Als Mädchen in Auschwitz: »Die Asche rieselte herunter, so wie Schnee« | DER SPIEGEL DER SPIEGEL https://www.youtube.com/watch?v=7wFa8ZlzgD4 Transkript (automatisch erstellt) 0:07 Dies ist die unglaubliche Geschichte von Dita Kraus und wie es ihr gelang, den Holocaust 0:14 und eine Odyssee durch vier Konzentrationslager zu überleben. 0:19 Es geht um unermessliches Leid und um den beharrlichen Überlebenswillen eines jüdischen Mädchens. 0:28 Ich habe eine innere Stimme gehört oder sie mir eingebildet: ›Du wirst 0:35 nicht sterben.‹ Ich hatte so ein Gefühl: ›Du wirst nicht sterben.‹ 0:41 Und daran glaubte ich. Sie ist 13 Jahre alt, als sie aus ihrer 0:49 Heimatstadt Prag in das Konzentrationslager und Ghetto Theresienstadt deportiert wird. 0:56 Mit 14 verschleppten die Nazis sie weiter nach Auschwitz. Von dort transportiert man sie in das KZ Neuengamme. 1:03 Und als 15-jährige bringt man sie dann in das vierte Konzentrationslager, 1:10 nach Bergen Belsen. Wir treffen Dita Kraus zum Interview und fahren anschließend 1:16 nach Polen, nach Oświęcim, zum ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau, um ihre Leidensgeschichte 1:23 noch besser verstehen zu können. Ihr Mädchenname ist Edita Polachova. 1:31 In Prag verbringt sie eine unbeschwerte Kindheit – bis Hitler 1939 in die damalige 1:38 Tschechoslowakei einmarschiert. Bald darauf beginnt der Zweite Weltkrieg. 1:46 Ditas Familie wird – wie alle jüdischen Bürger – mehr und mehr ausgegrenzt und verfolgt. 1:53 1942 deportiert man sie zusammen mit ihrer Mutter Elisabeth und ihrem Vater Hans 2:01 in das KZ Theresienstadt. 1944 wurden diese Bilder in Theresienstadt 2:07 gedreht. Ein inszenierter, geschönter Propagandafilm der Nazis. 2:14 Die Legende des Vorzeige-Konzentrationslagers. In Wahrheit war es keine heile KZ Welt. 2:22 Die Menschen wurden gequält, verhungerten, erfroren. Ein Großteil der am Film Mitwirkenden wurde 2:30 in Auschwitz ermordet. Denn für die SS war Theresienstadt vor allem 2:36 eine Durchgangsstation auf dem Weg in die Vernichtungslager. Die sogenannte Endlösung der Judenfrage war ein akribisch 2:44 organisierter Völkermord. Die Menschen in Theresienstadt hatten schreckliche Angst 2:50 vor den Zügen Richtung Osten. Wir waren unterwegs in einem Zug, einem 2:59 Viehwagen ohne Bänke, ohne Toiletten. Wir standen einen Tag und eine Nacht oder sogar zwei Nächte. 3:07 Ich weiß nicht mehr genau, wie lange, ohne uns bewegen 3:16 zu können. Als die Türen geöffnet wurden, sahen 3:21 wir vor uns eine eine Rampe. Da standen SS-Männer mit Wolfshunden, die 3:30 bellten und und wollten uns attackieren. 3:34 Männer in gestreiften Uniformen standen dort, mit Stöcken. 3:41 Die jagten uns aus den Waggons heraus, wir mussten runterspringen. Das war so hoch. 3:48 Mit den Stöcken schrien sie: ›Raus, raus! Gepäck hinterlassen! In Fünferreihen 3:56 anftreten. Frauen extra und Männer separat.‹ Und das war die Ankunft in Auschwitz. 4:06 Diese Männer in den gestreiften Anzügen schrien: ›Ihr seid in Auschwitz. 4:11 Wir wussten ja nicht, wo wir hinfahren. ›Ihr seid in Auschwitz.‹ 4:17 Genau hier kam Dita Kraus im Dezember 1943 an. 4:23 An der sogenannten alten Judenrampe landeten die vielen Deportationszüge aus ganz Europa. 