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Wer sind Sinti und Roma?

MrWissen2go Geschichte | Terra X11:54 648.866 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 124 Zeilen
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  1. Na, wie haltet ihr es mit dem Zigeuner Schnitzel? Findet ihr es überflüssig, dass man darüber streitet,
  2. ob man diesen Begriff nicht mehr verwenden soll? Oder ist es euch wichtig, keine Wörter zu verwenden,
  3. die andere verletzen könnten, selbst wenn ihr das nicht so meint? Es ist ein heikles Thema, über das immer wieder diskutiert wird.
  4. Es zeigt, wie selbstverständlich wir mit manchen Wörtern umgehen, die einen Sinn haben, den wir vielleicht gar nicht mitdenken.
  5. Wörter beeinflussen, wie wir denken, wie wir Minderheiten behandeln. Und in diesem Fall geht es um eine deutsche und europäische Minderheit,
  6. die Jahrhundertelang unter Diskriminierung leiden muss. Zum Teil auch heute noch. Die Sinti und Roma.
  7. Sie wurden Opfer des Nationalsozialistischen Mordsystems. Waren auch nach dem Zweiten Weltkrieg ständig Rassismus ausgesetzt.
  8. Und müssen bis heute für kontroverse Debatten herhalten. Grund genug, dass wir uns mit ihrer Geschichte
  9. in Deutschland beschäftigen. Ich hoffe, dieses Video hilft euch, die komplexen Hintergründe zu sehen.
  10. Aber auch, warum es auch so ein emotionales Thema ist. (Rattern, Klingeln)
  11. Sinti und Roma erfahren in Deutschland immer noch Diskriminierung.
  12. Und immer wieder auch körperliche Gewalt und Angriffe. Seit dem Jahr 2017 weist die amtliche Kriminalstatistik
  13. Straf- und Gewalttaten mit gezielt antiziganistischer Motivation aus. Also Taten, die aus Hass auf Sinti und Roma begangen werden.
  14. Der Bundestag macht regelmäßig klar, dass die Vorurteile, die hinter diesen Straftaten stecken, die aber auch bei unzähligen
  15. beleidigenden Aussagen über Sinti und Roma immer wieder zum Vorschein kommen,
  16. in unserer Gesellschaft tiefe Wurzeln hatten. Seit 600 Jahren gehören Sinti und Roma zur deutschen Gesellschaft.
  17. Soweit man damals von einer einheitlichen deutschen Gesellschaft sprechen kann. Die gab es ja noch nicht.
  18. Aber ihr versteht, was ich meine. Seit 600 Jahren müssen sie sich mit Vorurteilen auseinandersetzen.
  19. Aus einer Studie aus 2014 geht hervor, dass Sinti und Roma von einem Drittel der Deutschen
  20. nach wie vor für kriminell gehalten werden. Auch heute noch gehen viele daher mit ihrer Herkunft nicht offen um.
  21. Sagen, dass sie aus der Türkei oder Kroatien stammen. Obwohl's eigentlich anders ist.
  22. Von welcher Gruppe von Menschen reden wir eigentlich, wenn wir von Roma sprechen?
  23. Ganz grob gesagt von denen, die Romani sprechen. Achtung, Romani hat nichts mit den Römern zu tun.
  24. Die Römer haben Latein gesprochen, daraus haben sich verschiedene Sprachen entwickelt.
  25. Und diese aus dem Lateinischen abstammende Sprachen nennt man romanische Sprachen.
  26. Aber das wisst ihr natürlich alle, denn ihr seid treue Zuschauer dieses Kanals.
  27. Romani ist dagegen eine Sprache, die aus Indien stammt und der Begriff stammt aus der Sprache selbst.
  28. Es kommt von dem Wort Rom für einen Angehörigen des Volkes der Roma. Roma bezeichnet also die Gesamtheit dieser Gruppe, dieses Volkes.
