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Wer war Gottfried Keller? – Gespräch mit Philipp Theisohn | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur
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Transkriptautomatisch erstellt · 544 Zeilen
- Herzlich willkommen. Ja, vor 200 Jahren wurde Gottfried Keller geboren. Der berühmte Schweizer, Schriftsteller,
- dessen Romane und Novellen sie sicher noch aus der Schulzeit kennen. Etwa der Grüne Heinrich, Kleider machen Leute
- oder Romeo und Julia auf dem Dorfe. In der folgenden Stunde will ich erfahren, was uns Gottfed Keller heute noch zu
- sagen hat und mein heutiger Gast meint ganz schön viel. Philip Tyson gilt als Shootingstar der Literaturwissenschaft
- und übernimmt diesen Sommer die Professur für neuere deutsche Literatur an der Universität in Zürich. Herzlich
- willkommen, Herr Kaison. Ja, danke schön. Ja, Gottfried Keller gilt aus einer der
- ganz großen. Warum eigentlich? Also, wenn man mit einem ganz großen einen Autor bezeichnet, der für uns noch
- Relevanz hat, also den wir noch lesen, obwohl er schon 200 Jahre alt ist, ähm dann äh kann man sagen, er hat, weil er
- was hat, was andere Autoren eben nicht haben. Also sein sein Werk beinhaltet etwas, dass wir bei anderen Autoren
- nicht finden. Mhm. Und äh dass wir offensichtlich für relevant halten für uns, sonst würden
- wir nicht mehr lesen. Und was wäre das? [schnauben] Na ja, also Keller ist äh eigentlich der sowas
- wie der Autor der würdigen Enttäuschung. Das heißt, es ist ein äh Autor, der Texte schreibt, die sich immer wieder an
- Figuren und an Lebensläufen abarbeiten, die auf so einer Selbsttäuschung beruhen. Also äh Figuren, die sehr sehr
- hohes ähm also sich selbst ein äh also Figuren, die eigentlich ein falsches
- Selbstbild mit sich umhertragen, äh die sich überhöhen und die dann lernen müssen, dass sie dann doch nicht das
- sind, was sie eigentlich sein wollen. Also die lernen scheitern, könnte man sagen, ähm werden durch diese Texte auch
- gebrochen, aber nie so, dass sie dann entwürdigt werden dabei, sondern die lernen dabei eigentlich äh wie man auch
- ähm ohne Größenfantasie eine Würde erlangen kann. Der Text oder die Texte lassen ihn diese Würde.
- Mhm. Und am Schluss sind sie äh wie das z.B. äh in Diiken heißt. Das ist eine Novelle
- äh aus dem Seltwühler Zyklus. Nicht äh am Schluss heiß das was ist was ist die Tiken ein Krieger? Ähm äh und dann heißt
- es ähm ähm äh nicht besser als andere jenerzeiten ähm viel mehr ähm viel mehr die mit den gleichen Fehlern nicht ähm
- ähm durch die gleichen Fehler eigentlich geprägt und dieses Fehler haben nicht und bei den Fehlern bleiben, man wird
- die auch eigentlich nicht los, aber man muss sie halt erkennen. Das ist eigentlich das, was wir bei Keller immer
- wieder finden und auch lernen können. Mm. über dieses über dieses Motiv des Scheiterns, des Misslingens, diese
- überhöhten Erwartungen Ideale. Über das werden wir noch sprechen. Jetzt interessiert mich aber am Anfang noch
- ähm wie aktuell ist denn das Werk? Warum sollen wir Keller gerade heute wiederlesen? Weil genau dieses Moment
- des Scheiterns ähm genau dieses Moment des Scheiterns in Würde etwas ist, was wir eigentlich verlernt haben. Und wir
- müzen das ganz leicht um und sagen, es geht da um sowas wie ja, erkenne dich selbst, steht zu deinen Schwächen, also
- solche solche Selbsthilfeberatungs Monologe, die es da gibt. Ähm, aber das macht Keller gerade nicht, sondern was
- Keller macht, ist ersetzt eigentlich diese ähm äh ja, man könnte sagen, Erzählung des Scheitern in soziale
- Kontexte, in gesellschaftliche Kontexte. Das heißt, er zeigt ähm was passiert eigentlich in einer
- Gesellschaft, in der ganz viele von diesen Individuen herumlaufen, die ein falsches Selbstbild mit sich tragen und
- permanent drauf gestoßen werden, dass sie eigentlich gar nicht das sind, was sie sein sollen oder sein wollen, weil
- oder was sie zu sein glauben oder was sie zu sein glauben eben. Und äh was passiert mit mit so einer
- Gesellschaft, in der so viele Individuen dieses Problem haben, das nicht einzusehen und mit dem Scheitern nicht
- zurechtken. Mm. Diese Leute projizieren die Schuld an der Diskrepanz zwischen dem Selbstbild und der Realität nach
- außen. Also jemand muss dafür verantwortlich sein, dass ich noch nicht oder nicht mehr oder gar nicht das bin,
- was ich eigentlich sein soll. Mm. Und ähm da kann Keller tatsächlich sehr gut analysieren, wie wie in der Gesellschaft
- ähm Polarisierungen, Polemik, Hass aufkommt, ähm wie sich die Leute auch misstrauen, wie es dann zu
- solchen Phänomen wie Mobbing kommt, nicht? Wenn man mir eine Novelle liest, wie das verlorene Lachen. Da geht's
- genau um sowas. Also, wie entsteht das eigentlich? Warum fangen Leute an ähm andere auszuschließen, zu defieren, wie
- es heißt, zu entstellen? Mhm. Weil das alles Effekte sind ähm von ja einer nicht bewältigten Enttäuschung, die man
- mit sich herumträgt und dann den anderen die Schuld geben zu Mobbing. Man kennt das heute in
- Schitstorms in den sozialen Medien. Da das kennt er sehr gut, wie Gerüchte in Umwelt um wie Gerüchte in Umlauf
- gebracht werden. Das kann man bei Keller sehr gut sehen, wie das funktioniert. Man braucht ja gar nicht mal und das das
- lernt man eigentlich jetzt erst über soziale Medien, wie sowas funktioniert, aber Keller hat das schon vorher
- gekannt. Man braucht nicht mal einen ganz konkreten Vorwurf. Es reicht, wenn man sagt, irgendwas stimmt da nicht und
- der kennt wiederum jemanden, der denjenigen kennt und der denjenigen kennt und die sind irgendwie hängen die
- zusammen. Schon hat man im Grunde eine Gruppe isoliert und die sind in ihrer Sprechposition
- gelähmt dadurch und das kann man da lernen bei Keller schon sehr früh. Ich habe es in der Anmoderation ähm
- gesagt, äh 200 Jahre feieren wir Geburtstag Gottfriedkeller am 19. im Juli 1819 geboren. Derzeit wieder wird
- da überall gelobt. Es gibt Ausstellung, Kongresse und so weiter. Man betont immer, wie wie gut und wichtig der war.
- Gibt's den auch Dinge, die er so richtig schlecht gemacht hat? Peinliche Passagen, die man heute besser überlesen
- sollte. Überlesen soll man sowieso gar nichts, weil man äh man es kann sein, dass wir
- heute ganz viele Sachen grausig finden, die man in 50 Jahren ganz toll findet, weil man einfach das anders sehen kann.
- Also, was ich sagen würde, ist, dass seine Lyrik aus meiner Perspektive nicht so groß ist, ähm wie er sie gesehen hat.
- Das hat er mit anderen Realisten, also mit Storm z.B. gemeint, dass die alle geglaubt haben,
- wir sind doch Lyriker und man kennt die Lyrik heute eigentlich gar nicht so ähm richtig mehr gut. Ähm
- und äh Keller ist schon in der Epik breit. Ähm auch übrigens auch wie storben jemand, der eigentlich gerne
- Dramatiker auch geworden wäre, uns nie würde. Mhm. Ähm, man kann sagen, das konnte er
- nicht gut. Ja, also als Lyriker ein bisschen gescheitert, als Dramatiker auch als
- Maler werden wir noch als Lyriker gescheitert hätte er nie gesagt, aber ich würde sagen, in der
- Qualität ist dann doch äh bis auf wenige Spitzen die Prosa schon ähm schon äh dasjenige, was eigentlich im Vordergrund
- stehen sollte bei Keller. Mhm. Derzeit läuft eine Ausstellung im Museum Strauhof in Zürich und zu Keller.
