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Superhelden (1/3) Odysseus' Irrfahrt | Ganze Folge Terra X

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Transkriptautomatisch erstellt · 331 Zeilen
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  1. Sie tragen große Namen. Sind Lichtgestalten in einer fantastischen Welt.
  2. Stark und kämpferisch. In Zeiten von Umbrüchen und Krisen
  3. überwinden sie jede noch so bedrohliche Gefahr. Ihre Taten sind legendär.
  4. In ihrer Welt wird Unmögliches möglich. Sie sind aber auch Botschafter der Geschichte.
  5. Ihre fabelhaften Abenteuer enthalten einen historischen Kern. Einer der berühmtesten Heroen der Antike ist Odysseus.
  6. Sein Schöpfer schickt ihn auf eine zehnjährige Irrfahrt. Eine Odyssee, die den Helden ins westliche Mittelmeer führt.
  7. In eine Welt voller Gefahren. Das Epos entsteht, als die alten Griechen ins Ungewisse aufbrechen,
  8. um neue Siedlungsräume zu erkunden. Gestählter Körper, willensstarker Geist und mutig bis in den Tod.
  9. Mit Odysseus hat der Dichter Homer einen typisch griechischen Helden erschaffen, der von königlicher und sogar göttlicher Abstammung ist.
  10. Odysseus glänzt als herausragender Krieger vor allem aber durch seinen Scharfsinn.
  11. Im Kampf gegen Troja ist es allein seiner List zu verdanken, dass die Griechen ihre Soldaten in die Stadt schleusen.
  12. Und Troja besiegen können. Homer schickte ihn auf eine Irrfahrt, die zur harten Bewährungsprobe wird.
  13. Schon in den ersten Versen der 24 Gesänge klingt an, was den Heroen erwartet.
  14. Muse, erzähl mir vom Manne, dem wandlungsreichen, den oft es abtrieb vom Wege, seit das heilige Troja er zerstörte.
  15. Vieler Menschen Städte sah er und lernte ihr Denken kennen. Und litt auf dem Meer viel Qual in seiner Seele,
  16. sein Leben zu sichern und seinen Gefährten die Heimkehr. Als die Dichtung im 8. Jahrhundert v. Chr. verfasst wird,
  17. steht Griechenland vor einer großen Herausforderung. In den schroffen und engen Tälern gibt es zu wenige Nutzflächen
  18. für Landwirtschaft und Viehzucht. Im Sommer wird das Wasser oft knapp.
  19. Die meisten Griechen müssen auch die schmalen Küstengebiete nutzen. Dort, wo der Boden fruchtbar ist.
  20. Rund um die Ägäis liegen Siedlungen, Dörfer und sogar Städte, die aber kaum Platz für alle bieten.
  21. Die Verteilung von Grund und Boden wird zum Dauerkonflikt. Es gibt nur einen Ausweg und der führt übers Meer.
  22. Das Meer ist das Tor in die weite Welt. Die Griechen gelten seit jeher als kundige Seefahrer.
  23. Schon früh sind sie in den Osten aufgebrochen und haben ein Fernhandelsnetz aufgebaut,
  24. das bis in den Alten Orient reicht. In homerischer Zeit ist ihr Ziel das westliche Mittelmeer.
  25. Auswanderer machen sich auf, um neue Siedlungsräume zu erkunden. Und dringen dabei in Gebiete vor, die ihnen völlig fremd sind.
  26. <font color=Yellow> Die Griechen waren zunächst einmal </font> <font color=Yellow> nicht gezwungen, auszuwandern. </font> <font color=Yellow> Es gab keinen unmittelbaren Zwang, </font> <font color=Yellow> aber es gab Krisen-Phänomene, </font>
  27. <font color=Yellow> die dazu führten, </font> <font color=Yellow> dass ein Teil der Bevölkerung </font> <font color=Yellow> aus diesen griechischen Siedlungen </font> <font color=Yellow> und Städten diese verlassen musste. </font>
  28. <font color=Yellow> Das hatte zu tun </font> <font color=Yellow> mit inneren Unruhen, </font> <font color=Yellow> mit Bürgerzwist, Bürgerkriegen. </font>
  29. <font color=Yellow> Daraufhin wurde ein Teil </font> <font color=Yellow> der Bewohner in diesen Orten </font> <font color=Yellow> unter Führung eines Aristokraten </font> <font color=Yellow> in die Welt hinausgeschickt. </font>
  30. Auch die Irrfahrt des Odysseus führt durch das unbekannte westliche Mittelmeer.
  31. Sie beginnt in Troja. Nach zehn Jahren Krieg Griechen gegen Trojaner
  32. haben der Held und seine Männer nur noch ein Sehnsuchtsziel: Sie wollen in die Heimat, nach Ithaka zurückkehren.
  33. <font color=Yellow> Odysseus. </font> <font color=Yellow> Odysseus! </font>
  34. Rund 500 Männer auf zwölf Schiffen muss Odysseus von der heutigen Türkei sicher nach Hause bringen.
  35. Nach damaliger Vorstellung geht das nicht ohne den Schutz der Götter. <font color=Yellow> Troja brennt. </font>
  36. <font color=Yellow> Aus der Ferne sieht das </font> <font color=Yellow> noch besser aus. </font> <font color=Yellow> Das werden wir feiern, </font> <font color=Yellow> wenn wir wieder zu Hause sind. </font>
  37. <font color=Yellow> Wir sind noch nicht zu Hause, </font> <font color=Yellow> Elpenor. Genießt den Anblick. </font> <font color=Yellow> Feiert, trinkt. </font> <font color=Yellow> Das habt ihr euch verdient. </font>
  38. <font color=Yellow> Und lasst uns den Göttern opfern </font> <font color=Yellow> für eine glückliche Heimreise. </font> <font color=Yellow> Die Götter sind ein ganz wichtiges </font> <font color=Yellow> Element des homerischen Epos. </font>
  39. <font color=Yellow> Wir haben zwei Handlungsebenen. </font> <font color=Yellow> Auf der einen Ebene </font> <font color=Yellow> agieren die Menschen, </font>
  40. <font color=Yellow> auf der anderen agieren die Götter. </font> <font color=Yellow> Die Griechen konnten sich ihr Leben </font> <font color=Yellow> nicht ohne die Götter vorstellen. </font>
  41. <font color=Yellow> Die Griechen fühlten sich dem </font> <font color=Yellow> göttlichen Wirken ausgesetzt. </font> <font color=Yellow> Die Götter waren ihnen </font> <font color=Yellow> nicht nur wohlgesonnen. </font>
  42. <font color=Yellow> Sie stellten sich die Götter </font> <font color=Yellow> eher wie Menschen vor. </font> <font color=Yellow> Menschen, die ihre eigenen Launen </font> <font color=Yellow> und Vorlieben haben </font>
  43. <font color=Yellow> und diese an den Menschen auslassen. </font> Auch im Kampf um Troja haben die Götter Partei ergriffen.
