Die Geschichte des Grundgesetzes | Das Grundgesetz | planet schule | ARD planet schule https://www.youtube.com/watch?v=xcXbyvtE8Ek Transkript (automatisch erstellt) 0:02 Nach dem Zweiten Weltkrieg sind es unsichere Zeiten. Die Hälfte aller Wohnungen ist zerbombt, 0:07 einen funktionierenden Staat gibt es nicht mehr. Deutschland ist besiegt, besetzt, geteilt. 0:12 Wie der Neuanfang aussehen kann, ist nicht klar. Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs sind zerstritten. 0:21 Damals herrschen Franzosen, Amerikaner und Briten in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands. 0:27 In der Ostzone hat die Sowjetunion das Sagen. Die Alliierten haben zwar in ihren Zonen neue Länder gegründet. 0:36 Doch zwischen den Zonen gibt es zunächst noch Passkontrollen. Wie zum Beispiel an der Rheinbrücke bei Karlsruhe-Maxau, 0:43 wo die französische an die amerikanische Zone grenzt. Bis 1948 heben die drei Westmächte die Grenzkontrollen auf, 0:52 um den wirtschaftlichen Wiederaufbau voranzutreiben. Denn besonders in den zerstörten Städten ist die Not groß. 0:59 Mehr als ein Drittel der Menschen haust in Notunterkünften. Ein Zusammenschluss der Westzonen soll den Wiederaufbau erleichtern 1:07 und den Westdeutschen wieder mehr Verantwortung übertragen. Die Idee: Aus den drei Westzonen soll ein Bundesstaat entstehen. 1:16 Am 1. Juli 1948 werden die Ministerpräsidenten der westdeutschen Besatzungszonen 1:22 nach Frankfurt einbestellt. Auftrag: Staatsgründung. (Original-Sprecher:) Die Militärgouverneure 1:28 wiesen die Ministerpräsidenten an, bis 1. September dieses Jahres eine verfassunggebende Versammlung einzuberufen, um Westdeutschland 1:35 zu einer politischen Einheit zusammenzuschließen. Auf der demokratischen Verfassung 1:40 soll eine westdeutsche Regierung errichtet werden. Nur zwei Monate haben die Ministerpräsidenten, 1:45 um die Beratungen über diese Verfassung vorzubereiten. Die Lage ist jedoch ernst: 1:51 Wenn die westlichen Zonen sich zusammenschließen, ohne die sowjetische Besatzungsmacht einzubinden, 1:56 zementiert das die Teilung Deutschlands. Kann man die Deutschen in der sowjetischen Zone im Stich lassen, 2:03 fragen sich die westdeutschen Politiker. (Ernste Musik) 2:08 Eine mögliche Lösung: ein provisorisches Grundgesetz für einen vorübergehenden westlichen Teilstaat. 2:15 Wortführer dieser Idee ist der SPD-Politiker Carlo Schmid. Schmid, in jungen Jahren Universitätsdozent und Richter, 2:25 wird im Oktober 1945 Regierungschef des neuen Landes Württemberg- Hohenzollern in Tübingen. 2:31 (Vogelzwitschern) (Düstere Musik) 2:36 Dort engagiert er sich für den demokratischen Wiederaufbau nach Kriegsende. 2:41 Die Lebensbedingungen sind hart, die Wege beschwerlich, es fehlt an Nahrung, Heizung und Arbeitsmaterial. 2:48 Mit Schnitzel und Kartoffelsalat lockt er die Landräte zu Besprechungen, um den Wiederaufbau 2:53 einer funktionierenden Verwaltung voranzutreiben. Auch bei den Beratungen zum Grundgesetz 3:01 fällt Schmid eine zentrale Rolle zu. Im August 1948 3:06 fährt er zum Verfassungskonvent nach Herrenchiemsee. Ein kleiner Kreis von Politikern und Rechtsexperten 3:13 macht sich hier im Auftrag der Ministerpräsidenten an die Arbeit. Das Speisezimmer des bayerischen Königs Ludwig II. 3:22 wird zur Keimzelle der Bundesrepublik. (Hoffnungsvolle Musik) 3:27 26 Vertreter der deutschen Länder schreiben hier in nur 13 Tagen einen Entwurf für das Grundgesetz: ganze 149 Artikel. 3:36 Heute kaum noch vorstellbar: Bis auf zwei Telefone haben sie keinen Kontakt zur Außenwelt. 3:41 Es gibt dieses Beratungszimmer hier und den großen Luxus von täglich einem Liter Bier, einer halben Flasche Wein, 3:48 zwölf Zigaretten oder drei Zigarren pro Person. Sie wollen es anders machen. 3:56 Die Grundrechte des Einzelnen sollen garantierte Grundrechte werden. Jeder Mensch soll vor staatlichen Übergriffen geschützt werden. 