- der träumende Realist heißt die und äh da gibt's auch Stellungsnamen von Expertinnen und Experten äh
- Schriftstellerinnen und Literaturwissenschaftler und äh wir hören uns mal zwei, drei Stimmen dazu
- an. Er ist ein funkelnder Erzähler, ein Erzähler von einem Witz und einem
- Humor, der äh fast unheimlich abgründig ist. Er ist gleichzeitig ein großer Genießer, ein Mann der festlichen
- Momente und dahinter ist immer ein eine tiefe Schwermut, eine Verschattung, ein Abgrund auch der Trauer, die überhaupt
- nie ganz sich auflöst. Und diese Spannung äh ist für ihn ganz bezeichnend, denn das eine schärft und
- verstärkt das andere. Die Festlichkeit ist nur möglich wegen den tiefen Schwermutagen,
- Wochen, Monaten. Das geht bei ihm oft Monate und das löst sich dann wieder auf in einer unvergleichlich
- äh farbigen und funken Prosa. Gotfrid Keller hat einen ganz ganz besonderen, für mich sogar einzigartigen Sinn für
- das Große, z.B. für Bäume, für den Wald und ganz besonders für die Natur, aber eigentlich
- auch für das Göttliche, obwohl er es dann in der zweiten Hälfte äh seines Lebens nicht mehr im Himmel oder in
- einer metaphysischen Dimension findet, sondern in der Welt drin. Aber er hat auch einen ganz besonderen
- Sinn für das Kleine, das winzige, auch das Kleinliche. Und ich glaube, es ist kein Zufall, dass er das Kleine und
- Kleinliche vor allem in der Menschenwelt findet. Also eine Lieblingsfigur, die ich gefunden habe, ist John Cabbis oder
- hieß eben erst Johannes Johannes Habbis wahrscheinlich und das ja kling klang ihm aber zu wenig weltoffen oder wichtig
- auch und um sein Glück zu finden, hat er sich [räuspern] dann in John Cbis umbenannt und wollte dann zusätzlich
- auch noch, weil das irgendwie auch nicht funktioniert hat, das Glück dann trotzdem nicht gekommen ist, wollte er
- noch eine Frau heiraten, die er gefunden hat im Dorf, Die Oliva Frollein Oliva hieß und dann hat er
- gedacht, dann könne er John Cabby Oliver heißen und wenn dann das Glück nicht kommt, dann würde irgendwie das ist ja
- unmöglich. Und dann hat er herausgefunden, dass sie nur ihre Mutter so heißt und
- sie selbst aber Köpfle. Genau. Und dann hätte er John Cabbys Köpfle geheißen und das war dann nicht das für das was sich
- vorgestellt hat. Und hat dann aber die Mutter gefragt, ob sie ihn vielleicht heiraten würde und sie wollte dann
- nicht. Das ist ja und um sie zu fragen, ob sie ihn heiraten will, hat er sich alle Wertsachen, die er besitzt
- irgendwie an sich dran gehängt. Also nein, sowas rührendes. Ja. Was sich durchzieht, ist dieser
- Kontrast zwischen dem ganz großen und dem ganz kleinen oder zwischen dem dunklen abgründigen und zwischen dem
- hellen und humorvollen festlichen. Wie passen denn diese beiden gegensätzlichen Stimmungswerten
- zusammen? Also muss ein bisschen trennen. Also die Sache mit der Kleinheit ist ist eine
- Sache, die wichtig ist. sicher ähm ähm wenn man jetzt zunächst mal fragt ähm worin liegen eigentlich dieser also was
- macht denn diese Spannung aus zwischen die diesem festlich strahlenden und dem und dem auch vernichteten? Ja. Äh dann
- könnte man äh also wenn man an den Grünen Heinrich denkt, z.B. der grüne Heinrich kommt
- zurück in die Schweiz 1844 geht über Basel kommt an das große egenössische Schützenfest gleichzeitig 400 Jahrfeier
- der Schlacht von Stacob ähm man sieht einen großen Aufzug und denkt das ist
- so wie es geschildert wird, nicht da entsteht jetzt was nicht die Altgenossenschaft ist schon auf dem
- Vormaus sie kommt ähm ähm die Stimmung ist entsprechend ähm ist ganz pathetisch.
- Mhm. Und ähm das nützt nur dem Heinrich gar nichts, weil als der Heinrich nach Hause
- kommt, erwartet da auf ihn keinen Festzug, sondern der Beerdigungszug seiner Mutter und er selbst stirbt dann
- auch später, nicht? Also, der Bruch ähm ist eigentlich mit inbegriffen, weil es heißt natürlich, das ist dann frei
- nach Walter Benjamin, äh Hoffnung gibt es halt dann schon, aber für uns eben nicht. Ja, also die für uns gibt's die
- Hoffnung nicht. Ähm und das ist bei Keller immer mit dabei, nicht dass er eigentlich sagt, es geht nicht drum,
- dass es gar keine Hoffnung gibt oder alles ist schlecht, sondern ähm die Misere des Individuums, des modernen
- Individuums liegt darin, dass sie sehen kann, was möglich wäre, aber der Einzelne es nicht mehr erreichen kann.
- Und das ist eigentlich der Bruch, der sowohl das Werk als auch das Leben von Keller ein bisschen durchzieht.
- Genau. Aber dieses dieses diese Verschattung, dieses abgründige Dunkel, das läuft immer mit, wenn ich sie
- richtig verstehe. Selbst in den festlichen, heiteren, humorvollen Passagen,
- das gibt das gibt es überall. Also selbst eine Erzählung wie äh die dreigerechten Kamera, die eigentlich
- sicher eine von den lustigsten Erzählungen ist, ja, die endet damit, dass der eine, der kriegt die
- Zübünstling, der kommt dann noch einigermaßen gut weg, muss halt aber unter ihr leiden. Der zweite erhängt
- sich, der Dritte wird wahnsinnig. Das ist keine heitere Erzählung, wenn man nach dem Ende geht.
- Ja. Aber äh es ist, wenn man bis man zu dem Punkt kommt, denkt man, das ist ja wahnsinnig, was das für Figuren sind,
- ähm was für groteske Szenerien man da die ganze Zeit hat und dann kommt das Ende. Das schwingt immer mit. Und ähm
- gibt es ähm es es gibt eigentlich, ich muss müsste lange überlegen, bis ich eine Kellererzählung finde, wo ich sagen
- würde, da hat's das dann eben nicht es es gibt immer diesen diesen Dreh. Genau. Und die wir haben schon über
- dieses Scheitern gesprochen, das irgendwie zentral ist. Die Texte kreisen um das
- äh warum denn ist das so zentral und hat das mit seiner eigenen Biografie auch zu tun?
- Ähm, also man darf nicht ganz platt machen und sagen, da hat der hat von sehr viel Misserfolg geplagt und hat
- deswegen lauter erfolglose Figuren entworfen. Aber natürlich ist es so, das ist ein Werk, das im Grunde ähm ist ein
- Werk des Scheiterns, weil es aus einem Scheitern heraus auch entstanden ist, würde ich sagen, nicht? Also ich hat der
- Grüne Heinrich, der erste große Roman ist ja teilweise autobiografisch Jugendgeschichte hat seine
- Jugendgeschichte da verarbeitet und ähm also man kann sagen, wenn man sich Kellers Biografie anschaut, ja, ähm
- amourös gescheitert und zwar ein Leben lang, immer wieder gescheitert, also immer wieder verliebt,
- immer wieder verliebt, immer wieder unglücklich verliebt, schulische Karriere von der Schule geflogen. Ja. äh
- Erfolg erfolglos erste mit 14 15 oder ja erste berufliche Ausbildung im Grunde in Sand gesetzt. Ähm dabei äh Maler
- wollte Maler werden, Landschaftsmaler werden. Äh wobei ich ihn gar nicht so schlecht finde, wie er sich gefunden hat
- äh oder wie andere ihn gefunden haben. Ich finde das eigentlich ganz okay, aber ähm jedenfalls nicht regissiert.
- Und das ist im Grunde ja die Vorgeschichte, das das ist der grüne Heinrich im Grunde bis dahin. Und man
- kann sagen, ähm während der grüne Heinrich an diesem permanenten Scheitern zugrunde geht, ist Gottfried Keller
- derjenige, der aus dieser Geschichte dieses Scheiterns einfach durch einen Spurwechsel, nämlich von der Malerei in
- die Literatur ein Werk des Scheiternschafft und so eine zweite Karriere eigentlich beginnt, die dann
- eben nicht scheitert, sondern die eigentlich dann eben dann doch inen Erfolg münd,
- indem er das Scheitern zum Thema macht. Genau. Sein eigenes Scheitern im Grunde weiterführt. Ja.