  44. Manche halten zu den Trojanern, sind gegen Odysseus. Manche befürworten das Vorgehen der Griechen.
  45. Manche ändern ständig ihre Meinung. Zeus, oberster Gott und Stammvater von Odysseus,
  46. muss immer wieder schlichten. Er will, dass sich die Götter im Fall Troja zurückhalten.
  47. Apollon, der Gott des Lichts, steht von Anfang an auf der Seite der Trojaner.
  48. Die mächtige Pallas Athene, zuständig für Weisheit und Krieg, verteidigt die Griechen.
  49. Sie ist Odysseus' große Beschützerin. Poseidon, der Gott des Meeres, kann Erdbeben verursachen
  50. und Schiffe zum Kentern bringen. Auch er ist den Griechen und dem Helden wohlgesonnen.
  51. Zumindest anfangs. Von Troja aus steuert die Flotte von Odysseus
  52. nach Südwest in Richtung Ithaka. Viele hundert Seemeilen trennen die Männer von zu Hause.
  53. Rund zwei Wochen reine Fahrtzeit. Ein aufkommender Wind aber treibt die Schiffe in nordwestliche Richtung.
  54. Odysseus kommt nach Ismaros an der thrakischen Küste. Und zögert nicht, die Stadt zu brandschatzen.
  55. In Ismaros leben die Kikonen. Im Epos sind sie enge Verbündete der Trojaner,
  56. sind den Griechen gegenüber feindlich gesinnt. Der Raubzug ist ein Fehler, wie sich herausstellt.
  57. Die Kikonen haben die Griechen verfolgt und gestellt. Nur knapp können Odysseus und seine Leute entkommen.
  58. 72 der besten Männer sind tot, wie Homer schildert. <font color=Yellow> Odysseus erscheint in der Odyssee </font> <font color=Yellow> als eine Mischung aus Warlord, </font>
  59. <font color=Yellow> Freibeuter und Abenteurer. </font> <font color=Yellow> Und er ist damit </font> <font color=Yellow> ein typischer Repräsentant </font>
  60. <font color=Yellow> der früharchaischen Zeit. </font> <font color=Yellow> Es gibt eine ganze Reihe </font> <font color=Yellow> von Adligen, </font>
  61. <font color=Yellow> die in dieser Zeit </font> <font color=Yellow> ihre Stellung auch damit erhöhen, </font> <font color=Yellow> indem sie Plünderungszüge </font> <font color=Yellow> unternehmen </font>
  62. <font color=Yellow> und sich bereichern </font> <font color=Yellow> auf Kosten anderer. </font> Die Flotte gerät in ein heftiges Unwetter,
  63. als sie es schon bis an die Südspitze der Peloponnes geschafft hat. Statt in die Heimatgefilde zu gelangen
  64. werden die Schiffe am Kap Maleia weitab vom Kurs getrieben. In der Forschung ist viel darüber gestritten worden,
  65. ob die Irrfahrten des Odysseus eine Reise ins Märchenland sind. Oder ob sie einen konkreten geografischen Raum beschreiben.
  66. <font color=Yellow> Damit die Erzählung der Irrfahrten </font> <font color=Yellow> des Odysseus glaubwürdiger </font> <font color=Yellow> und realistischer erscheinen: </font>
  67. <font color=Yellow> Homer verknüpft die Abenteuer, </font> <font color=Yellow> die Odysseus unterwegs erlebt, </font> <font color=Yellow> mit einer </font> <font color=Yellow> geografisch realen Kulisse. </font>
  68. <font color=Yellow> Genauso wie das heute </font> <font color=Yellow> in einem Spielfilm passiert, </font> <font color=Yellow> der zum Beispiel in New York spielt. </font>
  69. <font color=Yellow> Die Handlung ist erfunden, </font> <font color=Yellow> aber der Ort ist real. </font> Homer bündelt nicht nur das geografische Wissen,
  70. sondern auch die Kenntnisse der Griechen über das Wetter und das Meer.
  71. Der heftige Nordwind und die Westostströmung sind den Seefahrern damals bestens bekannt.
  72. Von der starken Strömung im südlichen Mittelmeer wird die Flotte an die Nordküste Libyens getragen.
  73. In die Provinz Kyrenaika. Damals ein fruchtbares Gebiet mit vielen Quellen und dichten Wäldern.
  74. Die Lotophagen, die dort leben, sind friedlich. Sie ernähren sich von einem Rauschmittel mit dem Namen Lotos,
  75. das wohliges Dahindämmern bewirkt, wie es heißt. Bis heute weiß niemand, welche Droge Homer beschrieben hat.
  76. <font color=Yellow> Die Droge der Lotophagen </font> <font color=Yellow> ist ein Gegenspieler </font> <font color=Yellow> für den Gedanken der Heimkehr, </font>
  77. <font color=Yellow> der ja den Motor </font> <font color=Yellow> der Odyssee darstellt. </font> <font color=Yellow> Denn die Droge bewirkt Vergessen. </font>
  78. <font color=Yellow> Wer auch immer die Droge </font> <font color=Yellow> der Lotophagen einnimmt, </font> <font color=Yellow> worum auch immer es sich dabei </font> <font color=Yellow> handelt, vergisst alles. </font>
  79. <font color=Yellow> Er vergisst auch seine Sehnsucht, </font> <font color=Yellow> nach Hause zurückzukehren. </font> <font color=Yellow> Von daher stellen die Lotophagen </font> <font color=Yellow> eine Bedrohung für Odysseus dar. </font>
  80. <font color=Yellow> Die nicht viel kleiner ist </font> <font color=Yellow> als andere Monster, </font> <font color=Yellow> die ihn verschlingen möchten. </font>
