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Gibt es Gott? [Ganze Doku] | Harald Lesch | Terra X: Die großen Fragen
Das Wichtigste aus dem Video
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Transkriptautomatisch erstellt · 171 Zeilen
- [Intro mit Musik] [Harald Lesch] Wir leben in einer Welt, in der für
- Gott kein Platz mehr ist. [Musik] Den Himmel haben wir längst erobert. Wir können Leben erschaffen. Und sogar dem Tod ein Schnippchen schlagen. Wir
- selbst wurden zu unseren eigenen Schöpfern. Und an seine Stelle sind andere getreten, die wir inzwischen vergöttern. Wofür brauchen wir ihn überhaupt noch, Gott? [Musik]
- Das klingt wie ein Widerspruch, aber Religion und Spiritualität sind auch heute noch ziemlich populär. Die Sehnsucht nach einer höheren Macht scheint uns nicht loszulassen. Wer hat nicht im
- Angesicht von Trauer und Leid schonmal leise gebetet: "Lieber Gott im Himmel, steh mir bei!"? Dabei weiß doch niemand, ob es ihn überhaupt gibt. Oder doch? Wissen Sie, als Astrophysiker
- werde ich immer wieder gefragt, ob ich bei meinem Blick in die Weiten des Universums nicht schonmal auf Gott gestoßen bin. Ob es ihn gibt oder zumindest geben kann.
- Woher soll ich das denn wissen als Astronom? Wer sagt denn, dass Gott überhaupt im Universum zu finden ist? Mir geht es da wie Juri Gagarin, dem ersten Menschen im All. Der wurde
- auch gefragt und der hat geantwortet: "Ich war im Himmel, aber habe Gott nicht gesehen." Die Frage kann niemand so ohne weiteres beantworten. Trotzdem bleibt sie eine, die die Menschen schon
- seit ihren Anfängen beschäftigt. Und auch die Wissenschaft hat sich damit auseinandergesetzt. Vielleicht ist sie die größte Frage der Menschheit überhaupt.
- [Musik] Gibt es Gott? Das stimmt ja: Der Blick ins Weltall kann religiöse Schauer verursachen
- angesichts der gigantischen Dimensionen. Im Universum gibt es etwa 100 Milliarden Galaxien. Darunter unsere kosmische Heimat, die Milchstraße. Allein hier finden sich
- Abermilliarden Sterne und Sonnensysteme. Um einen dieser Sterne kreist unsere Erde, bisher der einzige Planet, von dem wir wissen, dass er die richtigen Bedingungen für Leben hat.
- [Musik] Mich wundert das überhaupt nicht, wenn Menschen sich fragen: Kann das alles zufällig entstanden
- sein? [Musik] Oder steckt doch mehr dahinter? Z.B. ein Schöpfer mit göttlichem Willen.
- Dass nämlich alle Faktoren, die für die Entstehung des Lebens zuständig sind, auf einmal zusammengekommen sind, das ist ungefähr so wahrscheinlich, wie das hier. [Musik]
- Kann ein Bleistift unter den Bedingungen der Erde in der Luft senkrecht stehenbleiben? Unmöglich ist das theoretisch nicht. Es müssten allerdings die Luftströmung und die Vibration der
- Tischplatte so fein aufeinander abgestimmt sein, dass der Bleistift in der Balance bliebe. Nur, unsere Erfahrung sagt uns, dass sowas nicht passieren kann. Wenn es allerdings eine höhere
- Macht gäbe, dann wäre das natürlich wieder denkbar. Und es gibt Ideen, die sagen genau das gleiche über das gesamte Universum. Am Anfang von allem war Finsternis. Das
- klingt fast biblisch. Erst der Urknall brachte all die Elemente hervor, aus denen alles besteht, was wir heute sehen. Und alles, was nach dem Urknall geschah, die Entstehung von Sternen und
- Planeten, geschah weder rein zufällig noch ungeordnet. Denn im Universum gelten feste Regeln, die Naturgesetze, etwa die Gravitation, also die Schwerkraft. Sie bewirkt, dass alle
- Planeten zuverlässig auf ihren Bahnen bleiben. Es sind aber die sog. Naturkonstanten, unveränderliche Faktoren, die bestimmen, wie die Naturgesetze ihre Wirkung entfalten, immer gleich
- und überall im Universum. Die Naturkonstanten, wie die Gravitationskonstante sind wie Bauteile eines Uhrwerks, die ineinander greifen müssen, damit
- die Uhr funktioniert. Die Konstanten betreiben quasi den Maschinenraum des Universums. [Uhrwerk tickt] Würde sich nur eine einzige dieser Konstanten auch nur um einen Bruchteil
- verändern, würde folgendes passieren: Es geriete aus dem Rhythmus, würde sich völlig verändern oder ganz verschwinden. Viele Theologen und manche Physiker glauben deshalb, dass das
- Universum so fein aufeinander abgestimmt ist, dass das kein Zufall sein kann. Da muss ein Plan dahinterstecken. Und wer hat den Plan gemacht? Der kosmische Schöpfer. Der Uhrmacher des Kosmos.
