Das Video kommt von YouTube: erst beim Abspielen verbindet sich die Seite mit YouTube (Google).
Warum lässt Gott Übel zu? | Das Theodizee-Problem und die Lösungsansätze von Augustinus und Leibniz
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 120 Zeilen
- Gewalt, Krieg, Krankheit, Hunger, Schmerzen, Armut, Naturkatastrophen, Terrorismus. Warum schuf Gott eine Welt, in der so viel Leid existiert? Beziehungsweise: Wenn Gott
- tatsächlich allmächtig, allwissend und vollkommen gut ist, warum verhindert er diese schrecklichen Dinge nicht? Bei diesen Fragen geht es um das Theodizee-Problem:
- Die Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel in der Welt. Was es mit diesem Problem genau auf sich hat und welche Lösung Augustinus und Leibniz
- anbieten, erfährst du in diesem Video. Das Theodizee-Problem bezieht sich auf die Frage, wie ein allmächtiger, allwissender und zugleich gütiger Gott zulassen kann,
- dass es so viele Übel - also so viele schlimme und böse Dinge - in der Welt gibt. Dieses Problem beschäftigt Theologen und Philosophen seit mehreren Jahrhunderten.
- Theodizee kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Rechtfertigung Gottes“. Es geht also um die Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel in der Welt.
- Diese Frage finden wir bereits im Alten Testament im Buch Hiob und bei Laktanz (250 - 317) formuliert, der es - wohl fälschlicherweise - dem antiken griechischen Philosophen Epikur (341 - 270
- v.Chr.) zuschreibt: „Entweder, sagt Epikur, will Gott die Übel aufheben und kann es nicht, oder er kann es und will es nicht, oder er will es weder,
- noch kann er es, oder er will es und kann es. Wenn er will und nicht kann, ist er schwach, was auf Gott nicht zutrifft. Wenn er kann und nicht will, ist er missgünstig, was Gott
- ebenso fremd ist. Wenn er weder will noch kann, ist er missgünstig und schwach und deshalb auch kein Gott. Wenn er sowohl will als kann, was Gott allein zukommt, woher kommen
- dann die Übel, oder warum hebt er sie nicht auf?“ (Laktanz, in: Malte Hossenfelder, Antike Glückslehren, S. 208)
- Wenn Gott die Welt erschaffen hat, dann ist er auch verantwortlich für die Übel in der Welt. Doch der Gott - wie ihn der klassische Theismus definiert - ist allmächtig, allwissend
- und allgütig. Wenn Gott nichts gegen die Übel tun kann, dann ist er nicht allmächtig. Wenn er zwar kann, aber nicht will, dann ist
- er nicht allgütig. Und wenn er weder will, noch kann, dann ist er weder allgütig noch allmächtig. Wenn Gott tatsächlich allmächtig und allgütig
- ist - Wie lassen sich dann die Übel in der Welt erklären? Das Problem des Übels ist eines der stärksten Argumente gegen die Existenz Gottes.
- Die Theodizeefrage stellt sich nur für gläubige Menschen. Für Atheisten, die eine Existenz Gottes sowieso bestreiten, hat sie keine Bedeutung. Wenn man aber an die Existenz Gottes glaubt
- und dabei ein Gottesbild wie im Judentum oder Christentum vertritt, wird die Frage unausweichlich: Wie kann ein allmächtiger, allwissender und allgütiger Gott das Übel in der Welt erschaffen
- haben oder zulassen? Diese Frage macht nur dann Sinn, wenn man ein bestimmtes Gottesbild voraussetzt. Bei der Theodizee-Frage geht es um den jüdisch-christlichen
- Gott. Diesem Gott werden drei Eigenschaften zugeschrieben, die er auf Grund seines vollkommenen Wesens in höchstem Maße besitzt: 1. Gott ist allmächtig.
- 2. Gott ist allwissend. 3. Gott ist allgütig. Betrachten wir diese 3 Eigenschaften einmal genauer.
