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Als Mädchen in Auschwitz: »Die Asche rieselte herunter, so wie Schnee« | DER SPIEGEL
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 242 Zeilen
- Dies ist die unglaubliche Geschichte von Dita Kraus und wie es ihr gelang, den Holocaust
- und eine Odyssee durch vier Konzentrationslager zu überleben.
- Es geht um unermessliches Leid und um den beharrlichen Überlebenswillen eines jüdischen Mädchens.
- Ich habe eine innere Stimme gehört oder sie mir eingebildet: ›Du wirst
- nicht sterben.‹ Ich hatte so ein Gefühl: ›Du wirst nicht sterben.‹
- Und daran glaubte ich. Sie ist 13 Jahre alt, als sie aus ihrer
- Heimatstadt Prag in das Konzentrationslager und Ghetto Theresienstadt deportiert wird.
- Mit 14 verschleppten die Nazis sie weiter nach Auschwitz. Von dort transportiert man sie in das KZ Neuengamme.
- Und als 15-jährige bringt man sie dann in das vierte Konzentrationslager,
- nach Bergen Belsen. Wir treffen Dita Kraus zum Interview und fahren anschließend
- nach Polen, nach Oświęcim, zum ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau, um ihre Leidensgeschichte
- noch besser verstehen zu können. Ihr Mädchenname ist Edita Polachova.
- In Prag verbringt sie eine unbeschwerte Kindheit – bis Hitler 1939 in die damalige
- Tschechoslowakei einmarschiert. Bald darauf beginnt der Zweite Weltkrieg.
- Ditas Familie wird – wie alle jüdischen Bürger – mehr und mehr ausgegrenzt und verfolgt.
- 1942 deportiert man sie zusammen mit ihrer Mutter Elisabeth und ihrem Vater Hans
- in das KZ Theresienstadt. 1944 wurden diese Bilder in Theresienstadt
- gedreht. Ein inszenierter, geschönter Propagandafilm der Nazis.
- Die Legende des Vorzeige-Konzentrationslagers. In Wahrheit war es keine heile KZ Welt.
- Die Menschen wurden gequält, verhungerten, erfroren. Ein Großteil der am Film Mitwirkenden wurde
- in Auschwitz ermordet. Denn für die SS war Theresienstadt vor allem
- eine Durchgangsstation auf dem Weg in die Vernichtungslager. Die sogenannte Endlösung der Judenfrage war ein akribisch
- organisierter Völkermord. Die Menschen in Theresienstadt hatten schreckliche Angst
- vor den Zügen Richtung Osten. Wir waren unterwegs in einem Zug, einem
- Viehwagen ohne Bänke, ohne Toiletten. Wir standen einen Tag und eine Nacht oder sogar zwei Nächte.
- Ich weiß nicht mehr genau, wie lange, ohne uns bewegen
- zu können. Als die Türen geöffnet wurden, sahen
- wir vor uns eine eine Rampe. Da standen SS-Männer mit Wolfshunden, die
- bellten und und wollten uns attackieren.
- Männer in gestreiften Uniformen standen dort, mit Stöcken.
- Die jagten uns aus den Waggons heraus, wir mussten runterspringen. Das war so hoch.
- Mit den Stöcken schrien sie: ›Raus, raus! Gepäck hinterlassen! In Fünferreihen
- anftreten. Frauen extra und Männer separat.‹ Und das war die Ankunft in Auschwitz.
- Diese Männer in den gestreiften Anzügen schrien: ›Ihr seid in Auschwitz.
- Wir wussten ja nicht, wo wir hinfahren. ›Ihr seid in Auschwitz.‹
- Genau hier kam Dita Kraus im Dezember 1943 an.
- An der sogenannten alten Judenrampe landeten die vielen Deportationszüge aus ganz Europa.
- Hier fanden auch die Selektionen statt. Die einstige Rampe gibt es nicht mehr.
- Heute erinnert nur noch ein kleines Mahnmal daran. Wir suchen nach Spuren von Dita Kraus in der Gedenkstätte
- Auschwitz. In der Nähe des Tores des Stammlager Auschwitz liegt heute das
- Archiv. Wenn es Spuren Ihrer Inhaftierung in Auschwitz gibt,
- findet man sie hier. Hier lagern die Dokumente aus der KZ Verwaltung.
- Ein großer Teil davon existiert jedoch nicht mehr. Die Nazi Bürokratie erfasste zwar alles,
- doch die SS vernichtete kurz vor Kriegsende so viele Unterlagen wie möglich.