4:07 Ihnen geht es etwa um die freie Entfaltung der Persönlichkeit, das Recht, zu demonstrieren, 4:16 das Recht, seinen Beruf frei zu wählen und die Religionsfreiheit. 4:24 (Dynamische Musik) Der Mensch und seine Rechte stehen im Mittelpunkt. 4:32 Dieser Gedanke bestimmt von Anfang an die Beratungen zum Grundgesetz. Auf Herrenchiemsee wird diese Idee 4:39 zum ersten Artikel des Verfassungsentwurfs. Carlo Schmid formuliert: "Der Staat ist um des Menschen Willen da, 4:47 nicht der Mensch um des Staates Willen." (Spannende Musik) 4:53 Es ist ein radikal neuer Gedanke, der auch Ferdinand Kirchhof, 4:59 früher Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichtes, in seiner Arbeit geprägt hat. 5:05 Es war nicht nur eine Reaktion auf die Fehler, die man in der Weimarer Zeit gemacht hat, 5:10 sondern auch eine bewusste Abkehr von den Taten des Nazi-Regimes. 5:17 Wo man es genau umgekehrt verstanden hat: Da sagte man: "Du bist nichts, dein Volk ist alles." 5:23 Das Menschenwürde-Prinzip, 180-Grad-Drehung sozusagen. Dagegen: "Der Staat ist für den Menschen da, 5:31 und nicht der Mensch für den Staat." Aus diesem Menschenwürde-Prinzip kommen die ganzen Grundrechte. 5:37 Der Staat muss die Grundrechte beachten, weil der Staat für den Menschen da ist. 5:42 Später wurde der Satz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" sogar zum ersten Grundrecht, der Schutz der Menschenwürde 5:49 zum zentralen Prinzip des Grundgesetzes. Einer, der sich in diesem Raum besonders dafür einsetzte, 5:55 war der rheinland-pfälzische Justizminister Adolf Süsterhenn. Dem katholischen Anwalt ist der Schutz des Einzelnen 6:02 vor staatlicher Übermacht besonders wichtig. Der konservative Denker verteidigte während der NS-Zeit 6:08 Geistliche vor den Nationalsozialisten. 1946 wird er zum Justizminister von Rheinland-Pfalz in Koblenz ernannt, 6:17 einer Stadt, in der beim Einmarsch der Amerikaner neun von zehn Wohnungen zerstört oder beschädigt sind. 6:24 CDU-Mitglied Süsterhenn bedrückt das Leid seiner Landsleute, und er will vorsorgen. 6:30 Die Schrecken der Nazizeit sollen sich niemals wiederholen. Süsterhenn formulierte als Erster, dass menschliche Freiheitsrechte 6:39 und der Schutz der Menschenwürde auf ewig gelten sollen. Geschützt vor staatlichem Zugriff auch in Notzeiten. 6:46 Dieser Gedanke ist heute in Artikel 79 Grundgesetz, der sogenannten "Ewigkeitsgarantie", verbrieft. 6:52 Die wichtigsten Prinzipien des Grundgesetzes, also Schutz der Menschenwürde, Demokratie, 6:58 Rechtsstaat, Bundesstaat und Sozialstaat, sie dürfen nicht abgeschafft werden. 7:03 Die Regierung der nationalen Revolution ... Unter Adolf Hitler fielen sie staatlicher Willkür zum Opfer. 7:10 Des hier gegebenen Vertrauensvotums des Volkes ... Durch das Ermächtigungsgesetz 1933 konnten die Nationalsozialisten 7:18 Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft setzen. (Vielstimmiges Johlen) 7:24 Etwa das Recht auf Religionsfreiheit, das Recht auf Meinungsfreiheit 7:29 und das Versammlungsrecht. Das sollte nie wieder passieren. 7:33 Als Garant dafür haben sich die Mütter und Väter des Grundgesetzes etwas Besonderes ausgedacht. 7:39 In Karlsruhe steht das Ergebnis: das Bundesverfassungsgericht hinter mir. Als unabhängige Instanz gewährleistet es, 7:46 dass die Verfassung nicht ausgehebelt werden kann und Gesetze der Verfassung nicht widersprechen. 7:51 Bürgerinnen und Bürger können hier klagen, um ihre Grundrechte gegenüber dem Staat durchzusetzen. 7:57 Seit 1951 hat das Bundesverfassungsgericht der Staatsmacht immer wieder Grenzen gesetzt. 8:04 Auch im Internetzeitalter ist das Bundesverfassungsgericht die maßgebliche Instanz, die den Geist des Grundgesetzes hütet, 8:12 etwa im Fall unserer digitalen Privatsphäre. (Düstere Musik) 8:18 (Beschwingte Musik) Im September 1948 ist das noch ferne Zukunftsmusik, 8:24 als in Bonn unsere Verfassung entsteht. Auf der Grundlage des Entwurfes von Herrenchiemsee 8:31 soll ein sogenannter Parlamentarischer Rat das Grundgesetz ausarbeiten und verabschieden. 