Superhelden (1/3) Odysseus' Irrfahrt | Ganze Folge Terra X
Terra X History
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Transkript (automatisch erstellt)
0:05 Sie tragen große Namen. Sind Lichtgestalten in einer fantastischen Welt.
0:11 Stark und kämpferisch. In Zeiten von Umbrüchen und Krisen
0:17 überwinden sie jede noch so bedrohliche Gefahr. Ihre Taten sind legendär.
0:23 In ihrer Welt wird Unmögliches möglich. Sie sind aber auch Botschafter der Geschichte.
0:31 Ihre fabelhaften Abenteuer enthalten einen historischen Kern. Einer der berühmtesten Heroen der Antike ist Odysseus.
0:41 Sein Schöpfer schickt ihn auf eine zehnjährige Irrfahrt. Eine Odyssee, die den Helden ins westliche Mittelmeer führt.
0:49 In eine Welt voller Gefahren. Das Epos entsteht, als die alten Griechen ins Ungewisse aufbrechen,
0:56 um neue Siedlungsräume zu erkunden. Gestählter Körper, willensstarker Geist und mutig bis in den Tod.
1:27 Mit Odysseus hat der Dichter Homer einen typisch griechischen Helden erschaffen, der von königlicher und sogar göttlicher Abstammung ist.
1:38 Odysseus glänzt als herausragender Krieger vor allem aber durch seinen Scharfsinn.
1:44 Im Kampf gegen Troja ist es allein seiner List zu verdanken, dass die Griechen ihre Soldaten in die Stadt schleusen.
1:51 Und Troja besiegen können. Homer schickte ihn auf eine Irrfahrt, die zur harten Bewährungsprobe wird.
1:59 Schon in den ersten Versen der 24 Gesänge klingt an, was den Heroen erwartet.
2:05 Muse, erzähl mir vom Manne, dem wandlungsreichen, den oft es abtrieb vom Wege, seit das heilige Troja er zerstörte.
2:14 Vieler Menschen Städte sah er und lernte ihr Denken kennen. Und litt auf dem Meer viel Qual in seiner Seele,
2:22 sein Leben zu sichern und seinen Gefährten die Heimkehr. Als die Dichtung im 8. Jahrhundert v. Chr. verfasst wird,
2:32 steht Griechenland vor einer großen Herausforderung. In den schroffen und engen Tälern gibt es zu wenige Nutzflächen
2:40 für Landwirtschaft und Viehzucht. Im Sommer wird das Wasser oft knapp.
2:45 Die meisten Griechen müssen auch die schmalen Küstengebiete nutzen. Dort, wo der Boden fruchtbar ist.
2:55 Rund um die Ägäis liegen Siedlungen, Dörfer und sogar Städte, die aber kaum Platz für alle bieten.
3:02 Die Verteilung von Grund und Boden wird zum Dauerkonflikt. Es gibt nur einen Ausweg und der führt übers Meer.
3:10 Das Meer ist das Tor in die weite Welt. Die Griechen gelten seit jeher als kundige Seefahrer.
3:19 Schon früh sind sie in den Osten aufgebrochen und haben ein Fernhandelsnetz aufgebaut,
3:24 das bis in den Alten Orient reicht. In homerischer Zeit ist ihr Ziel das westliche Mittelmeer.
3:32 Auswanderer machen sich auf, um neue Siedlungsräume zu erkunden. Und dringen dabei in Gebiete vor, die ihnen völlig fremd sind.
3:42 Die Griechen waren zunächst einmal nicht gezwungen, auszuwandern. Es gab keinen unmittelbaren Zwang, aber es gab Krisen-Phänomene,
3:50 die dazu führten, dass ein Teil der Bevölkerung aus diesen griechischen Siedlungen und Städten diese verlassen musste.
3:56 Das hatte zu tun mit inneren Unruhen, mit Bürgerzwist, Bürgerkriegen.
