Verantwortungsethik vs. Gesinnungsethik (Max Weber: Politik als Beruf) Ethik-Abi by BOE https://www.youtube.com/watch?v=uH7gnyU4d_k Transkript (automatisch erstellt) 0:00 1919 hielt der Soziologe und Nationalökonom Max Weber seinen Vortrag „Politik als Beruf“ und machte darin erstmals die begriffliche Unterscheidung zwischen Verantwortungsethik 0:12 und Gesinnungsethik. Was man unter diesen beiden Positionen versteht, wie sie sich unterscheiden und woran sich die Politik laut Weber orientieren soll, erfährst 0:23 du in diesem Clip. In der Gesinnungsethik werden Handlungen nach dem Handlungsmotiv bewertet. Es ist entscheidend, welche Werte und Prinzipien hinter einer Handlung 0:35 stehen. Die Handlungsfolgen spielen für die moralische Beurteilung der Handlung keine Rolle. Die Gesinnung - das Motiv der Handlung - steht im Vordergrund. 0:44 Ein Gesinnungsethiker handelt also nach bestimmten Grundüberzeugungen und Werten. Für ihn zählt allein die Gesinnung, das hinter der Handlung stehende Motiv. Da mögliche 0:56 spätere Folgen für die Moralität seiner Handlung keine Rolle spielen, übernimmt er auch keine Verantwortung für diese Folgen. Weber hatte in seinem Vortrag vor allem die 1:06 christliche Gesinnungsethik im Blick. Ein christlicher Gesinnungsethiker handelt aus bestimmten religiösen Prinzipien heraus, zum Beispiel aus Nächstenliebe, aus Barmherzigkeit 1:18 oder aus Ehrlichkeit. Sein Gewissen schreibt ihm ein bestimmtes Handeln vor. Und zwar unabhängig davon, ob dieses Handeln erfolgreich sein wird und welche (unbeabsichtigten) Folgen 1:30 es hat. Der religiöse Gesinnungsethiker überträgt die Verantwortung für die Folgen seines Handelns anderen oder Gott. Ein weiterer wichtiger Vertreter der Gesinnungsethik 1:41 ist Immanuel Kant (1724-1804). Für Kant ist allein der gute Wille - das Motiv der Handlung - gut. Neigungen und tatsächliche oder beabsichtige Handlungsfolgen dürfen laut Kant bei moralischen 1:54 Handlungen keine Rolle spielen. Der Wille ist dann gut, wenn er sich allein nach dem moralischen Gesetz - dem kategorischen Imperativ - richtet. 2:04 Dieser lautet in seiner Universalisierungsformel: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.“ 2:13 Bei Kant meint Gesinnung also das Motiv des Handelnden, seinen Willen. Dieser darf nur von der reinen Achtung für das moralische Gesetz, also dem kategorischen Imperativ, 2:25 bestimmt werden. Mit diesem prüft er seine Maximen, seine individuellen Handlungsgrundsätze, auf ihre Universalisierbarkeit. Die Beweggründe des Handelnden, seine Motive, sind bei Kant 2:38 wesentlich für die Moralität einer Handlung. Im Gegensatz dazu geht es bei der Verantwortungsethik um die Verantwortbarkeit der Folgen einer Handlung. Der Handelnde ist verantwortlich 2:51 für die Folgen seines Handelns und muss dementsprechend mögliche - auch unbeabsichtigte - Folgen bereits bei der Entscheidung für oder gegen eine Handlung berücksichtigen. 3:01 Ein Verantwortungsethiker stellt also die - auch längerfristigen - Konsequenzen seiner Entscheidungen in den Mittelpunkt und agiert entsprechend. Die eigenen Grundüberzeugungen 3:13 spielen nur eine untergeordnete Rolle. Ein wichtiger Vertreter dieser Ethik ist Hans Jonas (1903-1993). Jonas formulierte in seinem 1979 erschienenen Werk „Das Prinzip Verantwortung“ 3:25 einen neuen kategorischen Imperativ. Dieser lautet: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ 3:36 Und negativ formuliert: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens.“ 3:46 Jonas plädiert bei Handlungsentscheidungen vor allem in Wissenschaft und Politik für eine Heuristik der Furcht. Man soll die denkbar schlimmsten Folgen annehmen und dementsprechend 3:57 handeln. Während der Gesinnungsethiker also allein auf das Motiv der Handlung blickt und damit mögliche - vor allem unbeabsichtigte - Folgen 4:06 völlig ausblendet, blickt der Verantwortungsethiker gerade auf die Folgen und deren Verantwortbarkeit. In den beiden Ethiktypen wird also der Verantwortungsbereich ganz unterschiedlich definiert. In der Verantwortungsethik 4:22 sind es die (voraussehbaren) Folgen, in der Gesinnungsethik die Gesinnung - das hinter der Handlung stehende Motiv. Angela Merkel handelte mit ihrer Flüchtlingspolitik 4:36 2015 nach der Meinung einiger Kritiker gesinnungsethisch. Mit ihrer Politik der offenen Grenzen und einer unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen berücksichtigte sie weder die Folgen für 4:48 das eigene Land noch für andere europäische Länder oder für das innereuropäische Verhältnis insgesamt. Sie folgte allein ihrer moralischen - ihrer christlichen - Pflicht, Menschen in 5:01 Not zu helfen. Doch Merkel handelte in ihrer Politik auch verantwortungsethisch. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima verkündete sie 2011 den Atomausstieg 5:12 Deutschlands, nachdem ihre Regierung erst kurz vorher eine Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke beschlossen hatte. Sie sagte: „Die Ereignisse in Japan lehrten 5:25 uns, dass Risiken, die für absolut unwahrscheinlich gehalten wurden, doch nicht vollends unwahrscheinlich sind.“ Sie habe zur Kenntnis nehmen müssen, dass „selbst in einem Hochtechnologieland 5:36 wie Japan die Risiken der Kernenergie nicht sicher beherrscht werden können“. Das ist eine klassisch verantwortungsethische Begründung - ein Handeln geleitet von Jonas‘ 5:47 Heuristik der Furcht. Sie handelte mit dieser politischen Kehrtwende entgegen dem moralischen und religiösen Prinzip, ein gegebenes Versprechen zu halten. 5:58 Der Soziologe und Nationalökonom Max Weber (1864-1920) hielt seinen berühmten Vortrag „Politik als Beruf“ 1919, also lange vor dem Erscheinen von Jonas‘ Werk „Das Prinzip 6:11 Verantwortung“ und der Regierungszeit Merkels. Er prägte darin erstmals den Begriff „Verantwortungsethik“ und zwar in klarer Abgrenzung zur traditionellen Gesinnungsethik. 6:23 Er schreibt: „Wir müssen uns klarmachen, dass alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen 6:33 Maximen stehen kann: es kann ‚gesinnungsethisch‘ oder ‚verantwortungsethisch‘ orientiert sein. Nicht dass Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit 6:47 identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet –: ‚der 6:59 Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim‘, oder unter der verantwortungsethischen: dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat.“ 7:09 „Unaustragbar gegensätzliche Maximen“, „abgrundtiefer Gegensatz“: das klingt zunächst nach prinzipieller Unvereinbarkeit. Weber wird auf Grund dieses Satzes häufig 7:22 missverstanden und falsch interpretiert. Später schreibt er nämlich: „Insofern sind Gesinnungsethik und Verantwortungsethik nicht absolute Gegensätze, sondern Ergänzungen, die zusammen erst den 7:36 echten Menschen ausmachen, den, der den ‚Beruf zur Politik‘ haben kann.“ Weber hält die Gesinnungsethik als alleinige Orientierung für die Politik für unbrauchbar. 