4:30 Hier fanden auch die Selektionen statt. Die einstige Rampe gibt es nicht mehr. 4:37 Heute erinnert nur noch ein kleines Mahnmal daran. Wir suchen nach Spuren von Dita Kraus in der Gedenkstätte 4:48 Auschwitz. In der Nähe des Tores des Stammlager Auschwitz liegt heute das 4:53 Archiv. Wenn es Spuren Ihrer Inhaftierung in Auschwitz gibt, 4:58 findet man sie hier. Hier lagern die Dokumente aus der KZ Verwaltung. 5:03 Ein großer Teil davon existiert jedoch nicht mehr. Die Nazi Bürokratie erfasste zwar alles, 5:10 doch die SS vernichtete kurz vor Kriegsende so viele Unterlagen wie möglich. 5:16 Wir treffen den Leiter des Archivs, um mehr über Ditas Verschleppung durch die Nazis zu erfahren. 5:27 Es gibt in unserem gesamten Archiv nur ein einziges Dokument, in dem der Name Edita Polachova erwähnt 5:34 wird. Dieses Dokument ist die Namensliste derer, 5:38 die von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert wurden. Dieser Transport verließ Theresienstadt am 18. 5:46 Dezember 1943. Und genau hier auf dieser Seite 6:01 steht der Name von Edita. Und wir finden noch eine weitere Spur von Dita, wenn 6:08 auch nicht ihren Namen. Denn in der Todesfabrik gab es nur noch Nummern. 6:14 So registrierte die SS systematisch jeden Häftling, der nicht sofort in den Gaskammern umgebracht wurde. 6:22 Die Liste dieses perversen Nummerierungssystems befindet sich noch heute im Archiv und hilft jetzt bei der 6:28 Rekonstruktion. Hier haben wir eine vollständige Liste der Transporte, die 6:37 Lager Auschwitz ankamen – von der Gründung des KZ bis zum Ende. 6:45 Und hier die Information welche Nummern exakt an welchem Tag an die Häftlinge vergeben wurden. 6:53 Ich überprüfe jetzt genau das Ankunftsdatum dieses Transports. 7:02 Ja, der 20. Dezember, also zwei Tage später. 7:09 Das ist dieser Transport von Juden aus Theresienstadt. Ihre Ankunft in Auschwitz war, der 20. 7:17 Dezember und das sind die Nummern, die an die weiblichen Gefangenen dieses Transports vergeben wurden. 7:25 Wir wollen mit Dita Kraus über unsere Recherche im Archiv von Auschwitz sprechen. 7:31 Wir erreichen sie in ihrer Heimatstadt Prag. Sie erinnert sich genau an die Zwangstätowierung 7:37 nach der Ankunft. Seitdem wurden wir nicht mehr 7:42 mit Namen angesprochen. Wir blieben nur Nummern.. 7:47 73305 hatte ich. Da war so einen Moment beim Tätowierung. 7:53 Da waren wir beide so verzweifelt, dass wir sprachen, wir möchten beide sterben. 8:00 Aber es gab keine Möglichkeit, praktisch. Wie macht man Selbstmord, wenn man nackt ist? 8:06 Diesen Moment habe ich nicht vergessen. Meine Mutter und ich sprachen darüber. 8:11 Wir möchten beide sterben. Eine unerträgliche Entmenschlichung. 8:16 Die Ankunft in Auschwitz ist für Dita und ihre Mutter ein Schock. 8:21 Gedemütigt durch die entwürdigende Behandlung, frierend und schutzlos. 8:27 Und das ist erst der Anfang. In Fünferreihen marschierten wir entlang 8:34 der Lagerstraße bis zu dem Lager, wo wir dann die Ehemaligen, die Leute trafen, 8:42 die vor uns im September nach Auschwitz gebracht wurden, die drei Monate schon dort waren. 