- Wir treffen den Leiter des Archivs, um mehr über Ditas Verschleppung durch die Nazis zu erfahren.
- Es gibt in unserem gesamten Archiv nur ein einziges Dokument, in dem der Name Edita Polachova erwähnt
- wird. Dieses Dokument ist die Namensliste derer,
- die von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert wurden. Dieser Transport verließ Theresienstadt am 18.
- Dezember 1943. Und genau hier auf dieser Seite
- steht der Name von Edita. Und wir finden noch eine weitere Spur von Dita, wenn
- auch nicht ihren Namen. Denn in der Todesfabrik gab es nur noch Nummern.
- So registrierte die SS systematisch jeden Häftling, der nicht sofort in den Gaskammern umgebracht wurde.
- Die Liste dieses perversen Nummerierungssystems befindet sich noch heute im Archiv und hilft jetzt bei der
- Rekonstruktion. Hier haben wir eine vollständige Liste der Transporte, die
- Lager Auschwitz ankamen – von der Gründung des KZ bis zum Ende.
- Und hier die Information welche Nummern exakt an welchem Tag an die Häftlinge vergeben wurden.
- Ich überprüfe jetzt genau das Ankunftsdatum dieses Transports.
- Ja, der 20. Dezember, also zwei Tage später.
- Das ist dieser Transport von Juden aus Theresienstadt. Ihre Ankunft in Auschwitz war, der 20.
- Dezember und das sind die Nummern, die an die weiblichen Gefangenen dieses Transports vergeben wurden.
- Wir wollen mit Dita Kraus über unsere Recherche im Archiv von Auschwitz sprechen.
- Wir erreichen sie in ihrer Heimatstadt Prag. Sie erinnert sich genau an die Zwangstätowierung
- nach der Ankunft. Seitdem wurden wir nicht mehr
- mit Namen angesprochen. Wir blieben nur Nummern..
- 73305 hatte ich. Da war so einen Moment beim Tätowierung.
- Da waren wir beide so verzweifelt, dass wir sprachen, wir möchten beide sterben.
- Aber es gab keine Möglichkeit, praktisch. Wie macht man Selbstmord, wenn man nackt ist?
- Diesen Moment habe ich nicht vergessen. Meine Mutter und ich sprachen darüber.
- Wir möchten beide sterben. Eine unerträgliche Entmenschlichung.
- Die Ankunft in Auschwitz ist für Dita und ihre Mutter ein Schock.
- Gedemütigt durch die entwürdigende Behandlung, frierend und schutzlos.
- Und das ist erst der Anfang. In Fünferreihen marschierten wir entlang
- der Lagerstraße bis zu dem Lager, wo wir dann die Ehemaligen, die Leute trafen,
- die vor uns im September nach Auschwitz gebracht wurden, die drei Monate schon dort waren.
- Und die sahen so anders aus.
- Weil die Augen waren ohne Ausdruck. Kein Lächeln. Nichts. Wir kannten viele
- der Leute, die dort waren. Es waren auch Verwandte unter ihnen. Der Ausdruck war
- wirklich voller Angst. Der Tod war in den Augen.
- Sie erkennt so viele Häftlinge, weil bereits im September Transporte mit ungefähr 5000 Menschen aus Theresienstadt
- in Auschwitz angekommen waren. Sie werden mit ihnen zusammen in einem abgetrennten Bereich
- hinter mit Starkstrom geladenen Stacheldrahtzaun gesperrt, dem Theresienstädter Familienlager.
- Die Nazis unterteilten Birkenau in Bauabschnitte, zwischen denen sie die Menschen hin und her schoben.
- Das hier war der Eingang zu dem Lager Bereich BIIb, in dem Dita und ihre Familie interniert wurden.
- Einen Ausschnitt davon kann man hier rot markiert erkennen. Es ist das einzige Foto, das von dem
- Theresienstädter Familienlager existiert. Man hat uns auch nicht
- die Kleidung für Gefangene gegeben, sondern Zivilkleidung.
- Wir konnten die Haare behalten. Die wurden kurz geschoren, aber nicht vollkommen...
- Frauen, Männer und Kinder waren im selben Lager.
- Männer und Frauen lebten in verschiedenen Baracken, aber im selben Lager.
- Das deswegen auch das Familienlager genannt wurde, weil die Nazis
- mit uns irgendeinen anderen Plan hatten als mit den anderen Häftlingen.