7:48 Sie ist seiner Ansicht nach eine „Ethik für Heilige“. Weber kritisiert zudem, dass eine Gesinnung manchmal von Politikern nur vorgeschoben wird, um sich der Verantwortung 7:59 für die Folgen des eigenen Handels zu entziehen. Die Verantwortungsethik bietet laut Weber eine bessere, realitätsnähere Richtlinie für politisches Handeln. Ein verantwortungsvoller 8:11 Politiker übernimmt nämlich selbst die Verantwortung für die Folgen seines Tuns und kalkuliert diese daher bereits bei politischen Entscheidungen mit ein. 8:20 Doch ein Politiker ohne gewisse Prinzipien, ohne eine Gesinnung, die sein Handeln leiten, ist ebenfalls nicht wünschenswert, ja nicht einmal denkbar. Denn auch ein Verantwortungsethiker 8:33 wird bei seinem Handeln von einer Haltung oder Überzeugung geleitet. Weber setzt Gesinnungsethik explizit nicht mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik 8:44 nicht mit Gesinnungslosigkeit gleich. Er betont jedoch, dass es einen gewaltigen Unterschied macht, ob man ‚gesinnungsethisch‘ oder ‚verantwortungsethisch‘ orientiert ist. 8:56 Weber ruft zu einer Balance zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik und zu einer gemäßigten Realpolitik auf. Verantwortungs- und Gesinnungsethik müssen zusammenwirken. Er selbst orientierte 9:08 sich sowohl an der Verantwortungs- als auch an der Gesinnungsethik. Seine politischen Positionen waren von beiden ethischen Positionen geprägt. 9:18 Weber spricht in seinem Vortrag aber noch ein weiteres Problem an. In der Politik muss nämlich zeitweise der Zweck die Mittel heiligen. Er schreibt: „Keine Ethik der Welt kommt 9:31 um die Tatsache herum, daß die Erreichung ‚guter‘ Zwecke in zahlreichen Fällen daran gebunden ist, dass man sittlich bedenkliche oder mindestens gefährliche Mittel und die 9:42 Möglichkeit oder auch die Wahrscheinlichkeit übler Nebenerfolge mit in den Kauf nimmt, und keine Ethik der Welt kann ergeben: wann und in welchem Umfang der ethisch gute Zweck 9:54 die ethisch gefährlichen Mittel und Nebenerfolge ‚heiligt‘.“ Dieses Problem betrifft Gesinnungsethiker und Verantwortungsethiker gleichermaßen. 10:04 Ein christlicher Gesinnungsethiker oder Kantianer darf - für welchen Zweck auch immer - nicht zu moralisch fragwürdigen Mitteln greifen. Für andere Gesinnungsethiker, etwa für gewaltbereite 10:16 Revolutionäre, kann der Zweck die Mittel heiligen. Und ein Verantwortungsethiker muss abwägen, welche Nebenerfolge, also welche unerwünschten Konsequenzen seines Tuns er 10:28 für einen guten Zweck verantworten kann. Aber was versteht Weber nun konkret unter verantwortungsvoller Politik? Verantwortliche Politik bedeutet für Weber 10:41 eine Abwägung der Handlungsfolgen und zwar mit erhöhter Aufmerksamkeit für mögliche negative Handlungsfolgen sowie eine Abwägung der (Macht-)Mittel. 10:51 Ein verantwortungsbewusster Politiker muss also die vorhersehbaren Handlungsfolgen abschätzen, unbeabsichtigte Nebenfolgen miteinplanen und berücksichtigen, dass sich Positives in Negatives 11:04 umkehren kann. Zudem muss er abschätzen, ob die Handlungsabsichten auch wirklich umgesetzt werden können, abwägen, welche (eventuell auch moralisch bedenklichen) 11:15 Mittel den Zweck heiligen, also durch einen guten Zweck legitimiert werden können. Und er muss realitätsbewusst und offen für Kompromisse sein und nicht auf einer Position 11:27 beharren, weil er sie für die einzig richtige hält. Weber hält eine reine Gesinnungsethik in der Politik für nicht praktikabel. Ein guter 11:36 Politiker muss die Verantwortung für mögliche Folgen seiner Entscheidungen und Handlungen im Vorfeld spüren und im Nachhinein übernehmen. Und das auch dann, wenn er - möglicherweise 11:48 auf Grund einer gewissen inneren Haltung oder Gesinnung - in gewissen Situationen nicht anders handeln kann oder konnte als unter Inkaufnahme unbeabsichtigter negativer Nebenfolgen. 