- Allmächtig zu sein, bedeutet, alle Dinge verwirklichen zu können, die man möchte, ohne jede Einschränkung. Gott konnte also alles ganz genau so erschaffen, wie er wollte,
- mit den Eigenschaften, die er bestimmte. Ein allmächtiger Gott kann alles verhindern beziehungsweise alles ermöglichen. Der Begriff der Allwissenheit ist eng mit
- dem Begriff der Allmacht verbunden. Ein allwissender Gott ist sich seiner selbst und der von ihm abhängigen Wesen bewusst. Er weiß, dass er allmächtig ist und wie er seine Allmacht
- einsetzen kann. Er kennt die Situation jedes Wesens und weiß, wie er diese Situation verändern kann. Er kennt die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und kann daher voraussehen, welche
- Auswirkungen Handlungen haben werden. Die genaue Bedeutung des Adjektivs „gut“ oder „gütig“ ist etwas schwerer zu erklären. Gut ist eine Handlung dann, „wenn sie dem
- Wohlwollen entspringt und dem Gemeinwohl dient“. (Streminger. 1992) Bei einem vollkommen guten Gott bestimmen Liebe und Wohlwollen gegenüber seinen Geschöpfen
- jede Handlung. Er möchte nur Handlungen verwirklichen, die vollkommen gut sind. Gott wäre also auf Grund seiner Allmacht
- in der Lage, Übel zu verhindern und eine Welt zu erschaffen, in der kein Lebewesen Leid erfahren muss. Auf Grund seiner Allwissenheit wüsste er
- über alles Bescheid, was in der Welt passiert, über vergangene, gegenwärtige und zukünftige Übel. Zudem wüsste er, wie man diese Übel verhindert bzw. entfernt.
- Da Gott außerdem vollkommen gut und ausschließlich von Liebe gegenüber seinen Geschöpfen geleitet ist, muss davon ausgegangen werden, dass er Übel nicht zulassen, sondern unbedingt verhindern
- möchte. Niemand wird bestreiten, dass es in unserer Welt Übel gibt: Gewalt, Krieg, Krankheit, Hunger, Schmerzen, Leid, Armut, Naturkatastrophen
- sind nur einige Beispiele für die vielfältigen Übel dieser Welt. Und nicht nur Menschen, sondern auch Tiere leiden. Denken wir nur einmal an Massentierhaltung,
- Pelzfarmen oder Tiertransporte. Unter dem Begriff „Übel“ versteht man alles, was Leiden verursacht, unabhängig von Ausmaß und Ursprung. Es geht also nicht
- nur um das Böse im moralischen Sinne, sondern um jede Art von Leiden. Traditionell unterscheidet man drei Arten von Übeln:
- Das metaphysische Übel (malum metaphysicum) bezieht sich auf die ganz allgemeine Einrichtung der Welt: Diese ist als etwas Geschaffenes unvermeidlich endlich bzw. unvollkommen.
- Das physische Übel (malum physicum) wird von natürlichen Prozessen verursacht beispielsweise durch Krankheiten oder Naturkatastrophen. Für dieses Übel kann man niemanden verantwortlich
- machen, denn niemand hat es absichtlich verursacht. Beispiele für physische Übel sind Krankheiten, Naturkatastrophen, Schmerzen, der Tod. Das moralische Übel (malum morale) hingegen
- wird durch menschliche Handlungen verursacht. Es trägt also jemand die Verantwortung für diese Übel. Beispiele sind Krieg, Vergewaltigung, Missbrauch, Mobbing, Folter. Moralische Übel
- resultieren aus dem aktiven Handeln bewusster und damit verantwortlicher Subjekte. Doch wie lässt sich nun die Existenz des Übels mit einem allmächtigen, allwissenden
- und allgütigen Gott vereinbaren? Das Schlechte als Privation (= Ermangelung) des Guten Für den römischen Bischof und Kirchenlehrer
- Augustinus (354 - 430) hat das Übel keine eigene Realität, sondern ist nur die Abwesenheit des Guten. Gott muss bzw. kann es daher gar nicht erschaffen
- haben. Augustinus leugnet nicht, dass es Übel gibt, spricht diesen jedoch eine eigene Realität ab. Das Böse oder Schlechte in der Schöpfung
- ist nur ein Mangel an Gutem. Alles Reale ist für Augustinus auch gut. Wenn es aber an Gutem verliert, verliert es seine Realität und wird schlecht oder böse.