- Ist der Fall damit schon gelöst? Ist die filigrane Feinabstimmung unseres Universums ein Beweis für die Existenz Gottes? Es gibt noch andere Erklärungen. Was, wenn unser Universum
- nicht das Einzige wäre? Wenn es unendlich viele Paralleluniversen gäbe? Dann müsste es auch zwangsläufig eines darunter geben, in dem genau die Naturkonstanten wirken, die wir kennen und
- genau in diesem Universum leben wir. Hier kommen wir an unsere Grenzen. Man könnte die Feinabstimmung des Universums als ein Indiz für die Existenz Gottes nehmen. Er hat das
- Universum so geschaffen, damit wir darin existieren können. Man kann aber auch anders argumentieren: Wir sollten uns nicht darüber wundern, dass das Universum so ist, wie es ist,
- denn sonst könnten wir gar nicht darin existieren. Es gibt wundersame Erscheinungen, aber nicht nur im ganz großen, sondern auch im kleinen. Schauen Sie mal hier auf die Ameisen!
- [Donner, Wind, Starkregen, Sturmflut] Texas, 2017: Der Hurrikan Harvey fegt mit über 240 km/h über das Land. Mehr als 30.000 Menschen verlieren ihr Zuhause, doch nicht nur sie. Rote
- Feuerameisen, tausende von Tieren schließen sich zu lebenden Flößen zusammen, ohne dass nur eine einzige Ameise zu Schaden kommt, kann die Kolonie so wochenlang überleben. Lässt sich hier Gottes
- Wirken erkennen? Forscher der North Carolina State University wollen verstehen, wie die Tiere das machen. Sie reproduzieren die Bedingungen der Flut in einem Wasserbecken. Mithilfe von
- Zeitraffervideos beobachten sie, was dann passiert. Um die genaue Struktur des Floßes entschlüsseln zu können, müssen die Forscher den Moment einfrieren, mit flüssigem Stickstoff. Die
- Analyse zeigt: Hinter dem scheinbaren Chaos findet sich eine Ordnung, in der jede Ameise ihren Platz hat. Einige der Ameisen bilden ein dichtes Gewebe, in dem sie sich mit Gliedmaßen
- und Beißwerkzeugen ineinander verhaken, die Basis des Floßes. Andere bewegen sich frei darauf, schützen die Larven der Kolonie und bringen sich da ein, wo Hilfe nötig ist. Manche glauben, hier
- müsse der Schöpfer höchstselbst die Instruktionen geben, denn woher sonst sollten die Ameisen wissen, was jede Einzelne zu tun hat. Doch auch hier gibt es eine Erklärung, die keinen Gott als
- Hilfe benötigt: Schwarmintelligenz. Das Phänomen findet sich überall im Tierreich. Sardinen, z.B. schließen sich gegen die Angriffe hungriger Delfine zu riesigen Schwärmen zusammen. Sie
- bewegen sich wie ein großer Körper und verwirren so den Feind. Vogelschwärme führen hochkomplizierte Flugmanöver durch, ohne dass auch nur zwei Tiere zusammenstoßen. Das Geheimnis
- solcher Formationen ist nicht etwa Gotteswerk, sondern schlicht Kommunikation. Ameisen kommunizieren mithilfe von Berührungen und Geräuschen. Vor allen Dingen aber mithilfe von
- chemischen Botenstoffen. Mit Drüsen in ihrem Hinterteil produzieren sie Pheromone. So hinterlassen sie Informationen für andere Ameisen und können auch deren Botschaften mit ihren
- Fühlern lesen, z.B. wo das beste Futter zu finden ist. Kein einzelnes Tier kann das gesamte Geschehen überblicken. Aber durch die Kommunikation mit seinen Gefährten erhält es die
- Signale, die ihm seine Aufgabe in der Kolonie zuweisen, völlig dezentral. Das Ergebnis ist ein Superorganismus. So hat die Wissenschaft nach und nach schon viele vermeintliche Wunder der Natur
- entschlüsselt. [Schritte in der Kirche] Haben wir es also mit einem Lückenbüßer-Gott zu tun? Der nur noch dort Geltung hat, wo die Naturwissenschaften noch keine Lösungen gefunden
- haben. Nicht unbedingt, denn es gibt sie doch, die wahren Wunder. Oder nicht? Der 9. September 1986 in Luxemburg: An diesem Tag sollte das Leben von Jean Walté und seiner
- Frau Anne sich für immer verändern. [Unfallgeräusche] Jean und Anne werden schwer verletzt. V.a. Jean wird die Folgen noch jahrelang spüren.
