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Gott beweisen: Atheist vs. Theologe vs. Astrophysikerin | Sternstunde Religion | SRF Kultur
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 471 Zeilen
- Glauben Sie noch an Gott oder sind Sie schon über ihn hinweg? Immerhin ein Viertel der Bevölkerung gibt an,
- weder an einen noch an mehrere Götter zu glauben. Welche Argumente sprechen für und welche gegen seine Existenz?
- Gibt es Gott? Und wenn ja, wozu? Das diskutieren wir heute. Herzlich willkommen im Haus der Religionen in Bern.
- Mit Untertiteln von SWISS TXT Wir beten zu ihm ... * Sanfte Musik *
- ... bitten um Verzeihung, schicken Stossgebete, sehen ihn als allmächtigen Schöpfer des Universums.
- Nach Schicksalsschlägen und Katastrophen hadern wir mit ihm und zweifeln, weil wir ihn weder sehen noch verstehen.
- Gott, Allah,
- Jahwe und wie sie alle genannt werden.
- Wir verehren sie, bringen ihnen Opfergaben und legen unser Schicksal voller Vertrauen in ihre Hände.
- Gottesvorstellungen und Glaube sind unterschiedlich. Und sie befinden sich im Wandel.
- Die Anzahl Menschen ohne Religionszugehörigkeit steigt schweizweit stetig an.
- Ein Drittel der Bevölkerung bezeichnet sich gar als Atheist oder Agnostikerin.
- Und rund ein Viertel glaubt anstelle von Gott an eine undefinierte, höhere Macht.
- Klar ist: Der Glaube dient vielen Menschen als Richtschnur für moralisches Handeln,
- bietet Orientierung und ist nicht selten eine grosse produktive Kraft.
- Doch für einige ist der Gottesglaube bloss Illusion, gar Selbstbetrug,
- der uns Menschen davon abhält, unser Leben wirklich anzupacken und gegen Unrecht aufzubegehren.
- Ist Gott vielleicht ein Auslaufmodell, zunehmend überflüssig, ja, unzureichend geworden?
- Wie weit lassen sich Naturwissenschaften und Philosophie befragen?
- Wo beginnt die Domäne Gottes? Gibt es Gott? Warum antwortet er dann nicht?
- Oder tut er es etwa doch? Ja, tut er es etwa doch?
- Das fragt man sich auch nach Katastrophen wie dem verheerenden Erdbeben im Februar in Syrien und in der Türkei.
- 50'000 Menschen mussten ihr Leben lassen, Häuser und andere Institutionen wurden zerstört.
- Herr Mutschler, Sie sind katholischer Theologe und Philosoph. Als gläubiger Mensch:
- Wo bleibt in solchen Situationen der gerechte und gütige Gott? Nirgends.
- Das läuft auf die Theodizee-Problematik hinaus. Wie können wir es uns vorstellen,
- dass Gott allmächtig ist, allgütig usw., und dann passiert so etwas?
- Meine Meinung ist, dass dieses Problem unlösbar ist. Man kann glauben, dass Gott auch mit so einer Situation fertig wird
- oder man lässt es bleiben. Aber es ist ja schon ein Stachel im Fleisch des Gottesglaubens.
- Die Frage stellt sich: Ist dieser Gott allmächtig? Ja, das hat Hans Jonas gesagt:
- "Er ist nicht allmächtig. Der kann das gar nicht verändern." Aber was mache ich mit einem Gott, dem es so schlecht geht wie mir?
- Der nicht imstande ist, uns zu erlösen. Das ist ja die Doktrin des Christentums.
- Würden Sie sagen, dann ist es noch trostloser? Ja. Dann kann man Gott gleich abschaffen, finde ich.
- Das ist egal. Ich möchte nur noch eins sagen. Ich behaupte, jede Weltanschauung, auch der Atheismus, der Buddhismus,
- hat einen Pferdefuss. Der Pferdefuss des Christentums ist das Leiden auf der Welt.
- Und der Pferdefuss des Atheisten ist die Gerechtigkeit für die Opfer der Geschichte.
- Darauf kann er mir keine Antwort geben. Wir sind gespannt, auf welche Pferdefüsse wir noch stossen werden.
- Hier ist auch der Philosoph, Autor und Atheist Philipp Hübl. Hier ist die Astrophysikerin Kathrin Altwegg
- und später in der Sendung die Buddhistin Dorothea Franck. Herzlich willkommen Ihnen allen.
- * Applaus * Herr Hübl, in schwierigen Zeiten nach Gott fragen.
- Kennen Sie das selbst als Atheist manchmal? Ich habe das eigentlich gar nicht.
- Ich hatte mich damit beschäftigt, als ich jung war, da wir das aus dem Religionsunterricht kannten,
- habe das relativ schnell für mich abgelegt, am Anfang der Pubertät. Ich glaube auch, dass es eine spirituelle Musikalität gibt.
- Einige Leute haben das. Sie haben das Gefühl, da ist noch etwas anderes.
- Sie spüren vielleicht eine Anwesenheit oder Verbundenheit. Und je nach dem, in welcher Kultur man aufwächst,
- passt ein religiöses System ganz gut dazu, da diese Gefühle oft von religiösen Systemen eingefangen werden.
- Wenn man das aber nicht stark verspürt und ohnehin auch, sagen wir mal, sehr atheistisch erzogen wurde,
- und in einer eher liberalen, säkularen Welt aufgewachsen ist, ist es recht wahrscheinlich, dass man Atheist bleibt.
- Und ich glaube selbstverständlich: Leid gibt es. Und Ungerechtigkeiten gibt es auch.
- Aber der Mensch hat in der Entwicklungsgeschichte gezeigt, dass er es durch Kultur geschafft hat,
- das Leid immer weiter einzudämmen. Das ist nicht perfekt, war aber die grosse Herausforderung.
- Eine Möglichkeit, damit umzugehen, ist, zu sagen: Wir versuchen u.a. durch Technik, die Welt besser zu machen.
- Frau Altwegg, Sie sind Astrophysikerin. Sie denken und rechnen in Jahrmilliarden.
- Relativiert sich da die Frage nach Gott oder drängt sie sich erst recht auf?
- Beides wahrscheinlich. Es relativiert sich im Hinblick auf solche Unglücke
- wie ein Erdbeben. Ich sehe das etwas weiter.
- Erdbeben gibt es wegen der Tektonik. Naturwissenschaftlich gesehen:
- Hätten wir keine Tektonik, gäbe es uns nicht. D.h., das gehört zusammen,
- dass die Menschen entstehen und dann solche Dinge passieren. Auf der anderen Seite:
- Wenn ich in den Himmel schaue, dann spüre ich schon noch etwas. Eine gewisse religiöse Musikalität ist da offenbar vorhanden?
- Die ist da, wenn wir sehen, wie sich die Gestirne bewegen. Was wir alles sehen, wie das aussieht,
- die Farben, die es gibt usw. Dann spüre ich schon auch eine höhere Dimension.