4:01 Daraufhin wurde ein Teil der Bewohner in diesen Orten unter Führung eines Aristokraten in die Welt hinausgeschickt.
4:09 Auch die Irrfahrt des Odysseus führt durch das unbekannte westliche Mittelmeer.
4:15 Sie beginnt in Troja. Nach zehn Jahren Krieg Griechen gegen Trojaner
4:19 haben der Held und seine Männer nur noch ein Sehnsuchtsziel: Sie wollen in die Heimat, nach Ithaka zurückkehren.
4:27 Odysseus. Odysseus!
4:31 Rund 500 Männer auf zwölf Schiffen muss Odysseus von der heutigen Türkei sicher nach Hause bringen.
4:37 Nach damaliger Vorstellung geht das nicht ohne den Schutz der Götter. Troja brennt.
4:45 Aus der Ferne sieht das noch besser aus. Das werden wir feiern, wenn wir wieder zu Hause sind.
4:56 Wir sind noch nicht zu Hause, Elpenor. Genießt den Anblick. Feiert, trinkt. Das habt ihr euch verdient.
5:03 Und lasst uns den Göttern opfern für eine glückliche Heimreise. Die Götter sind ein ganz wichtiges Element des homerischen Epos.
5:12 Wir haben zwei Handlungsebenen. Auf der einen Ebene agieren die Menschen,
5:17 auf der anderen agieren die Götter. Die Griechen konnten sich ihr Leben nicht ohne die Götter vorstellen.
5:22 Die Griechen fühlten sich dem göttlichen Wirken ausgesetzt. Die Götter waren ihnen nicht nur wohlgesonnen.
5:29 Sie stellten sich die Götter eher wie Menschen vor. Menschen, die ihre eigenen Launen und Vorlieben haben
5:36 und diese an den Menschen auslassen. Auch im Kampf um Troja haben die Götter Partei ergriffen.
5:44 Manche halten zu den Trojanern, sind gegen Odysseus. Manche befürworten das Vorgehen der Griechen.
5:51 Manche ändern ständig ihre Meinung. Zeus, oberster Gott und Stammvater von Odysseus,
5:58 muss immer wieder schlichten. Er will, dass sich die Götter im Fall Troja zurückhalten.
6:04 Apollon, der Gott des Lichts, steht von Anfang an auf der Seite der Trojaner.
6:11 Die mächtige Pallas Athene, zuständig für Weisheit und Krieg, verteidigt die Griechen.
6:16 Sie ist Odysseus' große Beschützerin. Poseidon, der Gott des Meeres, kann Erdbeben verursachen
6:23 und Schiffe zum Kentern bringen. Auch er ist den Griechen und dem Helden wohlgesonnen.
6:28 Zumindest anfangs. Von Troja aus steuert die Flotte von Odysseus
6:33 nach Südwest in Richtung Ithaka. Viele hundert Seemeilen trennen die Männer von zu Hause.
6:40 Rund zwei Wochen reine Fahrtzeit. Ein aufkommender Wind aber treibt die Schiffe in nordwestliche Richtung.
6:51 Odysseus kommt nach Ismaros an der thrakischen Küste. Und zögert nicht, die Stadt zu brandschatzen.
7:00 In Ismaros leben die Kikonen. Im Epos sind sie enge Verbündete der Trojaner,
7:06 sind den Griechen gegenüber feindlich gesinnt. Der Raubzug ist ein Fehler, wie sich herausstellt.
7:13 Die Kikonen haben die Griechen verfolgt und gestellt. Nur knapp können Odysseus und seine Leute entkommen.