- [Jean Walté] Meine Frau war hinten und da waren noch keine Sicherheitsgurte hinten. Und dann ist meine Frau gegen mich geflogen, gegen meinen Sitz und dann wurde ich ganz in die Ecke gequetscht.
- Und dann hatte ich eine Fersentrümmerfraktur. Ich hatte immer, immer Schmerzen. Ich musste immer starke Medikamente nehmen. Die Ärzte konnten eigentlich nichts machen.
- [Anne Walté] Er ging nicht mehr auf die Straße, bloß bis zum Briefkasten und weiter nicht. [JW] So viel Schmerzen. Ganz schrecklich. [HL] Mit Mitte 30 ist Jean Teilinvalide, auf
- Gehhilfen angewiesen und Schmerzpatient. 24 Jahre bleibt das so. Dann überredet Anne ihn zu einer Reise. Ihr Ziel ist eine Kleinstadt in den französischen Pyrenäen: Lourdes.
- [JW] Ich dachte, ich würde das nicht durchhalten. den langen Weg. Ich packe das nicht. Und nachher hatte ich trotzdem eingewilligt. Und dann bin ich mitgefahren, Gott sei Dank.
- [HL] Jährlich zieht es 6 Mio. Besucher in die Stadt, in der die Lichter nie erlöschen. Neben vielen Pilgern auf Wallfahrt gibt es auch zahlreiche Kranke, die auf Genesung hoffen. Denn
- um die Grotte am Fuß der Basilika rankt sich eine Legende. [Musik] Es beginnt im Jahr 1858, als ein 14-jähriges Mädchen, Bernadette, an der Grotte vorbeikommt.
- Bernadette hört ein Rauschen und erblickt eine Lichtgestalt. Eine weißgekleidete Frau, die gleich wieder verschwindet. Von nun an erscheint sie dem Mädchen regelmäßig und fordert
- es auf, eine Quelle in der Höhle freizulegen. Bernadettes Visionen ziehen bald Neugierige an. Als ein Blinder sein Gesicht in der Quelle wäscht, kann er wie durch ein Wunder wieder
- sehen. Daraufhin fordert ein Pfarrer Bernadette auf, die Gestalt nach ihrem Namen zu fragen. Als diese ihr antwortet, sie sei die unbefleckte Empfängnis, ist selbst die Kirche überzeugt und
- lässt über der Grotte eine Basilika zu Ehren der Heiligen Jungfrau Maria errichten. Seither zieht die Quelle Pilger aus der ganzen Welt nach Lourdes. Sie alle hoffen auf die
- wundersam heilende Wirkung des Wassers. [Musik] Jean und Anne Walté erinnern sich heute gern an ihren ersten Besuch 2010. Damals ist Jean noch
- von schlimmen Schmerzen geplagt. Er zögert, ob er auch an der Zeremonie in den Bädern von Lourdes teilnehmen kann. Doch als er die Grotte besucht, spürt er große Zuversicht und wagt den Gang in
- die Bäder. [Musik] Während der damaligen Zeremonie taucht Jean komplett in das Heilwasser, begleitet von Gebeten. [Musik]
- [JW] Da muss man ja beten. [Gebet] Da ist es passiert. Da habe ich gemerkt, dass mein Fuß sich gelockert hat, und die Schmerzen waren fort. [HL] Zum ersten Mal nach 24 Jahren hat er keine
- Schmerzen, wie durch ein Wunder. War dies das Werk Gottes? So leicht macht es sich auch die Kirche nicht. Ein medizinisches Komitee prüft jeden Fall einer möglichen Wunderheilung.
