Die Völkerwanderung: Flucht und Vertreibung in der Antike MrWissen2go Geschichte | Terra X https://www.youtube.com/watch?v=8vTRTqkXcvE Transkript (automatisch erstellt) 0:00 In diesem Video geht es um die Völkerwanderung. Ein Begriff, den ihr schon mal gehört habt. 0:05 Er steht für eine Umbruchszeit zwischen Antike und Mittelalter. Aber die meisten wissen nicht, was da genau passiert. 0:12 Allein die Karten dazu sind schon verwirrend. Franken, Goten, Vandalen, Langobarden. 0:18 Ein ziemliches Kuddelmuddel. Um die Verwirrung komplett zu machen, 0:22 inzwischen schreiben Historiker:innen, dass der Begriff Völkerwanderung eigentlich falsch ist. 0:28 Und politisch missbraucht wird. Viel Durcheinander also. 0:31 Um das alles mal zu ordnen, beantworten wir hier die sieben wichtigsten Fragen zu Völkerwanderung. 0:38 (Einzelner heller Ton) Alles endet irgendwann. 0:41 So ist das in der Geschichte. Dieses Video wird irgendwann enden. 0:46 Vielleicht mit einem Klick von euch auf dem Abo-Button. Auch das Imperium Romanum, das große Römische Reich 0:52 fand irgendwann ein Ende. Das wisst ihr. 0:55 Damit sind wir mitten bei der ersten Frage. Die Völkerwanderung wird in der Geschichtsschreibung 1:03 lange als Story des Untergangs des Römischen Reiches erzählt. Vielleicht habt ihr das mitbekommen. 1:09 Einerseits stimmt das irgendwie. Aber es ist auch falsch. Wenn ihr denkt: "Der Typ, der Mirko, macht die Verwirrung noch größer", 1:17 könntet ihr recht haben. Also, eins nach dem anderen. 1:20 Das Römische Reich wird in seiner Geschichte oft herausgefordert. Durch äußere Feinde und innere Probleme. 1:26 Aber die Römer sind anpassungsfähig und schaffen es, immer wieder den Kernbestand des Reiches und seiner Kultur 1:33 zu behaupten. Aber gegen Ende des 4. Jahrhunderts nach Christus 1:37 gehen die Kräfte aus. Erst wird das Reich geteilt, ein Video dazu gibt's auf dem I. 1:42 Dann geht 476 der westliche Teil endgültig unter. Der germanisch-römische Heerführer Odoaker 1:48 setzt den weströmischen Kaiser Augustus ab und beendet die Kaiserherrschaft im Westen. 1:53 Es gibt zwar noch den Kaiser Ostroms, aber Westeuropa, das jahrhundertelang unter römischer Oberhoheit stand, 2:00 ist jetzt eine Gegend, in der sich etwa ein Dutzend neue Königreiche bilden. 2:05 seit dem Jahr 568. Das ist die Zeit der Völkerwanderung. 2:09 Aus römischer Sicht erzählt. Allgemeiner klingt es so: 2:12 In der Zeit zwischen 375 nach Christus bis um 568 ist die vom römischen Imperium geprägte Welt 2:18 im Umbruch. Am Anfang dieses Prozesses steht die antike Welt. 2:22 Und am Ende das Mittelalter. Am Anfang ein römisches Imperium mit einem Kaiser, 2:27 das viele Völker und Kulturen umfasst. Am Ende stehen mehrere Königreiche. 2:31 Am Anfang steht die antike Götterwelt, am Ende das Christentum. 2:35 Die Wirtschaft, die Kultur, die Art, wie man Kriege führt, die Religion, alles das verändert sich. 2:41 Und ein wichtiger Teil dieses Umbruchs sind Migrationsbewegungen. Darum spricht man in der Geschichtsschreibung 2:48 von der Zeit der Völkerwanderung. Der Begriff "Volk" ist irreführend. 