- Sie haben Gottfried Keller auch den Anwalt des imperfekten Ich genannt im im Vorgespräch und ich fand das
- interessant. Ähm, das heißt, dass wir eigentlich immer dieses ideale Selbstbild haben
- oder Gefahr laufen, ein zu hohes ideales Selbstbild äh zu haben. Ähm, jetzt in unserer heutigen Zeit, wo wir von
- Selbstoptimierung reden, das das Zauberwort der Stunde, zeigt uns da Keller eigentlich, dass wir
- mit dieser Idee von Selbstoptimierung äh auf dem Holzweg sind?
- Ähm, ich also das Problem ist natürlich, dass man, wenn man über Selbstoptimierung spricht, das in alle
- Richtungen ausschlagen kann und Keller sich ja auch nichts dageben gehabt hätte, wenn man sagt, man muss schon
- Ambition haben besser zu werden, nicht? Äh, weil ähm ein Teil des Scheiterns besteht ja immer
- darin, dass man sagt, okay, jetzt habe ich meine Fehler gesehen, jetzt muss ich es anders machen, nicht? Also selbst
- noch die Einsicht, dass man vieles nicht kann, könnte ein Weg in die Selbstoptimierung sein. Ähm was bei
- Keller aber zweifellos nicht da ist, ist, dass man sagt, es geht hier um so diese Vorstellung von so von so einem
- Bildungsroman, nicht? Also, man muss erst dreimal auf die Herplatte langen und dann macht man es nicht mehr und
- dann wird man äh jemand, der nächst mal Handschuhe anhat. Ähm, das heißt ähm im Scheitern schon gleich vorwegnehmen,
- dass man äh über das Scheitern aus, also jede scheitern Chance ist, das hat man bei Keller eigentlich gar nicht, sondern
- es kann auch einfach sein, dass man im Scheitern ähm dabei stehen bleibt zu sagen, ich bin nicht mehr als die
- anderen. Ich habe ich muss einfach damit zurechtken. Ich muss mich letztendlich in der Unmöglichkeit von Größe z.B.
- einrichten. Das ist, glaube ich, ein großer Unterschied. Also, ähm Selbstperfektion
- heißt natürlich immer mit einer Vorstellung rumlaufen. Ähm es gibt sowas wie eine Unbesiegbarkeit, die man
- irgendwie erreichen kann und es gibt so ein es gibt eben ähm so ein ein Endstadium nicht, in bestimmten
- Bereichen, wo man dann auch sich gar nicht äh verbessern kann oder an dem man sich messen muss. Und ähm Keller hat,
- also Kellers Texte kommen immer wieder eigentlich auf den Punkt, dass man äh merkt, nee, die die Figuren äh richten
- sich tatsächlich in dieser Unmöglichkeit von Größe ein und Leben Bescheidenheit wäre die Tugend und Bescheidung. Und
- Bescheidenheit ist das Problem, sobald wir jetzt Bescheidenheit sagen, ist das schon wieder eine Tugend, in der man
- sich wieder verbessern könnte, ist wieder ein neues Ziel. Eben. Genau. Äh und so so her ist das gar nicht bei
- Keller, sondern es ist einfach so wie wie ich vorhin sag nicht ähm äh auch äh auch wie alle anderen äh den
- Fehlern der Zeit unterworfen. Ja, drüber raus geht's halt einfach nicht. Und ähm
- das einzusehen und sagen, gut und dann machen wir mal sowas aus den Resten, was wir noch haben. Und das natürlich, da
- kommen wir dann auf die Poetik und auf die Kleinheit. Ähm, aber heiß jetzt, man kann keine großen
- Träume mehr haben. Sie haben gesagt, Ambitionen schon noch, aber [räuspern] doch, man kann die schon haben. Nur wenn
- man in Kellers Werk unterwegs ist, dann merkt man, diese Figuren erreichen diese Träume meistens auf dem Wege nicht. Ähm,
- also das Glück erreichen sie so nicht, weil die großen Träume meistens nicht sozial gedacht werden
- können, ähm [räuspern] meistens nicht in Gesellschaft gedacht werden können. Das teilt Keller mit ganz vielen ähm ja
- utopischen Fantasien. Utopien sind meistens äh ähm eigentlich Dystopien, von dem man die Gesellschaft abgezogen
- hat. Ähm bei bei Keller ist es ja tatsächlich so, dass man diese großen Träume eigentlich nicht leben kann,
- nicht? Die Leute, die große Träume, die in großen Träumen leben, das sind die Wahnsinnigen. Also z.B.
- ähm der Kurt vom Walde aus den missbrauchten Liebesbriefen, der meint, er wäre einer der größten Dichter der
- Gegenwart und äh wenn man von außen drauf guckt, ist es halt jemand, also man sagen würde, mach irgendwas
- vernünftiges mit deinem Leben jetzt, aber nicht das. Ja, der macht aber immer wieder und deswegen finden wir das
- lustig. Mhm. Lebt in seiner eigenen Traumwelt. Ja. Ja. Er findet ja sogar noch eine
- Partnerin, die das auch so sieht. Ja, ich meine, neben diesem gesellschaftlichen Ideal von heute der
- Selbstoptimierung gibt's ja das Ideal der Selbstverwirklichung. Werde du selbst ähm Authentizität.
- War das denn für Keller eher ein Ideal, dass er unterschreiben konnte oder ein Ziel auf das hinzuarbeiten sich lohnen
- würde, sich selbst zu sein? Ähm, also es ja, also Keller würde das
- wahrscheinlich eher negativ formulieren, nicht? Also ähm also schwierig ist ein schwierig ist ganz ähm
- euphorisch und affirmativ ein unechtes Leben zu führen, wie wie der Butzfaretcher, also der Nah auf Maneck,
- der quasi meint, er wä in der falschen Zeit und unechtes Leben hat. Mhm. Dass die Schwierigkeit bei dem Begriff
- Authentizität auch jenseits vom Keller liegt natürlich darin, dass die Vorstellung authentisch
- zu sein, also [räuspern] man kann ja mal ausprobieren zu sagen, ich bin jetzt authentisch und ist man schon nicht
- mehr. Ähm weil authentisch zu sein ja eigentlich bedeutet, es gibt einen Punkt an dem man ganz präsent ist, ganz
- Substanz ist, ohne Zeichen ist, keine Rolle spielt. Ähm äh und das ist was bei dem ich sagen würde, da fährt Kellers
- Prosa mal ganz heftig dazwischen, weil sogar die Leute, die ähm gerade dabei sind zu sagen, ich
- habe mich geläutert, Pankratz der Schmoller, der sagt, ich bin jetzt nach 15 Jahren schmollen wegen Kartoffelbrei,
- bin ich jetzt durch die ganze Welt und habe dabei durch eine Frau und eine Begegnung mit einem Löwen gelernt, nicht
- mehr zu schmollen. Und ähm jetzt erzähle ich euch die Geschichte. Jetzt komme ich zu mir selber. Also diese Überhöhung des
- Schmollens habe ich abgelegt und während er das erzählt, schlafen die beiden Zuhörer, seine Mutter, seine Schwester
- schlafen ein, kriegen die entscheidende Geschichte nicht mit, die Liebesgeschichte und dann geht's drum,
- ja, jetzt haben wir das nicht mitgekriegt. Nee, ich erzähl aber nicht noch und schon ist, also er wird das er
- wird diese Fehler gar nicht los und das heißt es wir der Mensch kann eigentlich nicht authentisch sein. Wir spielen
- immer in in Rollen. Das zu wissen ist gut. Ich meine, es gibt ja dieses berühmte Stück die Leute von Salv
- Kleider machen Leute. Ja. Ja. Ja. Und da kommt das ja auch, dass wir
- irgendwie durch die Inszenierung von uns selbst irgendwie an Selbstwerk gewinnen, auch uh bestimmte Dinge erreichen können
- in der Welt, in der Gesellschaft. Und ähm und da gibt's eine andere Geschichte, wo
- jemand die hat die Julia Weber hat das erwähnt, den Namen ja, der Schmied Schmied seines Glückes.