  29. Aber die Roma unterscheiden sich wiederum in verschiedenen Untergruppen.
  30. Ihr könnt das bisschen vergleichen mit der Gruppe der Deutschen. Die unterteilt sich in Friesen, Sachsen, Bayern und so weiter.
  31. Für die Roma lassen sich etwa 50 Untergruppen identifizieren. Die in Deutschland lebenden Roma nennt man meistens Sinti.
  32. Oder Deutsche Roma. Die Sinti leben seit Jahrhunderten in Deutschland und sind einheimisch.
  33. Die Deutschen Roma bezeichnen die Nachfahren vom Roma, die erst vor etwa 100 Jahren eingewandert sind.
  34. Dann gibt es Roma, die nach dem Zweiten Weltkrieg als sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind.
  35. Vor allem aus Ländern des Balkan. All diese Menschen verbindet die Sprache Romani.
  36. Mit ihren Dialekten. Über die Sprache, genauer über die Einflüsse,
  37. die andere Sprachen im Romani hinterlassen haben, versucht die Wissenschaft den Weg der Roma
  38. von Indien nach Europa zu rekonstruieren. Ursprünglich stammen die Sinti und Roma aus dem nordwestlichen Indien.
  39. Vor etwa 1.000 Jahren verlassen sie das Gebiet. Warum, wissen wir nicht, aber wir wissen,
  40. wo sie in den kommenden Jahrhunderten hingehen. Wegen ihrer Sprache.
  41. In der findet sich unter anderem ein griechischer Einfluss. Das deutet darauf hin, dass die Roma längere Zeit
  42. im südosteuropäischen Teil des Byzantinischen Reiches gelebt haben. Die sind in ihrer großen Mehrheit Christen.
  43. Ein Teil der Volksgruppe ist bis zum Jahr 1400 wohl vor den türkischen Eroberern geflohen
  44. und nach Ost- und Mitteleuropa weitergezogen. Ab 1417 werden sie in europäischen Städten dokumentiert.
  45. Werden in Ratsbüchern erwähnt. Bis zum 16. Jahrhundert sind sie in ganz Europa daheim.
  46. Von diesen Leuten stammen die heutigen Sinti ab. Die Menschen in den Städten sehen in ihnen Fremde.
  47. Die in Kleidung, Sprache und Kultur für sie so orientalisch, so türkisch anmuten.
  48. Die Vorboten der türkischen Eroberung und dem Ende ihrer Welt. Deshalb verwehren sie den Neuankömmlingen oft den Zugang.
  49. Auf jeden Fall das Niederlassen in ihren Städten. Immer wieder werden Sinti daran gehindert, sesshaft zu werden.
  50. Sogar heute noch werden ihnen Wohnungen verwehrt, wenn sie sagen, dass sie Sinti oder Roma sind.
  51. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation werden die Roma sogar für vogelfrei erklärt.
  52. Die zahlenmäßig verschwindend kleine Minderheit geht im großen Heer der vielen Menschen unter,
  53. die im frühneuzeitlichen Europa herumziehen müssen und auf Almosen angewiesen sind.
  54. Hier gibt es Tagelöhner, die von Tag zu Tag ihr Überleben retten. Es gibt welche, die diskriminiert werden, sei es wegen Krankheiten,
  55. religiösen Überzeugungen oder einfach weil sie arm sind. Gegen die Armut an sich aber konkret gegen diese Massen der Armen
  56. wenden sich die Obrigkeiten in Europa. Und in den gegen die Roma gerichteten Maßnahmen
  57. kristallisiert sich diese Politik heraus. Die Landesherren geben dem Problem sozusagen ein Gesicht.
