Rassistische Kontinuitäten nach dem Nationalsozialismus Anne Frank Zentrum https://www.youtube.com/watch?v=9rvTJ29tljI Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Es ging eigentlich weiter. Es gab kaum eine Anerkennung für die Menschen, 0:05 die überlebt haben. Meine Familie 0:13 lebt seit Hunderten von Jahren in Deutschland. Wir sprechen die deutsche Sprache, wir beherrschen sie in Wort und Schrift. 0:21 Unsere Kinder wachsen bilingual auf. Sie sprechen neben Deutsch auch Romenes, 0:25 das sprechen wir in den Familien. Und eigentlich kann man sagen, dass die Integration 0:34 unserer Familie auch und der deutschen Sinti und deutschen Roma 0:40 vor der Zeit im Nationalsozialismus eigentlich doch gelungen war. 0:46 Und danach hat sich dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit nie wieder so eingestellt. 0:53 Das Vertrauen in diese bundesrepublikanische Gesellschaft war nach dem Nationalsozialismus 1:00 leider zerstört. Die Kinder gingen zur Schule, 1:06 sie lebten in ihrer Nachbarschaft, sie hatten ihre Freunde, Bekannten. Und im Nationalsozialismus 1:11 wurde unseren Kindern, genau wie den jüdischen Kindern, der Schulbesuch an öffentlichen, an Regelschulen verboten. 1:19 Sodass man sagen kann, dort blieb eine Generation unbeschult und sind quasi zu Analphabeten herangewachsen. 1:28 Und nach 1945 hatte man überhaupt gar kein Bewusstsein dafür, wenn es Schwierigkeiten in der Schule gab, dass das die Nachkommen waren 1:37 von verfolgten Menschen oder auch selbst verfolgt waren. Es gab Diskriminierungen in der Schule, Kinder wurden weiter beschimpft. 1:47 Ich habe es selbst erlebt in der Schule. Wir haben uns immer als deutsche Sinti verstanden 1:57 und plötzlich war das nicht mehr. Und nach 1945 also, 2:01 nach Beendigung des Krieges, mussten unsere Leute um die deutsche Staatsbürgerschaft wieder kämpfen. 2:06 Meinem Vater wollte man die deutsche Staatsbürgerschaft nicht wieder zugestehen und vielen anderen unserer Leute auch. 2:19 Er hat versucht, für seine Mutter Entschädigungsleistungen zu beantragen 2:24 und er konnte aber nicht beweisen, dass seine Mutter seine Mutter war. Er konnte auch nicht beweisen, dass seine Geschwister seine Geschwister waren. 2:31 Und ich habe die Akten der Entschädigungsbehörde, seine Anträge, die habe ich nach seinem Tod an mich genommen und habe die studiert 2:40 und habe gesehen, welch unmögliche Forderung an ihn herangetragen wurde. Er möge beweisen, dass seine Geschwister seine Geschwister waren. 2:49 Und das passierte noch in den 70er Jahren. Das war eine Kränkung, eine Beleidigung, überhaupt kein Bewusstsein. 2:59 Und das zeigt mir auch einfach, dass die Haltung gegenüber Sinti und Roma sich damals, 3:08 auch nach 1945 ihnen gegenüber nicht verändert hatte. Die Täter wurden gedeckt und die Opfer wurden quasi noch 3:16 als, wenn sie einen Antrag auf Entschädigung stellten, als »Entschädigungs-Schwindler« deklariert. 3:23 Man fragte die Leute, die dafür verantwortlich waren, dass sie nach Auschwitz deportiert wurden. 3:29 Man befragte die »Rassenforscher« etc. Man arbeitete mit den Polizeiakten, die ja die Täter-Akten waren. 3:36 Um eine eventuelle Entschädigung zu vereiteln. Nachher war mein Vater doch etwas ruhiger, aber in der Zeit 3:46 durfte er auch nicht angesprochen werden... Wie soll ich sagen, 3:53 von Menschen, die das alles nicht so schlimm fanden. »Das war doch alles nicht so!« 4:01 Unserer Minderheit wurde doch auch, oder unseren Minderheiten, der wurde doch auch unterstellt, sie seien »asozial« gewesen 4:09 und sie seien kriminell gewesen. Ja, dann waren auch unsere Babys kriminell? 4:13 Unsere Kinder waren auch kriminell, deshalb seien sie verfolgt worden? Das war entsetzlich. 4:25 Ich habe den Stammbaum unserer Familie Rosenberg, 4:33 der lag im Bundesarchiv. Die Unterlagen waren da. Und hier wurde mit Akribie 4:39 von den sogenannten »Rassenforschern« aufgezeichnet, wer Teil unserer Familie war. 4:46 Die Großeltern, die Urgroßeltern bis ins 17. Jahrhundert hinein. Es war also alles da. 4:54 Man hat es absichtlich vereitelt. Wie lang ist dieser Stammbaum? 4:59 Ich kann ihn gar nicht ausbreiten, wie lang er ist... 5:02 Mit Akribie hat man aufgezeichnet, um zu sehen: 5:11 »Wen müssen wir noch umbringen?« Das war doch die eigentliche Motivation 5:16 der Nazis: Uns alle in Gänze zu erfassen, um uns der Vernichtung zuzuführen. 5:25 Das war ihr Anliegen. Und wenn ich das heute sehe. 5:29 Ich wusste nicht, wie heißen die Geschwister meines Vaters? Weil mein Vater sprach nicht darüber und wir 5:35 wagten nicht, ihn zu fragen, weil wir wollten ihn nicht verletzen. Es war also alles da. 5:41 Man hat absichtlich die Entschädigungsleistungen vereitelt. Absichtlich. 5:47 Und das ist bitter, wenn man darüber nachdenkt. Und das ist auch meine Motivation. 5:55 Es darf nicht aufhören, diese Aufklärungsarbeit. Und schon gar nicht jetzt momentan, 5:59 wo rechte Parteien und Gruppierungen erstarken. Und zwar europaweit.