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Willensfreiheit & Determinismus bei Kant verständlich erklärt! (Ethik-/Philosophie-Abitur)

Samuel Jalalian13:46 64.887 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 73 Zeilen
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  1. In diesem Video werde ich erklären, wie Kant zum Thema Determinismus und Willensfreiheit steht. Dafür werde ich auch sein Konzept des Menschen als Bürger zweier
  2. Welten und seine Idee der praktischen und transzendentalen Freiheit beleuchten. Falls ihr neu auf dem Kanal seid und euch für Philosophie interessiert, abonniert gerne den
  3. Kanal und aktiviert die Glocke. Auf diese Weise verpasst ihr keine neuen Videos mehr. Jetzt wünsche ich euch viel Spaß mit diesem Video! Zuerst möchte ich sagen, dass Kants Position
  4. zur Willensfreiheit relativ kompliziert ist, weil er in gewisser Hinsicht ein Determinist ist, aber andererseits auch von einer Art Willensfreiheit überzeugt ist. Zur Erinnerung: Der Determinismus
  5. besagt, dass alles auf der Welt durch Kausalketten vorherbestimmt ist. Demnach sind alle Zustände und alle Ereignisse in der Welt durch vorhergehende Ursachen determiniert, die ihrerseits auch wieder
  6. durch vorhergehende Ursachen bestimmt sind und so weiter. Wenn der Determinismus also wahr ist, stand zum Beispiel schon vor eurer Geburt fest, dass ihr jetzt dieses Video schauen werdet.
  7. Die Frage ist, wie Kant dazu steht. Wie ich vorhin erwähnt habe, ist er in gewisser Hinsicht Determinist. Um das zu belegen, will ich euch eine kurze Textstelle von Kant zeigen. Er ist
  8. aber nicht dafür beKANT, besonders verständlich geschrieben zu haben. Also habt keine Angst, wenn ihr das folgende Zitat nicht auf Anhieb versteht. Wir werden es gleich im Anschluss besprechen:
  9. "Jede Handlung, [...] ist selbst Begebenheit, [...] welche einen anderen Zustand voraussetzt, darin die Ursache angetroffen werde, und so ist alles, was geschieht, nur eine Fortsetzung der
  10. Reihe, und kein Anfang, der sich von selbst zutrüge [...]. Also sind alle Handlungen der Naturursachen in der Zeitfolge selbst wiederum Wirkungen, die ihre Ursachen ebensowohl in der
  11. Zeitreihe voraussetzen. Eine ursprüngliche Handlung, wodurch etwas geschieht, was vorher nicht war, ist von der Kausalverknüpfung der Erscheinungen nicht zu erwarten." (KrV A543/B571).
  12. Was will uns Kant hier sagen? Der Determinismus geht davon aus, dass sich alle Ereignisse in der Welt in Kausalketten, also in Ursache-Wirkungs-Beziehungen,
  13. befinden. Das bedeutet, wie vorhin erwähnt, dass jedes Ereignis und jeder Zustand durch vorhergehende Ereignisse verursacht werden. Zur Veranschaulichung gebe ich euch ein Beispiel:
  14. Stellt euch vor, euer Hund läuft zu seinem Wassernapf und trinkt. Für diese Handlung von ihm, gibt es eine Ursache - zum Beispiel hat er Durst verspürt. Sein Durst selbst ist auch eine Wirkung
  15. vorhergehender Ursachen - zum Beispiel, hat er eine längere Zeit nichts mehr getrunken oder er hat sich viel bewegt. Hierfür gibt es auch wieder Gründe - zum Beispiel habt ihr mit eurem
  16. Hund längere Zeit gespielt. Diese hypothetische Kausalkette könnte ich unendlich lange fortführen, weil man laut Kant nie eine erste Ursache finden wird. Das meinte er damit, dass alles, was
  17. geschieht, nur eine Fortsetzung der Reihe ist und kein Anfang, der sich von selbst zuträgt - sich also irgendwie selbst bewirkt. Daher gibt es nach Kant keine ursprüngliche Handlung, wodurch etwas
  18. geschieht, was vorher nicht war. Folglich ist jede Handlung, [...] selbst Begebenheit oder mit anderen Worten: Jede Ursache ist gleichzeitig eine Wirkung vorhergehender Ursachen.