7:20 72 der besten Männer sind tot, wie Homer schildert. Odysseus erscheint in der Odyssee als eine Mischung aus Warlord,
7:29 Freibeuter und Abenteurer. Und er ist damit ein typischer Repräsentant
7:34 der früharchaischen Zeit. Es gibt eine ganze Reihe von Adligen,
7:38 die in dieser Zeit ihre Stellung auch damit erhöhen, indem sie Plünderungszüge unternehmen
7:44 und sich bereichern auf Kosten anderer. Die Flotte gerät in ein heftiges Unwetter,
7:50 als sie es schon bis an die Südspitze der Peloponnes geschafft hat. Statt in die Heimatgefilde zu gelangen
7:57 werden die Schiffe am Kap Maleia weitab vom Kurs getrieben. In der Forschung ist viel darüber gestritten worden,
8:07 ob die Irrfahrten des Odysseus eine Reise ins Märchenland sind. Oder ob sie einen konkreten geografischen Raum beschreiben.
8:16 Damit die Erzählung der Irrfahrten des Odysseus glaubwürdiger und realistischer erscheinen:
8:23 Homer verknüpft die Abenteuer, die Odysseus unterwegs erlebt, mit einer geografisch realen Kulisse.
8:31 Genauso wie das heute in einem Spielfilm passiert, der zum Beispiel in New York spielt.
8:37 Die Handlung ist erfunden, aber der Ort ist real. Homer bündelt nicht nur das geografische Wissen,
8:45 sondern auch die Kenntnisse der Griechen über das Wetter und das Meer.
8:50 Der heftige Nordwind und die Westostströmung sind den Seefahrern damals bestens bekannt.
8:58 Von der starken Strömung im südlichen Mittelmeer wird die Flotte an die Nordküste Libyens getragen.
9:04 In die Provinz Kyrenaika. Damals ein fruchtbares Gebiet mit vielen Quellen und dichten Wäldern.
9:14 Die Lotophagen, die dort leben, sind friedlich. Sie ernähren sich von einem Rauschmittel mit dem Namen Lotos,
9:22 das wohliges Dahindämmern bewirkt, wie es heißt. Bis heute weiß niemand, welche Droge Homer beschrieben hat.
9:29 Die Droge der Lotophagen ist ein Gegenspieler für den Gedanken der Heimkehr,
9:35 der ja den Motor der Odyssee darstellt. Denn die Droge bewirkt Vergessen.
9:42 Wer auch immer die Droge der Lotophagen einnimmt, worum auch immer es sich dabei handelt, vergisst alles.
9:49 Er vergisst auch seine Sehnsucht, nach Hause zurückzukehren. Von daher stellen die Lotophagen eine Bedrohung für Odysseus dar.
9:57 Die nicht viel kleiner ist als andere Monster, die ihn verschlingen möchten.
10:02 Was im Epos noch reine Fiktion ist, wird knapp 100 Jahre später Wirklichkeit.
10:08 Um 630 v. Chr. landen die ersten Griechen an der Küste der Kyrenaika. Das ist historisch verbrieft.
10:15 Forschern zufolge nur wehrfähige Männer, die dazu gezwungen werden, dort eine neue Kolonie zu gründen.
10:24 Die Odyssee entsteht mitten in der großen Kolonisationsbewegung. Sie spiegelt zum einen die Koloniegründungen,
10:31 die schon geschehen sind. Und gibt denen, die eine Kolonie gründen wollen,
10:35 Anhaltspunkte dafür, wie eine Kolonie beschaffen sein sollte. Sie sollte einen Hafen haben,
10:41 in dem man die Schiffe an den Strand ziehen kann. Sie sollte Wasser haben, eine Befestigung
10:46 und fruchtbare Ländereien besitzen. In dem fruchtbaren Landstrich gründen die Einwanderer die Stadt Kyrene.
10:54 Sie wird zur reichsten griechischen Kolonie in Nordafrika. Von der Küste Libyens versucht Odysseus erneut,
11:03 seine Schiffe auf Kurs nach Ithaka zu bringen. Doch die Irrfahrt hat gerade erst begonnen.
11:09 Bei ungünstigen Winden verschlägt es die Griechen erneut in fremde Gefilde.
