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Als Mädchen in Auschwitz: »Die Asche rieselte herunter, so wie Schnee« | DER SPIEGEL

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Transkriptautomatisch erstellt · 242 Zeilen
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  1. Dies ist die unglaubliche Geschichte von Dita Kraus und wie es ihr gelang, den Holocaust
  2. und eine Odyssee durch vier Konzentrationslager zu überleben.
  3. Es geht um unermessliches Leid und um den beharrlichen Überlebenswillen eines jüdischen Mädchens.
  4. Ich habe eine innere Stimme gehört oder sie mir eingebildet: ›Du wirst
  5. nicht sterben.‹ Ich hatte so ein Gefühl: ›Du wirst nicht sterben.‹
  6. Und daran glaubte ich. Sie ist 13 Jahre alt, als sie aus ihrer
  7. Heimatstadt Prag in das Konzentrationslager und Ghetto Theresienstadt deportiert wird.
  8. Mit 14 verschleppten die Nazis sie weiter nach Auschwitz. Von dort transportiert man sie in das KZ Neuengamme.
  9. Und als 15-jährige bringt man sie dann in das vierte Konzentrationslager,
  10. nach Bergen Belsen. Wir treffen Dita Kraus zum Interview und fahren anschließend
  11. nach Polen, nach Oświęcim, zum ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau, um ihre Leidensgeschichte
  12. noch besser verstehen zu können. Ihr Mädchenname ist Edita Polachova.
  13. In Prag verbringt sie eine unbeschwerte Kindheit – bis Hitler 1939 in die damalige
  14. Tschechoslowakei einmarschiert. Bald darauf beginnt der Zweite Weltkrieg.
  15. Ditas Familie wird – wie alle jüdischen Bürger – mehr und mehr ausgegrenzt und verfolgt.
  16. 1942 deportiert man sie zusammen mit ihrer Mutter Elisabeth und ihrem Vater Hans
  17. in das KZ Theresienstadt. 1944 wurden diese Bilder in Theresienstadt
  18. gedreht. Ein inszenierter, geschönter Propagandafilm der Nazis.
  19. Die Legende des Vorzeige-Konzentrationslagers. In Wahrheit war es keine heile KZ Welt.
  20. Die Menschen wurden gequält, verhungerten, erfroren. Ein Großteil der am Film Mitwirkenden wurde
  21. in Auschwitz ermordet. Denn für die SS war Theresienstadt vor allem
  22. eine Durchgangsstation auf dem Weg in die Vernichtungslager. Die sogenannte Endlösung der Judenfrage war ein akribisch
  23. organisierter Völkermord. Die Menschen in Theresienstadt hatten schreckliche Angst
  24. vor den Zügen Richtung Osten. Wir waren unterwegs in einem Zug, einem
  25. Viehwagen ohne Bänke, ohne Toiletten. Wir standen einen Tag und eine Nacht oder sogar zwei Nächte.
  26. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange, ohne uns bewegen
  27. zu können. Als die Türen geöffnet wurden, sahen
  28. wir vor uns eine eine Rampe. Da standen SS-Männer mit Wolfshunden, die
  29. bellten und und wollten uns attackieren.
  30. Männer in gestreiften Uniformen standen dort, mit Stöcken.
  31. Die jagten uns aus den Waggons heraus, wir mussten runterspringen. Das war so hoch.
  32. Mit den Stöcken schrien sie: ›Raus, raus! Gepäck hinterlassen! In Fünferreihen
  33. anftreten. Frauen extra und Männer separat.‹ Und das war die Ankunft in Auschwitz.