  81. Was im Epos noch reine Fiktion ist, wird knapp 100 Jahre später Wirklichkeit.
  82. Um 630 v. Chr. landen die ersten Griechen an der Küste der Kyrenaika. Das ist historisch verbrieft.
  83. Forschern zufolge nur wehrfähige Männer, die dazu gezwungen werden, dort eine neue Kolonie zu gründen.
  84. <font color=Yellow> Die Odyssee entsteht mitten </font> <font color=Yellow> in der großen Kolonisationsbewegung. </font> <font color=Yellow> Sie spiegelt zum einen </font> <font color=Yellow> die Koloniegründungen, </font>
  85. <font color=Yellow> die schon geschehen sind. </font> <font color=Yellow> Und gibt denen, </font> <font color=Yellow> die eine Kolonie gründen wollen, </font>
  86. <font color=Yellow> Anhaltspunkte dafür, wie eine </font> <font color=Yellow> Kolonie beschaffen sein sollte. </font> <font color=Yellow> Sie sollte einen Hafen haben, </font>
  87. <font color=Yellow> in dem man die Schiffe </font> <font color=Yellow> an den Strand ziehen kann. </font> <font color=Yellow> Sie sollte Wasser haben, </font> <font color=Yellow> eine Befestigung </font>
  88. <font color=Yellow> und fruchtbare Ländereien besitzen. </font> In dem fruchtbaren Landstrich gründen die Einwanderer die Stadt Kyrene.
  89. Sie wird zur reichsten griechischen Kolonie in Nordafrika. Von der Küste Libyens versucht Odysseus erneut,
  90. seine Schiffe auf Kurs nach Ithaka zu bringen. Doch die Irrfahrt hat gerade erst begonnen.
  91. Bei ungünstigen Winden verschlägt es die Griechen erneut in fremde Gefilde.
  92. Berechnungen zufolge gerät die Flotte an die äußerste Südspitze Italiens, nach Kalabrien.
  93. An einen Küstenabschnitt, von dem man freie Sicht auf Sizilien und den Vulkan Ätna hat.
  94. Doch Odysseus bleibt nicht in Kalabrien. Er fährt rüber nach Sizilien.
  95. Im Epos ist die Insel das mythische Land der Zyklopen. Auf seinem Erkundungsgang betritt der Held mit einigen seiner Männer
  96. auch die Höhle des Polyphem. Polyphem ist ein Riese.
  97. Homer schreibt, das Ungeheuer sei von grässlicher Gestalt und auf Tücke bedacht.
  98. <font color=Yellow> Bleibt ruhig! </font> Weiter heißt es: Das Ungetüm gleiche einem waldigen Gipfel
  99. hoher Kettengebirge, der vor allen anderen einsam emporrage. Er sei ein Zyklop.
  100. Odysseus muss das Schlimmste befürchten. Der Riese hält die Griechen fest, sie sitzen in der Falle.
  101. Dabei kommt der König von Ithaka in guter Absicht. Hat sogar Wein als Gastgeschenk dabei.
  102. Polyphem verschlingt sechs Gefährten des Anführers mit Haut und Haar. Den griechischen Helden will er als letzten verspeisen.
  103. <font color=Yellow> Polyphem verkörpert das Barbarische. </font> <font color=Yellow> Er verkörpert das andere </font> <font color=Yellow> der Zivilisation. </font>
  104. <font color=Yellow> Polyphem lebt alleine, </font> <font color=Yellow> nicht in einer Gemeinschaft. </font> <font color=Yellow> Polyphem ist ein Kannibale, </font> <font color=Yellow> er frisst rohes Fleisch. </font>
  105. <font color=Yellow> Er unterscheidet sich ganz markant </font> <font color=Yellow> von den zivilisierten Menschen. </font> <font color=Yellow> Man könnte auch sagen, </font> <font color=Yellow> dass sich in Polyphem </font>
  106. <font color=Yellow> die Ängste und Sorgen verdichten, </font> <font color=Yellow> die die Griechen hatten. </font> <font color=Yellow> Als sie Kolonien in der </font> <font color=Yellow> Mittelmeerwelt gründeten. </font>
  107. Wie in den Abenteuern zuvor ist es allein Odysseus' Scharfsinn zu verdanken, dass nicht alle Männer gefressen werden.
  108. Sie blenden das Ungeheuer und entkommen. Der Forscher Heinz Warnecke weiß,
  109. was sich hinter der Geschichte des Zyklopen Polyphem verbirgt. <font color=Yellow> In der Literatur wird immer wieder </font> <font color=Yellow> vom einäugigen Zyklopen gesprochen. </font>
  110. <font color=Yellow> Aber das altgriechische Wort </font> <font color=Yellow> "Zyklop" </font> <font color=Yellow> bedeutet "Rundauge", </font> <font color=Yellow> nicht "Einauge". </font>
  111. <font color=Yellow> Das haben die alten </font> <font color=Yellow> Griechen gewusst. </font> <font color=Yellow> Und das führt </font> <font color=Yellow> auf eine ganz andere Spur. </font>
  112. Im Epos wird das Rundauge präzise beschrieben. Es sei erfüllt von Glutdampf und Feuer.
  113. Damit liefert Homer den entscheidenden Hinweis. Was Odysseus und seine Gefährten auf Sizilien
  114. als riesenhaften Zyklopen kennenlernen, ist der Vulkan Ätna. Der aktive Feuerberg ist selbst aus der Ferne deutlich zu sehen.
  115. Die Griechen fürchten seinen Ausbruch. Er würde Zerstörung und Verderben bringen.
  116. Und der Ätna schläft nie. Den Namen hat der Vulkan erhalten, weil sein glühender Schlund
  117. wie das Auge eines Ungeheuers aussieht. In der griechischen Mythologie findet der Ätna seine Verkörperung
  118. im barbarischen Riesen Polyphem. Er ist der Sohn des mächtigen Poseidon.
  119. Wie er wild und unberechenbar. Mit der Blendung des Polyphem begeht Odysseus einen schweren Fehler,
  120. der nicht ungerächt bleibt. Der Meeresgott setzt alles dran, die Weiterreise des Helden
  121. so gefährlich wie möglich werden zu lassen. Von Sizilien aus fährt die Flotte
  122. schnell zur Insel des Windgottes Aiolos. Wenn es schnell gegangen ist,
  123. dann muss sie in nächster Nähe gelegen haben. Eine Insel in der Umgebung des Ätna gibt es aber nicht.
  124. In homerischer Zeit schon. Und zwar als Insel im Südosten von Sizilien. Sie ist die Keimzelle der heutigen Hafenstadt Syrakus.