8:52 Und die sahen so anders aus. 8:59 Weil die Augen waren ohne Ausdruck. Kein Lächeln. Nichts. Wir kannten viele 9:09 der Leute, die dort waren. Es waren auch Verwandte unter ihnen. Der Ausdruck war 9:21 wirklich voller Angst. Der Tod war in den Augen. 9:30 Sie erkennt so viele Häftlinge, weil bereits im September Transporte mit ungefähr 5000 Menschen aus Theresienstadt 9:37 in Auschwitz angekommen waren. Sie werden mit ihnen zusammen in einem abgetrennten Bereich 9:45 hinter mit Starkstrom geladenen Stacheldrahtzaun gesperrt, dem Theresienstädter Familienlager. 9:55 Die Nazis unterteilten Birkenau in Bauabschnitte, zwischen denen sie die Menschen hin und her schoben. 10:02 Das hier war der Eingang zu dem Lager Bereich BIIb, in dem Dita und ihre Familie interniert wurden. 10:11 Einen Ausschnitt davon kann man hier rot markiert erkennen. Es ist das einzige Foto, das von dem 10:19 Theresienstädter Familienlager existiert. Man hat uns auch nicht 10:24 die Kleidung für Gefangene gegeben, sondern Zivilkleidung. 10:33 Wir konnten die Haare behalten. Die wurden kurz geschoren, aber nicht vollkommen... 10:44 Frauen, Männer und Kinder waren im selben Lager. 10:49 Männer und Frauen lebten in verschiedenen Baracken, aber im selben Lager. 10:54 Das deswegen auch das Familienlager genannt wurde, weil die Nazis 11:01 mit uns irgendeinen anderen Plan hatten als mit den anderen Häftlingen. 11:08 Wir wussten aber nicht, warum. Wir hatten das Gefühl, dass wir privilegiert sind, 11:13 dass wir besser behandelt werden. Aber der Grund war das 11:20 Gegenteil. Die scheinbaren Privilegien sind nur eine Momentaufnahme. 11:28 Nach dem Schock ihrer Ankunft in Auschwitz entpuppt sich nach und nach der ganze Horror der Todesfabrik 11:34 Auschwitz. Allmählich wird der 14-jährigen bewusst, was 11:39 die SS mit ihnen plant. Wir hörten es von den, von den Ehemaligen, 11:46 die schon da waren. Erst erfuhren wir über die Gaskammern, 11:51 wir wussten ja nicht davon. Anfangs dachte ich, die sind verrückt geworden, 11:56 weil ich so was Unglaubliches, dass man Menschen in Gaskammern schafft und die Toten dann verbrennt... 12:04 Das war so unglaublich, dass ich eine Zeitlang überhaupt nicht daran 12:11 glaubte. Erst nachdem sie uns zeigten: ›Schau mal, 12:17 siehst du die Asche?‹ Die Asche, die rieselt so von den Krematorien, von dem Rauch. 12:23 Die Asche rieselte herunter, so wie Schnee, ununterbrochen. Und dann war der Geruch von. 12:30 Von Verbranntem, von den Krematorien. 12:35 Und das konnte man nicht ignorieren. Erst dann begann ich zu verstehen, worum es geht. 12:43 Ein Modell in der Gedenkstätte Auschwitz zeigt die Dimensionen und den industriellen Charakter des 12:49 Vernichtungssystems. Es ist das Krematorium 2, das die Nazis 12:56 Ende 1944 zerstörten. Die unterirdische Gaskammer war 210 Quadratmeter 13:07 groß. Allein hier konnten etwa 2000 Menschen auf 13:13 einmal mit Zyklon B getötet werden. Anschließend hat man den Toten die Goldzähne herausgebrochen, 13:22 die Haare abgeschnitten und die Leichen verbrannt. Das ist nur eine der insgesamt vier 13:30 großen Vernichtungsanlagen in Birkenau. Sie mordeten Tag für Tag. 13:39 ›Sonderbehandlung‹ lautete die Bezeichnung der SS für den Massenmord. 