43. Es ist ein radikal neuer Gedanke, der auch Ferdinand Kirchhof,
  44. früher Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichtes, in seiner Arbeit geprägt hat.
  45. Es war nicht nur eine Reaktion auf die Fehler, die man in der Weimarer Zeit gemacht hat,
  46. sondern auch eine bewusste Abkehr von den Taten des Nazi-Regimes.
  47. Wo man es genau umgekehrt verstanden hat: Da sagte man: "Du bist nichts, dein Volk ist alles."
  48. Das Menschenwürde-Prinzip, 180-Grad-Drehung sozusagen. Dagegen: "Der Staat ist für den Menschen da,
  49. und nicht der Mensch für den Staat." Aus diesem Menschenwürde-Prinzip kommen die ganzen Grundrechte.
  50. Der Staat muss die Grundrechte beachten, weil der Staat für den Menschen da ist.
  51. Später wurde der Satz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" sogar zum ersten Grundrecht, der Schutz der Menschenwürde
  52. zum zentralen Prinzip des Grundgesetzes. Einer, der sich in diesem Raum besonders dafür einsetzte,
  53. war der rheinland-pfälzische Justizminister Adolf Süsterhenn. Dem katholischen Anwalt ist der Schutz des Einzelnen
  54. vor staatlicher Übermacht besonders wichtig. Der konservative Denker verteidigte während der NS-Zeit
  55. Geistliche vor den Nationalsozialisten. 1946 wird er zum Justizminister von Rheinland-Pfalz in Koblenz ernannt,
  56. einer Stadt, in der beim Einmarsch der Amerikaner neun von zehn Wohnungen zerstört oder beschädigt sind.
  57. CDU-Mitglied Süsterhenn bedrückt das Leid seiner Landsleute, und er will vorsorgen.
  58. Die Schrecken der Nazizeit sollen sich niemals wiederholen. Süsterhenn formulierte als Erster, dass menschliche Freiheitsrechte
  59. und der Schutz der Menschenwürde auf ewig gelten sollen. Geschützt vor staatlichem Zugriff auch in Notzeiten.
  60. Dieser Gedanke ist heute in Artikel 79 Grundgesetz, der sogenannten "Ewigkeitsgarantie", verbrieft.
  61. Die wichtigsten Prinzipien des Grundgesetzes, also Schutz der Menschenwürde, Demokratie,
  62. Rechtsstaat, Bundesstaat und Sozialstaat, sie dürfen nicht abgeschafft werden.
  63. Die Regierung der nationalen Revolution ... Unter Adolf Hitler fielen sie staatlicher Willkür zum Opfer.
  64. Des hier gegebenen Vertrauensvotums des Volkes ... Durch das Ermächtigungsgesetz 1933 konnten die Nationalsozialisten
  65. Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft setzen. (Vielstimmiges Johlen)
  66. Etwa das Recht auf Religionsfreiheit, das Recht auf Meinungsfreiheit
  67. und das Versammlungsrecht. Das sollte nie wieder passieren.
  68. Als Garant dafür haben sich die Mütter und Väter des Grundgesetzes etwas Besonderes ausgedacht.
  69. In Karlsruhe steht das Ergebnis: das Bundesverfassungsgericht hinter mir. Als unabhängige Instanz gewährleistet es,
  70. dass die Verfassung nicht ausgehebelt werden kann und Gesetze der Verfassung nicht widersprechen.
  71. Bürgerinnen und Bürger können hier klagen, um ihre Grundrechte gegenüber dem Staat durchzusetzen.
  72. Seit 1951 hat das Bundesverfassungsgericht der Staatsmacht immer wieder Grenzen gesetzt.
  73. Auch im Internetzeitalter ist das Bundesverfassungsgericht die maßgebliche Instanz, die den Geist des Grundgesetzes hütet,
  74. etwa im Fall unserer digitalen Privatsphäre. (Düstere Musik)
  75. (Beschwingte Musik) Im September 1948 ist das noch ferne Zukunftsmusik,
  76. als in Bonn unsere Verfassung entsteht. Auf der Grundlage des Entwurfes von Herrenchiemsee
  77. soll ein sogenannter Parlamentarischer Rat das Grundgesetz ausarbeiten und verabschieden.
