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Die Reichsgründung 1871
Das Wichtigste aus dem Video
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Transkriptautomatisch erstellt · 57 Zeilen
- Welcher historische Moment bestimmt bis heute das Bild der deutschen Staatsgründung? Im späten Januar des Jahres 1871
- hallen die Stiefel deutscher Soldaten durch die Prachträume von Schloss Versaill, während draußen die preußischen Truppen die französische
- Hauptstadt belagern. Es ist ein eiskalter Wintermorgen, als im Spiegelsaal der preußische König Wilhelm als deutscher Kaiser ausgerufen wird.
- Doch was genau verbirgt sich hinter dieser berühmten Szene? Ist es die Geburtsstunde einer Nation oder nur das inszenierte Ende eines langen und
- blutigen Krieges? Die Deutsche Reichsgründung markiert die Gesamtheit aller politischen, militärischen und wirtschaftlichen
- Prozesse, die zur Konstituierung des deutschen Kaiserreichs im Jahr 1871 führten. Sie ist kein einzelner klar umrissener Akt, sondern das Ergebnis
- jahrelanger Konflikte, diplomatischer Verhandlungen und gewaltsamer Auseinandersetzungen. Unter der strikten Führung Preußens und
- Unteruschluss Österreichs entsteht die sogenannte kleindeutsche Lösung. Vorausgegangen waren der wirtschaftliche Zusammenschluss im deutschen Zollverein
- sowie die siegreichen Einigungskriege gipfelnd im deutsch-französischen Krieg von 1870 und 1871. Mit den Novemberverträgen treten die
- Süddeutschen Staaten Baden, Würtemberberg, Bayern sowie Hessen, dem norddeutschen Bund bei. Damit dehnt sich der föderale deutsche Staat zum neuen
- Deutschen Reich aus. Der 18. Januar bleibt als Tag der Kaiserproklamation zwar im kollektiven Gedächtnis haften, doch rechtlich existiert das neue Reich
- bereits seit dem 1. Januar des Jahres 1871 auf Grundlage einer neuen Bundesverfassung.
- Wie konnte es überhaupt zu dieser Machtballung unter preußischer Führung kommen? Die Wurzeln reichen tief in die
- Jahrzehnte vor zurück. Der deutsche Krieg von 1866 besiegelt das Schicksal des alten deutschen Bundes und führt zu dessen
- Auflösung. Otto von Bismarck, der preußische Ministerpräsident und spätere Kanzler, verfolgt beharrlich das Ziel eines
- kleindeutschen Nationalstaates. Nach seiner Einschätzung kann dieses Ziel nur ohne die Habsburgische Monarchie erreicht werden, da Österreich
- im bisherigen Bund eine zu starke hegemoniale Position inne hat. Nach dem Sieg über Österreich in der Schlacht bei König Grätz erzwingt Bismarck die
- Gründung des norddeutschen Bundes als Militärbündnis. Doch die Spannungen reißen nicht ab. Bald gerät die spanische Thronfolge in
- den Fokus der europäischen Diplomatie. Als der preußische Prinz Leopold von hohen Zollern als Anwärter für den spanischen Thron gehandelt wird, droht
- Frankreich mit Krieg. Der französische Kaiser Napoleon II. fordert Garantien für die Zukunft, die der preußische König Wilhelm. I. strickt ablehnt.
- Bismarck nutzt diese diplomatische Verstimmung geschickt aus, indem er die sogenannte Emser de Pesche veröffentlicht.
- Die bewusst konfrontative Darstellung führt in Frankreich und Deutschland zu massiver Empung. Am 19. Juli 1870
- erklärt Frankreich Preußen den Krieg. Genau dieser Schritt treibt die Süddeutschen Staaten an die Seite Preußens, denn die alten Schutz und
- Trutzbündnisse greifen im Verteidigungsfall sofort. Die nachfolgenden Siege der deutschen Truppen gegen die französischen Armeen
- brechen den Widerstand gegen einen gemeinsamen Staat und schaffen den perfekten Boden für die endgültige Einigung.
- Warum fällt die Wahl ausgerechnet auf Schloss Versailles als Ort der Proklamation? Während die französische Metropole Paris
- von deutschen Truppen belagert wird, versammeln sich die Spitzen der deutschen Armeen in dem prunkvollen Bauwerk, dessen Deckengemälde den
- Sonnenkönig Ludwig den X. als Eroberer deutscher Länder feiern. Die Wahl dieses geschichtsträchtigen Ortes soll der Welt die neue europäische
- Großmacht demonstrieren. Zementiert jedoch gleichzeitig für Jahrzehnte die deutsch-französische Erbfeindschaft. Am 18. Januar 1871
- marschieren deutsche Truppen in Paradeuniform auf. Ein Feldaltar wird im Spiegelsaal aufgebaut. Köre singen und Feldgeistliche zelebrieren einen
- feierlichen Gottesdienst. Otto von Bismarck verlas schließlich die Proklamation, in welcher der preußische König die deutsche Kaiserwürde annimmt.