  125. Doch längst mit dem Festland verwachsen. Syrakus ist im 8. Jahrhundert v. Chr. eine aufstrebende Kolonie,
  126. über die jeder spricht. Ihre Gründer haben sie genau geplant.
  127. Mit parallel verlaufenden Straßenzügen und regelmäßigen Häuserblocks.
  128. Die Häuser sind herrlich. Und die Stadt ist von einer festgegürteten Mauer umgeben,
  129. heißt es bei Homer. Und sie besitzt zwei Häfen.
  130. Eine idealtypische Anlage, die in die Zukunft weist. <font color=Yellow> Was ganz Wesentliches, was die </font> <font color=Yellow> Griechen als Fertigkeiten mitbringen </font>
  131. <font color=Yellow> bei der Kolonisation </font> <font color=Yellow> ist das planvolle Anlegen </font> <font color=Yellow> von Städten und Siedlungen. </font>
  132. <font color=Yellow> Das ist in dieser Form </font> <font color=Yellow> bis dahin ja unbekannt, </font> <font color=Yellow> dass man eine Stadt </font> <font color=Yellow> auf dem Reißbrett entwirft, </font>
  133. <font color=Yellow> den öffentlichen Raum und </font> <font color=Yellow> den privaten Raum festlegt </font> <font color=Yellow> und dann beginnt, </font> <font color=Yellow> diese Stadt zu bauen. </font>
  134. <font color=Yellow> Das ist etwas ganz Neues. </font> <font color=Yellow> Das ist etwas, was dann </font> <font color=Yellow> in der Folgezeit zurückstrahlt </font>
  135. <font color=Yellow> in die Urbanistik der griechischen </font> <font color=Yellow> Welt im Mutterland. </font> Die reiche Kolonie Syrakus, die Insel des Aiolos
  136. verlassen Odysseus und seine Gefährten nach einem Monat. Sie haben Gastfreundschaft genossen,
  137. sich erholt und neuen Proviant aufgenommen. Es ist höchste Zeit, Kurs in Richtung Heimat zu nehmen.
  138. Die Männer müssen fürchten, dass andere die Herrschaft über Ithaka an sich reißen.
  139. Odysseus weiß, dass nicht nur seine, sondern auch die Zukunft seiner Leute auf dem Spiel steht.
  140. Die Krieger sind ihm zwar zur Treue verpflichtet. Aber als Anführer ist der König von Ithaka zeitlebens
  141. für das Wohlergehen der Gefährten verantwortlich. Neun Tage treibt ein günstiger Westwind
  142. die griechische Flotte immer weiter nach Osten. Die Insel Ithaka rückt in greifbare Nähe.
  143. Im 13. Gesang scheint die Irrfahrt ein glückliches Ende zu nehmen. Doch Odysseus' Bewährungsprobe ist noch längst nicht vorbei.
  144. Es passiert an Bord von Odysseus' Schiff. Vom Windgott Aiolos hat der griechische Held
  145. ein großzügiges Abschiedsgeschenk erhalten. Es geht um einen großen, ledernen Zauberschlauch,
  146. in dem alle gefährlichen Mittelmeer-Winde gefangen sind. Nur Odysseus kennt seinen Inhalt.
  147. Seinen Gefährten hat er nichts davon erzählt. Am Abend des zehnten Tages
  148. tauchen am Horizont verheißungsvolle Leuchtfeuer auf. <font color=Yellow> Odysseus! Odysseus! </font> <font color=Yellow> Wir sind zu Hause! </font>
  149. Die weithin sichtbaren Feuerstellen sollen den Seefahrern den sicheren Weg in die Bucht von Ithaka weisen.
  150. Doch in derselben Nacht öffnen einige Männer den Zauberschlauch. Sie vermuten darin kostbare Schätze.
  151. Alle Winde entweichen, ein heftiger Sturm kommt auf. Niemand kann verhindern, dass die Schiffe zurück an die Küste
  152. des Windgottes Aiolos getrieben werden. Zwölf rudergetriebene Langschiffe gehören zur Flotte des Odysseus.
  153. In homerischer Zeit sind 30-, aber auch 50-Ruderer üblich. Welche Schiffstypen in der Odyssee zum Einsatz kommen
  154. verrät das Epos nicht. Vermutlich aber 50-Ruderer, "Pentekonteren".
  155. Mit dem Nachbau eines rudergetriebenen Schiffs haben Wissenschaftler nachgewiesen:
  156. Dass in der Antike acht Knoten, also 16 Kilometer pro Stunde erreicht werden konnten.
  157. Damit sind die griechischen Langschiffe die schnellsten ihrer Zeit.
  158. Zwei hochseetaugliche Modelle werden während der großen Kolonisation eingesetzt.
  159. Das Langschiff mit offenen Ruderbänken und das mit einem durchgehend beplankten Deck.
  160. Das den Griechen auch als Kriegsschiff dient. Als die Flotte erneut auf Ithaka zusteuert,
  161. greift Poseidon wieder ins Geschehen ein. Er bringt sie vom Kurs ab,
  162. so sehr sich die Männer auch in die Riemen legen. Sechs Tage treiben sie auf dem Meer in Richtung Südost.
  163. Dann erreichen sie einen geschützten Naturhafen an der Südwestküste der Peloponnes, in der Nähe von Pylos.
  164. <font color=Yellow> Odysseus nennt diesen Hafen ja </font> <font color=Yellow> "hochberühmt". </font> <font color=Yellow> Man kennt ihn also schon </font> <font color=Yellow> zu homerischer Zeit. </font>
  165. <font color=Yellow> Und einen solchen geschützten </font> <font color=Yellow> Naturhafen, der bekannt war, </font> <font color=Yellow> gibt es auf dem gesamten </font> <font color=Yellow> Süd- und Westpeloponnes </font>
  166. <font color=Yellow> nur beim heutigen Pylos. </font> <font color=Yellow> An einem steilen Kap </font> <font color=Yellow> namens Koryphasion. </font>
  167. Durch einen schmalen Eingang, flankiert von hohen Felsen, fahren elf der zwölf Schiffe in den Hafen ein.
  168. Dass er den Laistrygonen gehört weiß Odysseus. Sie sind keine Freunde des Ithakers.
  169. <font color=Yellow> Odysseus, die Schiffe! </font> Hilflos muss der Held zusehen, wie die Laistrygonen mächtige Felsbrocken
  170. auf seine Schiffe hinabstoßen und sie zerstören. Odysseus' Schiff liegt vor dem Hafen und bleibt verschont.