- Wir sehen hier drei verschiedene Herangehensweisen. Wir werden heute Abend die Frage, ob es Gott gibt,
- nicht abschliessend klären können, man wundert sich kaum darüber. Aber wir können klären, was man eigentlich unter Gott versteht.
- Herr Hübl, was ist es, was Sie als Atheist Gott nennen und ablehnen? Es gibt zwei Arten, auf Gott zu schauen.
- Wenn man religionsanthropologisch schaut, sieht man: Es gibt weltweit in der Geschichte und auch heutzutage
- unglaublich viele Vorstellungen von Göttern, aber in vielen Religionen
- sind das keine allmächtigen abstrakten Gottheiten, wie Gott, Jahwe oder Allah,
- sondern Dämonen, Hexen, Ahnen, Vorfahren, die einen relativ kleinen Einflussbereich haben.
- Wenn wir heute über Atheismus sprechen, meinen wir meist, dass wir ohnehin ablehnen, dass es etwas gibt wie Hexen und Dämonen.
- Aber wir gehen einen Schritt weiter und sagen: Auch der eine Schöpfergott wird abgelehnt.
- Ich glaube, es ist nur sinnvoll, von Gott zu sprechen, wenn man die Vorstellung von diesem Schöpfergott hat.
- Sagt man: Gott ist eine Kraft oder Energie. Oder: Das Universum selbst ist Gott.
- Das ist für mich nur eine Sprachreform. Man ersetzt das Wort Universum durch das Wort Gott.
- Oder hat eine diffuse Redeweise und sagt: Es gibt da diese Kraft. Aber wie wir es auch im Vorspann gesehen haben:
- Wenn Leute beten und wollen, dass ihre Gebete erhört werden, dann glauben sie schon, dass es da etwas Personales, Abstraktes gibt,
- das auch in die Welt einwirken kann, zu dem sie beten. Sie beten nicht die Naturgesetze an
- oder die Elemente, den Stoff, aus dem das Universum ist, sondern sie wollen etwas anbeten, was noch daneben ist.
- Ich würde sagen, dass das existiert, dafür gibt es keine Belege
- und deshalb glaube ich nicht, dass es da etwas gibt. Ist es das, was er ex negativo beschrieben hat, woran Sie glauben?
- Ist das Ihr Gottesbild, Herr Mutschler? Eigentlich nicht.
- Erstens: Wer oder was Gott ist, wissen wir nicht.
- Trotz der Offenbarung. Das ist das, was man negative Theologie genannt hat.
- Das gibt es bei Thomas von Aquin, bei Karl Rahner. Das gibt es überall in der Theologie.
- Bei Paul Tillich auch. Alle Theologen haben gewusst,
- dass unser Gehirn der Fragestellung nicht gewachsen ist. Und dann sprechen wir metaphorisch und analogisch.
- Was anderes bleibt uns nicht übrig. Und deshalb sollten Theologen sehr bescheiden sein.
- Mein theologischer Lehrer war Karl Rahner. Den habe ich mal selbst erlebt.
- Der war in seinem Zimmer mit 15 Bänden von Karl Rahner, guckt sie an und sagt: "Alles Schwindel."
- * Kathrin Altwegg schmunzelt. * Das war der zweite Punkt? Sie hatten "erstens" gesagt.
- Der zweite Punkt ist, dass ich mit Ihnen nicht einverstanden bin. * Kathrin Altwegg lacht. * Und zwar sagen Sie:
- "Die Menschheitsgeschichte ist ein Lernprozess." "Es wird alles immer besser."
- Was ist mit Hitler, mit Stalin, mit Pol Pot? Wird da alles besser?
- Ich glaube, diesen Fortschritts- glauben können wir vergessen. Sie haben aufgeatmet. Wollten Sie dasselbe sagen?
- Ja, das wollte ich auch sagen. Die grössten Katastrophen hat der Mensch verursacht, glaube ich,
- seitdem der Mensch existiert. Es gibt auch von der Natur sehr grosse Katastrophen,
- wo 90 % aller Lebewesen verschwinden. Aber die grössten zur Zeit des Menschen
- hat der Mensch selbst verursacht. Das glaube ich schon.
- Ich muss auf zwei Sachen antworten. "Gott ist so gross, dass wir ihn gar nicht verstehen",
- ist wie ein Taschenspielertrick. - Uh! Als sagt jemand: - Es wird spannend.
- "Da gibt es ein hohes Wesen." Ich: "Wieso soll ich das denken?" Dann: "Na ja, dein Verstand reicht nicht aus, das zu begreifen."
- Dann könnte ich auch sagen, wieso kommst du erst darauf, dass es dieses höhere Wesen gibt?
- Und reagierst als Immunisierungsstrategie darauf, dass ich sage: "Vielleicht gibt es dieses höhere Wesen gar nicht",
- damit, dass du es nicht verstehen kannst. Bei den ganzen Annahmen, dass es etwas gibt,
- braucht man eigentlich gute Argumente. Da habe ich eine Rückfrage. - Kurz noch.
- Wo wir gerade dabei sind. Ich habe nicht pauschal gesagt, dass alles immer besser wird.
- Aber es gibt einen kulturellen und menschlichen Fortschritt, den wir sehen können und sicherlich ist der nicht linear
- und nicht alle Menschen sind gute Menschen, wie Sie sagten. Die Geschichte ist bis heute voll von Grausamkeiten
- und Kriegen und Gewalt, aber insgesamt hat die Gewalt in der Geschichte abgenommen.
- Wir haben eine doppelt so hohe Lebenserwartung wie vor 100 Jahren. Sie ist von etwa 35, 40 Jahren auf 70, 80 Jahre angestiegen.
- In fast allen Hinsichten, die wir kennen, Gesundheitsversorgung,
- Hunger, Demokratie, Frieden, Toleranz.
- Auch die Gewalt insgesamt weltweit ist relativ klar zurückgegangen. All das ist besser geworden.
- Es stimmt sicherlich, dass der Mensch die Natur belastet. Aber es gibt einen Fortschritt,
- dass man nicht akzeptierte, dass die Welt ist, wie sie ist, sondern versucht hat, durch Genialität und Erfindungen
- die Lebensbedingungen zu verbessern. Sonst hätten wir kein iPhone, könnten in keine Kamera schauen,
- sondern würden noch Beeren sammeln und versuchen, Mammuts zu erlegen. Kurze Replik: Sie wollten noch etwas sagen.
- Ja, was mich interessiert, Herr Kollege: Glauben Sie, dass es Grenzen der Vernunft gibt?
- Jetzt beginnt's. - Ja, doch! Denn wenn Sie das nicht glauben,
- ist das natürlich ein Taschenspielertrick, zu sagen: Von Gott wissen wir nichts. Davon hängt das ab.
- Was meinen Sie genau mit den Grenzen der Vernunft? Dass es Dinge gibt, für die wir zu dumm sind, um sie zu kapieren.