- Man nennt diese Theorie Privationslehre (von lat. privatio - Beraubung). Das Übel hat keine eigene, keine substanzielle Realität, sondern ist nur ein Mangel an Gutem. Es ist
- kein Wesen, keine Substanz, es ist nichts Existierendes. Gott kann aber nur erschaffen haben was existiert. Daher kann er das Übel nicht erschaffen haben und ist somit auch
- nicht verantwortlich dafür. Gottes Schöpfung ist laut dieser Theorie ausnahmslos gut. Das Gute existiert zudem immer nur als Kontrast,
- als Gegenteil des Schlechten. So ähnlich wie Gesundheit als Kontrast oder Gegenteil von Krankheit existiert. Ich kann den Begriff der Gesundheit nur dann verstehen,
- wenn ich eine Vorstellung davon habe, was es bedeutet krank zu sein. Laut Augustinus ist eine Welt mit Übeln einer Welt ohne Übel überlegen. Ich hätte gar
- keine Vorstellung vom Guten, wenn es das Gegenteil, das Schlechte oder Böse nicht gäbe. Gott hat die in der Welt vorhandenen Gegensätze bewusst in Kauf genommen, da so insgesamt
- eine größere Perfektion entsteht als ohne diese Gegensätze. Augustinus funktionalisiert mit diesem Erklärungsansatz das Böse: Durch das Böse wird überhaupt
- erst kontrastiv das Gute sichtbar. Das Gute kann erst auf Grundlage des Bösen erkannt werden. Das Böse ist damit gleichzeitig Prüfstein für das Gute. Wer gut handelt, wird durch
- das Böse in seinem guten Handeln bestärkt. Übertragen auf das Beispiel von eben: Wären alle immer nur gesund, dann gäbe es den Begriff „Gesundheit“ gar nicht. Ich könnte auch
- gar nicht wertschätzen, gesund zu sein, wenn ich nicht wüsste, dass es auch Krankheit gibt. Die Welt ähnelt laut Augustinus einem schönen
- Gedicht, das erst durch Kontraste oder „Antithesen“ besonders schön erscheint. Das moralische Übel oder das Böse (malum morale) erklärt Augustinus mit dem Sündenfall.
- Gott schuf Adam und Eva als gute Menschen - ohne Sünde und ohne Leiden - , stattete sie jedoch mit einem freien Willen aus. Diesen nutzten sie, um sich von Gott und damit vom
- Guten abzuwenden. Wenn Menschen sich von Gott abwenden und ihren Neigungen nachgeben, wenden sie sich gleichzeitig vom Guten ab. Nun erst kann das Böse entstehen.