13:46 Aber der Tod war nicht nur in den Gaskammern, er war überall präsent – 13:52 allein durch die katastrophalen Lebensbedingungen, Krankheiten und Seuchen. 13:58 Ditas geliebter Vater Hans verhungert. Vater überlebte nur einige Wochen. 14:05 Der starb am 5. Februar. 14:07 Wir kamen im Dezember, also kaum zwei Monate später starb er. 14:15 Er war 44 Jahre alt. Heute sind meine Enkel schon älter. 14:23 Damals kam es mir nicht so vor, dass das so jung war. 14:31 Wir finden seinen Namen im ›Book of Names‹ in der Gedenkstätte Auschwitz. 14:37 Hans Polach, geboren am 10.12.1899 in Wien. 14:43 Rechtsanwalt. Ermordet in Auschwitz. Das monumentale Totenbuch gedenkt der Opfer 14:51 des Holocaust. Eine Rekonstruktion der Schicksale der Ermordeten. 14:56 Wenigstens sollen sie einzeln mit ihren Namen erinnert werden. Auf jeder dieser riesigen Seiten stehen allein 500 15:04 Namen. Meter über Meter kann man 4,2 der 15:09 insgesamt etwa 6 Millionen Opfer der Shoah in diesem Buch finden. 15:15 Und so viele Namen fehlen. Unidentifizierte Opfer, nach denen noch immer geforscht wird. 15:23 Angesichts des mordenden Terrorapparats ist unvorstellbar, wie es in Auschwitz noch 15:30 so etwas wie Hoffnung geben konnte. Aber die gab es. 15:35 Man gibt nicht auf. Man hofft. 15:38 Man hofft ständig, dass der Krieg zu Ende gehen wird, so bald wie möglich. 15:44 Und wir noch noch am Leben sein werden. Und man hat so viel so schrecklichen Hunger, 15:55 dass alles andere unwichtig scheint. Man will nur Nahrung bekommen, und 16:04 das beschäftigt einen so sehr, dass man 16:13 keine anderen Gedanken hat als Essen. Es wurde ununterbrochen über Essen gesprochen. 16:20 ›Wann kommt die Suppe?‹ Und: ›Ich habe meine Suppe ein Stück Kartoffel gefunden.‹ 16:23 Oder: ›In meiner Suppe war gar nicht drin.‹ 16:29 Das war das, das Wichtige. Man ist vollkommen konzentriert auf 16:37 Nahrung, Nahrung, Essen, Essen, Brot, Brot. 16:45 Nach der Befreiung von Auschwitz im Januar 1945 wurden diese Aufnahmen der befreiten Häftlinge gemacht. 16:55 Die Menschen hatten Hunger, wie man ihn sich überhaupt nicht vorstellen kann. 17:01 Dieser quälende Hunger war überall hier in Auschwitz-Birkenau. 17:07 Luftaufnahmen nach der Befreiung 1945 zeigen die Dimensionen dieses riesigen KZ, 17:14 das im Wesentlichen aus Baracken bestand. Das sind die Ruinen von Block 6, in dem 17:22 Dita mit ihrer Mutter leben musste, gemeinsam mit Hunderten anderen Frauen. 17:28 Block war die Lager Sprache für die einfachen, fensterlosen Baracken. 17:34 In dem angrenzenden Bereich des KZ Auschwitz-Birkenau gibt es einen baugleichen Block –originalgetreu 17:41 restauriert. Nach der Befreiung filmten sowjetische Soldaten 17:46 die menschenverachtenden Zustände. Da, wo wir schliefen, wurde nicht geheizt. 17:57 Es war sehr, sehr kalt. Ein Gestank war immer in dem Block, natürlich, weil 18:02 keine Lüftung da war und so viele Personen. Es waren einige 100. 18:09 Ich glaube, ungefähr 300 in einem Block. Wir zogen uns nie aus. 18:16 Wir hatten auch keine Unterwäsche. Wir hatten nichts. Nur die Kleidung, die man uns verteilt 18:20 hatte. Wir hätten auch nichts zum Wechseln. 18:24 Wir blieben die ganzen Monate in derselben Kleidung. Dita ist 14, ein Teenager in der Pubertät. 