  34. Diese Männer in den gestreiften Anzügen schrien: ›Ihr seid in Auschwitz.
  35. Wir wussten ja nicht, wo wir hinfahren. ›Ihr seid in Auschwitz.‹
  36. Genau hier kam Dita Kraus im Dezember 1943 an.
  37. An der sogenannten alten Judenrampe landeten die vielen Deportationszüge aus ganz Europa.
  38. Hier fanden auch die Selektionen statt. Die einstige Rampe gibt es nicht mehr.
  39. Heute erinnert nur noch ein kleines Mahnmal daran. Wir suchen nach Spuren von Dita Kraus in der Gedenkstätte
  40. Auschwitz. In der Nähe des Tores des Stammlager Auschwitz liegt heute das
  41. Archiv. Wenn es Spuren Ihrer Inhaftierung in Auschwitz gibt,
  42. findet man sie hier. Hier lagern die Dokumente aus der KZ Verwaltung.
  43. Ein großer Teil davon existiert jedoch nicht mehr. Die Nazi Bürokratie erfasste zwar alles,
  44. doch die SS vernichtete kurz vor Kriegsende so viele Unterlagen wie möglich.
  45. Wir treffen den Leiter des Archivs, um mehr über Ditas Verschleppung durch die Nazis zu erfahren.
  46. Es gibt in unserem gesamten Archiv nur ein einziges Dokument, in dem der Name Edita Polachova erwähnt
  47. wird. Dieses Dokument ist die Namensliste derer,
  48. die von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert wurden. Dieser Transport verließ Theresienstadt am 18.
  49. Dezember 1943. Und genau hier auf dieser Seite
  50. steht der Name von Edita. Und wir finden noch eine weitere Spur von Dita, wenn
  51. auch nicht ihren Namen. Denn in der Todesfabrik gab es nur noch Nummern.
  52. So registrierte die SS systematisch jeden Häftling, der nicht sofort in den Gaskammern umgebracht wurde.
  53. Die Liste dieses perversen Nummerierungssystems befindet sich noch heute im Archiv und hilft jetzt bei der
  54. Rekonstruktion. Hier haben wir eine vollständige Liste der Transporte, die
  55. Lager Auschwitz ankamen – von der Gründung des KZ bis zum Ende.
  56. Und hier die Information welche Nummern exakt an welchem Tag an die Häftlinge vergeben wurden.
  57. Ich überprüfe jetzt genau das Ankunftsdatum dieses Transports.
  58. Ja, der 20. Dezember, also zwei Tage später.
  59. Das ist dieser Transport von Juden aus Theresienstadt. Ihre Ankunft in Auschwitz war, der 20.
  60. Dezember und das sind die Nummern, die an die weiblichen Gefangenen dieses Transports vergeben wurden.
  61. Wir wollen mit Dita Kraus über unsere Recherche im Archiv von Auschwitz sprechen.
  62. Wir erreichen sie in ihrer Heimatstadt Prag. Sie erinnert sich genau an die Zwangstätowierung
  63. nach der Ankunft. Seitdem wurden wir nicht mehr
  64. mit Namen angesprochen. Wir blieben nur Nummern..
  65. 73305 hatte ich. Da war so einen Moment beim Tätowierung.
  66. Da waren wir beide so verzweifelt, dass wir sprachen, wir möchten beide sterben.
  67. Aber es gab keine Möglichkeit, praktisch. Wie macht man Selbstmord, wenn man nackt ist?
  68. Diesen Moment habe ich nicht vergessen. Meine Mutter und ich sprachen darüber.
  69. Wir möchten beide sterben. Eine unerträgliche Entmenschlichung.
  70. Die Ankunft in Auschwitz ist für Dita und ihre Mutter ein Schock.
  71. Gedemütigt durch die entwürdigende Behandlung, frierend und schutzlos.
  72. Und das ist erst der Anfang. In Fünferreihen marschierten wir entlang
  73. der Lagerstraße bis zu dem Lager, wo wir dann die Ehemaligen, die Leute trafen,
  74. die vor uns im September nach Auschwitz gebracht wurden, die drei Monate schon dort waren.
  75. Und die sahen so anders aus.
  76. Weil die Augen waren ohne Ausdruck. Kein Lächeln. Nichts. Wir kannten viele
  77. der Leute, die dort waren. Es waren auch Verwandte unter ihnen. Der Ausdruck war
  78. wirklich voller Angst. Der Tod war in den Augen.