  19. Wenn ihr dieses Video jetzt abschalten würdet, dann würdet ihr womöglich denken, dass Kant ein harter Determinist ist. Das stimmt aber so nicht ganz. Kant sagt nämlich auch,
  20. dass Menschen in der Lage sind "unabhängig von jenen Naturursachen und selbst wider ihre Gewalt und Einfluß etwas hervorzubringen, [...] mithin eine
  21. Reihe von Begebenheiten ganz von selbst anzufangen." (KrV A534/B562) Hier sagt Kant, dass der Mensch doch in der Lage ist, eine eigene Kausalkette
  22. loszutreten und das sogar gegen die Gewalt von Naturursachen. Also obwohl die Welt in bestimmter Weise mit Naturgesetzen und Zuständen beschaffen ist, und wir in den entsprechenden
  23. Ursache-Wirkungs-Beziehungen fest eingebunden sind, können wir irgendwie doch neue Kausalketten erzeugen - oder mit Kants Worten: "Wir können eine Reihe von Begebenheiten ganz von selbst anfangen."
  24. Wie passt das jetzt mit seinen deterministischen Ansichten zusammen? Um das zu klären, will ich euch seine Unterscheidung von praktischer und
  25. transzendentaler Freiheit sowie sein Konzept der Verstandes- und Sinnenwelt vorstellen. Fangen wir als erstes mit der praktischen Freiheit an. Praktische Freiheit liegt nach Kant vor, wenn die
  26. Entscheidungen einer Person nicht durch "sinnliche Antriebe", sondern durch "Bewegursachen, welche nur von der Vernunft vorgestellt werden" bestimmt werden (KrV A802/B830).
  27. Eine Handlung ist also dann praktisch frei, wenn sie auf vernünftige Überlegungen zurückgeht - Kant würde sagen, wenn die entsprechenden Bewegursachen "nur von der Vernunft
  28. vorgestellt werden". Also wenn ich zum Beispiel jemanden helfe, weil ich das vernünftigerweise mit dem kategorischen Imperativ als meine moralische Pflicht erkannt habe,
  29. dann ist meine Handlung praktisch frei. Praktisch unfrei wäre meine Handlung, wenn ich aufgrund meines Geltungsdranges oder aufgrund von anderen sinnlichen Trieben Hilfe
  30. geleistet hätte. Diese Idee der praktischen Freiheit ist mit dem Determinismus vollkommen vereinbar. Der Determinismus bestreitet ja nicht, dass es Handlungen gibt,
  31. die auf vernünftige Überlegungen zurückgehen. Er sagt nur, dass alle Ereignisse - also auch alle Handlungen und auch alle vernünftigen Überlegungen - durch vorhergehende Ursachen determiniert sind.
  32. Wie kommt Kant überhaupt darauf zu denken, dass die Handlungen praktisch frei sind, die auf vernünftige Überlegungen zurückgehen? Das wirkt ja erstmal nach einer ziemlich willkürlichen
  33. Festlegung. Sein Begriff der praktischen Freiheit ergibt aber mehr Sinn, wenn man sein Konzept der Erscheinungswelt und der Welt der Dinge an sich kennt. Man kann diese Welten auch "Sinnen-"
  34. und "Vernunftwelt" oder "phänomenale Welt" und "noumenale Welt" nennen. Ich will euch jetzt erklären, was er mit diesen Welten meint. Nach Kant ist der Mensch ein Bürger dieser zwei
  35. Welten. In der Erscheinungswelt ist der Mensch ein Sinneswesen : Also ein Naturwesen mit einem materiellen Körper, das durch Triebe, Bedürfnisse, Lust und Schmerz und so weiter geleitet ist.
