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Die Reichsgründung 1871

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  1. Welcher historische Moment bestimmt bis heute das Bild der deutschen Staatsgründung? Im späten Januar des Jahres 1871
  2. hallen die Stiefel deutscher Soldaten durch die Prachträume von Schloss Versaill, während draußen die preußischen Truppen die französische
  3. Hauptstadt belagern. Es ist ein eiskalter Wintermorgen, als im Spiegelsaal der preußische König Wilhelm als deutscher Kaiser ausgerufen wird.
  4. Doch was genau verbirgt sich hinter dieser berühmten Szene? Ist es die Geburtsstunde einer Nation oder nur das inszenierte Ende eines langen und
  5. blutigen Krieges? Die Deutsche Reichsgründung markiert die Gesamtheit aller politischen, militärischen und wirtschaftlichen
  6. Prozesse, die zur Konstituierung des deutschen Kaiserreichs im Jahr 1871 führten. Sie ist kein einzelner klar umrissener Akt, sondern das Ergebnis
  7. jahrelanger Konflikte, diplomatischer Verhandlungen und gewaltsamer Auseinandersetzungen. Unter der strikten Führung Preußens und
  8. Unteruschluss Österreichs entsteht die sogenannte kleindeutsche Lösung. Vorausgegangen waren der wirtschaftliche Zusammenschluss im deutschen Zollverein
  9. sowie die siegreichen Einigungskriege gipfelnd im deutsch-französischen Krieg von 1870 und 1871. Mit den Novemberverträgen treten die
  10. Süddeutschen Staaten Baden, Würtemberberg, Bayern sowie Hessen, dem norddeutschen Bund bei. Damit dehnt sich der föderale deutsche Staat zum neuen
  11. Deutschen Reich aus. Der 18. Januar bleibt als Tag der Kaiserproklamation zwar im kollektiven Gedächtnis haften, doch rechtlich existiert das neue Reich
  12. bereits seit dem 1. Januar des Jahres 1871 auf Grundlage einer neuen Bundesverfassung.
  13. Wie konnte es überhaupt zu dieser Machtballung unter preußischer Führung kommen? Die Wurzeln reichen tief in die
  14. Jahrzehnte vor zurück. Der deutsche Krieg von 1866 besiegelt das Schicksal des alten deutschen Bundes und führt zu dessen
  15. Auflösung. Otto von Bismarck, der preußische Ministerpräsident und spätere Kanzler, verfolgt beharrlich das Ziel eines
  16. kleindeutschen Nationalstaates. Nach seiner Einschätzung kann dieses Ziel nur ohne die Habsburgische Monarchie erreicht werden, da Österreich
  17. im bisherigen Bund eine zu starke hegemoniale Position inne hat. Nach dem Sieg über Österreich in der Schlacht bei König Grätz erzwingt Bismarck die
  18. Gründung des norddeutschen Bundes als Militärbündnis. Doch die Spannungen reißen nicht ab. Bald gerät die spanische Thronfolge in
  19. den Fokus der europäischen Diplomatie. Als der preußische Prinz Leopold von hohen Zollern als Anwärter für den spanischen Thron gehandelt wird, droht
  20. Frankreich mit Krieg. Der französische Kaiser Napoleon II. fordert Garantien für die Zukunft, die der preußische König Wilhelm. I. strickt ablehnt.
  21. Bismarck nutzt diese diplomatische Verstimmung geschickt aus, indem er die sogenannte Emser de Pesche veröffentlicht.
  22. Die bewusst konfrontative Darstellung führt in Frankreich und Deutschland zu massiver Empung. Am 19. Juli 1870
  23. erklärt Frankreich Preußen den Krieg. Genau dieser Schritt treibt die Süddeutschen Staaten an die Seite Preußens, denn die alten Schutz und
  24. Trutzbündnisse greifen im Verteidigungsfall sofort. Die nachfolgenden Siege der deutschen Truppen gegen die französischen Armeen
  25. brechen den Widerstand gegen einen gemeinsamen Staat und schaffen den perfekten Boden für die endgültige Einigung.
  26. Warum fällt die Wahl ausgerechnet auf Schloss Versailles als Ort der Proklamation? Während die französische Metropole Paris
  27. von deutschen Truppen belagert wird, versammeln sich die Spitzen der deutschen Armeen in dem prunkvollen Bauwerk, dessen Deckengemälde den
  28. Sonnenkönig Ludwig den X. als Eroberer deutscher Länder feiern. Die Wahl dieses geschichtsträchtigen Ortes soll der Welt die neue europäische
  29. Großmacht demonstrieren. Zementiert jedoch gleichzeitig für Jahrzehnte die deutsch-französische Erbfeindschaft. Am 18. Januar 1871
  30. marschieren deutsche Truppen in Paradeuniform auf. Ein Feldaltar wird im Spiegelsaal aufgebaut. Köre singen und Feldgeistliche zelebrieren einen
  31. feierlichen Gottesdienst. Otto von Bismarck verlas schließlich die Proklamation, in welcher der preußische König die deutsche Kaiserwürde annimmt.