  171. Dabei gilt der Angriff ausschließlich ihm und seiner Familie. <font color=Yellow> Die Götter haben uns verlassen. </font>
  172. Elf Schiffe gehen verloren. Hunderte Männer müssen ihr Leben lassen.
  173. Weil zwischen den Laistrygonen und den Königen von Ithaka Feindschaft herrscht.
  174. Sich gegenseitig bis aufs Blut zu bekämpfen zieht sich wie ein Leitfaden durch die Geschichte der Griechen.
  175. Fast immer lautet das Motiv: Rache. <font color=Yellow> Rache, Blutrache und Fehden sind </font> <font color=Yellow> ein ganz charakteristisches Element </font>
  176. <font color=Yellow> dieser frühen griechischen </font> <font color=Yellow> Gesellschaften. </font> <font color=Yellow> Man musste für erlittenes Unrecht </font> <font color=Yellow> Rache ausüben. </font>
  177. <font color=Yellow> Das war sozusagen </font> <font color=Yellow> oberste Familienpflicht </font> <font color=Yellow> für die Anführer eines Oikos. </font>
  178. <font color=Yellow> Wenn jemand umgebracht wurde, </font> <font color=Yellow> zu Tode kam </font> <font color=Yellow> oder auch sonst irgendwie zu Schaden </font> <font color=Yellow> kam, musste das gerächt werden. </font>
  179. Als König von Ithaka und Kriegsheld von Troja steht auch Odysseus ganz in der Tradition griechischer Anführer.
  180. Doch in der Odyssee beweist er bei jedem Abenteuer, dass er mehr kann, als das Schwert im Kampf Mann gegen Mann zu führen.
  181. <font color=Yellow> Odysseus zeichnet sich vor allem </font> <font color=Yellow> durch seine Disziplin aus. </font> <font color=Yellow> Aber auch seine Fähigkeit, </font>
  182. <font color=Yellow> Gefahren zu trotzen </font> <font color=Yellow> und Schmerzen auszuhalten. </font> <font color=Yellow> Er wird nicht umsonst immer wieder </font>
  183. <font color=Yellow> von Homer der Dulder </font> <font color=Yellow> oder vielduldend genannt. </font> Odysseus ist ein Superreicher.
  184. 59 Herden mit Rindern, Schafen, Schweinen und Ziegen soll er auf Ithaka besessen haben.
  185. Mehr als alle anderen Herrscher seiner Zeit. Sei es auf den Inseln oder auf dem Festland.
  186. Dazu verfügt der Grieche über beträchtliche Ländereien mit fruchtbaren Böden, wie Homer schildert.
  187. Wein und Getreide wachsen überall in unsagbarer Fülle. Das Land sei aber nicht für Pferde geeignet.
  188. Dafür sei es zu bergig und zu rau. Auch fehlen die weiten Ebenen. Dafür prägen zahllose Quellen und Wasserläufe die Landschaft.
  189. Regen gibt es immer und perlenden Tau. Deshalb gedeihen dort vortreffliche Wiesen.
  190. Wie es scheint, herrschen auf Ithaka paradiesische Zustände. So überschwänglich der Dichter die Heimat seines Helden auch schildert,
  191. so genau sind auch seine topografischen Angaben. Wunderbar rage dort der herrliche Gipfel des Neriton empor
  192. und lasse den Bergwald wanken. Und er schreibt, dass neben Ithaka
  193. noch weitere Inseln nah beieinander liegen. Odysseus herrscht laut Homer als Hochkönig der Kephalenen
  194. über die ionischen Inseln Zakynthos, Lefkada, Ithaka und Kefalonia. Kefalonia ist die größte Insel.
  195. Einige Forscher vermuten, dass die epische Heimat von Odysseus dort und nicht auf Ithaka angesiedelt ist.
  196. Nur auf Kefalonia gibt es einen Gipfel mit Bergwald aus mächtigen, 30 Meter hohen Tannen, wie er in der Odyssee geschildert wird.
  197. Für den wankenden Wald haben die Forscher ebenfalls eine Erklärung. Die Beschreibung ist eine Anspielung auf die Erdbeben,
  198. die das Eiland immer wieder erschüttert haben. Bis heute ist keine Region Griechenlands
  199. davon heftiger betroffen, als die ionische Insel Kefalonia. Die Beben sind die Folge
  200. der unterseeischen Plattenbewegungen im Mittelmeer. Schon in grauer Vorzeit haben sie das Gesicht Kefalonias
  201. mit seinen endlosen Faltengebirgen geprägt. Eine weitere Spur liefert die Beschreibung der Hafenanlage.
  202. Im Epos heißt es, im Hafen des Odysseus können die Schiffe unvertäut daliegen, keine Woge dringe dort ein.
  203. Auch das trifft nur auf die Insel Kefalonia zu. Die Hafenbucht, an der heute die Stadt Argostoli liegt,
  204. vermittelt noch immer den Eindruck, ein stiller See zu sein. In der Bucht soll schon zu homerischer Zeit
  205. eine große Hafenstadt existiert haben. Von der aus Odysseus in See gestochen ist.
  206. <font color=Yellow> Ich glaube nicht, dass Odysseus </font> <font color=Yellow> eine historische Person war. </font> <font color=Yellow> Aber die Beschreibung </font> <font color=Yellow> dieses Mannes als Anführer </font>
  207. <font color=Yellow> und die Beschreibung seines Oikos </font> <font color=Yellow> mit den Reichtümern, </font> <font color=Yellow> mit dem Sauhirten und </font> <font color=Yellow> seinen Sklaven und Mägden </font>
  208. <font color=Yellow> hat so viel Detailreichtum </font> <font color=Yellow> und so viel Realität offenbar. </font> <font color=Yellow> Dass die Zeitgenossen, die diesen </font> <font color=Yellow> Odysseus vorgestellt bekamen, </font>
  209. <font color=Yellow> den für eine historische Person </font> <font color=Yellow> gehalten haben. </font> Der ehemalige Gouverneur von Kefalonia
  210. glaubt an einen historischen Odysseus. Eines Tages erhält er von einem Bauern einen wichtigen Hinweis.