- Menschen missbrauchen die Freiheit, die sie von Gott bekommen haben, und folgen lieber ihren selbstsüchtigen Zielen und Trieben, als sich auf das Gute zu konzentrieren, das
- es nur bei Gott gibt. Der gefährlichste aller Triebe ist dabei der Sexualtrieb, denn dieser kann kaum durch den Willen kontrolliert werden. Das moralische Übel entsteht laut Augustinus
- also aus der Freiheit des Menschen, aus einem Missbrauch des freien Willens. Der gefährlichste Trieb - der Sexualtrieb - ist, ebenso wie der Tod, die negative Konsequenz
- der Erbsünde. Auch das moralische Übel oder das Böse ist Augustinus’ Privationslehre folgend nur ein Abfallen vom Guten. Augustinus wollte vor allem Gott von dem Vorwurf
- freisprechen, Urheber des Übels zu sein. Dies gelingt ihm auch mit Hilfe seiner Privationslehre. Sie bietet eine Erklärung dafür, warum das Übel nicht real ist, nämlich weil es keine
- substanzielle Realität hat. Dass es aber Übel gibt, ist eine Tatsache, die keiner bestreiten kann. Zu einem Arzt, der einem sagt: „Sie sind
- nicht krank, Sie haben nur einen Mangel an Gesundheit“, würde keiner ein zweites Mal gehen. Auch Augustinus’ Erklärung, das Böse sei
- nur ein Kontrast des Guten und käme durch diese Kontrastwirkung besonders gut zur Geltung, kann kritisiert werden. Eine solche Behauptung klingt angesichts des
- vielfältigen Leidens in unserer Welt geradezu zynisch. Ein allmächtiger Gott könnte uns auch so geschaffen haben, „dass wir das Gute auch
- ohne den Kontrast zum Schlechten erkennen und wertschätzen können. Augustinus’ Erklärung, dass das Gute durch den Sündenfall verloren ging und damit das
- Übel in die Welt kommen konnte, kann ebensowenig überzeugen. Denn dies bedeutet ja letztendlich nichts anderes, als dass wir selbst schuld sind an
- den Übeln dieser Welt. Leiden ist die gerechte Strafe für den Verstoß gegen Gottes Gebote. Und zwar nicht einmal für unseren eigenen Verstoß, sondern - so die Erbsünde-Lehre
- - für den Verstoß von Adam und Eva. Je nach Schwere des Leidens widerspricht eine solch harte Strafe der Idee eines allgütigen Gottes.
- Alle, die nicht sowieso schon an Gott und den Sündenfall glauben, kann Augustinus’ Antwort auf die Theodizee-Frage nicht überzeugen. Mit seiner Theorie der Erbsünde und der sexuellen
- Lust als negative Folge des Sündenfalls prägte Augustinus zudem die christliche Sexualmoral über Jahrhunderte nachhaltig negativ und förderte deren Körper- und Lustfeindlichkeit.
- Leibniz versucht das Theodizeeproblem zu lösen, indem er darlegt, dass Gott die „Beste aller möglichen Welten“ geschaffen hat. Er argumentiert wie folgt:
- Auch Gott unterliegt den Gesetzen der Logik. Wenn Gott etwas Vollkommenes schaffen wollte, müsste er sich selbst noch einmal schaffen. Dann aber wären Schöpfer und Geschöpf identisch.
- In Folge dessen gäbe es keine endlich-reale Welt. Etwas Geschaffenes ist im Vergleich zu Gott notwendigerweise weniger vollkommen und endlich.
- Gott konnte die Welt also nur unvollkommen schaffen. In Folge dieses metaphysischen Übels sind Menschen in ihrem Verstand und in ihren Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt.
- Diese Unvollkommenheit der Menschen hat physische und moralische Übel zur Folge. Nach Leibniz gibt es unendlich viel mögliche Welten, „von denen Gott mit Notwendigkeit
- die beste erwählt hat, da er nichts ohne höchste Vernunft tut.“ Gott überblickt alle möglichen Welten. Und: „So groß die unendlichen Möglichkeiten