- Ja. Ja, genau. Das heißt so dieses Rollenspiel, die Selbstinsierung ist permanent auch
- ein Thema bei Keller ist permanent ein Thema. Als mein Kleider machen Leute ist deswegen
- natürlich vor allem interessant, weil man ja merkt, der Wenzel Strapenski, das ist ja jemand ähm der bekommt äh der
- inszeniert sich ja erstmal nicht selbst, sondern der wird inszeniert, nicht durch so durch Bemerkungen, durch dass er sich
- was überzieht, aber er macht das ja eigentlich ursprünglich gar nicht in der Absicht jemanden zu täuschen. Er nimmt
- dann eine Rolle an, die ihm angetragen wird und das machen wir ja natürlich auch
- sehr häufig oder die Rolle erstmal von anderen zugeschrieben wir nehmen sie dann
- also die Art, wie man anmoderiert wird, die Art, wie man irgendwo geframed wird, die man heute sagen. Ähm, also wenn es
- nicht negativ ist, nimmt man das erstmal mit und schon hat man auf einmal Kompetenzen, die man gar nicht hat
- und äh äh Titel, die man gar nicht hat. Wobei das hat man eigentlich selten. Äh sie geben mir das Stichwort, ich habe
- sie als Shootingstar der Literaturwissenschaftler anmoderiert. Ja, z.B. Nicht ohne Grund. Sie sind ja
- wirklich ein Handdampf in allen Gassen, kann man sagen. Ich muss es ablesen, was sie alles gemacht haben. Sie haben
- Germanistik, Mediaistik, Philosophie studiert in Tübingen und Zürich, wurden dann 2013 Förderprofessor an der Uni
- Zürich, haben wirklich keine Scheu vor Alltags und Popkultur. Also, sie haben ein
- Forschungsprojekt geleitet zum außerirdischen Leben in der Literatur. äh haben ein Buch übers Plagiat
- geschrieben, beraten die Kulturstiftung Pro Helvia, schreiben Rezensionen, sind Mitherausgeber einer renommierten
- Zeitschrift, betreiben einen Literaturblog, sind Präsident der Theodor Stormgesellschaft, bald
- ordentlicher Professor und sie sprechen als gebürtiger Deutscher eigentlich perfekt Schweizerdeutsch, als kämen sie
- von Fribur, aber sie leben eigentlich in Zürich. Äh, wie machen Sie das alles? Wie bringen Sie das unter einen Hut und
- ist da die Gefahr des Scheiterns nicht vorprogrammiert? Doch, natürlich. Also muss ich sagen,
- also man scheitert natürlich dann immer irgendwo. Ähm es geht ja nur drum, dass man gut Regie führen kann. Das heißt äh
- ähm diese also diese Gespräche kenne ich natürlich, dass man sagt, wie macht man das? Und eigentlich geht's darum, dass
- man schaut, man kriegt alles irgendwie hin, aber man muss immer so schieben, nicht? Also Souveränität ist auch was
- gespielt hast in diesen Berufen und ähm es ist ja auch nicht so, dass ich alles
- gleichzeitig gemacht habe, sondern manche Sachen habe ich gemacht schon und äh was vielleicht ein Problem ist, ich
- äh interessiere mich oft für alles und ähm das geht manchmal zu Lasten von Tiefe. Das das ist sicher so. Also, wenn
- man äh sich schnell ablenken lässt und äh schnell Aufmerksamkeit auf andere Themen lenkt, dann kommt man vielleicht
- manchmal gar nicht so tief, wie man will oder wie man sollte, aber kann auch etwas entstehen aus
- diesen Querverbindungen aus Ja. Ja. Ja, genau. Wie bei also wie bei Keller, man hat da lauter so kleine
- Sachen. Mhm. ähm wie die wie die Lade der Zübünstlin. Also hier irgendwie äh eine
- Bonbonbüchse aus Zitronenschale und da eine Nadel und da ein Osterei und da irgendwie Kirschkern und hier noch eine
- Nuss und irgendwas wird da draus. Es gibt Erzählung und äh man merkt, die Dinge
- spielen miteinander. Und bei mir ist es eigentlich auch ein bisschen so, [schnauben] diese verschiedenen Themen
- äh also sowohl Alltagskultur, ähm Populärkultur als auch im Grunde
- klassischer, ja, germanistische äh Thematiken, die machen zusammen schon oft Sinn. Also die man kann viel über
- Fiktion lernen, wenn man sich mit ähm künstliche Intelligenz beschäftigt, z.B. Also das ähm ist so. Und
- ja, sie machen ja diese Verbetung auch immer in ihren Texten und Vorträgen und das sehr erhellend. Genau.
- Jetzt möchte ich mit Ihnen noch über etwas ganz Wichtiges von Keller sprechen, was wir bis jetzt ausgelassen
- haben, nämlich den Humor. Ja, den Witz. Ähm, welche Art von Humor ist
- denn das? Kann man das irgendwie einfangen? Mhm. Warum ist ihm das so wichtig?
- Mhm. Also, ich würde eigentlich weniger von Humor als von Komik sprechen. Also Humor ist ein bisschen, weil Humor hat
- eine andere Perspektive. Die Komik äh ergibt sich bei Keller ja aus diesen Prozessen, über die wir schon gesprochen
- haben. Können Sie vielleicht diese Abgrenzung bisschen erläutern zwischen Kik und?
- Ähm, das, also Humor heißt ja im Grunde ähm bezeichnet ja ein Vermögen, dass wir
- haben, dass wir mit uns herumtragen, nicht dass wir empfinden können etwas, dass wir im Grunde äh eine Situation in
- ihrem Missverhältnis einschätzen und als Belustigend empfinden können. Komik wäre was anderes. Komik, was wir inszenieren
- können, nicht? Und was Keller macht, ist natürlich in seinen Werken, er inszeniert ähm oder er führt
- Konstellationen herbei, die wir komisch finden. Ja, und also da, wo wir lachen, können wir sagen, das humoresk. Ähm
- vielleicht ist es aber gar nicht so humoresk, sondern vielleicht hat das viel mehr was mit Komik zu tun. Ähm das
- ist bei Keller wie folgt eigentlich wir, ich habe es vorhin schon gesagt, also die äh diese Lernprozesse, die Leute
- zurücklegen müssen auf ihrem Wege zurück. Ja. vom Scheitern. Also jemand, der immer meint, er sei schon was und
- ist noch nichts. Mhm. Ähm, das kann man komisch inszenieren. Denken Sie an den Henj in
- den Zürchernovellen. So ein Penäler, der so tut, als ob er schon im Grunde ein großer Gelehrter wäre und dann so Sätze
- schreibt, wie man man sieht, die Dinge lagen nicht so einfach wie es schien oder dann immer überall Siinter
- schreiben, dass man in den Sikamber nennt. Also so eine Eitelkeit, die, wenn man einen Schritt wegmacht und von außen
- schaut, natürlich lächer lächerlich wirkt. Und ähm in dem Moment, indem solche Leute dann diese Rolle ausfüllen
- müssen und weiterspielen müssen, wird's natürlich immer lustiger. Ja, dann ist es eine Komikte Herabsetzung eigentlich,
- Mhm. Die da betrieben wird. ähm ist aber immer auch gekoppelt, muss man sagen.
- Dieser Komik schnell umschlagen in was Tragisches. Also, wenn sie den nach auf manck nehmen, jemand der auch die ganze
- Zeit in der falschen Zeit lebt und deswegen ist es Narr. Ja, er steht im Grunde gegen seine Welt, gegen seine
- Zeit. Wir schauen auf ihn drauf und können ihn verlachen. Ähm, der kriegt aber diesen Lernprozess nicht hin. Der
- kriegt diesen Lernprozess nicht hin. Der lernt nicht scheitern, sondern der scheitert im Tod. Also, der stirbt dann
- am Schluss und dann wird's tragisch, da wird die Komik zur Tragik, aber diese Diskrepanzen zwischen dem Schein und dem
- Sein, die schreitet Keller natürlich ganz oft und immer wieder aus und das ist natürlich schon lustig von außen
- betrachtet. Keller gilt ja auch als Vertreter des Realismus. Kann ich die beiden Dinge
- zusammenden? Diese Komik und diesen Realismus ist irgendwie Humor oder dieser Blick auf die Welt und dieses
- Lachen auch über sich selbst. Ist es die einzige Haltung, die wir angemessene Haltung, die wir gegenüber der Realität
- haben können oder wie ist da genau die Verbindung zwischen Humor und Real? Es ist sicher eine angemessene Haltung
- gegenüber dem. Ähm bei Realismus ist das große Problem ja, dass die großen Texte ähm, die wir dem Realismus heute
- zuordnen oder die großen Autorinnen und Autoren, die wir dazuordnen, dass die in der Praxis eigentlich ähm alle das
- Gegenteil von dem machen, was die Theorie eigentlich anordnet. Also ist die Theorie des Realismus, ähm die
- relativ stark begrenzt, was wie geschildert werden soll und was nicht vorkommen soll. Keine Gespenster, keine
- Vollus, kein Begehren, das machen die alles immer. Okay. Und ähm man kann deswegen umgekehrt
- vielleicht sagen, wahrscheinlich lernt man durch Keller über Realismus mehr als wenn man das jetzt zuordnet, nämlich ähm
- was ja ähm der Realismus eigentlich ähm also man sagen kann, was was zeichnen Realismus aus? Der Realismus als eine
- literarische Strömung ist ja ähm etwas, das ähm im Nachgang, also nach Göte, nach Hegel, nach dem großen Gott des 19.