11:17 Berechnungen zufolge gerät die Flotte an die äußerste Südspitze Italiens, nach Kalabrien.
11:23 An einen Küstenabschnitt, von dem man freie Sicht auf Sizilien und den Vulkan Ätna hat.
11:31 Doch Odysseus bleibt nicht in Kalabrien. Er fährt rüber nach Sizilien.
11:36 Im Epos ist die Insel das mythische Land der Zyklopen. Auf seinem Erkundungsgang betritt der Held mit einigen seiner Männer
11:48 auch die Höhle des Polyphem. Polyphem ist ein Riese.
11:51 Homer schreibt, das Ungeheuer sei von grässlicher Gestalt und auf Tücke bedacht.
11:58 Bleibt ruhig! Weiter heißt es: Das Ungetüm gleiche einem waldigen Gipfel
12:05 hoher Kettengebirge, der vor allen anderen einsam emporrage. Er sei ein Zyklop.
12:15 Odysseus muss das Schlimmste befürchten. Der Riese hält die Griechen fest, sie sitzen in der Falle.
12:21 Dabei kommt der König von Ithaka in guter Absicht. Hat sogar Wein als Gastgeschenk dabei.
12:30 Polyphem verschlingt sechs Gefährten des Anführers mit Haut und Haar. Den griechischen Helden will er als letzten verspeisen.
12:39 Polyphem verkörpert das Barbarische. Er verkörpert das andere der Zivilisation.
12:46 Polyphem lebt alleine, nicht in einer Gemeinschaft. Polyphem ist ein Kannibale, er frisst rohes Fleisch.
12:54 Er unterscheidet sich ganz markant von den zivilisierten Menschen. Man könnte auch sagen, dass sich in Polyphem
13:02 die Ängste und Sorgen verdichten, die die Griechen hatten. Als sie Kolonien in der Mittelmeerwelt gründeten.
13:09 Wie in den Abenteuern zuvor ist es allein Odysseus' Scharfsinn zu verdanken, dass nicht alle Männer gefressen werden.
13:17 Sie blenden das Ungeheuer und entkommen. Der Forscher Heinz Warnecke weiß,
13:24 was sich hinter der Geschichte des Zyklopen Polyphem verbirgt. In der Literatur wird immer wieder vom einäugigen Zyklopen gesprochen.
13:36 Aber das altgriechische Wort "Zyklop" bedeutet "Rundauge", nicht "Einauge".
13:43 Das haben die alten Griechen gewusst. Und das führt auf eine ganz andere Spur.
13:50 Im Epos wird das Rundauge präzise beschrieben. Es sei erfüllt von Glutdampf und Feuer.
13:57 Damit liefert Homer den entscheidenden Hinweis. Was Odysseus und seine Gefährten auf Sizilien
14:05 als riesenhaften Zyklopen kennenlernen, ist der Vulkan Ätna. Der aktive Feuerberg ist selbst aus der Ferne deutlich zu sehen.
14:15 Die Griechen fürchten seinen Ausbruch. Er würde Zerstörung und Verderben bringen.
14:21 Und der Ätna schläft nie. Den Namen hat der Vulkan erhalten, weil sein glühender Schlund
14:28 wie das Auge eines Ungeheuers aussieht. In der griechischen Mythologie findet der Ätna seine Verkörperung
14:37 im barbarischen Riesen Polyphem. Er ist der Sohn des mächtigen Poseidon.
14:43 Wie er wild und unberechenbar. Mit der Blendung des Polyphem begeht Odysseus einen schweren Fehler,
14:53 der nicht ungerächt bleibt. Der Meeresgott setzt alles dran, die Weiterreise des Helden
14:59 so gefährlich wie möglich werden zu lassen. Von Sizilien aus fährt die Flotte
15:05 schnell zur Insel des Windgottes Aiolos. Wenn es schnell gegangen ist,
15:10 dann muss sie in nächster Nähe gelegen haben. Eine Insel in der Umgebung des Ätna gibt es aber nicht.