- auch seien, so sind sie doch niemals größer als die unendliche Weisheit Gottes, der alle Möglichkeiten erkennt“. Gott „musste“ sich für die „Beste aller möglichen Welten“
- entscheiden, andernfalls gäbe es auf Seiten Gottes einen Mangel an Wissen, Güte, Freiheit und Macht. In einer Welt sind jeweils bessere „Details“
- möglich, aber ob sie „kompatibel“ mit anderen Gegebenheiten sind, weiß nur Gott. Die Welt ist somit die „bestmögliche Proportion“ zwischen den ,guten’ und ,schlechten’
- Dingen. Sie ist zwar nicht perfekt, aber die beste aller möglichen Welten. Außerdem bezieht Leibniz die Rede von der „besten aller möglichen Welten“ nicht
- auf den Jetzt-Zustand der Welt, sondern auf den Zustand, den die Welt erreichen könnte, wenn sie ihr volles Potential nutzen würde. Dieses Entwicklungspotential ermöglicht es,
- dass sich die Welt immer weiter verbessert und zum Positiven hin weiterentwickelt. In der „besten aller möglichen Welten“ musste Leibniz die 3 vorhin erwähnten Übel
- in Kauf nehmen, also das metaphysische Übel, das physische Übel und das moralische Übel. Für alle 3 Übel gibt er eine Erklärung. (1.) Das metaphysische Übel oder die Endlichkeit
- und Beschränktheit jeglichen Geschöpfes ist notwendig gegeben mit der Existenz der geschaffenen Welt, die in jedem Fall immer nur aus endlichen, d. h. beschränkten und
- unvollkommenen Wesen bestehen kann. Diese Welt und die darin existierenden Elemente müssen ganzheitlich betrachtet werden. Der Mensch als endliches Wesen ist dazu nicht
- in der Lage. Gott schon. Es handelt sich nach Leibniz bei der „besten aller möglichen Welten“ um ein hochgradig austariertes System, in welchem eine Harmonie herrscht, die sich
- der menschlichen Erkenntnis entzieht. Für eine solche Harmonie müssen die Unvollkommenheiten der verschiedenen endlichen Wesen in der Welt verschieden verteilt sein. Niemand darf sich
- daher über die Stufe beklagen, die er persönlich gerade in der Harmonie des Ganzen einnimmt. Auch das Böse dient im harmonischen Ganzen der Welt einem höheren Zweck und ist ganz
- genau auf die anderen Elemente der Welt abgestimmt. (2.) Das physische Übel oder der Schmerz resultieren ebenso wie das moralische Übel mit einer gewissen Notwendigkeit aus dem metaphysischen
- Übel. Denn geschaffene Wesen sind zwangsläufig unvollkommen. Mit Materie und Leiblichkeit sind notwendigerweise nicht nur lustbetonte, sondern auch schmerzvolle Empfindungen verbunden.
- Der Platz, den der Einzelne in der großen Harmonie des Ganzen einnimmt, bestimmt auch das Maß der physischen Übel, das er zu ertragen hat.
- Zudem gibt es in Summe mehr Freude als Leid. Schmerzen sind außerdem heilsam als Strafe, als Bedingung und Motiv für moralisches Handeln oder als Erziehungsmittel. Man kann sie ertragen,
- wenn man sie mit Vernunft, mit Geduld und im Vertrauen darauf akzeptiert, dass sie den Menschen zum Besten dienen. Es gibt mehr Glück als Leid.
- (3.) Das moralische Übel oder das Böse ist notwendig gegeben mit der Selbstbestimmung und dem freien Willen der Menschen. Wir Menschen können uns als freie Wesen also auch für
- das Böse entscheiden und - theologisch gesprochen - sündigen. Auch Leibniz sieht das Böse - wie Augustinus - als einen Mangel an, nicht als etwas Positives.
- Dieser Mangel beruht auf der unvermeidlichen Unvollkommenheit endlicher Geschöpfe, also wie das physische Übel auf dem metaphysischen Übel. Da aber ohne das Böse auch das Gute
- nicht existieren würde und durch das Böse oft das Gute vermehrt wird, ist selbst das Böse um der Harmonie des Ganzen willen von Gott zwar nicht gewollt, wohl aber zugelassen.