18:35 Aber so etwas gibt es dort nicht, wo es tagtäglich ums Überleben geht, erzählt sie ganz offen. 18:42 Die Frauen, die verloren doch alle ihre monatliche Periode. Schon in Theresienstadt, 18:49 aber ganz gewiss in Auschwitz. Weil der Körper doch spart, der Körper 18:56 beschließt, was er vermissen kann. 19:00 Also das Fett. Und das geht das Fett weg und dann wird der Bauch 19:06 anstatt so, dann wird so. Und dann verschwinden langsam die Brüste. 19:16 Das macht die Natur. Gefühlsmäßig wird man stumpf. 19:23 Man fühlt weniger Mitleid oder kein Mitleid. 19:28 Und inmitten dieser Hölle gab es für die Kinder aus dem Theresienstädter Familienlager eine Art 19:35 Kita, den sogenannten Kinderblock. Dita Kraus hat den Kinderblock im Auftrag der 19:41 Holocaustgedenkstätte Yad Vashem gezeichnet, weil kein einziges Dokument mehr existiert. 19:48 Sie war dort als Hilfskraft beschäftigt. Meine Aufgabe war, die wenigen Bücher, die ich dort 19:55 gab, so eine kleine Reihe von Büchern zu bewachen. 19:59 Also ich war die Bibliothekarin. Der Kinderblock war eine Initiative von Fredy Hirsch. 20:06 Der jüdische Pädagoge und Sportlehrer wurde ebenfalls in Prag verhaftet und über Theresienstadt nach Auschwitz 20:13 deportiert. Fredy Hirsch engagierte sich als Blockältester mit einer Gruppe 20:18 von Betreuern liebevoll für die rund 700 gefangenen Kinder im Familienlager. 20:24 Er beschützte auch Dita und viele ältere Jugendliche, indem er ihnen Aufgaben im Kinderblock gab oder sie als Betreuer 20:31 für die Kleinen einsetzte. Ein vergessener Held. 20:39 Er war ein bewundernswerter Mensch, weil er sehr ehrlich war und sehr 20:47 moralisch stark war. Er hat auch eine Art, mit den Kommandanten 20:55 zu verhandeln, die sie irgendwie auch respektierten. 21:00 Wir Kinder sahen ihn als Modell für uns, für ihn in jeder Beziehung. 21:06 Die Betreuer – ich glaube, das waren die größten Helden von Auschwitz. 21:13 Die Betreuer, die selbst wussten, dass sie in einigen Wochen ums 21:20 Leben kommen, die widmeten sich den Kindern, um ihnen 21:27 die letzte Zeit des Lebens so möglich zu erleichtern. 21:34 Nach genau sechs Monaten isoliert die SS alle Häftlinge, die bereits im September aus Theresienstadt 21:41 angekommen waren, um sie in der Nacht vom 8. 21:44 auf den 9. März 1944 in den Gaskammern zu ermorden. 21:49 Sie töten 3791 Menschen aus dem Familienlager. 21:55 Auch Fredy Hirsch starb. Man bezeichnet den Massenmord auch als die erste 22:01 Liquidation des Familienlagers. Seit der Zeit wussten wir, dass 22:07 uns auch nur sechs Monate kalkuliert waren. 22:14 Nach sechs Monaten sollten wir alle auch in die Gaskammern. Das wurde uns klar, nachdem diese Leute umkamen. 22:27 Die überlebenden Häftlinge des Familienlagers leben nun in ständiger Todesangst. 22:32 Sie zählen die Tage. Plötzlich. Anfang Juli beginnt eine Selektion. 22:40 Dita Kraus steht vor dem als »Todesengel von Auschwitz« berüchtigten KZ-Arzt Dr. Josef Mengele. 22:48 Es wurden die arbeitsfähigen Leute ausgewählt. 22:55 Dr. Mengele beschloss mit dem Finger, in welche Gruppe 23:02 jeder wie geschickt wird. 23:09 Wir wurden instruiert, wie wir in der Reihe stehen müssen. 23:15 In Habachtstellung stehen. Nackt. Wir durften nur drei Sachen sagen. 