15:18 In homerischer Zeit schon. Und zwar als Insel im Südosten von Sizilien. Sie ist die Keimzelle der heutigen Hafenstadt Syrakus.
15:28 Doch längst mit dem Festland verwachsen. Syrakus ist im 8. Jahrhundert v. Chr. eine aufstrebende Kolonie,
15:37 über die jeder spricht. Ihre Gründer haben sie genau geplant.
15:42 Mit parallel verlaufenden Straßenzügen und regelmäßigen Häuserblocks.
15:49 Die Häuser sind herrlich. Und die Stadt ist von einer festgegürteten Mauer umgeben,
15:54 heißt es bei Homer. Und sie besitzt zwei Häfen.
16:00 Eine idealtypische Anlage, die in die Zukunft weist. Was ganz Wesentliches, was die Griechen als Fertigkeiten mitbringen
16:09 bei der Kolonisation ist das planvolle Anlegen von Städten und Siedlungen.
16:14 Das ist in dieser Form bis dahin ja unbekannt, dass man eine Stadt auf dem Reißbrett entwirft,
16:20 den öffentlichen Raum und den privaten Raum festlegt und dann beginnt, diese Stadt zu bauen.
16:25 Das ist etwas ganz Neues. Das ist etwas, was dann in der Folgezeit zurückstrahlt
16:30 in die Urbanistik der griechischen Welt im Mutterland. Die reiche Kolonie Syrakus, die Insel des Aiolos
16:36 verlassen Odysseus und seine Gefährten nach einem Monat. Sie haben Gastfreundschaft genossen,
16:43 sich erholt und neuen Proviant aufgenommen. Es ist höchste Zeit, Kurs in Richtung Heimat zu nehmen.
16:51 Die Männer müssen fürchten, dass andere die Herrschaft über Ithaka an sich reißen.
16:56 Odysseus weiß, dass nicht nur seine, sondern auch die Zukunft seiner Leute auf dem Spiel steht.
17:05 Die Krieger sind ihm zwar zur Treue verpflichtet. Aber als Anführer ist der König von Ithaka zeitlebens
17:12 für das Wohlergehen der Gefährten verantwortlich. Neun Tage treibt ein günstiger Westwind
17:22 die griechische Flotte immer weiter nach Osten. Die Insel Ithaka rückt in greifbare Nähe.
17:31 Im 13. Gesang scheint die Irrfahrt ein glückliches Ende zu nehmen. Doch Odysseus' Bewährungsprobe ist noch längst nicht vorbei.
17:42 Es passiert an Bord von Odysseus' Schiff. Vom Windgott Aiolos hat der griechische Held
17:48 ein großzügiges Abschiedsgeschenk erhalten. Es geht um einen großen, ledernen Zauberschlauch,
17:55 in dem alle gefährlichen Mittelmeer-Winde gefangen sind. Nur Odysseus kennt seinen Inhalt.
18:01 Seinen Gefährten hat er nichts davon erzählt. Am Abend des zehnten Tages
18:07 tauchen am Horizont verheißungsvolle Leuchtfeuer auf. Odysseus! Odysseus! Wir sind zu Hause!
18:18 Die weithin sichtbaren Feuerstellen sollen den Seefahrern den sicheren Weg in die Bucht von Ithaka weisen.
18:27 Doch in derselben Nacht öffnen einige Männer den Zauberschlauch. Sie vermuten darin kostbare Schätze.
18:40 Alle Winde entweichen, ein heftiger Sturm kommt auf. Niemand kann verhindern, dass die Schiffe zurück an die Küste
18:48 des Windgottes Aiolos getrieben werden. Zwölf rudergetriebene Langschiffe gehören zur Flotte des Odysseus.
