Judenhass: Die lange Geschichte MrWissen2go Geschichte | Terra X https://www.youtube.com/watch?v=QDhViGpcQls Transkript (automatisch erstellt) 0:05 In diesem Video hier geht es um Hass gegen Jüdinnen und Juden - um die Geschichte des Antisemitismus. 0:10 Viele denken dabei wohl als erstes an den Völkermord, den die Nationalsozialisten begangen haben, das ist auch richtig. 0:17 Aber Antisemitismus gibt es schon viel länger, seit über 2.000 Jahren, in unterschiedlichsten Formen und: Es gibt ihn bis heute. 0:25 Wenn wir von Antisemitismus sprechen, meinen wir die Feindschaft gegenüber jüdischen Menschen. 0:30 Und die beginnt sehr früh. Eigentlich in dem Augenblick, 0:33 als Juden erstmals als ethnische Gruppe wahrgenommen werden. Die meisten Historiker:innen geben das 6. Jahrhundert vor Christus 0:40 als Aufstiegszeit des Judentums im östlichen Mittelmeer an. Schon damals gibt es Konflikte mit antiken Glaubensrichtungen. 0:47 Das Judentum ist monotheistisch, die Anhänger glauben nur an einen Gott. Das ist den polytheistischen Kulturen mit vielen Göttern mehr als suspekt. 0:56 Aber zu einer Feindschaft gegenüber Juden kommt es erst, nachdem eine neue monotheistische Religion auf den Plan tritt, 1:02 die sich aber auch auf einen Juden beruft, nämlich Jesus von Nazareth. 1:06 Ich spreche, na klar, vom Christentum. Anfangs sind die Übergänge zwischen Juden und Christen noch fließend. 1:13 Aber bis zum Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus spalten sich die Christen ab. 1:17 Ein gewissen Konkurrenzkampf entsteht. Letztlich geht es ja um die Frage nach der einzig wahren Religion. 1:23 Verus Israel, sagen die Gelehrten des Christentums, "Wir sind das wahre Israel". 1:28 Also das Volk, das Gott in seinem neuen Bund ausgewählt hat. Folgerichtig bedeutet das, das alte Judentum sei nicht mehr 1:35 von Gott ausgewählt - mehr noch: Die Juden hätten Jesus als Gottes Sohn nicht erkannt, ihn gekreuzigt. 1:40 Damit werden die Juden zu Feinden des "wahren Glaubens". Viele Christen sind überzeugt, die Juden seien Gottesmörder 1:47 und deshalb verdammt, heimatlos in der Welt umherzuirren. Dieses Bild vom Judentum geht in die Glaubenslehre 1:53 der wachsenden christlichen Kirche ein Es mündet im sogenannten "Antijudaismus". 1:57 Das ist die feindliche Ablehnung des Judentums aus religiösen Motiven. Um das Thema einzugrenzen, beziehen wir uns ab jetzt 2:04 auf die Situation in Mitteleuropa und in deutschen Gebieten. Das heißt nicht, dass nicht auch anderswo Juden diskriminiert 2:11 oder verfolgt wurden, im Gegenteil. Während des frühen Mittelalters, bis zum 11. Jahrhundert nach Christus, 2:17 ist der Antijudaismus zwar allgegenwärtig, nimmt aber meist keine lebensbedrohlichen Formen an. 2:23 Die meisten Juden und Christen leben weitgehend friedlich zusammen. Der Konflikt findet unter Gelehrten statt, 2:29 Juden sind aber Christen rechtlich nicht gleichgestellt. Sie dürfen etwa keine Ämter bekleiden. 2:34 Diese Ungleichheit wird im Lehenswesen größer. Seit dem 11. Jahrhundert verwalten Könige ihr Land, 2:40 indem sie es an Fürsten verleihen. Lehenswesen haben wir mal erklärt, der Videolink ist in der Infobox 2:46 beziehungsweise auf dem i oder im Beschreibungstext. Den Juden ist es nach dieser Herrschaftsordnung untersagt, 2:53 Land zu erwerben. Oft lassen sie sich deshalb in Städten nieder. 2:57 Dort ist es ihnen aber verboten, "ehrenwerten" Berufen nachzugehen wie Bäcker oder Maurer - sie konzen- trieren sich auf geächtete Berufe. 