- Dr. Rolf Theiß ist Chirurg und seit 25 Jahren Mitglied dieses Komitees. Er betreut auch Jean Waltés Fall. Seit der Heilung 2010 trifft Theiß ihn jedes Jahr. Akribisch untersucht der Arzt den
- betroffenen Fuß und versucht den Heilungsverlauf genau zu ergründen. [Dr. Rolf Theiß] Das Besondere dabei ist, dass die Schmerzen ganz plötzlich von jetzt auf gleich
- weg waren und auch bis jetzt nicht wieder aufgetreten sind. Eine medizinische Erklärung ist nicht bekannt und nicht zu erwarten. [HL] Seit 1883 diskutieren im medizinischen
- Komitee Spezialisten und Spezialistinnen aller Fachrichtungen solche Fälle. Für sie müssen Heilungen strenge Kriterien erfüllen, um als Wunder zu gelten: Sie müssen spontan, vollständig
- und von Dauer sein. Letztlich entscheidet aber die Kirche, ob es sich um ein wahres Wunder handelt. Obwohl seit den Tagen Bernadettes über 6.000 Heilungen in Lourdes überliefert sind, hat
- die Kirche nur 70 offiziell als Wunder anerkannt. Jean Waltés Fall ist bislang nicht dabei. [JW] Ich bin ja nicht nach Lourdes gefahren, um geheilt zu werden. Ich hatte nie daran gedacht.
- [Kirchenglocken und Musik] [HL] Wunder. Wer es glaubt, wird selig. Oder sogar gesund. Die Statistik zeigt hier Verblüffendes: Übertragen auf die Gesamtzahl der Lourdes-Pilger
- ist die Zahl der dort verbürgten Heilungen unter dem Durchschnitt der Spontanheilungen im Rest der Welt. Der Astrophysiker Carl Sagan hat mal bissig bemerkt: Die Aussicht auf Spontanheilung sei
- größer, wenn man Lourdes fernbleibe. Wie dem auch immer sei, wir Menschen sind empfänglich für das Unerklärliche, für wundersame Fügungen, für höhere Mächte und das überall auf der Welt und
- über alle Kulturen hinweg. Haben wir vielleicht sogar eine natürliche Veranlagung für den Gottesglauben. In den 1980er Jahren soll eine Maschine beweisen, Gott sei nur eine
- Halluzination, ein Hirngespinst. Der kanadische Hirnforscher Michael Persinger entwirft dazu ein Gerät, das bestimmte Bereiche des Gehirns, die Schläfenlappen, elektromagnetisch stimuliert. Mit
- dem Gotteshelm, wie er bald nur noch genannt wird, gelingt es dem Forscher spirituelle Gefühle bei den Probanden hervorzurufen. Der Gotteshelm wird berühmt und schon bald widerlegt, denn
- weitere Versuche zeigen, dass auch ein inaktiver Helm religiöse Empfindungen auslöst. Doch der Gedanke, dass Gott und Gehirn zusammenhängen, lässt mich nicht los. In München möchte ich heute
- mehr dazu erfahren. [Vogelgezwitscher] Persingers Fragestellung war spannend, aber die Umsetzung war nicht so gut. Was kann uns denn die aktuelle Hirnforschung zum Thema Gott und
- Religion sagen? Buddhistische Mönche sind ein gutes Forschungsobjekt. Beim Meditieren können sie ihr Gehirn absichtlich in einen Zustand versetzen,
- der spirituelle, religiöse Empfindungen hervorruft. Forschende fanden heraus, dass beim Meditieren das Hirnareal, das unser räumliches Empfinden prägt, kaum aktiv ist. Das könnte
- erklären, warum bei religiösen Erfahrungen oft das Gefühl der Entgrenzung eintritt. Nicht Gott wirkt auf uns, sondern die veränderte Hirnaktivität. Ist Gott also doch nur ein
- Hirngespinst? Am Uniklinikum in München will ich das genauer wissen. Der Neurologe Peter zu Eulenburg wird dazu mein Gehirn durchleuchten. Es ist das erste MRT meines Lebens. Ein wenig
- aufgeregt bin ich schon. [Peter zu Eulenburg] Dann darf ich dich hereinbitten. [HL] So, das ist es.
- [PZE] Das ist es. Wenn du dich hier hinsetzen könntest. Die Röhre ist eng. [HL] Ja. [PZE] Die Röhre ist laut. [HL] Ja. [PZE] Aber eigentlich passiert nichts Schlimmes.
- [HL] Gleich werden wir sehen, was wo in meinem Gehirn passiert, während ich meditiere. Zum Glück habe ich darin etwas Übung. Zum Vergleich wird mein Gehirn auch im entspannten Normalzustand
- durchleuchtet. Im MRT kann der Neurologe die Hirnaktivität anhand der Blutzirkulation genau verfolgen. Die Suche nach meinem persönlichen Gotteszentrum im Gehirn beginnt.