19:00 In homerischer Zeit sind 30-, aber auch 50-Ruderer üblich. Welche Schiffstypen in der Odyssee zum Einsatz kommen
19:07 verrät das Epos nicht. Vermutlich aber 50-Ruderer, "Pentekonteren".
19:17 Mit dem Nachbau eines rudergetriebenen Schiffs haben Wissenschaftler nachgewiesen:
19:22 Dass in der Antike acht Knoten, also 16 Kilometer pro Stunde erreicht werden konnten.
19:29 Damit sind die griechischen Langschiffe die schnellsten ihrer Zeit.
19:38 Zwei hochseetaugliche Modelle werden während der großen Kolonisation eingesetzt.
19:43 Das Langschiff mit offenen Ruderbänken und das mit einem durchgehend beplankten Deck.
19:49 Das den Griechen auch als Kriegsschiff dient. Als die Flotte erneut auf Ithaka zusteuert,
19:58 greift Poseidon wieder ins Geschehen ein. Er bringt sie vom Kurs ab,
20:03 so sehr sich die Männer auch in die Riemen legen. Sechs Tage treiben sie auf dem Meer in Richtung Südost.
20:12 Dann erreichen sie einen geschützten Naturhafen an der Südwestküste der Peloponnes, in der Nähe von Pylos.
20:20 Odysseus nennt diesen Hafen ja "hochberühmt". Man kennt ihn also schon zu homerischer Zeit.
20:26 Und einen solchen geschützten Naturhafen, der bekannt war, gibt es auf dem gesamten Süd- und Westpeloponnes
20:33 nur beim heutigen Pylos. An einem steilen Kap namens Koryphasion.
20:40 Durch einen schmalen Eingang, flankiert von hohen Felsen, fahren elf der zwölf Schiffe in den Hafen ein.
20:48 Dass er den Laistrygonen gehört weiß Odysseus. Sie sind keine Freunde des Ithakers.
20:54 Odysseus, die Schiffe! Hilflos muss der Held zusehen, wie die Laistrygonen mächtige Felsbrocken
21:03 auf seine Schiffe hinabstoßen und sie zerstören. Odysseus' Schiff liegt vor dem Hafen und bleibt verschont.
21:13 Dabei gilt der Angriff ausschließlich ihm und seiner Familie. Die Götter haben uns verlassen.
21:21 Elf Schiffe gehen verloren. Hunderte Männer müssen ihr Leben lassen.
21:25 Weil zwischen den Laistrygonen und den Königen von Ithaka Feindschaft herrscht.
21:32 Sich gegenseitig bis aufs Blut zu bekämpfen zieht sich wie ein Leitfaden durch die Geschichte der Griechen.
21:39 Fast immer lautet das Motiv: Rache. Rache, Blutrache und Fehden sind ein ganz charakteristisches Element
21:46 dieser frühen griechischen Gesellschaften. Man musste für erlittenes Unrecht Rache ausüben.
21:52 Das war sozusagen oberste Familienpflicht für die Anführer eines Oikos.
21:57 Wenn jemand umgebracht wurde, zu Tode kam oder auch sonst irgendwie zu Schaden kam, musste das gerächt werden.
22:04 Als König von Ithaka und Kriegsheld von Troja steht auch Odysseus ganz in der Tradition griechischer Anführer.
22:11 Doch in der Odyssee beweist er bei jedem Abenteuer, dass er mehr kann, als das Schwert im Kampf Mann gegen Mann zu führen.
22:21 Odysseus zeichnet sich vor allem durch seine Disziplin aus. Aber auch seine Fähigkeit,
22:26 Gefahren zu trotzen und Schmerzen auszuhalten. Er wird nicht umsonst immer wieder
22:34 von Homer der Dulder oder vielduldend genannt. Odysseus ist ein Superreicher.
22:41 59 Herden mit Rindern, Schafen, Schweinen und Ziegen soll er auf Ithaka besessen haben.