  211. <font color=Yellow> Er erzählte mir von einem Ort </font> <font color=Yellow> und sagte mir, </font> <font color=Yellow> dass man von dort Steine nähme, </font>
  212. <font color=Yellow> um in der Nähe eine Brücke zu bauen. </font> <font color=Yellow> Ich ging hin und stellte fest, </font> <font color=Yellow> dass es tatsächlich so war. </font>
  213. <font color=Yellow> Einige Steine waren handbearbeitet. </font> <font color=Yellow> Und ein paar Meter weiter weg </font> <font color=Yellow> ragte aus dem Boden der Türsturz </font>
  214. <font color=Yellow> eines mykenischen Grabmals. </font> Ein mykenisches Grabmal auf Kefalonia.
  215. Über Jahrhunderte wurden dort die Könige von Kefalonia begraben. Der Fund wird zur Sensation.
  216. Die Presse in Griechenland ist begeistert. Das Grab des Odysseus sei entdeckt, wie die Schlagzeilen vermelden
  217. und dass die Geschichte umgeschrieben werden müsse. Odysseus als Nachfahre mykenischer Herrscher, Vorbild für Homers Epos,
  218. begraben auf Kefalonia: Das geht vielen Wissenschaftlern zu weit.
  219. Derzeit wird untersucht, ob sich zwischen den Gebeinen aus dem Grabmal und den mykenischen Königen
  220. eine genetische Verwandtschaft nachweisen lässt. <font color=Yellow> Homer sagt uns, </font> <font color=Yellow> dass das Geschlecht von Arkeisios, </font>
  221. <font color=Yellow> dem auch Odysseus angehört hat, </font> <font color=Yellow> die Dynastie war, </font> <font color=Yellow> die diese Inseln beherrscht hat. </font>
  222. <font color=Yellow> Wenn Odysseus eine </font> <font color=Yellow> historische Person war, </font> <font color=Yellow> ist es sehr wahrscheinlich, </font>
  223. <font color=Yellow> dass er, seine Ahnen und seine </font> <font color=Yellow> Nachkommen hier begraben wurden. </font> Für die Theorie sprechen kleine Siegelsteine,
  224. die im Grab entdeckt wurden. Auf einigen ist ein Hund abgebildet,
  225. der ein Rehkalb an der Kehle gepackt hält. Die Darstellung ist das Familienwappen der Arkeisios.
  226. Das Motiv "Hund mit Rehkalb" beschreibt Homer in seinem 19. Gesang als königliches Familienwappen des Odysseus.
  227. Es weist den Helden als König der Kephalenen aus. Im Epos ziert das goldene Hoheitszeichen
  228. der Arkeisios seinen Purpurmantel. <font color=Yellow> Wir haben hier einen Fund, </font>
  229. <font color=Yellow> der identisch ist mit dem </font> <font color=Yellow> Wappen-Symbol von Odysseus. </font> <font color=Yellow> Ich frage mich wirklich, </font> <font color=Yellow> wie wahrscheinlich es sein kann, </font>
  230. <font color=Yellow> dass das ein Zufall ist. </font> <font color=Yellow> Irgendwann sollten uns </font> <font color=Yellow> die Archäologen </font>
  231. <font color=Yellow> eine Antwort auf diese Frage geben. </font> Mit Odysseus hat Homer einen neuen Heldentypus geschaffen.
  232. Kein rachsüchtiger Kriegsheld, sondern ein heldenhafter Koloniegründer wird gebraucht.
  233. Als die Griechen im 8. Jahrhundert v. Chr. im westlichen Mittelmeer nach Siedlungsräumen suchen, dehnt sich ihre Welt schnell aus.
  234. Bis dahin kennen sie nur Griechenland mit seinen zahllosen Inseln, die Küsten im östlichen Mittelmeer und vor Nordafrika.
  235. Plötzlich erweitert sich der Radius. Die Auswanderer dringen bis nach Italien,
  236. Frankreich und Spanien vor. Der Vorstoß in völlig unbekannte Gebiete und zu fremden Völkern
  237. hat viele griechische Auswanderer überfordert und für abenteuerlichste Irrfahrten gesorgt.
  238. Homer macht ihre Erfahrungen zum Hauptthema seiner Dichtung. Zu den schlimmsten Erlebnissen gehört die Begegnung mit dem Tod.
  239. Für Odysseus ist es der Gang ins Totenreich. Den Zutritt verortet Homer irgendwo
  240. an der Westküste der Peloponnes in einer Grotte. In der Vorstellung der Griechen ist das Totenreich nachtschwarz,
  241. ohne Freude, aber auch ohne Schmerz. Es ist das Territorium des grimmigen Gottes Hades.
  242. Kein Lebender traut sich freiwillig dorthin. Odysseus aber wagt das Unmögliche und überlebt.
  243. <font color=Yellow> Der Gang in die Unterwelt </font> <font color=Yellow> ist wohl die größte Herausforderung, </font> <font color=Yellow> der sich Odysseus stellen muss. </font>
  244. <font color=Yellow> Nach griechischer Vorstellung ging </font> <font color=Yellow> man nur einmal in die Unterwelt. </font> <font color=Yellow> Es gibt nur einen einzigen </font> <font color=Yellow> anderen Helden, </font>
  245. <font color=Yellow> der aus der Unterwelt </font> <font color=Yellow> lebend zurückkehrte. </font> <font color=Yellow> Das war Herakles. </font>
  246. <font color=Yellow> Insofern überschreitet Odysseus </font> <font color=Yellow> mit dem Gang in die Unterwelt </font> <font color=Yellow> eine Grenze, die allen </font> <font color=Yellow> anderen Menschen gesetzt war. </font>
  247. Der Hades bleibt nicht die letzte Grenzerfahrung des Helden. Kaum hat Odysseus die Weiterreise angetreten,
  248. erwartet ihn die nächste Prüfung. Sie kommt in Gestalt der Sirenen.
  249. Übernatürlichen Wesen mit betörendem Gesang. Odysseus will ihn unbedingt hören.
  250. <font color=Yellow> Binde mich los! </font> Doch wer dem Gesang der Sirenen lauscht, stürzt sich in die See,
  251. will zu ihnen und ist verloren. <font color=Yellow> Binde mich los! Mach mich los! </font>
  252. An den Mast gefesselt lässt Odysseus die Tortur über sich ergehen. Alle anderen an Bord haben sich die Ohren mit Wachs verstopft.