2:54 Erstens sind keine ganzen Völker unterwegs. An den Grenzen des Römischen Reiches 2:59 leben verschiedene germanische Stämme. Da kann es sein, dass die Menschen eines Dorfes ins Reich ziehen. 3:05 Vielleicht wegen einer Überschwemmung. Oder die Menschen fliehen vor Feinden. 3:10 Oder Rom lockt mit gutem Ackerland Bauern in seinen Herrschaftsbereich. Und "Volk" bezeichnet Menschen, 3:16 die durch ihre Abstammung miteinander verbunden sind. Das ist bei den "Völkern", die damals unterwegs sind, nicht der Fall. 3:24 Es handelt sich um Stammesverbände, die politisch verbunden sind. Man schließt sich zusammen, weil man so stärker ist. 3:31 Oder weil man gleiche Ziele oder Ansichten teilt. Oder weil die einen die anderen besiegen 3:37 und in ihren Stamm eingliedern. Anstatt von Völkern spricht man besser von Stammesverbänden. 3:42 Übrigens: Für die Römer sind diese Menschen alle "Barbaren". Das hört sich für uns wie eine Beleidigung an. 3:49 Es bezeichnet aber erst einmal Menschen, die keine Römer oder Griechen sind. 3:54 Je nach Zusammenhang ist es mehr oder weniger negativ gemeint. Der Begriff "Barbarenstämme" sagt erst einmal: 4:00 Das sind Leute, die nicht im Wirkungskreis der römischen Zivilisation leben. 4:06 Ja, jetzt zum Begriff "Wanderung". Da geht es, platt gesagt, natürlich nicht um so etwas 4:11 wie Schulausflüge, sondern darum, die Heimat zu verlassen. 4:15 Dafür gibt es verschiedene Gründe. Wandern, das machen die Stämme allerdings tatsächlich. 4:20 Und nicht zu knapp. Etwa die Westgoten. 4:23 Die ziehen vom Schwarzen Meer durch Griechenland und den Balkan, danach durch Italien und schließlich landen sie 4:30 in Südfrankreich und Spanien. Die Langobarden lassen sich in Norditalien nieder. 4:35 Die Vandalen kommen aus Osteuropa und ziehen über die Iberische Halbinsel nach Afrika. 4:40 Genauer in die Gegend um Karthago. Auch die Burgunder und Franken überqueren den Rhein 4:45 und siedeln sich im Imperium Romanum an. Angeln, Sachsen und Jüten gelangen über die Nordsee nach Britannien. 4:51 Diese Verbände geben sich mit der Zeit eigene Herkunftsgeschichten. Genau das beginnt sie, zusammenzubringen. 4:58 Es ist ein wichtiger Teil der Volkswerdung. Als sie ihre Heimat verlassen haben. 5:03 Da stellt sich die Frage: Die Heimat zu verlassen kann unterschiedliche Gründe haben. 5:11 In der Regel gibt es aber zwei Kategorien. Die treiben einen weg. 5:18 Gründe, deretwegen man in eine bestimmte Gegend hineinwill. Also das, was einen anzieht. 5:24 Was man sich erhofft. Zur Völkerwanderungszeit gibt es beides. 5:28 Was pusht, was drückt die Stämme weg? Da sind einmal die Wetter- und Klimabedingungen in Germanien, 5:34 die Menschen dazu bringen, die Heimat zu verlassen. Dass klimatische Veränderungen mit Migrationsbewegungen damals 5:41 zu tun haben, das gilt heute als bewiesen. Dann gibt es Angreifer, Eroberer, v.a. die Hunnen. 5:47 Mit ihnen wird der Beginn der Völkerwanderungszeit verknüpft. Die hunnischen Reiterheere greifen 375 5:52 in der Gegend nördlich des Schwarzen Meeres die dort siedelnden Ostgoten an. 5:57 Die weichen aus und kommen an die Grenze des Römischen Reiches. Etwa da, wo heute Budapest liegt. 