  58. Die Roma werden so zu Sündenböcken, Blitzableitern für die gesellschaftlichen Missstände.
  59. Deshalb auch vogelfrei. Vogelfreie darf man töten.
  60. Ohne dass man dafür Strafen erwarten muss. Die Roma und die Sinti passen sich an.
  61. Dort, wo man sie lässt, werden sie sesshaft. Sie binden sich an Herren, die wiederum Schutz gewähren.
  62. Im 19. Jahrhundert nimmt die Unterdrückung der Roma Minderheiten in ganz Europa eine ganz neue Dimension an.
  63. Die Europäer teilen die Menschen in sogenannte Rassen ein. Die mehr oder weniger wert seien.
  64. Die Roma gelten als Volk niedrigerer Kulturstufe. Angeblich Fremde werden aus der Nation ausgeschlossen.
  65. Die europäischen Staaten wollen Roma nicht einwandern lassen, wollen sie aber nicht ins Ausland abschieben.
  66. Roma erhalten Niederlassungsverbote, dürfen kein Gewerbe anmelden. Diese Maßnahmen verstärken sich gegenseitig negativ,
  67. es kommt zu einer Unterdrückungs- und Ausgrenzungsspirale. Sie werden zu einem bestimmten Verhalten gezwungen.
  68. Und dann wirft ihnen die Mehrheitsgesellschaft genau dieses Verhalten vor.
  69. Im Deutschen Kaiserreich wird die Zugehörigkeit zur Nation durch die Abstammung festgelegt.
  70. Sinti und Roma haben es oft schwer, ihre deutsche Herkunft nachzuweisen, und können keine Bürger werden.
  71. Obwohl die Familien teilweise schon seit Jahrhunderten, seit zig Generationen
  72. in Deutschland leben. Die Nationalsozialisten stufen Sinti und Roma
  73. als angeblich "unwerte Rasse" ein. Sie werden wie Juden systematisch in der Gesellschaft diskriminiert
  74. und isoliert. Ihnen wird die Berufsausübung verboten.
  75. Ihr Vermögen wird eingezogen. Sie werden eingesperrt und kaserniert.
  76. Sie müssen Zwangsarbeit leisten und schließlich werden sie ganz gezielt ermordet.
  77. Unter anderem im sogenannten "Zigeunerlager von Auschwitz". Dort sterben sie an Hunger, Seuchen, medizinischen Versuchen
  78. oder in der Gaskammer. Etwa eine halbe Million Sinti und Roma,
  79. 500.000 Menschen werden von den Nazis ermordet. Angesichts des zahlenmäßig noch gigantischeren Verbrechens
  80. gegen die Juden, gerät der Massenmord an den Sinti und Roma in Vergessenheit.
  81. Schlimmer: Die Vorurteile gegen die nationale Minderheit bleiben bestehen.
  82. Sinti und Roma, die nach dem Krieg auf Entschädigung für das erlittene Unrecht klagen, werden nochmals schwer getroffen.
  83. Der Bundesgerichtshof und andere Gerichte weisen in den 1950er-Jahren Klagen von Betroffenen zurück, die vor 1945 Opfer des NS-Regimes wurden.
  84. Die Begründung: Angeblich wären sie nicht rassisch verfolgt worden. Sondern sie seien schlicht Kriminelle gewesen.
  85. Es ist heute kaum zu glauben, wie es die Richter damals formulieren in ihrem Urteil.
  86. Ich entschuldige mich für die krassen Worte im Zitat, das ich wiedergebe. Erst im Jahr 2016
  87. entschuldigt sich der Bundesgerichtshof öffentlich für dieses Unrechtsurteil.
  88. Man kann es nicht anders sagen, dass hier Vorurteile so stark waren, dass sie Gerichtsurteile lenkten
  89. und Entschädigungen verhinderten, das ist eine Schande.
  90. Die Mehrheit der Richter, die damals am Bundesgerichtshof sind, arbeiteten übrigens auch schon während des Nazi-Regimes
  91. als Juristen. Damit ist das Urteil vielleicht etwas weniger überraschend.