- Ganz allgemein, unabhängig von der Gottesfrage. Es gibt sicherlich Dinge, die wir vielleicht nicht richtig verstehen.
- Aber die Frage ist: Sollte ich zu den Dingen, die ich nicht verstehe, von denen es viele gibt, dann noch etwas hinzufügen,
- wofür ich gar keine Hinweise habe? Nämlich ein höheres Wesen. Und dann noch rätseln, wie dieses Etwas verstehbar ist.
- Mir reicht schon die Unverständlichkeit des Universums, mit seinen ganzen Rätseln.
- Man muss nicht eins hinzufügen, das man Gott nennt. Das Argument von Ockham's razor,
- dass man die Annahmen schlank halten soll. - Ja. Zu den Grenzen der Vernunft auch etwas von Ihnen, Frau Altwegg.
- Sie sagen, die Naturwissenschaften können das Wie beantworten. Aber eben nicht das Warum. Heisst das dann auch,
- dass die Naturwissenschaften kein Warum brauchen? Die Naturwissenschaften selbst brauchen kein Warum, ja.
- Das glaube ich schon. Der Mensch braucht das Warum. Wir fragen nach dem Warum. Das ist ganz klar.
- Schon die kleinen Kinder fragen nach dem Warum, und die grossen auch.
- Aber die Naturwissenschaften selbst bräuchten es nicht. Aber würde das auch heissen,
- wenn die Naturwissenschaften das Wie erklären, dass bei den Naturwissenschaften, wenn wir von Fortschritt sprechen,
- die Domäne Gottes auch immer kleiner wird? Also, je mehr wir wissen, desto weniger Platz ist für Gott?
- Nein. Es sind zwei verschiedene Fragen. Mit dem Wie beantwortet man nie und nimmer das Warum.
- Ich bin völlig einverstanden mit Ihnen. Ich sehe das ja auch so. Mit Ihnen bin ich naturgemäss nicht einverstanden.
- * Alle lachen. * - "Naturgemäss" sogar. Also ...
- Es ist doch nicht so, dass der gläubige Mensch einfach zu den Entitäten dieser Welt noch eine mysteriöse hinzufügt,
- weil ihm danach ist, das ist nicht der Fall. Sondern es gibt Menschen, die das Mysterium erfahren haben,
- und Hinweise, keine Beweise, sondern Hinweise in dieser Welt. Z.B. die wunderschöne Ordnung, die Sie ja untersuchen.
- Die muss ich nicht auf Gott zurückführen, aber es ist ja schon merkwürdig, dass der Physiker
- mit relativ einfachen Gleichungen so viel erklären kann. Das ist eine metaphysische Frage, keine physikalische.
- Sie haben geschmunzelt. Ich habe mich gefragt, wenn man die Disziplinen gemäss der Fragen "Wie?" und "Warum?" aufteilt,
- und da die Domänen zuweist, ist das für Sie überzeugend? Das hängt davon ab, was man mit Wie und Warum meint.
- Wenn Warum-Fragen kausale Fragen sind, würde ich sagen: Das ist die Hauptdomäne der Naturwissenschaften,
- zu erklären, was in der Welt passiert. Das muss man kausal erklären, mit den empirischen Wissenschaften.
- Die sagen auch, woraus die Welt besteht. Aus Elementen, Molekülen usw.
- Ich habe Sie so verstanden ... - Das ist das Wie, oder? Aber auch eine Warum-Frage. - Nein.
- Warum donnert es? Warum habe ich Sonnenbrand bekommen?
- Warum erwärmt sich der Stein? Weil Sonnenstrahlen ihn erwärmen. Also Kausalität als Erklärung, was passiert,
- ist eine fundamentale Kategorie aller Wissenschaften. Aber im Prinzip ist es immer noch das Wie. Wie passiert ein Blitz?
- Kann man so nennen. - Was löst er aus? Oder? Begrifflichkeiten. - Ja. - Ohne das Warum.
- Genau. Wenn man mit Warum so etwas meint wie: Wieso gibt es überhaupt etwas? Aber wir sehen schon an den Fragen:
- Ich kann mit einer Wie-Frage formulieren, was Sie Warum nennen. Und Ihre Wie-Fragen sind in meinen Augen Warum-Fragen.
- Es geht nicht um Fragepronomina, sondern darum, über was man redet. Ich würde sagen, die Wissenschaften reden über das Beobachtbare.
- Abgesehen von abstrakten Wissenschaften wie Mathematik. Dann gibt es Fragen der allgemeinen Beschaffenheit der Welt.
- Die Frage: Was ist Materie? Was sind Raum und Zeit? Was gibt es überhaupt? Was ist eine Erklärung, ein Naturgesetz?
- Das sind metaphysische Fragen, ein Teilbereich der Philosophie, die sich mit diesen allgemeinen Fragen beschäftigt.
- Dann könnte man sagen: Das sind natürlich nicht-genuin naturwissenschaftliche Fragen,
- sondern Fragen, die davon getrennt werden müssen. Eine Frage ist natürlich auch, was damit zusammenhängt.
- Die ganz grundsätzliche Frage, die Leibniz gestellt hat: "Weshalb gibt es denn etwas und nicht nichts?"
- Haben Sie eine Antwort darauf? Habe ich nicht, aber die Frage ist,
- wenn man irgendeine Antwort darauf gibt und sagt: "Na ja, da gibt es einen Schöpfer, der hat das erschaffen",
- fügt man diesem Rätsel, das es gibt, nichts hinzu. Im einen Modell sagen wir: Es ist ein Rätsel,
- dass es das Universum gibt, das ist irgendwie sonderbar. Im anderen Modell sagen wir: Es ist sonderbar,
- aber wir haben ein höheres Wesen, das es vielleicht erschaffen hat. Wer hat das Wesen erschaffen? - Der unbewegte Beweger!
- * Sie reden durcheinander. * Man verstrickt sich ... - Nein, nein.
- Man erweitert ein Mysterium durch ein neues. Obscurum per obscurius: Das Dunkle durch das noch Dunklere ersetzen.
- Dann könnte man auch beim Alten bleiben und sich freuen, dass man sich wundert, dass es etwas gibt.
- Ich merke, es ist explosiv heute. Eine kurze Replik, dann möchte ich den grösseren Blick wagen.
- Die Frage nach dem Warum Gottes, nach der Kausalität Gottes, ist eine sinnlose Frage. Sie sagen ...
- Jetzt sind wir uns einig. - * Lachen * Nein! Sie haben gesagt, ich muss ...
- Wenn ich Kausalketten habe und füge Gott hinzu, dann muss ich fragen: Was ist die Ursache für Gott? Das haben Sie gesagt?
- Ja. - Das ist sinnlos. Dann ist auch die Frage nach der Ursache des Universums sinnlos.
- Warum soll ich diese Frage nicht iterieren können? Ich darf fragen: Wie kann ich das unglaubliche Universum erklären?