- [PZE] Kann es losgehen? [HL] Es ist schon eine Herausforderung, in der lauten Röhre zu meditieren. Aber heute scheint es zu klappen. Mein Geist begibt sich auf eine
- Reise. [Musik und lauter werdende Geräusche] Während ich so daliege, versinke ich in einem Blau, einem Über-Blau. Ich komme mir vor wie irgendwo mitten im Pazifik. Ich tauche und
- tauche. [Geräusche und Musik] [PZE] So, er ist fertig. [Musik] [HL] Ein echtes Ding, also sowas. Jetzt ist der große Moment gekommen. Zum
- ersten Mal blicke ich in meinen Kopf. [PZE] Das ist dein Gehirn. [HL] Ja. [PZE] Graue Substanz. [HL] Ja. [PZE] Das sind 40%, weiße Substanz 35%. Also ein normales Verteilungsspektrum.
- [HL] Alles gut, Gott sei Dank! Der Harry ist ganz normal. [PZE] Das Fadenkreuz ist in der Region des periaquäduktalen Graus, eine Region, die Kollegen
- als spiritualitäts-empfindungsmodulierende Region herausgearbeitet haben. [HL] Spiritualitäs-empfindungsmodulierend, mit anderen Worten, das Zentrum meines Glaubens.
- [PZE] Jetzt können wir uns den Meditationszustand angucken. Das ist hier wirklich eindrucksvoll. Muss man sagen, ja. [HL] Ich fasse es nicht!
- Die farbigen Stellen zeigen, wo mein Gehirn beim Meditieren besonders aktiv war und wirklich, mein periaquäduktales Grau sprüht förmlich vor Energie.
- Ich fasse es nicht, ist irgendwie gruselig, Peter, sich selber beim Denken zugucken. Also wenn es ein Organ gibt, das für den Glauben zuständig ist, dann ist es das Gehirn. Also ist
- Gott ein Hirngespinst? [PZE] Ohne Hirn kein Gott. [HL] Ohne Hirn kein Gott. Bedeutet das etwa, dass Gott nur existiert, solange wir an ihn denken?
- Dieser Teil, der für religiöse Erfahrungen zuständig sein soll, das ist ein altes Teil des Gehirns oder ist das eine relativ junge Entwicklung?
- [PZE] Nein, also das ist eine uralte Region, die sicherlich schon in Säugetieren und Primaten vor uns bestanden hat. [HL] Okay. Man könnte also auch sagen, unser Hirn ist
- von Anfang an auf Gott geeicht. Doch warum? Hat sich unser religiöses Zentrum vielleicht deshalb genauso entwickelt, damit wir Gott wahrnehmen können, so wie sich unsere Augen entwickelt
- haben, um Licht wahrzunehmen? Und weil Licht existiert? Existiert dann auch Gott? Sicher ist: seit der Mensch Kultur betreibt, beschäftigt er sich auch mit religiösen Fragen. Die ältesten
- Belege stammen aus der letzten Eiszeit und sind mehrere 10.000 Jahre alt. Neben Motiven von Jagdtieren finden sich schon damals Bildnisse fantastischer Mischwesen, halb Tier, halb Mensch.
- Viele Forschende glauben, dass diesen Wesen übernatürliche Kräfte zugeschrieben wurden. Die Fähigkeit zu glauben ist also seit Urzeiten in uns angelegt. Ein Beleg für Gottesexistenz?
- [verschiedene Gebete und religiöse Rituale] Ein archäologischer Fundort im Südosten der Türkei wirft ein anderes Licht auf die Anfänge des Glaubens. Göbekli Tepe -der bauchige Hügel- hier
- wurde der älteste Monumentalbau der Menschheit entdeckt, errichtet vor mehr als 11.000 Jahren. Doch was war sein Zweck? Diese Frage stellt sich der Archäologe Lee Clare, der die Grabungen
- leitet. Vor allem die gewaltigen Steinpfeiler geben Hinweise. Darauf sind Hände eingemeißelt. Und die Quersteine muten wie Köpfe an. [Lee Clare] Diese T-Pfeiler sind alle individuell,
- d.h. die Menschen haben ganz genau gewusst, wen sie dargestellt haben. Diese Individuen schauen nach innen zu den Zentralpfeilern und wir haben wirklich ein Treffen der Ahnen, vielleicht sogar
- der frühen Götter. [HL] Das würde bedeuten, dass Göbekli Tepe in erster Linie ein spiritueller Ort war, entstanden in einer Zeit als die Menschen noch Jäger und
- Sammler waren. Die Rekonstruktion zeigt: Der Aufwand, eine solche Anlage ohne technische Hilfsmittel zu errichten, muss enorm gewesen sein und das wohl allein zu dem Zweck, sich zu