- Jahrhunderts, der Geschichte nach dem Weltgeist ans Licht kommt. Mhm. Und ähm das, was man dann mit immer mal
- das Zeitalter der Epigonen genannt hat. Und ähm der Realismus kann im Grunde sagen, wir ähm das liegt
- hinter uns, wir kriegen das nicht mehr. Dieses ideal, das große kriegen wir nicht mehr. dieses
- was man da sin das sinnliche Scheinen der Idee nicht äh in der Kunst, das kriegen wir nicht mehr hin. Das ist
- nicht mehr das, was wir leisten können äh vielleicht aber auch gar nicht leisten sollen, weil wenn wir nur immer
- drauf schauen, welche Gegenstände eigentlich ästhetisch wertvoll sind, welche geschildert werden dürfen, wo wir
- eine Ordnung und eine Form haben, dann entgeht uns vielleicht ganz vieles. Ja, würde ich sagen.
- Ja. Und dieses Abbrechen, dass man sagt, wir lassen das mal außen vor und jetzt gucken wir mal. Hilegard Keller hat im
- Anspiel auch erwähnt auf das kleine auf diese Abfelsel, die dann noch auf das Unterholz und da sind auch noch Dinge
- und die sind vielleicht ganz spannend und faszinierend und aus denen gibt es vielleicht noch so etwas wie Sinn zu
- generieren. Ja, aus denen können man vielleicht noch was machen, vielleicht nicht das ganz groß, aber das ist im
- Grunde was Realismus machen. Das macht Keller sehr wohl und das wäre die Aufgabe der Kunst der
- Literatur nach Keller, dass man da hinschaut, wo die sozusagen der Idealismus die Klassik nicht hingeschaut
- hat und das Unperfekte, das Gewusel, das Kleinliche Dinge sprechen machen, diese Dinge sprechen lassen. ähm dass also
- Dinge überall an allen Ecken äh hier am Glas hängen Geschichten, aus denen sich im Grunde ähm für uns ein Sinn
- generieren lässt. und die Kunst steht hat eigentlich die Aufgabe, genau diese Geschichten zu
- heben und für uns dadurch die Welt noch mal neu sichtbar zu machen. Das kann ich aber nicht, wenn ich permanent sage, ich
- muss bestimmte Gegenstände darstellen, an denen ich mich dann in meiner Wahrnehmung orientieren muss, sondern
- ich muss im Grunde sagen, das was nebendran liegt, das was übrig geblieben ist, das hat
- auch einen Wert. Das sind die Figuren bei Keller und das sind natürlich die Gegenstände und auch die kleinen
- Geschichten. Das klingt mir so ein bisschen nach Adorno auch. Also die Kunst soll
- irgendwie das Kleine, das ausgeschlossene, was nicht ins System passt, das anständige irgendwie wieder
- zum Sprechen bringen. Ähm das könnte man mit Adorno so lesen. Ich äh ich ähm ich glaube durchaus auch,
- dass die kritische Theorie an an Keller auch sehr gut Anschluss findet. Ja. Ähm, bei Keller ist es gleich wohl natürlich
- ähm erstmal nicht ähm politisch gemünzt, nicht? Aber es ist natürlich die Kehre, die er hat, ist schon auch eine
- anti-ideologische, das ist schon eine antiideologische Kehre, dass man sagt, man darf äh man also auch in den in den
- Texten auch im grünen Heinrich, die Abkehr vom vom Ideal der bgesische Fechter nicht den man nachzeichnen muss
- und man sagt, nee, warum eigentlich warum eigentlich vielleicht geht's um das, was daneben liegt.
- Genau. Ja. Und diese also einerseits, dass die Kunst unseren Blick verändert, aber
- Keller war ja schon auch gesellschaftskritisch politisch sehr stark engagiert und wollte auch die
- Verhältnisse ändern, also Mitte des 19. Ja, in der Schweiz, Gründung des Bundessates, äh
- 1848 davor und danach genau. Sie sagen immer wieder, ähm damals gab's ja so etwas wie ein
- Kulturkampf zwischen äh den konservativen katholischen und den liberalen progressiven.
- Wo stand da Keller? Wenn man die Konservativen ausnimmt, stand Keller in Zeit seines Lebens eigentlich überall
- fast einmal kann man sagen. Also, man muss ja wissen, äh die Geburt des Schriftstellerkellers
- ähm nach der Rückkehr aus München 1842 ähm die folgt eigentlich im Rahmen einer Politisierung, nicht? Der liest Herweg
- und Freilichrat, der macht dann politische Lyrik. Man kennt so das Jesuitenlied, nicht Kontext
- Freischarenzüge, Sonderbundskrieg, dann später äh natürlich auch gerichtet gegen die konservative Regierung in Zürich,
- die nach dem äh Zriputsch 1839 sie installiert hatte und äh da könnte man sagen, da war er noch ein Radikaler
- eigentlich, ne? Da ist er schon noch ganz klar erkennbar. Er hat ja bei diesen Freischarenzüchen
- ist mitgelaufen. Ist schon mitgelaufen, aber wie man ja durchtinger weiß, sind die Zürche ja nie bis nach LZ gekommen,
- sonder sind nach der Kantonsgrenze gleich in die Bites. Also es ist ist schon sehr gespielt, ne?
- Also das ähm muss man sagen und ähm dann, also da kann man ih noch ganz eindeutig den Radikalen zuordnen. 1848,
- also in dem Moment, indem man den Bundesstaat hat, geht Keller ironischerweise gleich sofort wieder
- nach Deutschland. Also die jungen Jahre kriegt er gar nicht mit. da ist er 7 Jahre dann erst in Heidelberg und dann
- in Berlin. Und äh als er dann zurückkommt, ähm da wird's dann interessant, weil da hat sich natürlich
- in der Schweiz schon ähm und in Zürich speziell natürlich das System Escher etabliert, also Alfred Eschers Zugriff,
- die Liberalen eigentlich ähm äh ähm regieren da, man könnte sagen, der große Unternehmer, der am
- Gottprojekt maßgblich beteiligt war, Gottardbau dann die Kretz Schweizer Kreditanstart heute Krediswies und die
- ETH mitgegründet hat. das äh und äh natürlich also ja das äh im Grund auch die Vorläufe des Swissre könnte man
- sagen, der gehört auch dazu. Aber ähm was was man sehen kann, ist, dass Keller da ähm äh auf natürlich nicht auf
- Distanz nicht nur auf Distanz ist, sondern sehr kritisch ist. Also man vermutet natürlich auf der Seite der
- Opposition, die gegen die Liberalen steht, also bei den Demokraten, dass eigentlich ähm die Liberalen ähm
- eigensinnig sind. Also die ähm es gibt in einem Wahlaufruf, den Keller 1860 ähm initiiert hat, den Ausdruck die
- Verschliffenheit der Grundsätze. Das heißt, ähm man traut eigentlich ähm den Liberalen nicht über den Weg bzw.