3:05 Wie Trödelhändler, Pfandleiher und Kreditgeber. Geächtet, weil es Christen nach dem Kirchenrecht verboten war, 3:11 Zinsen zu erheben. Weil manche Juden Geld gegen Zinsen verleihen, 3:15 werden einige jüdische Bankiers sehr reich. Was ihnen häufig die Missgunst ihrer christlichen Zeitgenossen einbringt 3:22 und ein gewaltiges Stereotyp, das sich bis heute hält: Juden als geldgierige Wucherer. 3:28 Dieses Bild taucht in den kommenden Jahrhunderten immer wieder auf. In Romanen, Karikaturen, Zeitungsartikeln, Theaterstücken. 3:35 Prominentes Beispiel: William Shakespeares "Kaufmann von Venedig". Der erste traurige Höhepunkt des christlichen Antijudaismus 3:43 ist das Jahr 1096. Der erste Kreuzzug beginnt, zu dem Papst Urban II. kurz zuvor aufrief. 3:50 Auch dazu haben wir schon mal ein Video gemacht, oben auf dem i. Und eigentlich geht es im Kreuzzug um den Kampf 3:56 gegen muslimische Seldschuken in Palästina, aber Hassprediger im ganzen Land befeuern den Antijudaismus. 4:02 Nach dem Motto: Ihr müsst nicht in die Ferne ziehen, es gibt ungläubige Gottesmörder in euren Städten. 4:07 Vor allem Bauern und Kleinverbrecher, später das große Kreuzritterheer hinterlassen im Rheinland eine Verwüstung. 4:14 Viele jüdische Gemeinden in Köln, Mainz, Speyer, Worms oder Xanten fallen wütenden, mordenden Mobs zum Opfer. 4:20 Diese Massaker an jüdischen Mitbürgern werden später "Pogrome" genannt. 4:24 Solche Pogrome finden seitdem immer wieder statt - in ganz Europa. Sie erhalten im 14. Jahrhundert weiteren Auftrieb. 4:30 Denn seit 1346 wütet der Schwarze Tod, die Pest. Eine der schlimmsten Pandemien der Geschichte. 4:36 Etwa ein Drittel der europäischen Bevölkerung stirbt. Die mysteriöse Krankheit erzeugt jede Menge Verschwörungsmythen. 4:43 Pandemie und Verschwörungen - kommt euch das bekannt vor? Auch heute gibt es rund um Corona abstruse Behauptungen 4:49 und Verleumdungen über Juden als Verursacher der Pandemie. Oft unter Codewörtern - Signalwörter, 4:54 die von denen, die sie verstehen wollen verstanden werden. Das Mittelalter ist voller Theorien, die Juden entwürdigen sollen: 5:01 Sie würden Satan huldigen, sich mit Säuen vergehen oder Christenkinder schlachten. 5:06 Zur Zeit der Pest kommt noch eine Verleumdung dazu: Brunnenvergiftung. Weil man die Ursache der Pest nicht erklären kann, 5:13 sucht man die Schuld bei den Juden: Sie hätten mit dem Teufel das Wasser vergiftet und die Pest erzeugt. 5:19 Diese Suche nach Sündenböcken kommt in Krisen immer wieder zum Vorschein. Mit all den Behauptungen hat man längst die Ebene verlassen, 5:27 auf der Juden "nur" Ketzer sind. Der Hass auf Juden wird zum Aberglauben. 5:32 Schlimmer noch: zur Mentalität. In Bildern, Erzählungen oder Lustspielen 5:36 werden sie als Inbegriff des Bösen dargestellt, als hinterhältige Herrscher der Welt, die alle Christen vernichten wollen. 5:43 Der Vorwurf der Brunnenvergiftung führt zu zahlreichen Pogromen, sogenannte Pestpogrome. 5:48 Die Täter vertreiben die Juden aus der Stadt oder bringen sie um und bereichern sich an ihrem Besitz. 5:54 Das ist ein Muster, das wir häufiger erleben. Allein in den deutschen Gebieten 5:59 werden mindestens 100 jüdische Gemeinden zerstört. Als die Pandemie 1351 endet, 6:03 sind alle bedeutenden jüdischen Zentren in Deutschland ausgelöscht. Der Schwerpunkt des Judentums verlagert sich nach Osteuropa. 6:11 Erst im 17. Jahrhundert kommen Juden verstärkt wieder nach Deutschland. Im 18. Jahrhundert bessert sich dann ihre rechtliche Situation. 