12:01 Er trägt immer Verantwortung und muss sich dieser Tatsache bewusst sein. Diese Verantwortung reicht bei manchen politischen Entscheidungen bis weit in die Zukunft hinein. 12:11 Dieses bereits 1919 von Weber angedeutete Problem hat sich in den vergangenen Jahren noch verschärft. Sowohl die Gesinnungsethik als auch die Verantwortungsethik 12:24 kann man kritisieren. Durch neue Entdeckungen und Entwicklungen in Wissenschaft und Technik hat sich der Verantwortungsbereich menschlichen und damit auch politischen Handelns 12:34 in den letzten Jahrzehnten immer weiter vergrößert. Dies liegt unter anderem daran, dass - durch den Einsatz wissenschaftlicher Technik sich die menschliche Macht immer mehr vergrößert 12:45 - sich der Bereich technischer Beeinflussbarkeit auf immer weitere Teile auch der menschlichen Natur ausdehnt - die Folgen technischer Innovationen räumlich und zeitlich nicht 12:57 mehr überschaubar sind - Folgen- und Nebenwirkungszusammenhänge zunehmend komplexer werden (z.B. durch Eingreifen in genetische oder ökologische Zusammenhänge). Personen - also Verantwortungssubjekte 13:13 - handeln zudem immer mehr arbeitsteilig handeln und dies in unübersichtlichen Handlungsnetzen. Außerdem gibt es es neues Wissen über die Belastbarkeitsgrenzen der Biosphäre. 13:24 Die konkreten (voraussehbaren) Handlungsfolgen erlangen dadurch eine immer größere Bedeutung. Es gibt immer weniger eine Garantie dafür, dass aus einer guten Gesinnung auch gute Folgen 13:37 erwachsen. Die Gesinnungsethik stößt an ihre Grenzen. Kausalbedingungen zwischen der Handlung und ihren Folgen müssen daher möglichst vollständig berücksichtigt werden. 13:49 Der österreichische Philosoph Günther Anders (1902-1992) forderte: „So wie der Naturwissenschaftler, der die Ursachen verfolgt, ad infinitum nach rückwärts weiterzugehen hat, so hat der 14:00 Verantwortliche ad infinitum nach vorwärts [zu den Folgen] weiterzugehen.“ Das größte Problem der Verantwortungsethik ist jedoch die schon damals von Kant angesprochene 14:12 Unvorhersehbarkeit der Folgen. Man hat nämlich stets nur beschränkte Informationen über die möglichen Ergebnisse einer konkreten Handlung. Eine Handlung, die auf den ersten 14:22 Blick gerechtfertigt erscheint, kann auf Grund einer Verkettung von Umständen schädliche Folgen haben. Je nach der Bewertung der Folgen einer Handlung 14:32 und ihrer Wahrscheinlichkeit kann sie als moralisch geboten erscheinen oder nicht. Politiker können demnach je nach Bewertung zu ganz unterschiedlichen Schlüssen gelangen. 14:43 Auch der Zeitraum der Betrachtung ist hierbei entscheidend: Eine Handlung kann verantwortungsethisch kurzfristig geboten sein, aber längerfristig negative Auswirkungen haben. 14:56 Wie ist deine Meinung? Sollte Politik sich eher an der Gesinnungsethik oder an der Verantwortungsethik orientieren? Welche politischen Entscheidungen der letzten Jahre und Jahrzehnte waren deiner 15:08 Ansicht nach eher gesinnungsethisch, welche eher verantwortungsethisch motiviert? Schreibe deine Gedanken und Ideen sehr gerne unten in die Kommentare. 15:18 Mit dem Quizlet-Lernset „Max Weber: Gesinnungsethik vs. Verantwortungsethik“ kannst du dein Wissen jetzt überprüfen. Viel Spaß beim Lernen und bis bald!