  78. Bonn ist weitgehend unzerstört, die Abgeordneten werden in komfortablen Hotels untergebracht.
  79. Es gibt eine anständige Verpflegung und Extrarationen Feuerholz. Für damalige Verhältnisse ist das sehr viel.
  80. Im Alexander Koenig Museum in Bonn wurde der erste Zusammentritt des Parlamentarischen Rates
  81. mit einem feierlichen Festakt vollzogen. Ministerpräsident Arnold hielt die Eröffnungsrede.
  82. Die Vertreter der drei westlichen Militärgouverneure waren anwesend. Nach Herrenchiemsee werden die 65 Vertreter der deutschen Länder
  83. eine vorläufige Verfassung festlegen, die die Grundordnung eines künftigen deutschen Staatsgebildes sein soll.
  84. Hier in diesem Gebäude tagten sie. Eine Mammutaufgabe, auch wenn es mit dem Entwurf von Herrenchiemsee
  85. schon eine gute Grundlage gab. So, schauen wir mal.
  86. Wir gehen jetzt den gleichen Weg, den die Väter und Mütter des Grundgesetzes gegangen sind,
  87. in den Raum, wo der Parlamentarische Rat tagte, wo die Tinte des Grundgesetzes floss.
  88. Wir schauen uns Kulturgut an: Fotografien aus der Zeit. Ich geb hierzu Ihnen die Handschuhe.
  89. 65 Parlamentarier, gewählt von den Landtagen in den Westzonen, beginnen im September 1948 mit der Arbeit.
  90. Jedes Mitglied, das hier sitzt, hat eine persönliche Vorgeschichte. Die mussten teilweise extrem unter der NS-Zeit leiden, oder?
  91. Ja, es ist natürlich eine Geschichte, die geprägt ist auch vom Nationalsozialismus.
  92. Viele Mitglieder des Parlamentarischen Rates mussten ihre berufliche Karriere abbrechen,
  93. einige von ihnen saßen im Konzentrationslager. Und wiederum andere hat es sogar ins Ausland getrieben.
  94. Die trafen sich hier zusammen, um eine neue demokratische Verfassung auf den Weg zu bringen.
  95. Die erste Sitzung des Rates in der Pädagogischen Akademie. Politische Weltanschauungen prallen hier aufeinander:
  96. von Kommunisten über SPD und FDP bis hin zu CDU und CSU. (Unruhige Musik)
  97. Genau 265 Tage, viel länger als vorgesehen, arbeiten die Parlamentarier am Grundgesetz.
  98. Am 8. Mai 1949 haben es die Westdeutschen geschafft. (Gefühlvolle Wochenschau-Musik)
  99. Der Parlamentarische Rat in Bonn hat das in 8 Monaten entstandene Grundgesetz
  100. für die neue Bundesrepublik Deutschland verabschiedet. Mit 53 Ja-Stimmen gegen zwölf Nein-Stimmen
  101. nahmen die Abgeordneten das Verfassungswerk an. Das war das Zeitalter des Bakelit- Telefons und des Fernschreibers.
  102. Die Autos sind noch mit Holzvergaser gefahren, also eine ganz andere Zeit als heute.
  103. Die haben das aber so knapp und präzise, und ich würde sagen, so modern formuliert,
  104. dass die Texte sich heute auf ganz neue Situationen umstellen. Am 23. Mai 1949 wird das Grundgesetz unterzeichnet und tritt in Kraft.
  105. Seit der Wiedervereinigung 1990 gilt es für ganz Deutschland. Manche ahnen im Mai 1949,
  106. wie grundlegend der Neuanfang Westdeutschlands ist. Das Grundgesetz garantiert ein bisher ungekannt hohes Maß an Freiheit.
  107. (Beschwingte Musik) Und Theodor Heuss formuliert in seiner letzten Rede im Rat
  108. eine bescheidene Hoffnung: Dieses kleine Stück festen Bodens,
  109. unser damals noch provisorisch gedachtes Grundgesetz, hat sich als solides Fundament erwiesen.
  110. Unser Grundgesetz, das den Schutz der Menschenwürde voranstellt und jedem ermöglicht, Verfassungsbeschwerde zu erheben,
  111. ist sogar ein Exportschlager geworden, ein Referenzpunkt für viele andere demokratische Verfassungen der Welt.
  112. Das ist den 65 Frauen und Männern im Parlamentarischen Rat zu verdanken. Hätten sie gewusst, dass ihr Grundgesetz so lange halten würde,
  113. sie hätten sich bestimmt gefreut. (Melancholische Musik)

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