  36. Die Welt, so wie wir sie erfahren, ist die Erscheinungswelt. Und diese Erscheinungswelt ist nach Kant durchgängig determiniert. Also die ganzen Kausalbeziehungen,
  37. von denen der Determinismus ausgeht, sind in der Erscheinungswelt zu verorten. Deshalb ist der Mensch praktisch unfrei, wenn er bei seinem Handeln von Ursachen aus der Erscheinungswelt
  38. bestimmt wird, wie den sinnlichen Trieben. Denn diese sinnlichen Triebe als Bestandteile der Erscheinungswelt sind ja determiniert. Neben der Erscheinungswelt gibt es jetzt noch
  39. die Welt der Dinge an sich - auch Vernunftwelt genannt. Vorweg: Es handelt sich bei den Welten nicht wirklich um zwei physisch getrennte Orte zu denen man reisen kann oder ähnliches. Mit
  40. einem Ding an sich meint Kant: Gegenstände der Sinnenwelt in "ihrer Beschaffenheit an sich selbst" , "jenseits der Art, wie wir sie anschauen"; (KrV B 306; Convolut VII). Lasst
  41. mich euch das erklären. Kant behauptet, dass es bestimmte Eigenschaften gibt, die Dinge an sich haben. Das sind Eigenschaften, die Gegenstände haben müssen, um überhaupt Teil
  42. der Erscheinungswelt sein zu können. Und diese Eigenschaften verändern sich auch nicht, selbst wenn sich die Objekte in der Erscheinungswelt verändern. Beispiele für solche Eigenschaften,
  43. die Dinge an sich haben, sind: 1. Gegenstände müssen räumlich und zeitlich geordnet sein. 2. Es gibt in unserer Erfahrungswelt Dinge,
  44. die im Laufe der Zeit bei allen Veränderungen, die sie erleiden, dieselben bleiben. 3. Alle Veränderungen in der Erscheinungswelt haben eine Ursache.
  45. Dass Dinge diese Eigenschaften an sich haben, kann man unabhängig von der Erfahrung erkennen oder wie man in der philosophischen Fachsprache sagen würde: Es sind a priori Erkenntnisse - also
  46. solche, die unabhängig von der Erfahrung sind. Wenn ich zum Beispiel noch nie in meinem Leben einen Stein gesehen habe und auch nicht weiß, was ein Stein überhaupt für ein Objekt sein soll,
  47. kann ich trotzdem davon ausgehen, dass ein Stein zum Beispiel räumlich und zeitlich verortbar sein muss, damit er Teil er erfahrbaren Welt, der Erscheinungswelt, sein kann.
  48. Denn räumliche und zeitliche Verortbarkeit ist, wie bereits gesagt, eine Eigenschaft, die ein Ding an sich hat. Wenn der Stein diese Bedingung nämlich nicht erfüllen würde,
  49. könnte er gar nicht Teil der Erscheinungswelt sein. Ich könnte ihn also gar nicht wahrnehmen. Und weil sich diese Welt der Dinge an sich nicht verändert, ist sie zeitlos. Also Bedingungen wie
  50. "Gegenstände müssen räumlich und zeitlich geordnet sein, damit sie Gegenstände der Erfahrung sein können" hat keine Ursache. Also es gibt kein Ereignis, das ich nennen könnte,
  51. das diese Bedingung verursacht. Deshalb gehört diese Eigenschaft zur Welt der Dinge an sich. Und weil diese Vernunftwelt zeitlos ist, kann sie nicht determiniert sein. Denn Determiniertheit
  52. setzt immer Ursache-Wirkungs-Beziehungen voraus und diese setzten wiederum Zeitlichkeit voraus. Eine Ursache muss nämlich zeitlich immer vor ihrer Wirkung kommen, weil sie sie sonst
  53. nicht hätte verursachen können. Die philosophische Teildisziplin, die sich mit diesen Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung beschäftigt
  54. nennt Kant übrigens "Transzendentalphilosophie". "Transzendental" bedeutet also so viel wie vor jeder Erfahrung liegend und die Erkenntnisse der Gegenstände an sich erst ermöglichend.