- versammeln, Rituale abzuhalten und die Ahnen zu verehren. Wie bedeutsam der Ort für die Menschen gewesen sein muss, das belegen die neuesten Entdeckungen auf dem Areal, die Lee Clare und
- sein Team in unmittelbarer Nähe des Monumentalbaus gemacht haben. Reste von Kaminen, Mörsern und Vorratsbehältern deuten darauf hin, dass die Menschen hier sesshaft wurden. Göbekli
- Tepe ist damit Teil einer Entwicklung, die als die tiefgreifendste Umwälzung in der Geschichte der Zivilisation gilt: die neolithische Revolution. Vor etwa 13.000 Jahren beginnen
- Menschen, Pflanzen anzubauen, Tiere zu domestizieren und Siedlungen zu errichten. Dabei ist die Region rund um Göbekli Tepe für Siedlungen eigentlich höchst ungeeignet: eine
- karge Berglandschaft, in der es selten regnet und keine Flüsse gibt. Wie schwer es gewesen sein muss, hier ausreichend Wasser zu finden, zeigen tiefe Löcher rund um den Fundort, offenbar
- menschengemacht. Es sind Zisternen, von den frühen Siedlern mühevoll in den Felsen getrieben, um dauerhaft in der Nähe ihres Monuments leben zu können. Die Kirche im Dorf war damit geboren. Lee
- Clare ist überzeugt, dass Göbekli Tepe kein einmaliger Sonderfall war, sondern Teil von etwas größerem. [LC] Wir können davon ausgehen, dass es auch in
- der Umgebung Satellitensiedlungen gegeben hat, die quasi dann einen Bezug zum Göbekli Tepe gehabt haben. Es war Teil eines Netzwerkes und dieses Netzwerk war sehr groß.
- [HL] In einem Umkreis von etwa 200 km wurden zahlreiche Stätten entdeckt, die aus der gleichen Zeit stammen und der Anlage von Göbekli Tepe sehr ähnlich sind. Kreisförmige Steinbauten mit
- T-förmigen, menschenähnlichen Pfeilern. Es scheinen sich also zwei Dinge parallel in dieser Region entwickelt zu haben: die Sesshaftwerdung und die Erschaffung einer gemeinsamen Kultur,
- verbunden durch den Glauben an gemeinsame Götter. Dieser Glaube könnte die Menschen angetrieben haben, Siedlungen zu errichten, um länger an diesen Orten zu verweilen. Der Glaube als Kit
- einer Hochkultur, Religion als Vorteil einer Gemeinschaft. [Musik] Die Geschichte scheint das zu bestätigen. In allen komplexen Gesellschaften spielt der Glaube
- eine zentrale Rolle. Aus Liebe zu Gott betreiben die Menschen in den unterschiedlichsten Kulturen einen gigantischen Aufwand. Viele der größten und schönsten Bauwerke der Menschheit wurden zu Ehren
- der Götter errichtet. Spiritualität erzeugt Gemeinschaft, sorgt für Stabilität und Kontinuität. Der Glaube durchdringt alle Lebensbereiche. Feste, Kunst, Bildung und auch
- Konflikte werden durch ihn bestimmt. Doch v.a. gibt der Glaube Halt und Hoffnung, eine moralische Richtschnur von der Wiege bis zur Bahre. In unserem Kulturkreis hat sich der Glaube
- an einen gütigen Gott durchgesetzt, ein Gott der Liebe. Ist das nicht unglaublich? Eigentlich ist es seltsam, an einen guten Gott zu glauben, angesichts der Katastrophen, die
- die Glaubenswelt erschüttern können - heute wie damals. Wenn Gott existiert, wie kann er all das Leid und Unheil in der Welt zulassen? Ein großes Problem, das viele an der Existenz Gottes
- zweifeln lässt. Wir kennen das doch alle mit dem Zweifel. Spätestens wenn wir mal krank sind, wenn wir Angst haben oder jemand von uns geht. Und immer
- wieder nehmen die Naturgesetze ihren Lauf und bringen katastrophales Unglück über die Menschen. Wie kann ein gütiger Gott so etwas zulassen? [Geräusche von Naturkatastrophen]
- Gott und das Unheil und Leid in der Welt, das ist ein großes Problem für den Glauben. Es gibt aber eine rationale Erklärung. Wenn nämlich Gott den Menschen als ein Wesen mit einem freien
- Willen geschaffen hat, dann muss die Natur nach Gesetzen funktionieren, denn nur dann kann der Mensch die Folgen seiner Handlungen absehen. Also, Gott hat das Leid zugelassen, damit der