  79. Sie erkennt so viele Häftlinge, weil bereits im September Transporte mit ungefähr 5000 Menschen aus Theresienstadt
  80. in Auschwitz angekommen waren. Sie werden mit ihnen zusammen in einem abgetrennten Bereich
  81. hinter mit Starkstrom geladenen Stacheldrahtzaun gesperrt, dem Theresienstädter Familienlager.
  82. Die Nazis unterteilten Birkenau in Bauabschnitte, zwischen denen sie die Menschen hin und her schoben.
  83. Das hier war der Eingang zu dem Lager Bereich BIIb, in dem Dita und ihre Familie interniert wurden.
  84. Einen Ausschnitt davon kann man hier rot markiert erkennen. Es ist das einzige Foto, das von dem
  85. Theresienstädter Familienlager existiert. Man hat uns auch nicht
  86. die Kleidung für Gefangene gegeben, sondern Zivilkleidung.
  87. Wir konnten die Haare behalten. Die wurden kurz geschoren, aber nicht vollkommen...
  88. Frauen, Männer und Kinder waren im selben Lager.
  89. Männer und Frauen lebten in verschiedenen Baracken, aber im selben Lager.
  90. Das deswegen auch das Familienlager genannt wurde, weil die Nazis
  91. mit uns irgendeinen anderen Plan hatten als mit den anderen Häftlingen.
  92. Wir wussten aber nicht, warum. Wir hatten das Gefühl, dass wir privilegiert sind,
  93. dass wir besser behandelt werden. Aber der Grund war das
  94. Gegenteil. Die scheinbaren Privilegien sind nur eine Momentaufnahme.
  95. Nach dem Schock ihrer Ankunft in Auschwitz entpuppt sich nach und nach der ganze Horror der Todesfabrik
  96. Auschwitz. Allmählich wird der 14-jährigen bewusst, was
  97. die SS mit ihnen plant. Wir hörten es von den, von den Ehemaligen,
  98. die schon da waren. Erst erfuhren wir über die Gaskammern,
  99. wir wussten ja nicht davon. Anfangs dachte ich, die sind verrückt geworden,
  100. weil ich so was Unglaubliches, dass man Menschen in Gaskammern schafft und die Toten dann verbrennt...
  101. Das war so unglaublich, dass ich eine Zeitlang überhaupt nicht daran
  102. glaubte. Erst nachdem sie uns zeigten: ›Schau mal,
  103. siehst du die Asche?‹ Die Asche, die rieselt so von den Krematorien, von dem Rauch.
  104. Die Asche rieselte herunter, so wie Schnee, ununterbrochen. Und dann war der Geruch von.
  105. Von Verbranntem, von den Krematorien.
  106. Und das konnte man nicht ignorieren. Erst dann begann ich zu verstehen, worum es geht.
  107. Ein Modell in der Gedenkstätte Auschwitz zeigt die Dimensionen und den industriellen Charakter des
  108. Vernichtungssystems. Es ist das Krematorium 2, das die Nazis
  109. Ende 1944 zerstörten. Die unterirdische Gaskammer war 210 Quadratmeter
  110. groß. Allein hier konnten etwa 2000 Menschen auf
  111. einmal mit Zyklon B getötet werden. Anschließend hat man den Toten die Goldzähne herausgebrochen,
  112. die Haare abgeschnitten und die Leichen verbrannt. Das ist nur eine der insgesamt vier
  113. großen Vernichtungsanlagen in Birkenau. Sie mordeten Tag für Tag.
  114. ›Sonderbehandlung‹ lautete die Bezeichnung der SS für den Massenmord.
  115. Aber der Tod war nicht nur in den Gaskammern, er war überall präsent –
  116. allein durch die katastrophalen Lebensbedingungen, Krankheiten und Seuchen.