22:48 Mehr als alle anderen Herrscher seiner Zeit. Sei es auf den Inseln oder auf dem Festland.
22:58 Dazu verfügt der Grieche über beträchtliche Ländereien mit fruchtbaren Böden, wie Homer schildert.
23:04 Wein und Getreide wachsen überall in unsagbarer Fülle. Das Land sei aber nicht für Pferde geeignet.
23:14 Dafür sei es zu bergig und zu rau. Auch fehlen die weiten Ebenen. Dafür prägen zahllose Quellen und Wasserläufe die Landschaft.
23:27 Regen gibt es immer und perlenden Tau. Deshalb gedeihen dort vortreffliche Wiesen.
23:34 Wie es scheint, herrschen auf Ithaka paradiesische Zustände. So überschwänglich der Dichter die Heimat seines Helden auch schildert,
23:46 so genau sind auch seine topografischen Angaben. Wunderbar rage dort der herrliche Gipfel des Neriton empor
23:55 und lasse den Bergwald wanken. Und er schreibt, dass neben Ithaka
24:01 noch weitere Inseln nah beieinander liegen. Odysseus herrscht laut Homer als Hochkönig der Kephalenen
24:09 über die ionischen Inseln Zakynthos, Lefkada, Ithaka und Kefalonia. Kefalonia ist die größte Insel.
24:18 Einige Forscher vermuten, dass die epische Heimat von Odysseus dort und nicht auf Ithaka angesiedelt ist.
24:27 Nur auf Kefalonia gibt es einen Gipfel mit Bergwald aus mächtigen, 30 Meter hohen Tannen, wie er in der Odyssee geschildert wird.
24:36 Für den wankenden Wald haben die Forscher ebenfalls eine Erklärung. Die Beschreibung ist eine Anspielung auf die Erdbeben,
24:45 die das Eiland immer wieder erschüttert haben. Bis heute ist keine Region Griechenlands
24:51 davon heftiger betroffen, als die ionische Insel Kefalonia. Die Beben sind die Folge
25:01 der unterseeischen Plattenbewegungen im Mittelmeer. Schon in grauer Vorzeit haben sie das Gesicht Kefalonias
25:09 mit seinen endlosen Faltengebirgen geprägt. Eine weitere Spur liefert die Beschreibung der Hafenanlage.
25:18 Im Epos heißt es, im Hafen des Odysseus können die Schiffe unvertäut daliegen, keine Woge dringe dort ein.
25:25 Auch das trifft nur auf die Insel Kefalonia zu. Die Hafenbucht, an der heute die Stadt Argostoli liegt,
25:35 vermittelt noch immer den Eindruck, ein stiller See zu sein. In der Bucht soll schon zu homerischer Zeit
25:45 eine große Hafenstadt existiert haben. Von der aus Odysseus in See gestochen ist.
25:52 Ich glaube nicht, dass Odysseus eine historische Person war. Aber die Beschreibung dieses Mannes als Anführer
25:59 und die Beschreibung seines Oikos mit den Reichtümern, mit dem Sauhirten und seinen Sklaven und Mägden
26:06 hat so viel Detailreichtum und so viel Realität offenbar. Dass die Zeitgenossen, die diesen Odysseus vorgestellt bekamen,
26:14 den für eine historische Person gehalten haben. Der ehemalige Gouverneur von Kefalonia
26:22 glaubt an einen historischen Odysseus. Eines Tages erhält er von einem Bauern einen wichtigen Hinweis.
26:30 Er erzählte mir von einem Ort und sagte mir, dass man von dort Steine nähme,
26:36 um in der Nähe eine Brücke zu bauen. Ich ging hin und stellte fest, dass es tatsächlich so war.
26:44 Einige Steine waren handbearbeitet. Und ein paar Meter weiter weg ragte aus dem Boden der Türsturz
26:50 eines mykenischen Grabmals. Ein mykenisches Grabmal auf Kefalonia.