6:03 Dabei verdrängen sie wieder andere. Hier ist der Begriff Push-Faktoren wirklich angesagt. 6:08 Es geht um das Wegdrücken. Was pullt, zieht einen an? 6:11 Na ja, die römischen Gebiete sind höchst zivilisiert. Große Städte, Bäder, Theater, Arenen für Gladiatorenkämpfe 6:18 und Pferderennen. Saubere Wasserversorgung, Straßen und Arbeit. 6:23 Die Stämme suchen meistens Siedlungsland. Eine Gegend wo sie bleiben und eine eigene Herrschaft errichten können. 6:30 Dafür streben sie einen Vertrag mit den Römern an. Bei solch einem Bündnis übernehmen die Stämme militärische Aufgaben. 6:36 Sie erhalten Land, dafür verteidigen sie für die Römer z.B. die Reichsgrenze. 6:41 Die Stämme wollen sich also v.a. eine Existenz aufbauen. Wenn es aber Unstimmigkeiten mit den Römern gibt, 6:47 nehmen sie sich das, was sie brauchen, auch gewaltsam. Und das Weströmische Reich, in dem die Stämme v.a. siedeln, 6:53 hat nicht mehr die Kraft, sich zu wehren. Damit fünftens: 6:59 Diese Karte hier hatten wir am Anfang schon mal. Der Westen des Reiches zerfällt. 7:04 In die Reiche der Vandalen, Westgoten, Burgunder, Ostgoten, Angelsachsen und Franken. 7:09 Mit der Zeit vollzieht sich ein Konzentrationsprozess. Mehrere kleine Stämme werden zu wenigen großen. 7:16 Am Ende bleiben die Westgoten in Spanien übrig. Das wird später islamisches Gebiet. 7:21 Im Norden entsteht ein neues starkes Reich. Das Reich der Franken. 7:25 Mitte des 6. Jahrhunderts will der römische Kaiser Justinian das Römische Reich noch einmal zu alter Stärke führen 7:32 und erobert u.a. Italien zurück. Aber der Triumph wärt nur kurz. 7:36 Der Schlussakt der Völkerwanderung gehört den Langobarden. Die siedeln zunächst in der Gegend des heutigen Westungarn. 7:43 Als Ostrom schwächelt, ziehen sie 568 über die Alpen und gründen in Italien das Langobardenreich. 7:48 Diese Reichsgründung ist die letzte, die durch germanische Verbände durchgeführt wird. 7:53 Hier setzt die Geschichtsschreibung den Schlusspunkt der Völkerwanderung. Das Langobardenreich wird später vom Franken Karl dem Großen erobert, 8:02 der sich 800 zum Kaiser krönen lässt. Zum ersten in Westeuropa nach mehr als 300 Jahren. 8:07 Und, ihr habt es euch schon gedacht, auch zu ihm findet ihr ein Video oben auf dem I. 8:16 Tja. Gute Frage. 8:18 In Deutschland wird der Begriff ab 1790 populär. Nicht zuletzt, 8:22 weil ihn der Dichter und Historiker Friedrich Schiller verwendet. Deutschland ist ja lange politisch zersplittert. 8:29 Die deutschen Stämme, die Bayern, Sachsen, Schwaben usw., die kennen wir bis heute, bis heute gibt es auch Bundesländer. 8:36 Die Deutschen, die sich einerseits als gemeinsame Nation verstehen und andererseits ihre Herkunft 8:42 aus mittelalterlichen Volksstämmen hochhalten, die können der Idee, dass damals Völker unterwegs waren, 8:48 viel abgewinnen. Im Grunde ist das ein positiver Begriff. 8:51 Unsere französischen Nachbarn nennen diese Epoche Zeit der Invasion der Barbaren. 8:57 Das ist deutlich negativer. Wir wissen jetzt, dass es sich bei den gemeinten Völkern 9:02 in der Übergangszeit von der Antike zum Mittelalter um Gruppen germanischer Stämme handelt. 