- Weise man sagt, sobald darum geht, gefäet man den Profit und die Wirtschaft sind im Grunde äh Verfassung und
- Konstitution eigentlich egal. Das macht sich natürlich fest 1859 60 am Savoer Handel, das heißt Konflikt mit
- Frankreich, Napoleon und dem dritten ähm wo es drum ging, setzt die Schweiz eigentlich ihr Recht, nicht und äh
- besetzt Savoia und riskiert natürlich einen militärischen Konflikt mit Frankreich, den man sofort verloren
- hätte. Also, das war ganz klar. oder beugt man sich nicht und die Liberalen haben sich zurückgezogen. Es hat dann
- gesagt, ähm nee, also Neutralität haben wir ja und Neutralität verträgt sich nicht ähm mit äh mit quasi einer außer
- mit einer Intervention im Ausland. Ja, und da sind die dann auf die Barrikaden gegangen. Äh, Stempfle ist das vor allem
- gewesen. Ja, dann das Problem, was sich ein bisschen dann zeigt, ist, dass die äh die Kritik an an
- dem Systemer ist immer so ein bisschen ja, wie soll man sagen, ich würde immer sagen nominos. Also es wird nicht
- richtig in genau ein konkreter Missstand benannt, sondern es wird eigentlich immer gesagt Verdachte Korruption
- wird so angedeutet und das kehrt sich dann nämlich 1862 wird ja dann ähm Keller Staatsschreiber, also er wechselt
- im Grunde die Seite, er wird dann eigentlich ein Profiteur und man könnte sagen ein Bedienstet des Systems
- und dann beginnt er eigentlich diese Opposition, zu der er vorher gehört hatte, ganz radikal zu kritisieren. ähm
- in der Novelle Das verlorene Lachen, über die ich gesprochen habe, da geht's genau darum, es es geht nicht mal darum,
- was haben die zu kritisieren, sondern wie gehen die vor, nämlich eben mit Verläumdung, ähm mit äh also man zieht
- im Grunde ehrbare Männer an die Öffentlichkeit, unterstellt ihnen unähnliche Kinder. Ähm und dann kommen
- diese ganzen ähm man könnte sagen Schitstorm Mobbing Verfahren. Es gibt dann äh eine Frau, die heißt dann im in
- der Novelle Das Ölweib, die eigentlich diese Gerüchte streut und koordiniert und dann erscheinen anonyme Schriften
- und so weiter und dagegen das zeigt er eigentlich auf, also der das entwürdigt letztendlich die Opposition und gibt
- vielmehr eigentlich den Leuten recht, die im Amt sind und die da beschossen werden. Also er ähm er ist da nicht
- extrem apologetisch gegenüber Escher, aber er schützt natürlich das System dann schon. Als Escher dann tot ist,
- wird er Apologet, nicht? Da fürs Denkmal von Eser, da ist er, der tote Escher ist quasi ein Muster,
- das keiner mehr erreichen kann, das keiner mehr erreicht. Ja, ist wirklich ambivalent und das wandelt sich und ist
- natürlich auch ein ein Rollenkonflikt, den er dann hat als Staatsschreiber irgendwie über diese 15 Jahre oder wie
- viel es sind, wo er irgendwie vom Opponenten plötzlich zum Repräsentanten dieses Systems wird. Genau in der Zeit.
- Ähm ich möchte mit Ihnen noch mal zurückgehen, nämlich 1848 Grünung des Bundesstaates, wo er da weggeht, wie Sie
- gesagt haben, nach Heidelbergen nämlich. Ja. Und da passiert eine Wende, Wende zur Diesitigkeit wird das auch genannt.
- Er hört nämlich Ludwig Feuerbach, den großen Religionkritiker in Genau. Genau. Also Keller kommt nach
- Heidelberg 1848 und da hält Feuerbach allerdings nicht in offiziellen Universitätsgebäuden, weil das haben sie
- ihm verboten. ähm äh hält Feuerbach seine Vorlesung äh vom Wesen der Religion
- und äh für Keller ist das das geistige Erlebnis, prägender Erlebnis gewesen in seinem Leben, kann man sagen. Also
- kennen Sie kurz Feuerbachs Position zusammen? Ja. Ähm, ich ich ähm also die Kritik,
- die Feuerbach äh an der Religion ja übt, ist ein dass man sagt äh man äh man muss sie im Grunde als ein
- kulturanthropologisches Phänomen betrachten, die Religion. Er nimmt die dann so auseinander. Ähm äh
- also nicht Gott hat uns geschafft, sondern wir die Götter, also wir ja, wir haben die Götter im Grunde
- geschaffen. Ja, es ist ähm keine ähm Position eigentlich, die so ganz radikal, also die ist keine atheistische
- Position, könnte man sagen, sondern es ist eine ähm die noch immer auf den Punkt zurückkommt, das was die Religion
- in uns schafft, nicht? Das kann man noch irgendwie benennen. Das ist auch was Nominoses, nicht? Das man kann das dann
- äh Seele nennen z.B. oder also es gibt bei Feuerbach auch noch solche Reste. M ähm für Keller ist es ja interessant ähm
- äh dass er das ganz anders noch mal. Also er ist betreibt das ganz affirmativ. Er sagt ähm Feuerbach
- übrigens nach seiner Auskunft ganz schlechter Redner, also ganz schlechter Vorträge. Feuerbach ähm bringt mir
- eigentlich folgendes bei. Ähm ich muss also die Welt ist eine Republik, schreibt ein Wilhelm Baumgartner, die
- Welt ist eine Republik, die braucht keinen Monarchen, also einen persönlichen Gott, der über allem steht,
- nicht der willkürlich verfahren kann. Das braucht's nicht. Ähm das, dieser Gedanke hat mich befreit. Ja. Ähm, was
- geht damit einher? Er sagt dann noch ähm die Unsterblichkeit geht in Kauf. Ja, also Unsterblichkeit gibt's auch nicht
- mehr. M und ähm dann sagt er, und das ist eigentlich wichtig,
- davor hat er an das geglaubt. Ja, zumindest ähm aus der Negation lässt sich das rauslesen. Ja, und dann sagt
- man, na ja, ähm was bleibt uns eigentlich dann noch? [schnauben] Und Keller hat dann so die
- Vermutung, alle meinen, das wäre dann alles viel profaner und grauer, aber ich sage, es ist alles viel glühender und
- farbiger und tiefer jetzt, nachdem ich im Grunde mit all dem Schluss gemacht habe, weil jetzt bin ich ganz radikal
- diese. Ja, also das heißt, er sieht dieitigkeit, der Verzicht auf diesen Überbau. Das haben wir die Verbindung
- wieder zu den anderen Geschichten, über die wir vorhin gesprochen haben. Er ist der Verzicht auf diesen auf den
- theologischen Überbau. Ermöglicht mir die Sicht auf die Wirklichkeit und da raft das Leben nach dem Tod. Das
- natürlich dann dann ist Tier, dass wir jetzt was wir jetzt haben, das einzige, was wir
- Genau. Genau. Es gibt sogar noch eine radikalere Forderung. Er sagt, er glaubt daran, dass es in Zukunft keinen
- Künstler geben wird, der nicht ausschließlich sterblicher Mensch sein will,
- will sein will. Ja, das heißt, ähm Kunst kann in seiner Vorstellung nur der machen,
- der tatsächlich auf Unsterblichkeit verzichtet und das nicht als ein Konzept ansieht, ähm, dass der Kunst etwas
- nützt, also etwas ähm ähm transzendentes, sondern ähm Kunst kann nur der machen, der wirklich ähm nur in
- der Wirklichkeit eigentlich zu Hause ist und auf die Dinge schaut. Ähm, das ist ein ganz ganz prägendes äh Erlebnis für
- ihn gewesen und hat eigentlich alles weitere ähm was wir in dem Bereich Weltanschauung und Keller schreiben
- können, ähm ja bedingt und äh ja geprägt. Ich meine, es schon ungeheurer
- Mentalitätswandel, was da was Keller da vollzieht, aber die ganze Zeit macht das ja auch durch. Also ich meine
- Sekäularisierung, Industrialisierung, Modernisierung, Liberalisierung, da passiert unglaublich viel. Ja,
- und es entsteht eine neue politische Kultur. Man hat davor irgendwie so etwas wie Feinde gehabt. Jetzt hat man
- politische Gegner, mit denen man Argumente austauschen muss, mit denen man zusammenarbeiten muss in der
- Politik. Ja, wie gut haben die Menschen damals das eigentlich verarbeiten können oder
- aufgenommen? Ähm, also die den Umbruch meinen Sie, ne? Also ja, da dazu ist ja Kellers Werk
- da, dass man genau das studieren kann eigentlich, weil ähm wenn er sich an seiner Zeit abarbeitet, sieht man das
- sehr deutlich. Die wie es wie es beschreiben könnte. Also
- die Kellerswerk zeigt eigentlich den Weg ähm einen einer ja einer Nation in eine demokratische Gesellschaft, nicht den
- Übergang. Und ähm was man natürlich da sieht ist, es ist keineswegs so, dass man Knopfdruck macht und jetzt haben wir
- Verfassung, jetzt ein Bundesstaat und jetzt läuft's halt einfach so, sondern was bei Keller immer wieder aufscheint,
- ist ähm ähm das, was vorher war, also eine Zeit, die sich heroisiert, also im Fanland der
- sieben Aufrechten, nicht die sieben aufrechten, die eigentlich Krieger waren mit Jesuitenjäger, mit Gewehren, ja, und
- die Söhne werden jetzt alle Schreiber. Ähm, aber die anden sind noch da. Was macht man mit denen jetzt, ne? Äh ähm äh
- und diese Kräfte sind auch immer noch da und die betrachten haben immer noch eine Vorstellung von Feinden. Ja. Ähm und
- dieses ähm im wahrsten Sinne des Wortes polemische Denken sieht Keller in diese neue Zeit einsickern, wie er auch
- einsichern sieht, Irrationalismus, Aberglaube, ja, dass das noch mitläuft,
- das läuft alles mit. Das versinkt, man könnte sagen, das sickert so ein und Keller in sein auch in Selv nicht. Man
- könnte sagen, der schaut im Grunde so von oben drauf, merkt da bewegt sich immer noch mal was und hier bewegt sich
- noch mal was. Sobald es um Armut, sobald man Verhältnisse hat, was um Armut geht, wo Leute an die Existenzgrenze kommen,
- zeigen sich bestimmte Phänomene immer wieder und äh dann brechen natürlich solche Heroismen wieder auf und
- Aberglaube bricht wieder auf. ist ja sehr aktuell, wenn man denkt, die Ängste der Mittelschicht, Abstiegsäng
- Ängste heute, Populismus, autoritäre Regime, dass die liberale Demokratie gar nicht so eine Selbstverständlichkeit ist
- und das würde ich das mit Sicherheit, also ich glaube ähm was nicht funktioniert
- ist, dass man sagt, Keller ist deswegen aktuell, weil wir genau die Probleme, die er hat oder die er beschreibt bei
- uns wiedershen. Aber als ein Spiegel, das heißt, Keller kann im Grunde beschreiben, wie ja die junge
- Altgenossenschaft eigentlich ähm untergründig ähm durch ja Dynamiken geprägt wird, die sie eigentlich auf
- sich ausschließen will, aber nicht kann. Ja. Ähm und wir könnten natürlich sagen, die äh Schweiz 2019 oder vielleicht
- überhaupt die westeuropäischen oder die westlichen Demokratien 2019, da tauchen bestimmte Dinge aus diesen
- Untiefen wieder auf und äh die Keller gerade einwandern sieht nicht und die kommen dort wieder
- auf und ähm insofern ist das Werk natürlich zur Analyse der Gegenwart durchaus sehr hilfreich.