  55. Dieser Begriff "transzendental" ist wichtig, weil Kant neben der praktischen Freiheit noch die sogenannte "transzendentale Freiheit" unterscheidet. Zur Erinnerung: Praktische
  56. Freiheit liegt vor, wenn eine Handlung auf vernünftige Überlegungen zurückgeht. Eine Handlung ist hingegen transzendental frei, wenn die vernünftigen Überlegungen selbst frei
  57. sind - also wenn sie nicht durch vorhergehende Ursachen aus der determinierten Erscheinungswelt bestimmt werden. Das ist die Art von Freiheit aus dem Zitat von vorhin, wonach wir Menschen "eine
  58. ganze Reihe von Begebenheiten", also eine eigene Kausalkette, selbst loszutreten können. In Kants eigenen Worten ist transzendentale Freiheit "eine Unabhängigkeit dieser Vernunft selbst
  59. (in Ansehung ihrer Kausalität, eine Reihe von Erscheinungen anzufangen) von allen bestimmenden Ursachen der Sinnenwelt [= Erscheinungswelt]" (KrV A803/B831).
  60. Aus diesem Grund sagt man, dass Freiheit nach Kant der Autonomie des Willens entspricht - also der Unabhängigkeit des Willens von den Ursachen in der determinierten Erscheinungswelt.
  61. Die Frage ist natürlich, wie Kant begründet, dass wir zu so einer transzendentalen Freiheit fähig sind. Denn es ist ja schön und gut, dass die Vernunftwelt nicht determiniert ist,
  62. aber das heißt ja noch nicht, dass wir, die ja auch Bürger der determinierten Erscheinungswelt sind, transzendental frei sind. Kant begründet die transzendentale Freiheit
  63. folgendermaßen: Er sagt, dass die Ereignisse in der Erscheinungswelt nur dem Gesetz von Ursache und Wirkung folgen (das ist uns ja bereits bekannt). Sie folgen also einer Muss-Logik und
  64. keiner Sollens-Logik. Also Ereignis A muss in der Erscheinungswelt passieren, weil davor Ereignis B passiert ist und so weiter. Laut Kant gibt es aber eine sogenannte "Praktische Vernunft",
  65. die uns sagt, was richtig und was falsch ist - also sagt uns diese praktische Vernunft, was wir tun sollen. Ein Sollen setzt aber immer ein Können voraus. Also muss der Mensch auch die
  66. Fähigkeit haben, zu tun, was er tun soll. Daraus folgt für Kant, dass wir Menschen transzendental frei sind. Um es mit den Worten von Ansgar Beckermann auf den Punkt zu bringen:
  67. "Wir können nur dann tun, was wir tun sollen, wenn wir im transzendentalen Sinne frei sind. Und genau deshalb sind wir [nach Kant] im transzendentalen Sinne frei."
  68. Natürlich sind diese Thesen von Kant nicht unkritisiert geblieben. Zum Beispiel ist unklar, wie die nicht-zeitliche Vernunftwelt überhaupt einen Einfluss auf die Handlungen in der
  69. zeitlichen Erscheinungswelt haben soll. Denn wenn wir Menschen eine Reihe von Begebenheiten anfangen wollen, müssen wir das immer zu einem bestimmten Zeitpunkt tun. Also müsste etwas Nicht-Zeitliches,
  70. die Vernunftwelt, mit etwas Zeitlichem interagieren. Es nicht ist nicht klar, wie das funktionieren soll. Das war natürlich nur ein Kritikpunkt von vielen,
  71. den ich exemplarisch nennen wollte. Rechts findet ihr jetzt das nächste Video, in dem wir uns mit Kant als Philosophen der Aufklärung beschäftigen, beispielsweise mit
  72. seinem Ausspruch "sapere aude": "Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen". Links findet ihr das vorherige Kant-Video, in dem seine Pflichtethik und seinen kategorischen
  73. Imperativ erklärt habe. Ich wünsche euch viel Spaß mit den Videos, bis gleich!

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