  117. Ditas geliebter Vater Hans verhungert. Vater überlebte nur einige Wochen.
  118. Der starb am 5. Februar.
  119. Wir kamen im Dezember, also kaum zwei Monate später starb er.
  120. Er war 44 Jahre alt. Heute sind meine Enkel schon älter.
  121. Damals kam es mir nicht so vor, dass das so jung war.
  122. Wir finden seinen Namen im ›Book of Names‹ in der Gedenkstätte Auschwitz.
  123. Hans Polach, geboren am 10.12.1899 in Wien.
  124. Rechtsanwalt. Ermordet in Auschwitz. Das monumentale Totenbuch gedenkt der Opfer
  125. des Holocaust. Eine Rekonstruktion der Schicksale der Ermordeten.
  126. Wenigstens sollen sie einzeln mit ihren Namen erinnert werden. Auf jeder dieser riesigen Seiten stehen allein 500
  127. Namen. Meter über Meter kann man 4,2 der
  128. insgesamt etwa 6 Millionen Opfer der Shoah in diesem Buch finden.
  129. Und so viele Namen fehlen. Unidentifizierte Opfer, nach denen noch immer geforscht wird.
  130. Angesichts des mordenden Terrorapparats ist unvorstellbar, wie es in Auschwitz noch
  131. so etwas wie Hoffnung geben konnte. Aber die gab es.
  132. Man gibt nicht auf. Man hofft.
  133. Man hofft ständig, dass der Krieg zu Ende gehen wird, so bald wie möglich.
  134. Und wir noch noch am Leben sein werden. Und man hat so viel so schrecklichen Hunger,
  135. dass alles andere unwichtig scheint. Man will nur Nahrung bekommen, und
  136. das beschäftigt einen so sehr, dass man
  137. keine anderen Gedanken hat als Essen. Es wurde ununterbrochen über Essen gesprochen.
  138. ›Wann kommt die Suppe?‹ Und: ›Ich habe meine Suppe ein Stück Kartoffel gefunden.‹
  139. Oder: ›In meiner Suppe war gar nicht drin.‹
  140. Das war das, das Wichtige. Man ist vollkommen konzentriert auf
  141. Nahrung, Nahrung, Essen, Essen, Brot, Brot.
  142. Nach der Befreiung von Auschwitz im Januar 1945 wurden diese Aufnahmen der befreiten Häftlinge gemacht.
  143. Die Menschen hatten Hunger, wie man ihn sich überhaupt nicht vorstellen kann.
  144. Dieser quälende Hunger war überall hier in Auschwitz-Birkenau.
  145. Luftaufnahmen nach der Befreiung 1945 zeigen die Dimensionen dieses riesigen KZ,
  146. das im Wesentlichen aus Baracken bestand. Das sind die Ruinen von Block 6, in dem
  147. Dita mit ihrer Mutter leben musste, gemeinsam mit Hunderten anderen Frauen.
  148. Block war die Lager Sprache für die einfachen, fensterlosen Baracken.
  149. In dem angrenzenden Bereich des KZ Auschwitz-Birkenau gibt es einen baugleichen Block –originalgetreu
  150. restauriert. Nach der Befreiung filmten sowjetische Soldaten
  151. die menschenverachtenden Zustände. Da, wo wir schliefen, wurde nicht geheizt.
  152. Es war sehr, sehr kalt. Ein Gestank war immer in dem Block, natürlich, weil
  153. keine Lüftung da war und so viele Personen. Es waren einige 100.
  154. Ich glaube, ungefähr 300 in einem Block. Wir zogen uns nie aus.
  155. Wir hatten auch keine Unterwäsche. Wir hatten nichts. Nur die Kleidung, die man uns verteilt
  156. hatte. Wir hätten auch nichts zum Wechseln.
  157. Wir blieben die ganzen Monate in derselben Kleidung. Dita ist 14, ein Teenager in der Pubertät.
  158. Aber so etwas gibt es dort nicht, wo es tagtäglich ums Überleben geht, erzählt sie ganz offen.
  159. Die Frauen, die verloren doch alle ihre monatliche Periode. Schon in Theresienstadt,
  160. aber ganz gewiss in Auschwitz. Weil der Körper doch spart, der Körper
  161. beschließt, was er vermissen kann.