- Gott hat es erschaffen. Aber nicht: Wer erschuf Gott? Wieso darf ich beim Universum fragen?
- Sinnlos. Gott ist der Grund, nicht die Ursache. Warum ist nicht das Universum Grund in sich?
- Warum brauche ich etwas Zweites? - Ich muss jetzt ... Wie Sie sagten, jetzt könnte es ewig iterieren.
- Machen wir hier doch einen Cut und schauen aufs grössere Ganze, nämlich die soziologischen Fakten. Wir sehen seit den 70ern
- eine grosse Veränderung in der Religionslandschaft, v.a. in Europa. Institutionen verzeichnen massenhaft Austritte.
- Der Gottesglaube nimmt ab. Exemplarisch: 1970 hat sich 49 % der Bevölkerung als protestantisch bezeichnet.
- Heute sind es gerade noch 21 %. Hat Gott als Konzept bald ausgedient, Frau Altwegg?
- Ich glaube nicht. Er hat sich geändert. Die Religionen haben ein bisschen ausgedient.
- Religionen, das wissen wir, haben positive Auswirkungen und auch negative Auswirkungen.
- Wenn wir sehen, was im Namen der Religion alles passiert, dann kann man schon ein bisschen daran zweifeln.
- D.h. aber nicht, dass man an Gott zweifeln muss. Das passt zu der anderen Zahl, die ich noch einbringen möchte,
- nämlich die Zahl der Personen, die sich ohne Religionszugehörigkeit beschreibt.
- Die hat am stärksten zugenommen seit 1970. 1970 bezeichneten sich lediglich 1,2 % der Bevölkerung
- als keiner Religion zugehörig. 2021 waren es knapp ein Drittel,
- die man hier auf der Statistik orange eingetragen sehen kann. Wie schauen Sie auf diese Zahlen, Herr Mutschler?
- Ich möchte ein Fragezeichen hier ranmachen. Es gibt heute eine frei flottierende Form der Religiosität.
- Menschen gehen in die Esoterik-Ecke, ziehen sich da etwas rein.
- Und ich bin nicht sicher, ob es damit adäquat begriffen wird. Gehe ich in eine Buchhandlung,
- ist da eine riesige Esoterik-Ecke und die Theologie kommt gar nicht vor oder ganz wenig.
- Ich habe den Religionserhaltungssatz definiert: Die Summe aller Religiosität bleibt konstant.
- * Lachen * - Sie wechselt nur ihre Form. Also auch die klassischen Theorien, die es in der Soziologie gibt,
- von Pluralisierung zu Individualisierung. Herr Hübl. - Ich finde das interessant.
- Die Beobachtung, dass es Bastelreligionen und Ersatz gibt. Studien zeigen: Ostdeutschland,
- eine Region, wo Leute sehr wenig an Gott glauben, ist fast die atheistischste Region der Welt.
- Dort glauben Leute relativ oft an Engel, sogar häufiger als an Gott. Es gibt also schon andere Substitute.
- Aber es gibt trotzdem die Beobachtung aus der Werteforschung. Seit etwa 40 Jahren werden Werte in allen Weltreligionen erforscht.
- Da fragt man natürlich auch nach dem Glauben. Zwei grosse Bewegungen machen sich bemerkbar. Eine Bewegung ist:
- Die Menschen gehen weg vom Kollektivismus zum Individualismus. Also von Werten, wo es ums nackte Überleben geht,
- hin zu individueller Selbstverwirklichung. Das ist eine Bewegung. Und die zweite ist:
- Weg von der Religion als Ordnungsprinzip der Gesellschaft hin zu einer säkularen Form, wo die Religion noch gelebt wird,
- aber auch aus dem Alltag, der Politik verschwindet. Und die Leute werden faktisch wirklich weniger gläubig.
- Und sie glauben insgesamt seltener, dass es so etwas gibt wie ein höheres Wesen.
- Sie sind auch seltener institutionell verankert, sondern suchen sich auf dem freien Markt, was passt.
- Genau. Und dazu passt noch etwas anderes. Dieser Verlust von Traditionen usw.
- Momentan ist es noch stärker verankert in Familie und Kultur. Aber das wird immer schwächer.
- Der Soziologe Detlef Pollack sagt dazu: "Dem Bedeutungsrückgang liegt weniger Unzufriedenheit
- als vielmehr Gleichgültigkeit gegenüber Religionsausübung zugrunde."
- Also auch ein Widerspruch zu dem, was Sie gesagt haben, Frau Altwegg. Lieber Fussball schauen als eine Predigt hören.
- Also, nicht für mich, aber ja. Sie sind kein Fussballfan?
- Nein, aber ich gehe auch nicht in die Predigt. Das ist schon so. Der Mensch ist individueller geworden.
- Er kann sich weniger einpassen in eine Gemeinschaft. Er will sich weniger einpassen in eine Gemeinschaft.
- Das sieht man schon. Die Esoterik, da gebe ich Ihnen recht, blüht wie verrückt.
- Und überflügelt häufig dann die wissenschaftliche, die naturwissenschaftliche Denkweise,
- was bedenklich für uns ist. Astrologie hat mehr Zuläufe als Astronomie.
- Das ist, glaube ich, schon so. Es ist natürlich auch vom System her einfacher.
- * Lachen * Herr Hübl, Sie fragen sich vielleicht insgesamt:
- Weshalb glauben überhaupt so viele Menschen? Wenn man weltweit schaut,
- nimmt die Zahl der Gläubigen zu und nicht ab. Was wir besprechen, ist eher eine europäisch geprägte Diskussion.
- Ja, aber die Werte-Untersuchungen zeigen schon, dass es eine weltweite Entwicklung ist,
- auch wenn die schneller und stärker in den Industrieländern zu beobachten ist als in den Schwellenländern.
- Also, in den Ländern, wo die Umwelt noch sehr gefährlich ist, wo man nicht so viele Ressourcen hat und nicht so wohlhabend ist,
- ist Glaube oder Religion vielleicht ein Ordnungsprinzip, oft auch eine Rationalisierung von Leid, was wir anfangs hörten.
- Es passieren schlimme Dinge, die muss man irgendwie einordnen. Aber der Trend ist eigentlich ein relativ universeller Trend.
- Es gibt eine Re-Traditionalisierung. Dass der progressive Fortschritt,
- dieser neue Atheismus oder diese Areligiosität, dass das in der Gesellschaft weggeht
- und es kleinere Gruppen gibt, die dann besonders gläubig werden. Wir haben das in der Re-Islamisierung gesehen,
- als Antwort auf den liberalen Westen. Es gibt die Evangelikalen in den USA,
- die besonders gläubig sein und es richtig machen wollen. Diese Bewegung gibt es, aber insgesamt nimmt es ab,
- selbst in den sehr religiösen Regionen der Welt, aber relativ langsam.