6:18 Die Werte der Französischen Revolution von 1789 finden auch Anklang in einigen deutschen Ländern. 6:25 Bald erhalten die Juden dort offiziell die gleichen Rechte wie ihre christlichen Mitmenschen, man sagt "jüdische Emanzipation". 6:32 Juden verlassen den Rand der Gesellschaft und werden gleichberechtigte Bürger. 6:37 Zumindest theoretisch, denn die Emanzipation bringt einen neuen Charakter der Judenfeindlichkeit, 6:42 die sich jetzt gegen die rechtliche und soziale Gleichstellung richtet. Es ist eine Zeit großer Umbrüche - Revolutionen, Kriege, Verstädtung, 6:50 Beginn der Industrialisierung - und Umbrüche bringen Unsicherheiten und Fehlentwicklungen mit sich. Krisen. 6:56 Ihr wisst inzwischen: Wenn was nicht glatt läuft, sucht man Schuldige. Und sie finden sie auch hier wieder bei den Juden. 7:03 Denn die alten Vorurteile sind nicht aus der Welt. Sie haben sich entwickelt. 7:08 Kaum jemand glaubt im 19. Jahrhundert noch, dass Juden wörtlich einen Brunnen vergiften. 7:13 Aber dass sie den Nicht-Juden Böses wollen, ist noch in den Köpfen drin. Unter dem Schlachtruf "Hep Hep" attackiert im August 1819 7:20 ein wütender Mob in Würzburg Jüdinnen und Juden, beschimpft und misshandelt sie, demoliert ihre Häuser und Geschäfte. 7:27 Die Krawalle breiten sich in allen deutschen Ländern und sogar Städten wie Amsterdam, Krakau und Helsinki aus. 7:34 "Hep" soll für "Hierosolyma est perdita" stehen - Jerusalem ist verloren. 7:38 Die Forderung der Angreifer: Die Gleichstellung der Juden soll enden. Diese Forderung wird von einem neuen Trend unterstützt, 7:46 der Nationalbewegung. Die fordert einen Staat 7:49 für ein sprachlich und kulturell einheitliches Volk. Für einige Theoretiker - Johann Gottlieb Fichte, zum Beispiel - 7:55 gehören die deutschen Juden nicht dazu. Das Judentum sei ein Staat im Staate und besonders gefährlich 8:01 für eine deutsche Nation. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erhält diese Theorie 8:05 ihr perfides I-Tüpfelchen: die Rassenlehre. Sie teilt Menschen in Rassen mit unterschiedlichen Eigenschaften ein, 8:12 die je nach Sichtweise gut oder schlecht seien. Im Mittelalter galten Juden noch als "bekehrbar". 8:17 In den Augen der Rassisten sind Juden hingegen minderwertig. Egal, was sie tun. 8:22 Anders gesagt: Nicht mehr die Art, wie Juden leben, wird angegriffen, sondern dass sie leben. 8:27 Das ist Antisemitismus in einer neuen Form. Dieser Begriff, Antisemitismus, taucht in der Zeit auch erstmals auf. 8:34 Der deutsche Journalist Wilhelm Marr gründet 1879 die Antisemitenliga. Ein politischer Verein mit pseudowissenschaftlichen Thesen, 8:43 die nichts anderes sind als fiese Verschwörungsmythen. Die jüdische Rasse sei geldgierig, plane einen Umsturz 8:49 und wolle die Weltmacht mit allen Mitteln an sich reißen. Solche Gedanken sind nicht überall salonfähig, aber sie sind da. 8:56 Und sie bekommen nach dem Ersten Weltkrieg neuen Auftrieb. Denn nach der deutschen Niederlage 1918 9:02 wollen die verantwortlichen Generäle die Schuld von sich abwälzen. Sie verbreiten die Lüge, Deutschland sei im Felde unbesiegt gewesen. 9:09 Man habe den Krieg verloren, weil sich demokratische Politiker ergeben, die Soldaten von hinten erdolcht hätten. 9:15 Diese "Dolchstoßlegende", wie sie genannt wird, findet in der Weimarer Republik großen Anklang 9:20 und erhält zunehmend antisemitische Züge. Durch ihr angeblich weitverzweigtes Netz aus Unternehmen und Banken 9:27 habe sich das internationale Judentum - in Anführungszeichen - an der deutschen Niederlage bereichert. 