9:07 Die verwenden den Begriff "Volk" nicht wie die Deutschen im 19. Jahrhundert oder wie wir heute. 9:13 Es sind eben Stammesverbände, die von Kriegsherren, Warlords geführt werden, 9:17 sich Herrschaft aneignen und versuchen, ihre Herzogtümer und Königreiche zu etablieren. 9:22 Ihre "Wanderungen" erscheinen uns erst im Nachhinein als geplante Bewegungen. 9:27 Der Begriff "Völkerwanderung" vermittelt also ein falsches Bild. Migration gibt es immer. 9:33 Das ist kein besonderes Kennzeichen einer Epoche. Aber Völker sind damals eben nicht unterwegs. 9:39 Und die angebliche Völkerwanderung stellt keine so gravierende Zäsur dar, 9:44 wie man früher vermutete hat und wie es heute auch noch vermittelt wird. 9:48 Deshalb klare Antwort: Na ja, ihr wisst, jetzt kommt kein Ja oder Nein. 9:53 Der Begriff ist problematisch, weil er dazu verleitet, ein komplexes Geschehen 9:58 so zu vereinfachen, dass die Erklärungen falsch werden. Aber ich hab auch keinen besseren Begriff dafür. 10:03 Man kann ihn verwenden, weil man mittlerweile weiß, dass Völkerwanderung mehr meint 10:09 als das Schulwissen von vor 30 oder 50 Jahren. Habt ihr ein besseres Wort? Schreibt es in die Kommentare. 10:15 Dann verwenden wir nur noch diesen Begriff. Man darf den Begriff natürlich nicht missbrauchen. 10:21 Damit zur letzten Frage. Die Verbindung zwischen Völkerwanderung, 10:29 also germanischer Migration und dem Untergang des zivilisierten Römischen Reiches 10:34 wirkt sich noch heute aus. Während der Flüchtlingsdiskussion 2015 konnte man es hören 10:39 und auch heute warnen einige Politiker davor. Vor einer neuen Völkerwanderung, dem drohenden Untergang. 10:45 Krieg, Blut, Leid, Tränen, Gefahr. Das Ende von allem, was wir schätzen. 10:50 Wer so spricht, missbraucht eine geschichtliche Entwicklung, um Angst zu schüren, wie das oft der Fall ist. 10:56 Die spätantike Migration ist nicht mit heute vergleichbar. Was soll man aus der Geschichte lernen? 11:02 Z.B. dass einfache Erklärungen, einfache Begriffe oft den Blick auf die Wirklichkeit verstellen 11:08 und man nicht erfährt, was wirklich geschehen ist. Die Völkerwanderungszeit bringt etwas Neues hervor. 11:14 Es geht um eine Transformation. Die Menschen passen sich an. 11:18 An das Klima, neue politische Verhältnisse, eine Religion. Klar ist, dass das alle mit viel Gewalt verbunden ist. 11:24 Seit Längerem bemühen sich Historiker:innen, einen neuen Zugang zu dieser Epoche zu finden. 11:30 Zur Epoche der angeblichen Völkerwanderung. Wir halten euch auf dem Laufenden. 11:35 Welches Bild habt ihr denn von der Völkerwanderung? Oder welches Bild hattet ihr? 11:40 Habt ihr den Begriff schon mal in Verbindung mit heutige Flüchtlingsbewegungen gehört? 11:45 Schreibt es gerne unten in die Kommentare. Lasst uns darüber sachlich diskutieren. 11:50 Neben mir findet ihr noch zwei weitere Videos. Was nach der Zeit der Völkerwanderung die Menschen bewegt, 11:56 erfahrt ihr im Video über das 7. Jahrhundert. Und darunter ein Video über die Wikinger in Europa. 12:02 Danke fürs Zuschauen.