  162. Also das Fett. Und das geht das Fett weg und dann wird der Bauch
  163. anstatt so, dann wird so. Und dann verschwinden langsam die Brüste.
  164. Das macht die Natur. Gefühlsmäßig wird man stumpf.
  165. Man fühlt weniger Mitleid oder kein Mitleid.
  166. Und inmitten dieser Hölle gab es für die Kinder aus dem Theresienstädter Familienlager eine Art
  167. Kita, den sogenannten Kinderblock. Dita Kraus hat den Kinderblock im Auftrag der
  168. Holocaustgedenkstätte Yad Vashem gezeichnet, weil kein einziges Dokument mehr existiert.
  169. Sie war dort als Hilfskraft beschäftigt. Meine Aufgabe war, die wenigen Bücher, die ich dort
  170. gab, so eine kleine Reihe von Büchern zu bewachen.
  171. Also ich war die Bibliothekarin. Der Kinderblock war eine Initiative von Fredy Hirsch.
  172. Der jüdische Pädagoge und Sportlehrer wurde ebenfalls in Prag verhaftet und über Theresienstadt nach Auschwitz
  173. deportiert. Fredy Hirsch engagierte sich als Blockältester mit einer Gruppe
  174. von Betreuern liebevoll für die rund 700 gefangenen Kinder im Familienlager.
  175. Er beschützte auch Dita und viele ältere Jugendliche, indem er ihnen Aufgaben im Kinderblock gab oder sie als Betreuer
  176. für die Kleinen einsetzte. Ein vergessener Held.
  177. Er war ein bewundernswerter Mensch, weil er sehr ehrlich war und sehr
  178. moralisch stark war. Er hat auch eine Art, mit den Kommandanten
  179. zu verhandeln, die sie irgendwie auch respektierten.
  180. Wir Kinder sahen ihn als Modell für uns, für ihn in jeder Beziehung.
  181. Die Betreuer – ich glaube, das waren die größten Helden von Auschwitz.
  182. Die Betreuer, die selbst wussten, dass sie in einigen Wochen ums
  183. Leben kommen, die widmeten sich den Kindern, um ihnen
  184. die letzte Zeit des Lebens so möglich zu erleichtern.
  185. Nach genau sechs Monaten isoliert die SS alle Häftlinge, die bereits im September aus Theresienstadt
  186. angekommen waren, um sie in der Nacht vom 8.
  187. auf den 9. März 1944 in den Gaskammern zu ermorden.
  188. Sie töten 3791 Menschen aus dem Familienlager.
  189. Auch Fredy Hirsch starb. Man bezeichnet den Massenmord auch als die erste
  190. Liquidation des Familienlagers. Seit der Zeit wussten wir, dass
  191. uns auch nur sechs Monate kalkuliert waren.
  192. Nach sechs Monaten sollten wir alle auch in die Gaskammern. Das wurde uns klar, nachdem diese Leute umkamen.
  193. Die überlebenden Häftlinge des Familienlagers leben nun in ständiger Todesangst.
  194. Sie zählen die Tage. Plötzlich. Anfang Juli beginnt eine Selektion.
  195. Dita Kraus steht vor dem als »Todesengel von Auschwitz« berüchtigten KZ-Arzt Dr. Josef Mengele.
  196. Es wurden die arbeitsfähigen Leute ausgewählt.
  197. Dr. Mengele beschloss mit dem Finger, in welche Gruppe
  198. jeder wie geschickt wird.