- Mhm. Mhm. Und noch einen anderen Aspekt möchte ich äh gegen Schluss der Sendung aufgreifen,
- nämlich, dass die Demokratie, wir haben das schon ein bisschen angetönt, auch von Seiten der Ökonomie in die Enge
- getrieben werden kann oder bedroht sein werden kann durch die Vorherrschaft des der Ökonomie, des Kapitals, des Geldes,
- das irgendwie auch einen korrumpierenden Charakter auf die Gesellschaft oder auf den Charakter des Einzelnen haben kann
- und das zeigt Keller in verschiedenen Werken, aber auch in seinem Spätwerk, dem Roman Martin Saalander.
- und wir möchten daraus äh uns kurz eine Stelle anhören. Ähm äh gelesen von Hanspeter Mühler Drossa kürzlich im
- Literaturclub. Ähm, zum Verständnis der Stelle muss man sagen, äh, es geht da darum, dass die beiden Töchter von
- Martin Saalander unglücklich sind in ihrer Ehe, in ihrer Liebe mit zwei Zwillingen, die
- weiderlich Zwillinge und äh die Mutter dieser beiden Zwillingen, die spürt das und die geht
- dann zu zu Frauinander und möchte wissen, was denn da los ist. Dass wir es wissen wollen, so muss ich
- es ihnen sagen. Meine Töchter haben ihre Heirat bereut. So sagte die arme Frau Weiderlich mit
- gedehntem Laute, höchst betroffen und bleich geworden. [räuspern] Sie fühlte das schöne Lebensgebäude
- schwanken, dass sie mit so viel Sorge und Kunst ihren Söhnen aufgerichtet. Als sie sich vom Schrecken etwas erholt,
- fragte sie mir klein laut als trotzig, was denn die Frauen groß Ursache hätten, die Heirat zu bereuen.
- Ja, das ist eben das Verwunderliche, dass ich mit der Zeit verlieren kann, weil es ertragen werden muss. Sie sagen
- von den jungen Herrn, es sei nichts mit ihnen, sie haben keine Seelen. mit rotem Kopfe, den sie so stark
- schüttelte, dass der Hut darauf mit allen Blumen und Bändern zitterte, der müden Beine vergessen sprang die Frau
- weidelig aus ihrem Sessel auf und rief tödlich beleidigt: "Keine Seele, meine zwei Buben. Rund und nett habe ich sie
- zur Welt gebracht und jeden habe ich sein Seelchen mitgegeben von meiner eigenen unsterblichen Seele. Wo soll es
- dann hingekommen sein? Würden sie Landschreiber geworden sein? keine Seelen, die verfluchten Gänse.
- In diesem Moment erscheint ihr Vater, ihr Mann in völlig desem Zustand. Jakob, wo kommst du hierher?
- Als sie die ratlose Verfassung seiner Gesichtstüge genauer sah, durchfuhr sie ein Schrecken.
- Was hat's gegeben, Jakob? Fragte sie mit bleich erforscht, da das Unbekannte, welches den sonst zur ruhigen Mann aus
- dem Hause getrieben, ihr doppelt schreckhaft erschien. Unser Sohn Isidor ist in der Stadt.
- Er sitzt gefangen in schwerer Untersuchung. Sie haben ihn gestern Abend gebracht.
- Danke schön. Ja, die beiden Zwillinge, die hätten keine Seele gesagt. Ja, sie haben keine Seele. Ähm, man kann
- sich ja fragen, haben die keine Seele, weil sie Zwillinge sind oder sind das Zwillinge, weil sie keine Seele haben in
- diesem Text? Und ich würde sagen, das letzte ist eigentlich richtig. Ähm, dazu muss man wissen, äh das sind
- nicht umsonst Zwillinge in diesem Werk. ähm nichts gegen Zwillinge übrigens, die jetzt zuschauen, ähm sondern ähm ähm
- Zwillinge haben ein Problem im Kellerswerk, nämlich ähm man weiß nicht, was ist das
- Original und was ist das Duplikat. Ja, das und das ist ähm äh das könnte für zwei Menschen egal sein. Das Problem ist
- aber, dass ich ähm das auf einen Komplex bezieht, der mit dem Wirtschaften zusammenhängt.
- Massenproduktion. mit Massenproduktion, aber vor allem mit was anderem. Nämlich, wenn man genau schaut, ähm die
- Weidelichtzwillinge ähm sind Notare, ja, man äh zwei Notare. Was machen die? Die äh haben Schulden,
- weil sie sich verspekulieren die ganze Zeit und versuchen im Grunde ihre Schulden
- damit zu begleichen, dass sie ähm ja Schulden verdoppeln. Also, die haben Schundbriefe, die abgelöst werden und äh
- die lösen sie aber nicht ab, sondern die kann man weiter verkaufen, wie man das äh bei uns von den äh von
- der 2008 von der Finanzkrise kennt. Also, man verkauft Schulden immer immer immer weiter und äh bünft die
- Spekulationsblasen und auf einmal irgendwann muss einer zahlen und kann es nicht und dann bricht zusammen.
- Und ähm Keller untersucht eigentlich in diesem Roman genau dieses Prinzip. gesagt, also
- was passiert eigentlich in dem Moment, indem wir nicht mehr ein ganz einfaches Verhältnis haben? Hier ist die Ware, da
- ist im Grunde der Betrag derander, der damit ähm der daran gefesselt ist, also feste Ökonomie, sondern wenn wir auf
- einmal Geld mit Geld machen, nicht wenn es Finanzökonomie gibt. Das ist für das 19. Jahrhundert überhaupt ein großes
- Problem, weil wenn man USHelin z.B. belest. Ähm, dann können Sie nachlesen, ähm, dass die Finanzökonomie natürlich
- wuchert, ne, in dieser Zeit. Also, es gibt Börsenberater und alles, ne, und ähäh Büchen, man machen kann, alle
- spekulieren, das ist wie Glücksspiel. Ähm, während die Wirtschaftswissenschaften, also die
- Nationalökonomie, die halten das überhaupt gar nicht für Ökonomie, ne? die sagen Finanzökonomie, das ist
- eigentlich ja nur Spielerei, das hat ja mit Volkswirtschaft gar nichts zu tun und ähm man hat also gar keine Begriffe
- und gar kein Verständnis dafür, was da eigentlich gerade richtig passiert. Und äh was Keller macht, ist, dass er zeigt
- dieses Prinzip ähm, dass auf einmal sich Werte auf Werte beziehen und hochschaukeln und ähm Leute auf einmal
- bankrott gehen und man weiß aber gar nicht, was ist passiert. Die haben doch noch alles, nicht? Aber auf einmal haben
- sie Schulden oder Martin Salander selber nicht. Ist irgendwie jahrelang in Brasilien und äh erwirtschaftet ein
- Vermögen, gibt das an der Bank, die mit einem Zürcher Bankhaus im Kontakt steht, kommt zurück und dann ist das
- Bankraushalt bankrott und gar nichts hat er mehr, nicht? Das versteht man natürlich erstmal nicht und
- ja, dieses absagte Geld, dass sich in verselbständigt, Marx würde sagen reiner Tauschwert, kein Gebrauchswert mehr.