- Die anwesenden Fürsten, Prinzen, Minister und Generäle jubeln, während der neue Kaiser selbst im Ereignis eher nüchtern gegenüber steht. In privaten
- Briefen beklagt Wilhelm II. I. Er habe die glänzende preußische Krone gegen eine schmutzige Kaisertud vertauschen müssen, da die Staatsraison es so
- verlange. Auch den genauen verfassungsgemäßen Titel Deutscher Kaiser lehnt er zunächst ab und bevorzugt den traditionelleren Ausdruck
- Kaiser Wilhelm. Dennoch wird dieser Tag für die Öffentlichkeit zur gefühlten Geburtsstunde des neuen Reiches. Auch
- wenn die zivilen Parlamentarier kaum eine Rolle spielten und die Entscheidung primär das Werk diplomatischer Machtpolitik war.
- Wie ist dieses neugeschaffene Kaiserreich verfassungsrechtlich aufgebaut? Das Oberhaupt des Reiches wird keineswegs vom deutschen Volk
- gewählt, sondern durch die Herrscher der Einzelstaaten, die deutschen Bundesfürsten eingesetzt. Die formelle Souveränität liegt beim Bundesrat, in
- dem die Gliedstaatsregierungen durch Beamte vertreten sind. Preußen nimmt dabei eine absolute Sonderstellung ein. Mehr als zwei Drittel des Deutschen
- Staatsgebiets und fast ebenso viele Einwohner entfallen auf Preußen. Da der preußische König in Personalunion deutscher Kaiser ist und das Amt des
- Reichskanzlers fast ausschließlich von preußischen Ministerpräsidenten geführt wird, liegt die wahre Macht fest in preußischen Händen.
- Dennoch bringt das Reich für seine Zeit auch moderne Elemente mit sich. Das Reichstagswahlrecht gilt als sehr fortschrittlich und sorgt
- für eine beträchtliche Demokratisung. Das Parlament verfügt über ein wichtiges Budget und Gesetzgebungsrecht. Auf der anderen Seite steht die starke
- kaiserliche Regierung, die über Militär, Außenpolitik und den Ausnahmezustand entscheidet. In der Rechtswissenschaft wird lange darüber gestritten, ob es
- sich bei der Reichsgründung um eine Inkorporation oder eine Fusion handelt. Die herrschende Lehre setzt sich jedoch mit der Auffassung durch, dass das
- deutsche Reich keine radikale Neuschöpfung darstellt, sondern eine bewusste Reform und Erweiterung des bestehenden norddeutschen Bundes ist.
- Welches Echo hinterlässt die Reichsgründung in Europa und in der Geschichtsschreibung? Das im Spiegelsaal verkündete Reich ist
- ein komplexes Gebilde aus Bundesstaat, konstitutionellem Verfassungsstaat und preußischem Hegemonialstaat. Gleichzeitig bleibt es ein unvollendeter
- Nationalstaat, da millionen deutschsprachiger Menschen außerhalb seiner Grenzen verbleiben und das Wort Nation in der Verfassung nicht einmal
- vorkommt. Die Historie bewertet den Prozess meist als eine Revolution von oben, bei der geschickte Machtpolitik und militärische
- Stärke die nationalen Sehnsüchte der Bevölkerung kanalisieren. Das Bündnis aus preußischer Armeemacht, industrieller Dynamik und monarchischer
- Führung formt eine neue europäische Supermacht, die das bisherige Kräfteverhältnis in Europa grundlegend verändert. Während britische Politiker
- wie Benjamin Israeli in der deutschen Einigung eine zerstörerische Revolution des europäischen Gleichgewichts sehen, feiern die Zeitgenossen im Inland den
- Sieg über den traditionellen Rivalen Frankreich. Doch die Art und Weise der Entstehung, geprägt durch Blut und Eisen sowie den
- Ausschluss breiter demokratischer Mitbestimmung prägt den Charakter des Kaiserreichs nachhaltig. Es entsteht ein Staat, der zwar
- technologisch und wirtschaftlich rasant aufsteigt, indem aber die autoritären Strukturen der Monarchie und des Militärs das politische Leben dominieren
- und die Weichen für zukünftige Konflikte in Europa stellen. Yeah.
Zum Nachlesen
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