  199. Wir wurden instruiert, wie wir in der Reihe stehen müssen.
  200. In Habachtstellung stehen. Nackt. Wir durften nur drei Sachen sagen.
  201. Nichts anderes. Nur: die Nummer, das
  202. Alter und einen Beruf. Als ich an die Reihe kam, sagte ich: ›73305, sechzehn, Malerin.‹
  203. Und er stoppte und fragte mich: ›Malerin? Zimmermalerin oder Porträtmalerin?‹
  204. Und ich sagte: ›Porträtmalerin.‹ Und er fragte noch auch: ›Kannst du mein
  205. Porträt malen?‹ Ich habe gesagt: › Ja. Jawohl!‹ Aber mit
  206. großer Angst. Weil ich dachte, vielleicht will er wirklich.
  207. Aber er meinte das gar nicht. Jedenfalls –Mutter und ich wurden in die Gruppe,
  208. die verschickt wurde, gewählt, würden nach Hamburg geschickt.
  209. Dita Kraus wird mit rund 3000 Männern und Frauen zur Zwangsarbeit in andere KZ gebracht.
  210. Im Familienlager bleiben ungefähr 6000 bis 7000 Häftlinge zurück.
  211. Sie werden alle zwischen dem 10. und 12.Juli 1944
  212. in zwei Nächten ermordet. Nach dieser zweiten Liquidation existiert
  213. das Theresienstädter Familienlager nicht mehr. Eine der verschiedenen Außenstellen des KZ Neuengamme,
  214. in die die mittlerweile 15 Jahre alte Dita zu harter Zwangsarbeit abkommandiert wird, liegt hier
  215. im Hamburger Hafen. Anfang April 1945 wird Dita erneut
  216. deportiert, dieses Mal in das KZ Bergen-Belsen.
  217. Dort herrschten unmenschliche Zustände. Bis auf wenige Wachleute war die SS vor der immer näher
  218. kommenden britischen Armee geflohen und hatte die völlig entkräfteten Häftlinge ohne Wasser und Nahrung sich selbst
  219. überlassen. Typhus grassierte.
  220. Das Gelände war einfach übersät mit Toten.
  221. Unser ganzes Lager, rundherum waren lauter Leichen. Niemand hatte die Kraft, sie zu begraben.
  222. Da, wo sie starben, da lagen sie dann.
  223. Wir wohnten in einem Gebäude ohne Betten. Diese vielen
  224. Tage bevor die britische Armee kam.
  225. Wir lagen auf dem Fußboden und wenn wir rausgingen und zur Latrine gingen, dann mussten wir über
  226. die Leichen, zwischen den Leichen gehen, bis zur Latrine.
  227. Ihre Mutter schafft es nicht. Sie stirbt zwei Monate nach der Befreiung.
  228. Auch Dita erkrankt an Typhus – aber überlebt. In den ersten Wochen hilft sie der britischen Armee als
  229. Dolmetscherin – und sie bekommt ihren Namen zurück.
  230. Edita Polachova steht auf ihrem Displaced-Persons- Ausweis.
  231. Dita kehrt nach Prag zurück. Später zieht sie mit ihrem Ehemann Otto – auch ein
  232. Auschwitz-Überlebender wie sie – nach Israel für den Neuanfang.
  233. Dort lebt die glückliche Urgroßmutter. Eine wichtige Zeitzeugin, die immer noch die Kraft hat, ihre
  234. Geschichte zu erzählen. Sie reiste auch zu den Gedenkfeiern wie hier nach Neuengamme.
  235. Nur einen Ort will sie nie wieder in ihrem Leben betreten. Nie wieder nach Auschwitz.
  236. Nach Auschwitz will ich nicht, weil ich immer an die Asche erinnere.
  237. Die Asche! Die ganze Umgebung, die ganze Erde der Umgebung
  238. von Auschwitz ist voller Asche von Tausenden und Hunderttausenden Menschen,
  239. die verbrannt wurden. Und ich. Ich finde es schrecklich,
  240. dort herumzulaufen. Als trete ich auf das Grab meines Vaters.
  241. Ich könnte das nicht. Ich bin sehr dagegen, auch diese Gruppen, die Auschwitz
  242. besuchen. Ich bin sehr dagegen.

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