- Bei Leibniz ist sowohl das physische als auch das moralische Übel wie bei Augustinus ein notwendiger Kontrast zum Positiven. Das Gute ist ein relationaler Begriff, den
- wir nur durch sein Gegenteil - das Schlechte oder Böse - begreifen und wertschätzen können. Leibniz bringt hier explizit das Beispiel der Krankheit: „Wären wir für gewöhnlich
- krank und selten bei guter Gesundheit, dann würden wir die Größe dieses Gutes wunderbar schätzen.“ Auch gegen Leibniz’ Theorie gibt es verschiedene
- Einwände. Neben der Kritik an der Privationslehre und der Funktionalisierung des Bösen als Kontrast zum Guten, die wir bereits bei Augustinus
- analysiert haben, gibt es zwei weitere wichtige Kritikpunkte an Leibniz’ Theodizee. Leibniz setzt die Weisheit, Güte, Freiheit und Macht Gottes einfach voraus. Dass die
- vorhandene Welt die beste aller möglichen sei, begründet Leibniz mit der Weisheit, Güte, Freiheit und Macht Gottes. Damit setzt er ohne irgendeine Begründung die entscheidenden
- Kriterien voraus, die mit der Theodizee ja eigentlich gerade bewiesen werden sollen. Die größte Kritik an Leibniz bezieht sich jedoch auf den immensen Gegensatz von Theorie
- und realem, echtem Leiden. Der Philosoph Bertrand Russell äußert sich beispielsweise sehr erstaunt darüber, „dass Menschen glauben können, diese Welt mit allem,
- was sich darin befindet, und mit all ihren Fehlern sei das Beste, was Allmacht und Allwissenheit in Millionen von Jahren erschaffen konnten“. Er fragt: „Meinen Sie, wenn Ihnen Allmacht
- und Allwissenheit und dazu Jahrmillionen gegeben wären, um Ihre Welt zu vervollkommnen, dass Sie dann nichts Besseres als den Ku-Klux-Klan oder die Faschisten hervorbringen könnten?“
- Nach dem schrecklichen Erdbeben von Lissabon (1755) kam es zu massiver Kritik an Leibniz’ Theorie von der „besten aller möglichen Welten“.
- Mit seiner sehr lesenswerte satirische Novelle „Candide oder der Optimismus“ liefert Voltaire (1694 - 1778) die berühmteste Reaktion auf Leibniz’ Theorie. In dem 1759 erschienenen
- Werk übt der französische Philosoph und Schriftsteller heftige Kritik an Kirche, Theologie und insbesondere der Philosophie von Leibniz. Das Erdbeben von Lissabon bestärkte ihn darin,
- dass er nicht „in der besten aller möglichen Welten“ lebte. Die Hauptfigur dieser Satire, Candide, erlebt während der Geschichte immer neue furchtbare
- Dinge. Gemäß der Philosophie seines Lehrers Pangloss, dass er in der „besten aller möglichen Welten“ lebe, glaubt Candide zunächst, dass alles, was ihm widerfährt, nur zu seinem
- Besten sei. Er wird u.a. mit dem Grauen des Krieges konfrontiert, reist nach Lissabon, das von einem gewaltigen Erdbeben erschüttert wird, wird wegen einer Nichtigkeit von der
- Inquisition verurteilt und verprügelt. Die Lehre von der „besten aller Welten“ wird durch Candides Erlebnisse mehr und mehr ad absurdum geführt.
- Eine theoretische Rechtfertigung Gottes angesichts des unermesslichen Leids in der Welt wirkt heute z.B. in Anbetracht der Grauen von Auschwitz mehr denn je zynisch und gefühllos.
- Es gibt in der Philosophie immer mehr Stimmen, die eine Theodizee prinzipiell für verfehlt und moralisch fragwürdig halten. Wie ist deine Meinung? Überzeugt dich eine
- der Antworten auf die Theodizee-Frage? Ist das Übel in der Welt für dich ein Argument gegen die Existenz Gottes? Oder ist bereits der Versuch einer Theodizee moralisch fragwürdig?
- Schreibe deine Meinung sehr gerne unten in die Kommentare. Mit dem Quizlet-Lernset “Das Theodizee-Problem” kannst du dein Wissen jetzt überprüfen.
- Viel Spaß beim Lernen und bis bald!
Zum Nachlesen
TheodizeeKonkret geht es um die Frage, wie ein Gott oder Christus wissentlich das Leiden unter der Voraussetzung zulassen kann, da er doch die Omnipotenz („Allmacht“) …
Geschichte der ReligionsphilosophieUnter Geschichte der Religionsphilosophie werden hier die philosophischen Grundpositionen auf dem Feld der Religionsphilosophie in historischer Perspektive …
Das BöseUnter diese Gebrauchsregel fällt auch die Bezeichnung von sündhaftem Verhalten als böse, falls es sich religiös begründeten Normen verschließt oder sie bewusst …
ReligionsphilosophieIn der psychoanalytischen Theorie von Sigmund Freud ist die Religion ein Produkt unbewusster psychologischer Mechanismen, die aufgrund des zwischen …