- Gut. Wir sehen: Es gibt Bewegungen in der Glaubenslandschaft. Menschen sind nicht mehr bereit, äusseren Autoritäten zu folgen,
- setzen die persönliche Freiheit eher an erste Stelle. Bei uns ist auch die Buddhistin Dorothea Franck.
- Frau Franck, Sie sind in einem christlichen Haushalt aufgewachsen. Dann haben Sie sich dem tibetischen Buddhismus zugewandt.
- War das auch aus persönlicher Freiheit, aus Betonung der eigenen Freiheit?
- Ich glaube, in unserer Zeit hat jeder die Freiheit, die Religion zu wechseln oder auch abzulehnen.
- Aber ich glaube, da, wo ich gelandet bin, nach einer heftigen atheistischen Phase,
- das hat schon auch mit der Erfahrung von Freiheit zu tun. Also, im Buddhismus geht es ja nicht um ein Glaubenssystem,
- dass man sozusagen an Behauptungen glauben muss. Es gibt also nicht dieses Glaubensgebot,
- aber es gibt Angebote für Praktiken, für Methoden. Es geht um Erfahrungen.
- Insofern ist die Frage: Gibt es oder gibt es nicht? Das ist eigentlich aus dem Denkbereich.
- Das ist nicht der Kern, worum es bei Religiosität im buddhistischen Sinn geht.
- Wir haben ja gerade gehört: institutionalisierte Religionen eher nicht mehr so populär in Europa.
- Der Buddhismus oder das, was an Methoden ausgekoppelt wird, ist ziemlich beliebt. Würden Sie sagen,
- der Buddhismus ist die richtige Religion für unsere Zeit? Es sieht so aus, aber ich glaube, das ist etwas zu kurz gegriffen.
- Es gibt so viele Arten von Buddhismus. Mit manchen fühle ich mich sehr verwandt.
- Und mit manchen würde ich in meinem Leben nicht zurechtkommen. Es gibt aber eben diese Gemeinsamkeit,
- dass man etwas zeigt und etwas nicht behauptet.
- Man könnte mit Wittgenstein sagen: nichts sagen, sondern zeigen. Ein Lehrer, das ist ja im Buddhismus sehr wichtig,
- dass man einen persönlichen Bezug zu einem Lehrer hat, und zwar zu einem Lehrer, der sich auskennt,
- der bestimmte Erfahrungen gemacht hat und einem Hinweise geben kann,
- wie man zu diesen Erfahrungen kommt. Und die Erfahrungen,
- nach denen man sich sehnt, die sind, glaube ich, ähnlich wie die in allen Religionen,
- vielleicht in allen Philosophien. Lassen Sie mich noch kurz die Frage der Sendung stellen.
- Im Buddhismus gibt es weniger den personalen Gott, den man anbetet. Was ist die Antwort der Buddhistin auf die Frage: Gibt es Gott?
- Und wie würden Sie das beschreiben? Die Frage ist für mich eigentlich irrelevant.
- Es geht darum, wie ich mich entwickle, und ob ich, man könnte sagen, die göttliche Ebene in mir finde.
- Deshalb braucht man als Buddhist zwar einen Buddha, das ist einfach ein Lehrer,
- aber man braucht keinen Gott. Man findet die Göttlichkeit in sich,
- indem man Übungen und Erfahrungen machen kann, die einem die eigene Grösse, jetzt nicht im Sinne von Ego,
- sondern von einer unendlichen Potenzialität, zeigen können. Die vor allem das eigene Entwicklungspotenzial ansprechen.
- Es ist ein Weg der Praxis. Das Göttliche in sich selbst finden, das nehme ich mit.
- Danke, Frau Franck. - Danke. * Applaus *
- Ja, es gibt auch ganz handfeste Vorteile von Religiosität. Religion mache zufriedener, resilienter, sagen Forschende.
- Religiös lebt es sich also offenbar besser. Ist das ein gutes Argument, Herr Hübl?
- Ich bin mir nicht ganz sicher, dass das immer zutrifft. Es gibt schon Untersuchungen, die zeigen,
- dass Lebenszufriedenheit dann hoch ist, wenn man eine Art harmonisches Weltbild hat.
- Es gibt interessante Untersuchungen zu Zufriedenheit und dem Bruttoinlandsprodukt.
- Je wohlhabender ein Land, desto zufriedener die Menschen. Das ist einer der stärksten nachweisbaren Faktoren.
- Fragt man: "Wie zufrieden bist du von 1 bis 10?" 10 ist Glückseligkeit auf Erden.
- In sehr reichen Industrieländern - Schweiz, Deutschland, Frankreich, Luxemburg usw.
- sind die Werte zwischen 7 und 8. Ganz wenig sind über 8, das sind so die höchsten Werte.
- Das ist ziemlich sauber korreliert, es gibt nur zwei Ausreisser. Ein Ausreisser sind die Leute in den ehemaligen Sowjetstaaten,
- ihr Zufriedenheitsniveau liegt unter ihrem Einkommen. Vielleicht, weil ein System, in dem sie lebten, zusammenbrach.
- Die zweite Gruppe sind die lateinamerikanischen Länder, wo die Leute deutlich zufriedener sind,
- als ihr Wohlstand es vorhersagen würde. Eine naheliegende, oft genannte Erklärung ist,
- dass die Leute dort sehr gläubig sind. Der Glaube ist auch ein Ordnungsprinzip der Gemeinschaften.
- Wenn das alles gut zusammenpasst, ist man tatsächlich zufriedener. Herr Mutschler, Sie ärgern solche Argumente,
- das sei Zweckrationalisierung. Sehr. Wenn ... - War ja erst mal eine Beobachtung.
- Eine Tatsachenwahrnehmung. - Ja, schon. Nur hätte ich eine Rückfrage an Sie:
- Wenn das so ist, warum sind Sie nicht gläubig, wenn es doch nützt? Das frage ich Gott: Warum hat er aus mir einen Atheisten gemacht?
- * Lachen * Also das geht jetzt gar nicht. Das haben Sie entschieden.
- Sie haben sich entschieden zu dieser Art von Weltanschauung. Aber ... - Kann man sich für Glauben entscheiden?
- Ist das nicht auch eine Gnade? Das würde ich nicht auseinander dividieren wollen.
- Da spielen Freiheit und Gnade beides mal mit herein. Möchten Sie was zur Zweckrationalisierung sagen?
- Darauf habe ich Sie angesprochen. - Darauf bin ich sehr allergisch. Das merkt man. - Denn dann ist Gott ein Mittel zum Zweck.
- Das gibt es im Schamanismus. Wenn Sie krank sind, gehen Sie zum Schamanen, bezahlen ordentlich,
- und dann macht er Sie gesund durch transzendentale Machenschaften. Der richtige Schamane verlangt kein Geld, das gehört zur Gesellschaft.
- Dann nehme ich den Heiligen Antonius. Der Heilige Antonius ist ein katholischer Aberglaube,
- ich kann es nicht anders sagen. Da geht man hin, wenn man Brille, Schlüssel, irgendwas verloren hat,
- dann zahlt man ordentlich und findet das wieder. Gegen so was ... - Bei meiner Oma hat das funktioniert.