9:32 Wieder die Juden als Sündenböcke. Untermauert werden diese Falschmeldungen 9:37 mit den sogenannten "Protokollen der Weisen von Zion". Keine echten Protokolle, sondern eine Fälschung, 9:43 in der eine jüdische Weltverschwörung ausgemalt wird. Das Blättchen erscheint erst 1903 in Russland, 9:48 in den 1920er-Jahren wird es internationaler Bestseller. 1933 kommen die Nationalsozialisten, radikale Antisemiten, an die Macht. 9:55 Antisemitismus wird in Deutschland politisches Programm. Juden werden systematisch diskriminiert und entrechtet. 10:02 Es folgen Pogrome, Terror ... und schließlich der Holocaust, der Völkermord an sechs Millionen europäischen Juden. 10:08 Auf Hebräisch: Schoah. Der schreckliche Höhepunkt des Antisemitismus. 10:13 Schoah, dieses Wort bedeutet soviel wie Untergang oder große Katastrophe. Falls ihr mehr über den Holocaust wissen wollt, schaut beim i vorbei, 10:21 da haben wir ein Video verlinkt, auch im Beschreibungstext. Man sollte meinen, nach dieser Katastrophe 10:26 würde Judenfeindlichkeit in Deutschland für immer verschwinden. Aber antisemitische Denkmuster bestehen fort. 10:33 Und zum Völkermord an den Juden sagen viele: "Haben wir nicht gewusst." Erst ab Mitte der 1960er-Jahre beginnen die Westdeutschen langsam, 10:40 die Nazi-Vergangenheit aktiv aufzuarbeiten. In der DDR wird offiziell von oben bestimmt: 10:45 Wir sind ein antifaschistischer Staat und haben Antisemitismus überwunden. Aber so richtig mit Leben wird die Aussage nicht gefüllt. 10:53 Der Antisemitismus lebt weiter. Bis heute. Überall auf der Welt. Im Oktober 2019 versucht ein schwerbewaffneter Mann 10:59 Menschen in der Synagoge von Halle anzugreifen. Ein Fall, der in der Öffentlichkeit zu Recht viel Aufmerksamkeit erhält. 11:06 Aber Antisemitismus gibt es auch im Alltag. Zum Beispiel, wenn jüdische Männer sich nicht trauen, 11:11 auf der Straße ihre Kippa zu tragen aus Angst vor Beschimpfung, Gewalt. Darüber sprachen wir auch im Terra X-Geschichte-Podcast 11:18 mit der Antisemitismus-Forscherin Hedwig Richter und mit dem jüdischen Rapper Ben Salomo. Link in der Infobox. 11:24 Und es ist auch nicht immer nur das, was wir sehen können, wie Hakenkreuze auf jüdischen Friedhöfen. 11:30 Oft genug geht es um das in den Köpfen. Laut einer Studie aus 2020 stimmen 35 Prozent der Befragten 11:36 der Aussage zu, Juden hätten zu viel Einfluss in Deutschland. Einflussreiche Juden? Das sind Denkmuster aus dem Mittelalter. 11:43 Wir haben in diesem Video die Verfolgung der Juden skizziert, insbesondere in Deutschland. 11:48 Es gab auch lange Phasen vergleichs- weise friedlichen Zusammenlebens. Eines darf der Hass von der Antike bis heute nicht vergessen lassen: 11:56 dass es ein friedliches Miteinander gab und das auch künftig möglich ist. Und es ist unsere Aufgabe, dafür einzustehen. 12:04 Wir müssen alte Muster und neue Falschmeldungen durchschauen, damit Diskriminierung gegen Juden keinen Platz hat. 12:10 "Nie wieder" ist das Motto. Was denkt ihr: Was können wir gegen Antisemitismus machen? 12:15 Und wie erlebt ihr selbst antisemitische Äußerungen? Seid ihr vielleicht selbst Juden, habt damit Erfahrung gemacht? 12:22 Schreibt es gern in die Kommentare. Mehr zu diesem Thema erfahrt ihr auch hier in diesem Video 12:28 und direkt darunter in dem Video von den Kollegen von Tru.Doku, die sich das angeschaut haben bezüglich des Anschlags von Halle. 12:35 Danke fürs Zuschauen, bis bald.