  32. Die anwesenden Fürsten, Prinzen, Minister und Generäle jubeln, während der neue Kaiser selbst im Ereignis eher nüchtern gegenüber steht. In privaten
  33. Briefen beklagt Wilhelm II. I. Er habe die glänzende preußische Krone gegen eine schmutzige Kaisertud vertauschen müssen, da die Staatsraison es so
  34. verlange. Auch den genauen verfassungsgemäßen Titel Deutscher Kaiser lehnt er zunächst ab und bevorzugt den traditionelleren Ausdruck
  35. Kaiser Wilhelm. Dennoch wird dieser Tag für die Öffentlichkeit zur gefühlten Geburtsstunde des neuen Reiches. Auch
  36. wenn die zivilen Parlamentarier kaum eine Rolle spielten und die Entscheidung primär das Werk diplomatischer Machtpolitik war.
  37. Wie ist dieses neugeschaffene Kaiserreich verfassungsrechtlich aufgebaut? Das Oberhaupt des Reiches wird keineswegs vom deutschen Volk
  38. gewählt, sondern durch die Herrscher der Einzelstaaten, die deutschen Bundesfürsten eingesetzt. Die formelle Souveränität liegt beim Bundesrat, in
  39. dem die Gliedstaatsregierungen durch Beamte vertreten sind. Preußen nimmt dabei eine absolute Sonderstellung ein. Mehr als zwei Drittel des Deutschen
  40. Staatsgebiets und fast ebenso viele Einwohner entfallen auf Preußen. Da der preußische König in Personalunion deutscher Kaiser ist und das Amt des
  41. Reichskanzlers fast ausschließlich von preußischen Ministerpräsidenten geführt wird, liegt die wahre Macht fest in preußischen Händen.
  42. Dennoch bringt das Reich für seine Zeit auch moderne Elemente mit sich. Das Reichstagswahlrecht gilt als sehr fortschrittlich und sorgt
  43. für eine beträchtliche Demokratisung. Das Parlament verfügt über ein wichtiges Budget und Gesetzgebungsrecht. Auf der anderen Seite steht die starke
  44. kaiserliche Regierung, die über Militär, Außenpolitik und den Ausnahmezustand entscheidet. In der Rechtswissenschaft wird lange darüber gestritten, ob es
  45. sich bei der Reichsgründung um eine Inkorporation oder eine Fusion handelt. Die herrschende Lehre setzt sich jedoch mit der Auffassung durch, dass das
  46. deutsche Reich keine radikale Neuschöpfung darstellt, sondern eine bewusste Reform und Erweiterung des bestehenden norddeutschen Bundes ist.
  47. Welches Echo hinterlässt die Reichsgründung in Europa und in der Geschichtsschreibung? Das im Spiegelsaal verkündete Reich ist
  48. ein komplexes Gebilde aus Bundesstaat, konstitutionellem Verfassungsstaat und preußischem Hegemonialstaat. Gleichzeitig bleibt es ein unvollendeter
  49. Nationalstaat, da millionen deutschsprachiger Menschen außerhalb seiner Grenzen verbleiben und das Wort Nation in der Verfassung nicht einmal
  50. vorkommt. Die Historie bewertet den Prozess meist als eine Revolution von oben, bei der geschickte Machtpolitik und militärische
  51. Stärke die nationalen Sehnsüchte der Bevölkerung kanalisieren. Das Bündnis aus preußischer Armeemacht, industrieller Dynamik und monarchischer
  52. Führung formt eine neue europäische Supermacht, die das bisherige Kräfteverhältnis in Europa grundlegend verändert. Während britische Politiker
  53. wie Benjamin Israeli in der deutschen Einigung eine zerstörerische Revolution des europäischen Gleichgewichts sehen, feiern die Zeitgenossen im Inland den
  54. Sieg über den traditionellen Rivalen Frankreich. Doch die Art und Weise der Entstehung, geprägt durch Blut und Eisen sowie den
  55. Ausschluss breiter demokratischer Mitbestimmung prägt den Charakter des Kaiserreichs nachhaltig. Es entsteht ein Staat, der zwar
  56. technologisch und wirtschaftlich rasant aufsteigt, indem aber die autoritären Strukturen der Monarchie und des Militärs das politische Leben dominieren
  57. und die Weichen für zukünftige Konflikte in Europa stellen. Yeah.

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