- Genau, ich meine, Marx ist auch ein Stichwort, weil auch 1848 kommunistisches Manifest. Diese Idee des
- Kommunismus [räuspern] geistert darum, ja, ähm bei Keller findet man immer wieder
- Kapitalismuskritische Stellen eben an diesem Casinokapitalismus Spekulation.
- Liebeugelte er auch mit dem Kommunismus zeitweise oder? Ja, also er hatte in den 1840ern,
- ganz früh nicht, hatte er durchaus Kontakt, das gab's ja nicht, äh äh hatte einen kommunistischen Bekannten. Ähm da
- war er aber eigentlich nie richtig engagiert, muss man sagen, nicht? Also das, also das war keine, da war keine
- Parteigängerschaft eigentlich für ihn zu suchen. Ähm, die Kapitalismuskritik kommt aber natürlich schon daher, dass
- man sagt, es ähm äh es die es gibt so etwas wie im Kapitalismus eine Dynamik, die zum äh zur Dessubstanzialisierung
- von Gesellschaften führt. Ja, Entkehrnung, Entkernung. Entkernung und die Zwillinge
- sind eigentlich nur ein Symptom davon, nicht die erscheinen so, weil sie genau das tun, was sie sind. Ja, äh die
- verdoppeln Schulden. Ja, man weiß nicht mehr ähm gibt's diese Schulden noch oder gibt's die eben nicht mehr, gibt's die
- zweimal, aber sie verdoppeln das Ganze. Ähm, tatsächlich sind sie aber nur der Ausdruck einer ganzen Gesellschaft, der
- Martin Salander selber nämlich, ja, der äh investiert auch in Immobilien, von denen er gar nicht weiß, wo die stehen.
- Also, er geht durch eine Straße irgendwo habe ich hier auch ähm äh investiert. Ähm, der glaubt noch an dieses an dieses
- Prinzip. ähm äh und äh ist ein ganz hat eine ganz ganz schlechte Kenntnis dieser Welt, Menschenkenntnis. Der kann
- überhaupt nicht unterscheiden, was ist ein Wert und was ist keine äh seine Frau kann das, er selbst kann das nicht. Ähm
- er selbst äh geht auch so über ein Wirtschaftssystem, sein eigenes, das über Sklaverei funktioniert, hinweg, die
- Frau spricht an. Es gibt also ganz viele Verwerfungen, ähm kapitalistische Verwerfungen, die Keller sieht und auch
- benennt durch die Frauen. Durch die Frauen. Die Frauen können das.
- Welche Rolle spielen denn die Frauen in seinem Werk? Eine enorm große. Also ähm abgesehen
- davon, dass natürlich auch einige der der der witzigsten oder ja ähm man könnte sagen äh charismatischsten
- Figuren Frauen sind. Also ZSBIN habe ich schon genannt. Ähm äh aber es ist so, dass die Frauen in der Regel die sind,
- die auch Ordnung schaffen können und die ähm im Grunde diese Illusionen, die sich Männer machen, am schnellsten brechen
- können, ja, die eben sagen können, das bist du nicht. Ja. äh und ähm ähm die äh die auch erziehen können. Ja, also ähm
- und äh also Frauen sind eigentlich bei Keller in zu einem Teil natürlich wirklich so Katalysatoren, also die
- können tatsächlich so das äh wahre vom falschen, könnte man sagen, scheiden. Ja.
- Ähm, man kann natürlich sagen, inwiefern sind Frauen hier Figuren, die sich auch wirklich
- mitentwickeln, nicht? Wie weit gibt's ja nicht auch wieder diese Stereotype, die ähm die Literatur des 19. Jahrhunderts
- immer wieder durchziehen, nicht? Also die die die diese heiligen Figuren, ja, die unberührbaren, nicht die ähm die
- [räuspern] man könnte sagen, die die Kindsfrauen auch die reinenwickeln
- und genau das Meritleine ist natürlich auch mal so eine Figur, die sehr sehr interessant ist äh aber das grünen
- Heinrich, ja ähm das führt jetzt ein bisschen weiter. Ja, müssen wir nicht ausfügen. ähm gegen
- gegen Ende der Sendung würde mich noch interessieren, also wir haben jetzt über Keller über verschiedene Aspekte
- gesprochen als äh Schriftsteller des Scheiterns, könnte man sagen, vereinfacht, aber auch als äh
- gesellschaftspolitische gesellschaftskritische Autor. Ähm
- Mhm. Sie leiten ja auch einen Blog zur Geschichte zur Gegenwartsliteratur,
- einen digitalen Alman nach. Ja. Digitalen Alma nach. Genau.
- Das heißt, sie beschäftigen sich auch stark mit dem, was derzeit jetzt publiziert wird, aktuell. Und ähm mich
- würde interessieren, welche Autorin, welcher Autor wäre denn der Gottfried Keller von heute? Ähm
- man weiß ja nicht, ob man den Leuten damit ein gefallen tut, aber ich würde sagen ähm [schnauben] wenn wir uns an so
- bestimmten Aspekten orientieren, z.B. sowas wie Judits Calanski, Verzeichnis einiger Verluste, das ist ein Text, der
- genau das macht, was Keller auch macht, die Aufmerksamkeit auf Dinge richten, die eigentlich schon verschwunden sind,
- ja, die es nicht mehr gibt, die Verlust gegangen sind. Mhm. Und aus diesem nichts, aus diesen
- Fragmenten, die man noch hat, ja, im Grunde von Sapfo z.B. nicht Kulturgeschichten schreiben, große
- Kulturgeschichten schreiben, ähm die äh ein Atlas macht über sowas wie ähm äh die die so also der Atlas der
- abgelegenen Inseln. Also, man weiß genau, man kommt da nie hin, aber daraus kann man Geschichten machen. Ähm, das
- ist jemand, der im Grunde so bestimmte Technik, die Keller hat, weiterführt in äh in unserem Sinne übrig auch jemand,
- der natürlich vielleicht nicht von ungefähr grafisch als als äh als auch als Buchdesignerin nicht tätig ist, also
- wie Keller auch diese grafische A da noch hat. Ähm, wäre auch nur mal eine Anbindung.
- Mhm. Jalanski, deutsche Autorin. Ja, und genau dieses Verschwinden oder dieses Vergängliche auch ist ja auch
- wieder mit dem Scheitern verbunden, auch mit der Diesseitigkeit ähm die wir besprochen haben.
- Vielleicht ganz zum Schluss noch ein le ein Lesetipp von Ihnen. Äh, wenn man mit Keller einsteigen möchte oder alles
- schon wieder vergessen hat von der Schule. Mhm.
- Was empfehlen Sie? Also ganz spontan würde ich sagen, die Leute von Seltvila. Leute von Seltvilla
- ähm sind haben eine relativ geringe Schwelle zum Lesen. Ähm äh nicht nur Gewicht, nicht vom Gewicht her,
- vergleichsweise kürzere Novellen. Ja, man kann auch Pausen dazwischen machen. Ähm
- es ist aber natürlich so, wie das auch Peter von Matt äh immer gesagt hat, ähm das Gemeine an Keller ist eigentlich man
- halt man kann ganz leicht reinkommen, nicht? Man kann ganz leicht einsteigen. Bei Mea z.B. ist das viel schwieriger,
- aber man glaubt dann immer, das wäre halt so ein leichter Auto. Das ist er gar nicht. Also, man kann es auch fünf
- mal lesen und dann findet man immer noch viele Sachen. Mhm. Aber ich würde mit Selviera beginnen.
- Ähm das ist auch so ein bisschen das heiterste, was man hat. Ja, gut. Philip Taison, vielen herzlichen
- Dank für das Gespräch. Danke fürs hier sein. Ja, bald schon sind Europawahlen und
- angesichts der Turbulenzen um den Brexit dürfte es spannend werden. Barbara Bleisch diskutiert nächste Woche mit den
- Politikwissenschaftlern Ulrike Ger und Frank Schimmelfennig über die Idee Europa und fragt: "Ist Europa mehr als
- ein Kontinent?" Und jetzt gleich gibt's Musik und zwar zum Abtanzen und die klingt so.
- [jubel] [musik] Ja, und wenn Sie wissen wollen, warum
- das Duo Daftpunk Musikgeschichte geschrieben hat, dann bleiben Sie dran. [musik]
- อ
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