23:22 Nichts anderes. Nur: die Nummer, das 23:26 Alter und einen Beruf. Als ich an die Reihe kam, sagte ich: ›73305, sechzehn, Malerin.‹ 23:35 Und er stoppte und fragte mich: ›Malerin? Zimmermalerin oder Porträtmalerin?‹ 23:42 Und ich sagte: ›Porträtmalerin.‹ Und er fragte noch auch: ›Kannst du mein 23:49 Porträt malen?‹ Ich habe gesagt: › Ja. Jawohl!‹ Aber mit 23:54 großer Angst. Weil ich dachte, vielleicht will er wirklich. 23:58 Aber er meinte das gar nicht. Jedenfalls –Mutter und ich wurden in die Gruppe, 24:05 die verschickt wurde, gewählt, würden nach Hamburg geschickt. 24:10 Dita Kraus wird mit rund 3000 Männern und Frauen zur Zwangsarbeit in andere KZ gebracht. 24:17 Im Familienlager bleiben ungefähr 6000 bis 7000 Häftlinge zurück. 24:24 Sie werden alle zwischen dem 10. und 12.Juli 1944 24:29 in zwei Nächten ermordet. Nach dieser zweiten Liquidation existiert 24:36 das Theresienstädter Familienlager nicht mehr. Eine der verschiedenen Außenstellen des KZ Neuengamme, 24:46 in die die mittlerweile 15 Jahre alte Dita zu harter Zwangsarbeit abkommandiert wird, liegt hier 24:53 im Hamburger Hafen. Anfang April 1945 wird Dita erneut 25:00 deportiert, dieses Mal in das KZ Bergen-Belsen. 25:06 Dort herrschten unmenschliche Zustände. Bis auf wenige Wachleute war die SS vor der immer näher 25:13 kommenden britischen Armee geflohen und hatte die völlig entkräfteten Häftlinge ohne Wasser und Nahrung sich selbst 25:20 überlassen. Typhus grassierte. 25:24 Das Gelände war einfach übersät mit Toten. 25:30 Unser ganzes Lager, rundherum waren lauter Leichen. Niemand hatte die Kraft, sie zu begraben. 25:38 Da, wo sie starben, da lagen sie dann. 25:44 Wir wohnten in einem Gebäude ohne Betten. Diese vielen 25:51 Tage bevor die britische Armee kam. 25:55 Wir lagen auf dem Fußboden und wenn wir rausgingen und zur Latrine gingen, dann mussten wir über 26:04 die Leichen, zwischen den Leichen gehen, bis zur Latrine. 26:09 Ihre Mutter schafft es nicht. Sie stirbt zwei Monate nach der Befreiung. 26:15 Auch Dita erkrankt an Typhus – aber überlebt. In den ersten Wochen hilft sie der britischen Armee als 26:22 Dolmetscherin – und sie bekommt ihren Namen zurück. 26:28 Edita Polachova steht auf ihrem Displaced-Persons- Ausweis. 26:33 Dita kehrt nach Prag zurück. Später zieht sie mit ihrem Ehemann Otto – auch ein 26:39 Auschwitz-Überlebender wie sie – nach Israel für den Neuanfang. 26:44 Dort lebt die glückliche Urgroßmutter. Eine wichtige Zeitzeugin, die immer noch die Kraft hat, ihre 26:51 Geschichte zu erzählen. Sie reiste auch zu den Gedenkfeiern wie hier nach Neuengamme. 27:00 Nur einen Ort will sie nie wieder in ihrem Leben betreten. Nie wieder nach Auschwitz. 27:07 Nach Auschwitz will ich nicht, weil ich immer an die Asche erinnere. 27:13 Die Asche! Die ganze Umgebung, die ganze Erde der Umgebung 27:17 von Auschwitz ist voller Asche von Tausenden und Hunderttausenden Menschen, 27:23 die verbrannt wurden. Und ich. Ich finde es schrecklich, 27:31 dort herumzulaufen. Als trete ich auf das Grab meines Vaters. 27:40 Ich könnte das nicht. Ich bin sehr dagegen, auch diese Gruppen, die Auschwitz 27:47 besuchen. Ich bin sehr dagegen.