- Wir wussten aber nicht, warum. Wir hatten das Gefühl, dass wir privilegiert sind,
- dass wir besser behandelt werden. Aber der Grund war das
- Gegenteil. Die scheinbaren Privilegien sind nur eine Momentaufnahme.
- Nach dem Schock ihrer Ankunft in Auschwitz entpuppt sich nach und nach der ganze Horror der Todesfabrik
- Auschwitz. Allmählich wird der 14-jährigen bewusst, was
- die SS mit ihnen plant. Wir hörten es von den, von den Ehemaligen,
- die schon da waren. Erst erfuhren wir über die Gaskammern,
- wir wussten ja nicht davon. Anfangs dachte ich, die sind verrückt geworden,
- weil ich so was Unglaubliches, dass man Menschen in Gaskammern schafft und die Toten dann verbrennt...
- Das war so unglaublich, dass ich eine Zeitlang überhaupt nicht daran
- glaubte. Erst nachdem sie uns zeigten: ›Schau mal,
- siehst du die Asche?‹ Die Asche, die rieselt so von den Krematorien, von dem Rauch.
- Die Asche rieselte herunter, so wie Schnee, ununterbrochen. Und dann war der Geruch von.
- Von Verbranntem, von den Krematorien.
- Und das konnte man nicht ignorieren. Erst dann begann ich zu verstehen, worum es geht.
- Ein Modell in der Gedenkstätte Auschwitz zeigt die Dimensionen und den industriellen Charakter des
- Vernichtungssystems. Es ist das Krematorium 2, das die Nazis
- Ende 1944 zerstörten. Die unterirdische Gaskammer war 210 Quadratmeter
- groß. Allein hier konnten etwa 2000 Menschen auf
- einmal mit Zyklon B getötet werden. Anschließend hat man den Toten die Goldzähne herausgebrochen,
- die Haare abgeschnitten und die Leichen verbrannt. Das ist nur eine der insgesamt vier
- großen Vernichtungsanlagen in Birkenau. Sie mordeten Tag für Tag.
- ›Sonderbehandlung‹ lautete die Bezeichnung der SS für den Massenmord.
- Aber der Tod war nicht nur in den Gaskammern, er war überall präsent –
- allein durch die katastrophalen Lebensbedingungen, Krankheiten und Seuchen.
- Ditas geliebter Vater Hans verhungert. Vater überlebte nur einige Wochen.
- Der starb am 5. Februar.
- Wir kamen im Dezember, also kaum zwei Monate später starb er.
- Er war 44 Jahre alt. Heute sind meine Enkel schon älter.
- Damals kam es mir nicht so vor, dass das so jung war.
- Wir finden seinen Namen im ›Book of Names‹ in der Gedenkstätte Auschwitz.
- Hans Polach, geboren am 10.12.1899 in Wien.
- Rechtsanwalt. Ermordet in Auschwitz. Das monumentale Totenbuch gedenkt der Opfer
- des Holocaust. Eine Rekonstruktion der Schicksale der Ermordeten.
- Wenigstens sollen sie einzeln mit ihren Namen erinnert werden. Auf jeder dieser riesigen Seiten stehen allein 500
- Namen. Meter über Meter kann man 4,2 der
- insgesamt etwa 6 Millionen Opfer der Shoah in diesem Buch finden.
- Und so viele Namen fehlen. Unidentifizierte Opfer, nach denen noch immer geforscht wird.
- Angesichts des mordenden Terrorapparats ist unvorstellbar, wie es in Auschwitz noch
- so etwas wie Hoffnung geben konnte. Aber die gab es.
- Man gibt nicht auf. Man hofft.
- Man hofft ständig, dass der Krieg zu Ende gehen wird, so bald wie möglich.
- Und wir noch noch am Leben sein werden. Und man hat so viel so schrecklichen Hunger,
- dass alles andere unwichtig scheint. Man will nur Nahrung bekommen, und
- das beschäftigt einen so sehr, dass man
- keine anderen Gedanken hat als Essen. Es wurde ununterbrochen über Essen gesprochen.
- ›Wann kommt die Suppe?‹ Und: ›Ich habe meine Suppe ein Stück Kartoffel gefunden.‹
- Oder: ›In meiner Suppe war gar nicht drin.‹
- Das war das, das Wichtige. Man ist vollkommen konzentriert auf
- Nahrung, Nahrung, Essen, Essen, Brot, Brot.
- Nach der Befreiung von Auschwitz im Januar 1945 wurden diese Aufnahmen der befreiten Häftlinge gemacht.
- Die Menschen hatten Hunger, wie man ihn sich überhaupt nicht vorstellen kann.