- Mensch sich in Freiheit für das Gute und gegen das Böse entscheiden kann. Also, in diesem Sinne ist das Leid der Preis, den wir bezahlen müssen, um uns in der Welt der Naturgesetze
- wohlaufgehoben zu fühlen. Ich weiß, das ist nicht leicht zu verstehen. Das ging vielen so. Und deswegen hat man nach Beweisen für Gott gesucht. Und der erste, der das gemacht hat, war Anselm
- von Canterbury. Frankreich im 12. Jahrhundert: Noch lebt der spätere Erzbischof von Canterbury in der Abtei Le Bec in der Normandie. Hier formuliert Anselm
- eine Idee, die nichts Geringeres will, als den Glauben mit der Vernunft in Einklang zu bringen. Für Anselm ist klar: weil wir Menschen Wesen der Vernunft sind, müssen wir auch Gott mithilfe
- unserer Vernunft erkennen können. Die menschliche Vernunft ist demnach der Spiegel Gottes. Er definiert Gott als das vollkommenste aller vorstellbaren Wesen. Keinem Menschen ist es
- möglich, sich ein höheres Wesen als Gott vorzustellen, denn sonst wäre Gott nicht vollkommen. Anselms Logik geht noch einen Schritt weiter: für ihn muss das Vollkommenste
- aller Wesen existieren, denn ein real existierender Gott steht höher als ein nur gedachter. Und darin liegt für Anselm der Beweis. Wenn Gott das Wesen ist, über das hinaus nichts
- höheres, nichts Vollkommeneres gedacht werden kann, muss er auch existieren. [Mischen der Karten] Na, überzeugt? Anselms Gottesbeweis ist
- einer der wichtigsten der Philosophiegeschichte und viele Denker sind ihm dabei gefolgt: Thomas von Aquin, René Descartes. Immanuel Kant dagegen hielt die ganze Sache für einen
- Taschenspielertrick. Er meinte: Existenz ist doch keine Eigenschaft der Objekte. Es ist doch ein Unterschied, ob es zehn gedachte Gulden sind oder zehn tatsächliche Gulden. Nur weil ich mir was
- denken kann, heißt doch nicht, dass es existiert. Ein anderer Denker hatte bereits vor Kant 276 00:35:51,000 --> 00:35:55,000 versucht, mit der Vernunft sich der Gottesfrage zu nähern und hat dabei eine ganz andere Methode entwickelt, nämlich Blaise Pascal. Pascal war einer der großen Mathematiker und
- Rationalisten des 17. Jahrhunderts, schrieb schon mit 16 einen bis heute gültigen Text über Geometrie und erfand eine der ersten Rechenmaschinen.
- Für ihn war die Suche nach Gott eine existenzielle Frage und er verglich sie mit einer Wette. Und kam dabei zu einem überraschenden Ergebnis. [Drehgeräusche des Roulettes]
- Man könnte Pascals Wette mit einem besonderen Roulette vergleichen: bei diesem Roulette steht Rot für "Gott existiert" und Schwarz für "Gott existiert nicht". Wenn ich alles auf Rot setze,
- also ich glaube, dass Gott existiert und er existiert, dass also Rot kommt, dann gewinne ich alles. Ich komme in den Himmel und nicht in die Hölle, prima. Wenn allerdings Schwarz kommt, ich
- an Gott glaube, er aber nicht existiert, dann kann mir ja nichts passieren, kann ich ja nichts verlieren. Denn die Hölle existiert ja nicht. Also, eine ziemlich clevere Berechnung des großen
- Logikers Pascal und er kommt auch zu dem Schluss, dass wenn wir schlau sind, wir natürlich an Gott glauben. Ein Beweis ist das natürlich auch nicht.
- Aber 2013 soll es ihn endlich gegeben haben, den echten Gottesbeweis. "Mathematiker bestätigen Gottesbeweis". "Ist Gott real? Forscher beweisen seine Existenz mit Gödels Theorie und MacBooks".
- "Informatiker beweisen: Gott existiert". Mit Hilfe eines Computers soll der Beweis also endlich gelungen sein. Der Mann dahinter, der Informatiker Christoph Benzmüller. 2012 stößt er
- zufällig auf einen jahrzehntealten Gottesbeweis, geschrieben in der Sprache der mathematischen Logik. [Christoph Benzmüller] Das ist polarisierend, das
- regt zu Widerspruch an oder zu Bestätigung und das ist deshalb besonders reizvoll, weil es keinen kaltlässt. Ein Wesen ist göttlich, falls es alle positiven Eigenschaften hat.