  92. Erst 1963 ändert sich die Rechtslage. Aber die Diskriminierung lässt nicht wirklich nach.
  93. Etwa 50.000 der über eine Million Menschen, die in den 1990er-Jahren vor dem Bürgerkrieg in Jugoslawien fliehen,
  94. sind Roma. Sie leben teilweise heute noch unter ärmlichen Bedingungen in Deutschland.
  95. Die Vorurteile treffen sie immer noch mit voller Härte. Bis die systematische Diskriminierung in Deutschland beendet wird,
  96. dauert es sehr lange. Erst 1995
  97. werden die Sinti und Roma als Minderheit offiziell anerkannt. Das bedeutet nicht, dass alles gut ist,
  98. öffentlich wurde der Völkermord, die systematische Entrechtung, Erniedrigung, Deportation und Ermordung
  99. von Hunderttausenden Sinti und Roma während des Zweiten Weltkriegs sehr lange - man muss sagen - zu lange ignoriert.
  100. Der Bundestag bekennt, deutsche Sinti und Roma sind Teil der Gesellschaft. Hier verwurzelt.
  101. Sie zählen zu den vier alteingesessenen Minderheiten in Deutschland.
  102. Sie haben ein Recht auf eine gleichberechtigte Beteiligung am politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben in Deutschland.
  103. 2012 wird ein Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin eingeweiht.
  104. Ein weiterer wichtiger Schritt. Ein umherziehendes Volk sind sie schon lange nicht mehr.
  105. Aber diese Vorstellung vom fahrenden Volk hat sich gehalten, weil viele Sinti und Roma Selbstständige waren,
  106. Handel getrieben haben oder als Künstler viel rumgekommen sind. Einige prominente Künstler von heute sind Nachfahren von Sinti und Roma.
  107. Die Schlagersängerin Marianne Rosenberg ist die Tochter eines Sinto, der den Völkermord überlebt hat.
  108. Oder Sido, der durch das Erbe der Familie seiner Mutter Sinto ist. Hat auch 'nen Song drüber gemacht.
  109. Der Musik der Sinti und Roma verdanken wir sowieso viel, denn die beeinflusste den Jazz in Europa und damit die aktuelle Musik.
  110. Die Roma sind seit einem halben Jahrhundert an der Entstehung der europäischen Kultur beteiligt.
  111. 2014 sagte der Bundestagsabgeordnete Tom Koenigs, die Ursache für die Diskriminierung der Sinti und Roma liegt bei uns.
  112. Nicht bei den Sinti und Roma. Da hat er recht. Um noch mal zu dem Z-Wort zurückzukommen,
  113. um das es immer wieder Diskussionen gibt, viele Sinti und Roma empfinden dieses Wort als verletzend.
  114. Weil es lange Zeit genau so gebraucht wurde. Als abwertende, vorurteilsbehaftete Sammelbezeichnung von außen.
  115. Nie als Selbstbezeichnung. Vor allem während der systematischen Verfolgung der Sinti und Roma
  116. durch die Nationalsozialisten. Man sollte also diese Sache immer im Hinterkopf behalten.
  117. Jetzt interessiert mich, wie ihr die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland empfindet.
  118. Ist es vielleicht auch eure eigene Geschichte? Was denkt ihr über die Diskussionen,
  119. wie sollten wir heute am besten darüber sprechen? Sensibler, vielleicht gelassener?
  120. Schreibt es unten in die Kommentare, und bei so einem Thema muss man es dazusagen,
  121. bitte bleibt sachlich, respektvoll und fair. Danke schon mal dafür.
  122. Neben mir ein Video von uns über die Ideologie der Nazis. Der auch die Sinti und Roma zum Opfer fielen,
  123. wie vorhin gesagt. Darunter ein Video der Kolleg:innen von "Auf Klo"
  124. über Vorurteile unter denen heute noch Sinti und Roma leiden müssen. Danke fürs Zuschauen und bis zum nächsten Mal.

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