  253. In der griechischen Mythologie sind die Sirenen die Töchter des Flussgottes Acheloos.
  254. Der Fluss liegt in Westgriechenland und mündet dort ins Mittelmeer. Der Legende nach wurde in seiner Nähe zu homerischer Zeit
  255. ein grausamer Opferkult betrieben. Auf einer vorgelagerten Insel sollen Artemis-Priesterinnen gelebt
  256. und arglose Reisende auf das Eiland gelockt haben, um sie der Göttin Artemis zu opfern.
  257. <font color=Yellow> Der Artemis-Strophaia-Kult </font> <font color=Yellow> ist ein Kult, </font> <font color=Yellow> der für uns sehr dunkel ist </font> <font color=Yellow> und sehr unverständlich. </font>
  258. <font color=Yellow> Wir wissen, dass dieser Gottheit </font> <font color=Yellow> Tiere geopfert wurden. </font> <font color=Yellow> Und dass man beim Tieropfer </font> <font color=Yellow> so merkwürdige Zaunkonstruktionen </font>
  259. <font color=Yellow> entwickelt hat, in denen </font> <font color=Yellow> diese Tiere eingesperrt wurden. </font> <font color=Yellow> Angeblich sind auch </font> <font color=Yellow> in gewissen Zeiten </font>
  260. <font color=Yellow> Menschenopfer vorgenommen worden </font> <font color=Yellow> für diese Gottheit. </font> <font color=Yellow> Menschenopfer sind etwas, </font> <font color=Yellow> was in der archaischen Zeit </font>
  261. <font color=Yellow> natürlich etwas </font> <font color=Yellow> Unerhörtes gewesen ist. </font> <font color=Yellow> Genauso wie Kannibalismus </font> <font color=Yellow> oder ähnliches. </font>
  262. Knapp mit dem Leben davongekommen sieht Odysseus aus der Ferne Dampf und hört dumpfes Getöse.
  263. Die "gestaltlose Charybdis" erzeugt gefährliche Strömungen und Strudel. Gleichzeitig nähert sich von Steuerbord ein anderes Ungeheuer:
  264. "Skylla", ein Seemonster mit vielen Hälsen und gefräßigen Köpfen. Odysseus verliert noch einmal sechs Männer.
  265. Die Schrecken scheinen kein Ende zu nehmen. Für die sagenhaften Ungeheuer Skylla und Charybdis
  266. gibt es eine wissenschaftliche Erklärung. Hinter den Namen verbergen sich Naturphänomene im Golf von Patras.
  267. Skylla steht für das regelmäßige Auftreten von Tornados, die übers Wasser fegen und Menschen und Schiffe mit sich reißen können.
  268. Die Wirbel der Charybdis entstehen durch unberechenbare, starke Gezeitenströme zwischen Ebbe und Flut.
  269. Ein Phänomen, das noch heute zwischen dem Golf von Patras und dem tieferen Ionischen Meer auftritt.
  270. Wo Odysseus den nächsten Halt einlegt, lässt sich geografisch nicht genau nachvollziehen.
  271. Bei Homer ist es die Insel des Sonnengottes Helios. Der Held erreicht sie am Abend desselben Tages.
  272. Auf der Insel weiden die heiligen Rinder des Sonnengottes. Sie dürfen nicht geschlachtet werden, sonst geschieht ein Unglück.
  273. Alle an Bord haben geschworen, die Tiere nicht anzurühren. Doch als der Proviant ausgeht, fürchten die Männer, zu verhungern.
  274. Ohne Wissen des Odysseus töten sie die Rinder. Ein Frevel, den Zeus höchstpersönlich rächt.
  275. Als die Männer die Insel verlassen, schickt ihnen der mächtigste aller Götter einen verheerenden Orkan.
  276. <font color=Yellow> Odysseus überlebt </font> <font color=Yellow> als einziger seiner Besatzung. </font> <font color=Yellow> Das verdankt er nicht </font> <font color=Yellow> zuletzt seiner Disziplin. </font>
  277. <font color=Yellow> Dieser Einfallsreichtum, </font> <font color=Yellow> die Kreativität von Odysseus </font> <font color=Yellow> und seine Flexibilität, </font> <font color=Yellow> auf neue Probleme </font>
  278. <font color=Yellow> mit immer wieder </font> <font color=Yellow> neuen Lösungen zu reagieren. </font> <font color=Yellow> Das waren Eigenschaften, </font>
  279. <font color=Yellow> die für einen Koloniegründer in </font> <font color=Yellow> dieser Zeit auch sehr wichtig waren. </font> Neun Tage hält sich der Held auf einem Floß über Wasser.
  280. Bis er auf eine "fernab im Meer gelegene Insel" gerät. Schon im Altertum haben Geografen vermutet,
  281. dass Odysseus auf der Insel Malta gestrandet ist. Ein unbekanntes, uraltes Volk hat dort gewaltige Tempel erbaut.
  282. Als die ersten griechischen Seefahrer dort hinkommen, ist die Insel schon seit vielen Jahrhunderten menschenleer.
  283. Vielleicht schreibt Homer deshalb, dass dort eine einsame Göttin lebt, zu der "kein Gott und kein Mensch jemals" kommt.
  284. Sie ist so schön, dass Odysseus fast seine Frau und die Heimat vergisst. Ihr Name lautet Kalypso, und sie will Odysseus zum Mann.
  285. <font color=Yellow> Er sagt ausdrücklich, dass Kalypso </font> <font color=Yellow> schöner sei als Penelope, </font> <font color=Yellow> dass sie nicht altere, </font> <font color=Yellow> dass sie unsterblich sei. </font>
  286. <font color=Yellow> Dass er bei ihr auch selbst </font> <font color=Yellow> Unsterblichkeit erlangen könnte, </font> <font color=Yellow> trotzdem möchte Odysseus </font> <font color=Yellow> um jeden Preis </font>
  287. <font color=Yellow> nach Hause zu Penelope zurückkehren. </font> <font color=Yellow> Und schlägt deswegen </font> <font color=Yellow> dieses Angebot von Kalypso aus. </font>
  288. Es dauert sieben Jahre, bis die Götter zustimmen, dass Odysseus die Insel verlassen darf.
  289. Wieder setzt ein Sturm ein, der ihn nach Norden verschlägt. Ins Land der Phäaken.
  290. Etliche Forscher haben das Phäakenland auf Korfu verortet. Doch im Epos ist nicht von einer Insel die Rede.
  291. Deshalb halten immer mehr Wissenschaftler die heutige Stadt Parga an der Westküste Griechenlands für wahrscheinlicher.