- Dieser quälende Hunger war überall hier in Auschwitz-Birkenau.
- Luftaufnahmen nach der Befreiung 1945 zeigen die Dimensionen dieses riesigen KZ,
- das im Wesentlichen aus Baracken bestand. Das sind die Ruinen von Block 6, in dem
- Dita mit ihrer Mutter leben musste, gemeinsam mit Hunderten anderen Frauen.
- Block war die Lager Sprache für die einfachen, fensterlosen Baracken.
- In dem angrenzenden Bereich des KZ Auschwitz-Birkenau gibt es einen baugleichen Block –originalgetreu
- restauriert. Nach der Befreiung filmten sowjetische Soldaten
- die menschenverachtenden Zustände. Da, wo wir schliefen, wurde nicht geheizt.
- Es war sehr, sehr kalt. Ein Gestank war immer in dem Block, natürlich, weil
- keine Lüftung da war und so viele Personen. Es waren einige 100.
- Ich glaube, ungefähr 300 in einem Block. Wir zogen uns nie aus.
- Wir hatten auch keine Unterwäsche. Wir hatten nichts. Nur die Kleidung, die man uns verteilt
- hatte. Wir hätten auch nichts zum Wechseln.
- Wir blieben die ganzen Monate in derselben Kleidung. Dita ist 14, ein Teenager in der Pubertät.
- Aber so etwas gibt es dort nicht, wo es tagtäglich ums Überleben geht, erzählt sie ganz offen.
- Die Frauen, die verloren doch alle ihre monatliche Periode. Schon in Theresienstadt,
- aber ganz gewiss in Auschwitz. Weil der Körper doch spart, der Körper
- beschließt, was er vermissen kann.
- Also das Fett. Und das geht das Fett weg und dann wird der Bauch
- anstatt so, dann wird so. Und dann verschwinden langsam die Brüste.
- Das macht die Natur. Gefühlsmäßig wird man stumpf.
- Man fühlt weniger Mitleid oder kein Mitleid.
- Und inmitten dieser Hölle gab es für die Kinder aus dem Theresienstädter Familienlager eine Art
- Kita, den sogenannten Kinderblock. Dita Kraus hat den Kinderblock im Auftrag der
- Holocaustgedenkstätte Yad Vashem gezeichnet, weil kein einziges Dokument mehr existiert.
- Sie war dort als Hilfskraft beschäftigt. Meine Aufgabe war, die wenigen Bücher, die ich dort
- gab, so eine kleine Reihe von Büchern zu bewachen.
- Also ich war die Bibliothekarin. Der Kinderblock war eine Initiative von Fredy Hirsch.
- Der jüdische Pädagoge und Sportlehrer wurde ebenfalls in Prag verhaftet und über Theresienstadt nach Auschwitz
- deportiert. Fredy Hirsch engagierte sich als Blockältester mit einer Gruppe
- von Betreuern liebevoll für die rund 700 gefangenen Kinder im Familienlager.
- Er beschützte auch Dita und viele ältere Jugendliche, indem er ihnen Aufgaben im Kinderblock gab oder sie als Betreuer
- für die Kleinen einsetzte. Ein vergessener Held.
- Er war ein bewundernswerter Mensch, weil er sehr ehrlich war und sehr
- moralisch stark war. Er hat auch eine Art, mit den Kommandanten
- zu verhandeln, die sie irgendwie auch respektierten.
- Wir Kinder sahen ihn als Modell für uns, für ihn in jeder Beziehung.
- Die Betreuer – ich glaube, das waren die größten Helden von Auschwitz.
- Die Betreuer, die selbst wussten, dass sie in einigen Wochen ums
- Leben kommen, die widmeten sich den Kindern, um ihnen
- die letzte Zeit des Lebens so möglich zu erleichtern.
- Nach genau sechs Monaten isoliert die SS alle Häftlinge, die bereits im September aus Theresienstadt
- angekommen waren, um sie in der Nacht vom 8.
- auf den 9. März 1944 in den Gaskammern zu ermorden.
- Sie töten 3791 Menschen aus dem Familienlager.
- Auch Fredy Hirsch starb. Man bezeichnet den Massenmord auch als die erste
- Liquidation des Familienlagers. Seit der Zeit wussten wir, dass
- uns auch nur sechs Monate kalkuliert waren.
- Nach sechs Monaten sollten wir alle auch in die Gaskammern. Das wurde uns klar, nachdem diese Leute umkamen.
