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Rassistische Kontinuitäten nach dem Nationalsozialismus

Anne Frank Zentrum6:17 25 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 51 Zeilen
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  1. Es ging eigentlich weiter. Es gab kaum eine Anerkennung für die Menschen,
  2. die überlebt haben. Meine Familie
  3. lebt seit Hunderten von Jahren in Deutschland. Wir sprechen die deutsche Sprache, wir beherrschen sie in Wort und Schrift.
  4. Unsere Kinder wachsen bilingual auf. Sie sprechen neben Deutsch auch Romenes,
  5. das sprechen wir in den Familien. Und eigentlich kann man sagen, dass die Integration
  6. unserer Familie auch und der deutschen Sinti und deutschen Roma
  7. vor der Zeit im Nationalsozialismus eigentlich doch gelungen war.
  8. Und danach hat sich dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit nie wieder so eingestellt.
  9. Das Vertrauen in diese bundesrepublikanische Gesellschaft war nach dem Nationalsozialismus
  10. leider zerstört. Die Kinder gingen zur Schule,
  11. sie lebten in ihrer Nachbarschaft, sie hatten ihre Freunde, Bekannten. Und im Nationalsozialismus
  12. wurde unseren Kindern, genau wie den jüdischen Kindern, der Schulbesuch an öffentlichen, an Regelschulen verboten.
  13. Sodass man sagen kann, dort blieb eine Generation unbeschult und sind quasi zu Analphabeten herangewachsen.
  14. Und nach 1945 hatte man überhaupt gar kein Bewusstsein dafür, wenn es Schwierigkeiten in der Schule gab, dass das die Nachkommen waren
  15. von verfolgten Menschen oder auch selbst verfolgt waren. Es gab Diskriminierungen in der Schule, Kinder wurden weiter beschimpft.
  16. Ich habe es selbst erlebt in der Schule. Wir haben uns immer als deutsche Sinti verstanden
  17. und plötzlich war das nicht mehr. Und nach 1945 also,
  18. nach Beendigung des Krieges, mussten unsere Leute um die deutsche Staatsbürgerschaft wieder kämpfen.
  19. Meinem Vater wollte man die deutsche Staatsbürgerschaft nicht wieder zugestehen und vielen anderen unserer Leute auch.
  20. Er hat versucht, für seine Mutter Entschädigungsleistungen zu beantragen
  21. und er konnte aber nicht beweisen, dass seine Mutter seine Mutter war. Er konnte auch nicht beweisen, dass seine Geschwister seine Geschwister waren.
  22. Und ich habe die Akten der Entschädigungsbehörde, seine Anträge, die habe ich nach seinem Tod an mich genommen und habe die studiert
  23. und habe gesehen, welch unmögliche Forderung an ihn herangetragen wurde. Er möge beweisen, dass seine Geschwister seine Geschwister waren.
  24. Und das passierte noch in den 70er Jahren. Das war eine Kränkung, eine Beleidigung, überhaupt kein Bewusstsein.
  25. Und das zeigt mir auch einfach, dass die Haltung gegenüber Sinti und Roma sich damals,
  26. auch nach 1945 ihnen gegenüber nicht verändert hatte. Die Täter wurden gedeckt und die Opfer wurden quasi noch
  27. als, wenn sie einen Antrag auf Entschädigung stellten, als »Entschädigungs-Schwindler« deklariert.
  28. Man fragte die Leute, die dafür verantwortlich waren, dass sie nach Auschwitz deportiert wurden.
  29. Man befragte die »Rassenforscher« etc. Man arbeitete mit den Polizeiakten, die ja die Täter-Akten waren.
  30. Um eine eventuelle Entschädigung zu vereiteln. Nachher war mein Vater doch etwas ruhiger, aber in der Zeit
  31. durfte er auch nicht angesprochen werden... Wie soll ich sagen,
  32. von Menschen, die das alles nicht so schlimm fanden. »Das war doch alles nicht so!«
  33. Unserer Minderheit wurde doch auch, oder unseren Minderheiten, der wurde doch auch unterstellt, sie seien »asozial« gewesen
  34. und sie seien kriminell gewesen. Ja, dann waren auch unsere Babys kriminell?
  35. Unsere Kinder waren auch kriminell, deshalb seien sie verfolgt worden? Das war entsetzlich.
  36. Ich habe den Stammbaum unserer Familie Rosenberg,
  37. der lag im Bundesarchiv. Die Unterlagen waren da. Und hier wurde mit Akribie
  38. von den sogenannten »Rassenforschern« aufgezeichnet, wer Teil unserer Familie war.
  39. Die Großeltern, die Urgroßeltern bis ins 17. Jahrhundert hinein. Es war also alles da.
  40. Man hat es absichtlich vereitelt. Wie lang ist dieser Stammbaum?
  41. Ich kann ihn gar nicht ausbreiten, wie lang er ist...
  42. Mit Akribie hat man aufgezeichnet, um zu sehen:
  43. »Wen müssen wir noch umbringen?« Das war doch die eigentliche Motivation
  44. der Nazis: Uns alle in Gänze zu erfassen, um uns der Vernichtung zuzuführen.
  45. Das war ihr Anliegen. Und wenn ich das heute sehe.
  46. Ich wusste nicht, wie heißen die Geschwister meines Vaters? Weil mein Vater sprach nicht darüber und wir
  47. wagten nicht, ihn zu fragen, weil wir wollten ihn nicht verletzen. Es war also alles da.
  48. Man hat absichtlich die Entschädigungsleistungen vereitelt. Absichtlich.
  49. Und das ist bitter, wenn man darüber nachdenkt. Und das ist auch meine Motivation.
  50. Es darf nicht aufhören, diese Aufklärungsarbeit. Und schon gar nicht jetzt momentan,
  51. wo rechte Parteien und Gruppierungen erstarken. Und zwar europaweit.

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