- [HL] Erdacht hat diesen Beweis der Mathematiker Kurt Gödel, einer der bedeutendsten Logiker aller Zeiten. 1906 in Österreich geboren, studiert Gödel in Wien Physik, beschäftigt sich aber auch
- mit Philosophie und mit der Logik. Die Lehre des folgerichtigen Denkens erfährt im 20. Jahrhundert einen Umbruch. Statt die Argumente nur mit Worten zu beschreiben, werden sie jetzt in der Sprache
- der Mathematik ausgedrückt. Bereits in jungen Jahren gilt Kurt Gödel als Meister dieses Fachs. 1940 folgt er einem Ruf an die berühmte US-amerikanische Universität in Princeton, wo er
- sich mit Albert Einstein anfreundet. Einstein glaubt an einen Schöpfer. Vielleicht bringt das Gödel auf die Idee, die Existenz Gottes nach den strengen Regeln der Logik zu überprüfen. [Musik]
- Alle bisherigen Gottesbeweise versuchten zu zeigen, dass die Existenz Gottes entweder wahr oder eben falsch ist. Gödel reicht das nicht. Er verwendet eine Logik, nach der Gott zudem auch
- möglich sein könnte oder sogar notwendig. So lassen sich Aussagen genauer beurteilen. Die Aussage "Kreise sind rund" z.B. ist nicht nur wahr, sondern auch möglich und zudem notwendig.
- Die Aussage "Menschen sind grün" ist falsch, aber zumindest möglich, nicht aber notwendig. Wie lässt sich damit Gott beweisen? Die Details sind kompliziert, aber am Ende seiner Beweisführung
- stellt Gödel fest: die Aussage "Gott existiert" ist nicht nur möglich, sondern auch notwendig und deshalb wahr. Gut 30 Jahre später stößt Christoph Benzmüller auf die Gödelsche Beweisführung. Diese
- ist so komplex, dass bisher niemand zeigen konnte, ob sich vielleicht nicht doch ein Fehler eingeschlichen hat. Jetzt soll ein Computer helfen, das zu überprüfen. Doch damit der
- Computer mit den Gödelschen Formeln etwas anfangen kann, muss Benzmüller sie in ihre Bestandteile zerlegen. [Musik] [CB] Hier steht nun: Gott existiert. Und zwar
- formuliert in der Sprache der Logik. [HL] Monatelang tüftelt Benzmüller an einem Computerprogramm, das die Folgerichtigkeit von Gödels Aussage überprüfen kann.
- [Musik] Der Augenblick der Wahrheit. Kaum 1 Minute braucht der Computer, bis feststeht: Gödels
- Beweisführung ist widerspruchsfrei. Doch heißt das auch, dass Gott existiert? [CB] Das beweist für mich persönlich nicht eine reale Existenz eines Gottes, es beweist die
- Möglichkeit abstrakter Theorien über das Göttliche, die widerspruchsfrei sind. [HL] Auch wenn Gödels Logik korrekt ist, lässt sich damit Gottes Existenz nicht beweisen. Denn
- auch Gödel muss Annahmen über Gott machen, die ihrerseits nicht bewiesen sind. Die Naturwissenschaft kann Gott nicht beweisen, denn sie betrachtet die Welt der Naturgesetze. Aber
- für Gott gelten diese Gesetze nicht. Gott ist per Definition nicht von dieser Welt. Glaube und Wissenschaft sind genau deshalb kein Widerspruch. Sie können nebeneinander existieren. Die größten
- Naturwissenschaftler, von Isaac Newton bis Albert Einstein, bekannten sich zu ihrem Glauben, obwohl die Existenz Gottes nicht erwiesen ist. [Musik und Schritte]
- Offenbar können uns auch die rationalsten Methoden bei der Frage nach Gott nicht helfen. Immerhin, die moderne Theologie benutzt die modernen Naturwissenschaften bei ihrem Bild von
- der Natur und Gott. Aber die Gretchenfrage: "Wie hältst du es mit Gott?" oder "Wie hältst du es mit der Religion" ist doch für jeden und jede von uns eine Entscheidungsfrage. Wir können uns
- entscheiden, so zu leben, als ob es Gott gäbe. Oder eben nicht. So. Aber die Wirkung, die könnte ja gewaltig sein. Wenn ich daran denke, die Schöpfung zu bewahren, eine große
- Herausforderung. Da ist doch der religiöse Ansatz viel wirkungsvoller als zu sagen "Das Ganze ist nur eine zufällige Fluktuation des Quantenvakuums". Und zwar ohne zu entscheiden, ob
- es Gott gäbe oder nicht. Also für mich ist es ohnehin klar. Ich habe doch jetzt nicht zu viel verraten, oder? Die haben mich einfach reden lassen.
- [Abspann]