- Die überlebenden Häftlinge des Familienlagers leben nun in ständiger Todesangst.
- Sie zählen die Tage. Plötzlich. Anfang Juli beginnt eine Selektion.
- Dita Kraus steht vor dem als »Todesengel von Auschwitz« berüchtigten KZ-Arzt Dr. Josef Mengele.
- Es wurden die arbeitsfähigen Leute ausgewählt.
- Dr. Mengele beschloss mit dem Finger, in welche Gruppe
- jeder wie geschickt wird.
- Wir wurden instruiert, wie wir in der Reihe stehen müssen.
- In Habachtstellung stehen. Nackt. Wir durften nur drei Sachen sagen.
- Nichts anderes. Nur: die Nummer, das
- Alter und einen Beruf. Als ich an die Reihe kam, sagte ich: ›73305, sechzehn, Malerin.‹
- Und er stoppte und fragte mich: ›Malerin? Zimmermalerin oder Porträtmalerin?‹
- Und ich sagte: ›Porträtmalerin.‹ Und er fragte noch auch: ›Kannst du mein
- Porträt malen?‹ Ich habe gesagt: › Ja. Jawohl!‹ Aber mit
- großer Angst. Weil ich dachte, vielleicht will er wirklich.
- Aber er meinte das gar nicht. Jedenfalls –Mutter und ich wurden in die Gruppe,
- die verschickt wurde, gewählt, würden nach Hamburg geschickt.
- Dita Kraus wird mit rund 3000 Männern und Frauen zur Zwangsarbeit in andere KZ gebracht.
- Im Familienlager bleiben ungefähr 6000 bis 7000 Häftlinge zurück.
- Sie werden alle zwischen dem 10. und 12.Juli 1944
- in zwei Nächten ermordet. Nach dieser zweiten Liquidation existiert
- das Theresienstädter Familienlager nicht mehr. Eine der verschiedenen Außenstellen des KZ Neuengamme,
- in die die mittlerweile 15 Jahre alte Dita zu harter Zwangsarbeit abkommandiert wird, liegt hier
- im Hamburger Hafen. Anfang April 1945 wird Dita erneut
- deportiert, dieses Mal in das KZ Bergen-Belsen.
- Dort herrschten unmenschliche Zustände. Bis auf wenige Wachleute war die SS vor der immer näher
- kommenden britischen Armee geflohen und hatte die völlig entkräfteten Häftlinge ohne Wasser und Nahrung sich selbst
- überlassen. Typhus grassierte.
- Das Gelände war einfach übersät mit Toten.
- Unser ganzes Lager, rundherum waren lauter Leichen. Niemand hatte die Kraft, sie zu begraben.
- Da, wo sie starben, da lagen sie dann.
- Wir wohnten in einem Gebäude ohne Betten. Diese vielen
- Tage bevor die britische Armee kam.
- Wir lagen auf dem Fußboden und wenn wir rausgingen und zur Latrine gingen, dann mussten wir über
- die Leichen, zwischen den Leichen gehen, bis zur Latrine.
- Ihre Mutter schafft es nicht. Sie stirbt zwei Monate nach der Befreiung.
- Auch Dita erkrankt an Typhus – aber überlebt. In den ersten Wochen hilft sie der britischen Armee als
- Dolmetscherin – und sie bekommt ihren Namen zurück.
- Edita Polachova steht auf ihrem Displaced-Persons- Ausweis.
- Dita kehrt nach Prag zurück. Später zieht sie mit ihrem Ehemann Otto – auch ein
- Auschwitz-Überlebender wie sie – nach Israel für den Neuanfang.
- Dort lebt die glückliche Urgroßmutter. Eine wichtige Zeitzeugin, die immer noch die Kraft hat, ihre
- Geschichte zu erzählen. Sie reiste auch zu den Gedenkfeiern wie hier nach Neuengamme.
- Nur einen Ort will sie nie wieder in ihrem Leben betreten. Nie wieder nach Auschwitz.
- Nach Auschwitz will ich nicht, weil ich immer an die Asche erinnere.
- Die Asche! Die ganze Umgebung, die ganze Erde der Umgebung
- von Auschwitz ist voller Asche von Tausenden und Hunderttausenden Menschen,
- die verbrannt wurden. Und ich. Ich finde es schrecklich,
- dort herumzulaufen. Als trete ich auf das Grab meines Vaters.
- Ich könnte das nicht. Ich bin sehr dagegen, auch diese Gruppen, die Auschwitz
- besuchen. Ich bin sehr dagegen.
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