- * Lachen * (Lachend) Damit ist er nicht glücklich.
- Es tut mir leid, Herr Mutschler. Ich möchte Martin Luther King zitieren, Bürgerrechtler und Pastor:
- "Der Glaube gibt uns weder die Illusion, wir könnten von Leid und Schmerzen ausgenommen werden,
- noch lässt er uns annehmen, das Leben sei ein Schauspiel ohne dramatische Augenblicke und Verwicklungen."
- "Vielmehr wappnet er uns mit der inneren Ausgeglichenheit, die wir brauchen, um den unvermeidlichen Spannungen,
- Lasten und Ängsten entgegenzutreten." Der Glaube also auch als Ressource, als Vertrauen,
- dass Leben und Leiden einen Sinn haben, Frau Altwegg. Dem würde ich schon zustimmen.
- Ich glaube, mit Glauben kann man die nötigen Ressourcen freimachen, dass man eben auch Dinge aushält, die einen sonst knicken.
- Für mich ist ... Wenn ich ins Universum schaue und mich damit beschäftige,
- ist es für mich eine Ressource. Ich weiss, ich bin ein winzig kleines Teil in diesem Universum,
- aber ich bin ein Teil davon. Das ist eine ähnliche Erfahrung, wie wenn ich sagen würde:
- "Gott stützt mich, auch wenn es schiefgeht." Und dass Gott Leid zulässt, ist klar. Das wissen wir.
- Aber dass wir aufgefangen werden, wissen wir eigentlich auch. Also auf das Universum auch schauen
- als ein sinnhaftes Ganzes, Herr Mutschler. Das wird ein Christ sagen.
- Mhm. - Ja, der wird das sagen. Und zwar obwohl es so viel Schreckliches gibt.
- Das ist genau der Glaube. Das haben Sie richtig gesagt. Jedenfalls für meinen Geschmack. Ich würde Ihnen da zustimmen.
- Ich glaube, die Anziehungskraft von Religionen ist, dass sie sagen, die menschliche Existenz ist endlich.
- Unser grossartiges Leben wird uns irgendwann genommen. Wir müssen viel Leid erfahren, kein Leben ist frei davon.
- In der Vergangenheit war das Leid noch viel grösser. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.
- Deshalb kann ich mir vorstellen, dass es ein Angebot ist, zu sagen, das Leid wird aufgefangen in irgendeiner Weise.
- Vielleicht verspricht man ein Leben nach dem Tod oder ein Reich Gottes
- oder ein Aufgehoben sein in einer Religion. Insofern glaube ich, dass das stimmt.
- Gleichzeitig denke ich, dass alles, was Sie vorgelesen haben, man auch von einem robusten Atheisten sagen könnte.
- Auch viele Atheisten haben gelernt, Resilienz zu entwickeln, mit Leid umzugehen, Endlichkeit zu akzeptieren,
- vielleicht im Angesicht der Endlichkeit zu leben. Das ist auch eine Bejahung des Diesseits.
- Man weiss, das Leben ist begrenzt, man hat nur dieses eine Leben. Damit ist man vielleicht umso lebensfreudiger im Diesseits.
- Dass es bei den negativen Erfahrungen auch eine Kompensationsleistung sein kann,
- liegt meines Erachtens auf der Hand. Aber Sie haben gesagt, dass es auch die andere Erfahrung gibt.
- Erfahrung von unglaublicher Schönheit, von Dankbarkeit, die man eigentlich für sich nicht anders auflösen kann,
- als in einem grösseren Wesen wie Gott, Herr Mutschler. Ja, ja, Ihnen widerspreche ich naturgemäss nicht.
- * Lachen * Was sagen Sie denn dazu? Ich würde das genauso beschreiben wie Sie.
- Es gibt dieses Erhabenheitsgefühl. Man schaut ins Weltall hinein und ist selber so klein.
- Erhabenheit ist eine Mischung aus Schönheit und Grösse, vielleicht Angst und Bedrohung.
- Die unendlichen Weiten sind gross, unfassbar, also nicht mehr begreiflich, aber mit einer gewissen Ästhetik.
- Und wenn sich das mischt, dann hat man so ein besonderes Gefühl. Ich glaube, viele Atheisten haben auch
- diese ozeanischen Erhabenheitsgefühle. Das Auflösen im grösseren Ganzen? - Ja. Könnte man so formulieren.
- Aber ich würde es nicht als Glauben oder Religiosität beschreiben, sondern als besondere ästhetische Erfahrung.
- Es gibt viele andere grossartige ästhetische Erfahrungen. Man kann das Glaube nennen, aber dann sind alle Menschen gläubig.
- Oder man sagt einfach, es gibt diese Erfahrung. Wenn das für einige für was Höheres spricht,
- mag das so sein, aber für mich kann man davon nur ableiten, dass es grossartig ist, ins Firmament zu schauen.
- Es gab in Theologie und Philosophie immer wieder Bemühungen, Gott zu beweisen.
- Ihn aus dem Rahmen des ganz Spekulativen auf den Boden der Tatsachen zu holen.
- Gott beweisen. Was halten Sie davon, Frau Altwegg? Sicher nicht mit Naturwissenschaften. Gott ...
- Aber der Mathematiker und Philosoph Kurt Gödel machte einen Gottesbeweis. Nein, der hat den rein logisch überprüft.
- Aber der ist noch nicht widerlegt, oder? Nein, der war Atheist.
- Der wollte nicht die Gottesbeweise rehabilitieren. Er hat nur formal geschaut,
- ob der Gödelsche Gottesbeweis formal richtig ist. Daraus folgt noch nichts für oder gegen die Existenz Gottes.
- Das hat er nicht gemacht. Ich meine, Gott ist nicht Materie, das würde ich schon sagen.
- Wahrscheinlich auch nicht Energie, die man messen kann. In der Physik kann man elektromagnetische Wellen messen,
- man kann Materie beobachten, man kann Bilder machen. Damit kann man Gott nicht beweisen, aber genauso wenig widerlegen.
- Genau, das ist der Ball in Ihre Richtung. Sie können die Nicht-Existenz Gottes auch nicht beweisen.
- Jetzt stellt sich die Frage: Bei wem liegt die Beweislast? Bei dem, der Gott negiert oder bei dem, der Gott annimmt?
- Da ich die Existenz des Spaghetti-Monsters auch nicht widerlegen kann, würde ...
- Ist das dasselbe? - Ich glaube schon. Es gibt unendlich viele Dinge, die man annehmen kann,
- deren Nicht-Existenz ich nicht beweisen kann. Dafür müsste man das ganze Universum kennen,
- vielleicht sogar danebenschauen können. Deshalb ist es eine Asymmetrie.
- Wer eine Annahme macht, hat eine Bringschuld. Wenn man eine ontologische Annahme macht,
- sagt, es gibt z.B. etwas Höheres, dann muss man die Hinweise benennen.