  292. Auch dort haben Griechen in der Antike eine große Kolonie gegründet. Das Phäakenland liegt an einem vorgeschobenen Kap.
  293. Flankiert von zwei sandigen Buchten, wie Homer schreibt. Odysseus' Heimat ist von dort aus nicht mehr weit entfernt.
  294. Der Gestrandete wird von drei Mädchen entdeckt. Zwei flüchten aus Angst. Das dritte aber beschreibt der Dichter
  295. als mutig und hilfsbereit dem Fremden gegenüber. Odysseus trifft auf die Königstochter Nausikaa.
  296. Sie weist dem Helden den Weg zum Palast. <font color=Yellow> Dort. Das ist der Palast </font> <font color=Yellow> meines Vaters. </font>
  297. Der Aufenthalt bei den Phäaken ist die letzte Station auf Odysseus' Irrfahrt.
  298. Wie damals üblich wird dem Gast zu Ehren ein Festmahl abgehalten, bei dem auch ein blinder Sänger auftritt.
  299. Der König hat ihn eingeladen. Wissenschaftler wollen in dem Sänger den Dichter Homer wiedererkennen.
  300. Als Autor habe er sich in seinem Epos ein Denkmal gesetzt. Odysseus lernt bei den Phäaken einen König kennen,
  301. den Homer als Herrscher einer idealen Kolonie beschreibt. Odysseus könnte sogar bleiben.
  302. <font color=Yellow> Die Phäaken-Geschichte hat einen </font> <font color=Yellow> koloniegeschichtlichen Hintergrund. </font> <font color=Yellow> Odysseus trifft dort </font> <font color=Yellow> auf ein gastfreundliches Volk. </font>
  303. <font color=Yellow> Und über Nausikaa, </font> <font color=Yellow> der Königstochter, </font> <font color=Yellow> eröffnet sich ihm die Möglichkeit, </font> <font color=Yellow> in das Königshaus einzuheiraten. </font>
  304. <font color=Yellow> Es handelt sich bei den Phäaken </font> <font color=Yellow> um das Gegenstück zu Polyphem. </font> <font color=Yellow> In der Figur des einäugigen Zyklopen </font>
  305. <font color=Yellow> verdichten sich die Sorgen </font> <font color=Yellow> und Ängste der Kolonisten. </font> <font color=Yellow> Die Phäaken dagegen verkörpern das </font> <font color=Yellow> Positivszenario eines Kolonisten: </font>
  306. <font color=Yellow> Nämlich die Aufnahme </font> <font color=Yellow> bei einem gastfreundlichen Volk. </font> In einer einzigen Nacht
  307. bringt ein Schiff der Phäaken Odysseus nach Hause. Während der Held in einem Schlaf liegt,
  308. der dem Tod am nächsten kommt, wie es heißt. Zehn Jahre und tausende Seemeilen liegen hinter Odysseus.
  309. Ein Höllentrip übers Meer zwischen der Türkei, Nordafrika, Italien und Griechenland.
  310. Von seinen zwölf Schiffen bleibt kein einziges übrig. Und alle Gefährten sterben.
  311. Der König von Ithaka ist der einzige Überlebende. Während der griechischen Kolonisation ist sein Inselreich
  312. ein wichtiges Drehkreuz auf dem Weg ins westliche Mittelmeer. Von der Ägäis aus lassen viele Seefahrer ihr Schiff am Isthmus
  313. von Korinth über Land schaffen, um dann weiter nach Italien zu segeln. Aber auch, wenn sie die Route um die Peloponnes nehmen,
  314. machen sie an seinem Hafen Station. Bis zum 6. Jahrhundert v. Chr. dauert die Auswandererwelle an.
  315. Vom östlichen bis in den westlichen Mittelmeerraum entstehen blühende Kolonien.
  316. Viele der Neugründungen werden reicher als ihre Mutterstädte. Den Sieger von Troja macht Homer zur neuen Lichtgestalt der Griechen.
  317. Er erfindet ihn in einer Zeit, als furchteinflößende Geschichten die Menschen in Angst und Schrecken versetzt haben.
  318. Alles, was Homer über die damalige Welt weiß, verdichtet er in den Abenteuern des Odysseus.
  319. Anders als die klassischen Kriegsheroen bewährt sich sein Held auch außerhalb des Schlachtfelds.
  320. Und besteht jede Prüfung, die ihm auferlegt wird. Als Lohn erhält Odysseus die Chance auf einen Neuanfang.
  321. <font color=Yellow> Auf seinen Irrfahrten </font> <font color=Yellow> muss er sehr viel erdulden. </font> <font color=Yellow> Er ist ein passiver Held, er ist </font> <font color=Yellow> Monstern und Mächten ausgeliefert, </font>
  322. <font color=Yellow> die ihm überlegen sind. </font> <font color=Yellow> Er kann ihnen nicht </font> <font color=Yellow> im offenen Kampf entgegentreten. </font>
  323. <font color=Yellow> Erst, wenn er wieder auf Ithaka </font> <font color=Yellow> angelangt ist, nach Hause kommt, </font> <font color=Yellow> kann er wieder zu den Tugenden </font> <font color=Yellow> eines aktiven Helden zurückkehren. </font>
  324. 20 Jahre sind vergangen, als Odysseus wieder in seine Heimat zurückkehrt. Er weiß nicht, was ihn dort erwartet.
  325. Aber nach der langen Zeit muss er damit rechnen, dass sich ein anderer an seine Position gesetzt hat.
  326. Und die Herrschaft über sein Reich übernommen hat. So wie die Odyssee begonnen hat, so endet sie auch.
  327. Der Held greift zu einer List. Odysseus verkleidet sich als Bettler,
  328. damit ihn Freund und Feind nicht gleich erkennen, wie Homer schreibt. Bis zum letzten Vers bleibt die Geschichte von Odysseus spannend.
  329. Als beliebtester Held der Antike hat Odysseus die Jahrtausende überdauert. Er ist der Prototyp des mannhaften Heroen. Ein Held, der immer siegt.
  330. Und seine Irrfahrt wird zum sprichwörtlichen Sinnbild für widrige Unternehmungen mit glücklichem Ausgang.
  331. Untertitel im Auftrag des ZDF, </font> 2018 </font>

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