8:38 Bonn ist weitgehend unzerstört, die Abgeordneten werden in komfortablen Hotels untergebracht. 8:45 Es gibt eine anständige Verpflegung und Extrarationen Feuerholz. Für damalige Verhältnisse ist das sehr viel. 8:54 Im Alexander Koenig Museum in Bonn wurde der erste Zusammentritt des Parlamentarischen Rates 8:59 mit einem feierlichen Festakt vollzogen. Ministerpräsident Arnold hielt die Eröffnungsrede. 9:04 Die Vertreter der drei westlichen Militärgouverneure waren anwesend. Nach Herrenchiemsee werden die 65 Vertreter der deutschen Länder 9:11 eine vorläufige Verfassung festlegen, die die Grundordnung eines künftigen deutschen Staatsgebildes sein soll. 9:19 Hier in diesem Gebäude tagten sie. Eine Mammutaufgabe, auch wenn es mit dem Entwurf von Herrenchiemsee 9:26 schon eine gute Grundlage gab. So, schauen wir mal. 9:30 Wir gehen jetzt den gleichen Weg, den die Väter und Mütter des Grundgesetzes gegangen sind, 9:35 in den Raum, wo der Parlamentarische Rat tagte, wo die Tinte des Grundgesetzes floss. 9:40 Wir schauen uns Kulturgut an: Fotografien aus der Zeit. Ich geb hierzu Ihnen die Handschuhe. 9:47 65 Parlamentarier, gewählt von den Landtagen in den Westzonen, beginnen im September 1948 mit der Arbeit. 9:55 Jedes Mitglied, das hier sitzt, hat eine persönliche Vorgeschichte. Die mussten teilweise extrem unter der NS-Zeit leiden, oder? 10:03 Ja, es ist natürlich eine Geschichte, die geprägt ist auch vom Nationalsozialismus. 10:09 Viele Mitglieder des Parlamentarischen Rates mussten ihre berufliche Karriere abbrechen, 10:14 einige von ihnen saßen im Konzentrationslager. Und wiederum andere hat es sogar ins Ausland getrieben. 10:20 Die trafen sich hier zusammen, um eine neue demokratische Verfassung auf den Weg zu bringen. 10:28 Die erste Sitzung des Rates in der Pädagogischen Akademie. Politische Weltanschauungen prallen hier aufeinander: 10:36 von Kommunisten über SPD und FDP bis hin zu CDU und CSU. (Unruhige Musik) 10:45 Genau 265 Tage, viel länger als vorgesehen, arbeiten die Parlamentarier am Grundgesetz. 10:53 Am 8. Mai 1949 haben es die Westdeutschen geschafft. (Gefühlvolle Wochenschau-Musik) 11:02 Der Parlamentarische Rat in Bonn hat das in 8 Monaten entstandene Grundgesetz 11:07 für die neue Bundesrepublik Deutschland verabschiedet. Mit 53 Ja-Stimmen gegen zwölf Nein-Stimmen 11:13 nahmen die Abgeordneten das Verfassungswerk an. Das war das Zeitalter des Bakelit- Telefons und des Fernschreibers. 11:21 Die Autos sind noch mit Holzvergaser gefahren, also eine ganz andere Zeit als heute. 11:26 Die haben das aber so knapp und präzise, und ich würde sagen, so modern formuliert, 11:31 dass die Texte sich heute auf ganz neue Situationen umstellen. Am 23. Mai 1949 wird das Grundgesetz unterzeichnet und tritt in Kraft. 11:42 Seit der Wiedervereinigung 1990 gilt es für ganz Deutschland. Manche ahnen im Mai 1949, 11:50 wie grundlegend der Neuanfang Westdeutschlands ist. Das Grundgesetz garantiert ein bisher ungekannt hohes Maß an Freiheit. 11:58 (Beschwingte Musik) Und Theodor Heuss formuliert in seiner letzten Rede im Rat 12:06 eine bescheidene Hoffnung: Dieses kleine Stück festen Bodens, 12:23 unser damals noch provisorisch gedachtes Grundgesetz, hat sich als solides Fundament erwiesen. 12:28 Unser Grundgesetz, das den Schutz der Menschenwürde voranstellt und jedem ermöglicht, Verfassungsbeschwerde zu erheben, 12:36 ist sogar ein Exportschlager geworden, ein Referenzpunkt für viele andere demokratische Verfassungen der Welt. 12:43 Das ist den 65 Frauen und Männern im Parlamentarischen Rat zu verdanken. Hätten sie gewusst, dass ihr Grundgesetz so lange halten würde, 12:52 sie hätten sich bestimmt gefreut. (Melancholische Musik)