- Deshalb glaube ich, dass die Diskussion um Gottesbeweise etwas ... irreführend ist.
- Man glaubt nicht mehr, dass es Beweise gibt in den Wissenschaften, so wie es die in der Mathematik gibt.
- In der Mathematik gibt es echte Beweise, aber in anderen Bereichen gibt es keine Beweise in der eigentlichen Form.
- Ich glaube auch nicht, dass es das trifft, was Gläubige glauben. Sie wollen nicht formal bewiesen haben:
- Mit diesen sieben Schritten zeige ich: Ein Gott existiert. Sondern das ist eine Form der ...
- Wir haben es gehört, eine Art der nicht begrifflichen ... ... Form der Nähe oder der Anwesenheit oder Beziehung,
- die man gar nicht in Worte oder logische Formeln fassen kann. Wenn man es versucht, bisher ist es niemandem gelungen,
- dann verstrickt man sich in Widersprüchen. Herr Mutschler, welche Argumente sprechen denn für Gott?
- Es ist mir peinlich, aber ich gebe Ihnen in allem Recht. * Lachen * Das muss ich einfach sagen.
- Ich habe Theologie studiert. Weil ich ein älteres Semester bin,
- musste ich Gottesbeweise lernen, auch ganz neue. Mit der Zeit habe ich gemerkt, das ist alles Nasenwasser.
- Das stimmt alles nicht, die haben alle ihre Lücken. Ich glaube nicht mehr an die Gottesbeweise.
- Wenn man schwächere Behauptungen aufstellt und sagt: "Vielleicht gibt es Hinweise", das sind keine Beweise.
- Die Schönheit. Haben Sie sich mal mit den Biologen beschäftigt,
- die die Schönheit der Natur ableiten wollen aus Darwin? Das ist aber elend.
- Die sagen, der Pfau hat so ein riesiges Rad, weil da denkt das Weibchen: "Der ist toll, den heiratest du,
- denn der ist so stark, dass ihn der Fuchs nicht frisst." Oder so was. - Ja, der Tiger.
- Der Tiger, ja. - Tiger jagen Pfauen. Ja, da... - Das ist "Costly Signaling".
- Das ist die Theorie der Evolution. Das ist ziemlich wahrscheinlich. Das ist ein Signal der Fitness des Pfaus.
- Er braucht kein schönes ... - Er zeigt: "Ich kann mir so lange Federn leisten."
- Dafür braucht er kein schönes Pfauenrad, da genügt ein farbloses. Das kostet ihn nämlich auch Energie.
- Darf ich dazu ...? - Ja. Das kommt oft vor. Warum soll gerade Schönheit für Gott sprechen?
- Das ist sonderbar, weil wir haben viele subjektive Erlebnisse und wir haben Vergnügen und Schönheitsvergnügen.
- Einige Dinge lösen schöne Erlebnisse in uns aus, viele Dinge nicht so schöne.
- Warum soll dieses positive Erlebnis nun gerade für Gott sprechen? Was wir haben, wenn wir die Natur oder Formeln sehen, Musik hören.
- Es gibt Naturschönes, artifiziell Schönes. Diese Dinge lösen das aus, aber ganz viele auch das Gegenteil.
- Warum soll das schöne Empfinden dafür sprechen, dass es ein höheres Wesen gibt, und andere nicht?
- Sie haben einen bestimmten Begriff von Schönheit. Ja. - Den will ich attackieren.
- Nein, weil Sie rein subjektivistisch denken. So wie wenn man Spätzle isst oder Nudeln oder so was.
- Aber das Schöne ist eine Eigenschaft der Natur. Das kann man realistisch deuten.
- Und dann stellt sich die Frage nach dem Warum. Sie haben jetzt das Schöne komplett subjektiviert.
- "Das Schöne liegt im Auge des Betrachters." Das bestreite ich. Wir haben Erlebnisse, die wir auf Dinge projizieren.
- Wir sagen: "Die Mona Lisa ist schön," oder "Bachs Goldberg-Variationen finde ich beeindruckend".
- Aber da projizieren wir nur unser subjektives Erleben auf die Objekte.
- Und wenn viele Leute dasselbe Erlebnis haben, sagen wir so was wie: "Es ist so."
- Es liegt nicht in den Goldberg- Variationen, sondern in unserer ... Genau, hätten wir ein anderes mentales Set-up
- und andere Sinnesorgane oder eine andere physiologische Ausstattung,
- fänden wir andere Dinge schön. Ein schönes Beispiel: Wenn Möwen eine Kunstgalerie hätten
- und da schöne Bilder hingen, wären das viele Schnäbel mit zwei roten Punkten,
- weil die das unglaublich toll finden. Aber in unseren Galerien hängen halt die Dinge, die uns ...
- ... u.a. Schönheitserlebnisse hervorrufen. Frau Altwegg, noch mal die Frage:
- Schönheit: Ein gutes Argument oder ein Hinweis für Gott? Für Sie? - Es ist sicher nicht mehr als ein Hinweis.
- Ich würde nicht auf die Schönheit gehen, die wir so optisch oder akustisch wahrnehmen.
- Andere Lebewesen haben andere Vorstellungen von Schönheit. Für mich ist z.B. sehr schön,
- dass man das Universum im Prinzip mit vier Kräften erklären kann. Man braucht nur vier. - Also die Einfachheit.
- Die Einfachheit, die Logik. Das Universum, wie sich das entwickelt.
- Dazu kommt dann natürlich Quantenmechanik, die ... statistisch ist.
- Aber auch die ist eben schön. Wenn es drei Prinzipien wären, spräche es dann noch mehr für Gott?
- Wenn man vier auf drei reduzieren könnte? Das versuchen sie ja, die vier auf eine zu bringen.
- Klappt bis jetzt nicht. Aber ... Die Zahl scheint keine Rolle zu spielen.
- Doch. - Ob es sechs oder drei sind. Warum soll das eine mehr für Gott sprechen? - Wenn man jedes ...
- Wenn man alles, was man sieht, mit einem anderen Gesetz erklären müsste,
- dann ist es nicht mehr schön. Und so ist es nicht. Wir können ganz Unterschiedliches,
- vom Mikrokosmos, bis zum Makrokosmos und zum Weltall mit den gleichen Gesetzen erklären.
- Und das ist für mich schön. - Okay. Das ist kein Beweis für Gott, nein, aber es ist mindestens schön.
- Wir konnten Herrn Hübl noch nicht überzeugen. * Lachen * Ich würde Ihnen zustimmen.
- Man kann auch in mathematischen Erklärungen Schönheit finden, weil es uns angenehm ist, wenn wir Sachen verstehen.
- Das löst auch subjektive Gefühle der Wohlbefindlichkeit in uns aus. Doch das spricht nicht für ein höheres Wesen,
- sondern nur dafür, dass uns Bestimmtes anspricht. Zum Beispiel Ordnung und Struktur.
- Und es sagt was über das Naturell von Physiker/-innen, weil die Ordnung und Strukturen besonders mögen.
- Andere Menschen, die in dem Bereich weniger begabt sind, finden es vielleicht gar nicht gut, wenn alles so strukturiert ist.
- Es sagt mehr über eine bestimmte Zunft von speziellen Menschen aus. Im positiven Sinn spezielle Menschen,
- die hochintelligent sind und sehr gern ordnen. Aber nicht so viel darüber, dass es ein höheres Wesen gibt.
- Sie sehen überhaupt nicht amüsiert aus. * Vereinzeltes Lachen *
- Weil mir nicht einleuchtet, was Sie sagen. Wenn etwas objektiv erkennbar ist, dann die Physik.
- Man kann das nicht machen. Sie können nicht sagen: "Die Physiker haben so ein gutes Gefühl,
- wenn die Formeln einfacher werden, wenn man eine vereinigte Feldtheorie hat oder so was."
- Das ist real. Das ist ein Bezug auf Realität
- und hat mit unseren subjektiven Gefühlen nichts zu tun. Das ist die Struktur des Universums.
- Angenommen, das Universum wäre ungeordneter und man hätte nicht diese tollen vier Grundkräfte gefunden.
- Warum spricht das mehr oder weniger für Gott? Ich sehe die Verbindung zu Gott nicht.
- Ich sehe diese ganzen Punkte, dass die Formeln so sind. Ich bin selbst kein Physiker und ich glaube den Physiker/-innen.
- Es verweist nicht automatisch ... - Warum soll das für mehr sprechen? Es gibt innerhalb der Physik auch Kritik daran. - Ich weiss.
- Sabine Hossenfelder sagt z.B. in ihrem Buch, die Obsession mit Einfachheit und Symmetrie in der Physik führt ...
- Ich kann es nicht beurteilen, ich bin Aussenstehender. Aber es scheint nicht ganz so klar zu sein, auch in der Zunft selber,
- dass das immer das Ideal sein sollte, dass man perfekte, symmetrische, wenige Formeln hat.
- Vielleicht verpasst man dann die Realität. Also, es ist nicht symmetrisch. Das ist falsch.
- Aber die Erhaltungssätze sind symmetrisch. Die Erhaltungssätze, oder? In der Physik?
- Es gibt mindestens eine nicht symmetrische Dimension: die Zeit. Genau ... - Lassen Sie uns nicht in einen Fachdiskurs abrutschen.
- Da verlieren wir die Leute und auch mich. Ich würde noch einen anderen Punkt vorbringen.
- Nämliche die Vorstösse, positive Eigenschaften von Religionen zu nehmen
- und sie vom Gottesglauben zu lösen. Ronald Dworkin, der Rechtsphilosoph, spricht auch von Religion ohne Gott.
- Ist das vielleicht die Zukunft von Religion in Europa? Ich bin nicht ganz sicher, was da die Argumente sind.
- Wenn man sich anschaut, was da genannt wird, was vermeintlich von den Religionen kommt,
- dann sagt man: Das Gemeinschaftsgefühl, ästhetische Dinge oder bestimmte Feste.
- Oder vielleicht Formen von ... Ja, diese Erhabenheitsgefühle. Aber all das kann man auch ohne Religion haben.
- Wenn man sich unsere heutigen Werte anschaut, sind die hart gegen den Widerstand der Kirchen erkämpft worden.
- Alles, was uns heute wichtig ist: Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit,
- dass Menschen nicht diskriminiert werden sollen, Minderheitenrechte, Gleichstellung von Mann und Frau.
- Das war und ist den meisten Religionen heute noch fremd und ist gegen ihren Widerstand erkämpft.
- Unsere Werte kommen nicht aus den Religionen, sondern sind eher aus anderen Bewegungen entwickelt worden,
- wie Humanismus und Aufklärung. Insofern bin ich nicht sicher, ob das aus den Religionen kommt.
- Oder ob man eher so was sagt wie: Wir können ein Leben führen, das tugendhaft ist,
- das ästhetische Erlebnisse usw. beinhaltet, ohne dass wir annehmen müssen,
- dass das von einem höheren Wesen kommt oder das uns das gibt. Ich glaube nicht, dass die Menschenwürde
- ohne das Christentum formuliert worden wäre. Das ist eine historische Frage,
- aber ich hätte dafür gute Argumente. Denn das Christentum hat die Verschiedenheit der Menschen,
- von ihrer Würde her, abgeschafft. Die Stoa hat das auch gemacht.
- Aber das Christentum war wesentlich daran beteiligt. Das ist nicht nur eine Erfindung der Französischen Revolution.
- Das habe ich nicht gesagt. - Ja, aber so ähnlich. Sie wurden erkämpft gegen den Widerstand der Kirchen.
- Dass es ein historischer Nebeneffekt ist von einer kulturellen Prägung durch die Religionen, das stimmt.
- Schrift ist ein Beispiel, die verbreitete sich durch den Protestantismus,
- was zu mehr Wissenschaftlichkeit führte. Aber diese Effekte waren nicht das Hauptziel,
- sondern sie wurden als Nebeneffekt gegen den Widerstand erkämpft. Die Diskussion, ob die Religion wirklich Werte-Lieferant war,
- kann man noch weiter erörtern. Die Schlussfrage ist an alle die gleiche,
- aber Sie beginnen, Frau Altwegg: Wenn Sie demnächst wider Erwarten Gott begegnen würden,
- was würden Sie Ihm denn sagen? Ich würde ihn fragen, ob es weitere Universen gibt.
- * Lachen * Herr Mutschler. - Ich würde ihn gar nichts fragen.
- Ich würde fragen: "Was hast du mir zu sagen?" Ich würde es andersrum sagen.
- Tatsächlich? - Ja! Und dann jede Möglichkeit auf Fragen vergeben?
- Ja, was soll ich den Herrgott fragen, jemine. Also, das ist mir völlig fremd.
- Ich kann darauf keine Antwort geben. Herr Hübl ... - Vielleicht will er mir was sagen.
- Sie haben bestimmt eine Frage an Gott. Ich würde dasselbe fragen, was Bertrand Russell fragen würde.
- Er sagte: "Warum hast du mir nicht mehr Hinweise gegeben?" "Warum hast du", wie vorhin gesagt, "einen Atheisten aus mir gemacht?"
- * Hans-Dieter Mutschler lacht. * - "Warum keinen Gläubigen?" Herr Mutschler hat Hinweise gegeben.
- * Vereinzeltes Lachen * Ich danke Ihnen ganz herzlich, Herr Hübl, Frau Altwegg,
- Herr Mutschler, Frau Franck, für dieses Gespräch. Danke euch fürs Mitdenken und Kommentieren.
- Mehr Futter fürs Hirn gibt's hier drüben und auf unserem Podcast - überall dort, wo es Podcasts gibt.
- Vielen Dank und bis demnächst.
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