26:56 Über Jahrhunderte wurden dort die Könige von Kefalonia begraben. Der Fund wird zur Sensation.
27:05 Die Presse in Griechenland ist begeistert. Das Grab des Odysseus sei entdeckt, wie die Schlagzeilen vermelden
27:13 und dass die Geschichte umgeschrieben werden müsse. Odysseus als Nachfahre mykenischer Herrscher, Vorbild für Homers Epos,
27:25 begraben auf Kefalonia: Das geht vielen Wissenschaftlern zu weit.
27:33 Derzeit wird untersucht, ob sich zwischen den Gebeinen aus dem Grabmal und den mykenischen Königen
27:39 eine genetische Verwandtschaft nachweisen lässt. Homer sagt uns, dass das Geschlecht von Arkeisios,
27:49 dem auch Odysseus angehört hat, die Dynastie war, die diese Inseln beherrscht hat.
27:54 Wenn Odysseus eine historische Person war, ist es sehr wahrscheinlich,
27:59 dass er, seine Ahnen und seine Nachkommen hier begraben wurden. Für die Theorie sprechen kleine Siegelsteine,
28:06 die im Grab entdeckt wurden. Auf einigen ist ein Hund abgebildet,
28:10 der ein Rehkalb an der Kehle gepackt hält. Die Darstellung ist das Familienwappen der Arkeisios.
28:18 Das Motiv "Hund mit Rehkalb" beschreibt Homer in seinem 19. Gesang als königliches Familienwappen des Odysseus.
28:27 Es weist den Helden als König der Kephalenen aus. Im Epos ziert das goldene Hoheitszeichen
28:34 der Arkeisios seinen Purpurmantel. Wir haben hier einen Fund,
28:46 der identisch ist mit dem Wappen-Symbol von Odysseus. Ich frage mich wirklich, wie wahrscheinlich es sein kann,
28:54 dass das ein Zufall ist. Irgendwann sollten uns die Archäologen
28:59 eine Antwort auf diese Frage geben. Mit Odysseus hat Homer einen neuen Heldentypus geschaffen.
29:07 Kein rachsüchtiger Kriegsheld, sondern ein heldenhafter Koloniegründer wird gebraucht.
29:13 Als die Griechen im 8. Jahrhundert v. Chr. im westlichen Mittelmeer nach Siedlungsräumen suchen, dehnt sich ihre Welt schnell aus.
29:24 Bis dahin kennen sie nur Griechenland mit seinen zahllosen Inseln, die Küsten im östlichen Mittelmeer und vor Nordafrika.
29:32 Plötzlich erweitert sich der Radius. Die Auswanderer dringen bis nach Italien,
29:37 Frankreich und Spanien vor. Der Vorstoß in völlig unbekannte Gebiete und zu fremden Völkern
29:46 hat viele griechische Auswanderer überfordert und für abenteuerlichste Irrfahrten gesorgt.
29:52 Homer macht ihre Erfahrungen zum Hauptthema seiner Dichtung. Zu den schlimmsten Erlebnissen gehört die Begegnung mit dem Tod.
30:06 Für Odysseus ist es der Gang ins Totenreich. Den Zutritt verortet Homer irgendwo
30:11 an der Westküste der Peloponnes in einer Grotte. In der Vorstellung der Griechen ist das Totenreich nachtschwarz,
30:22 ohne Freude, aber auch ohne Schmerz. Es ist das Territorium des grimmigen Gottes Hades.
30:29 Kein Lebender traut sich freiwillig dorthin. Odysseus aber wagt das Unmögliche und überlebt.
30:39 Der Gang in die Unterwelt ist wohl die größte Herausforderung, der sich Odysseus stellen muss.
30:47 Nach griechischer Vorstellung ging man nur einmal in die Unterwelt. Es gibt nur einen einzigen anderen Helden,
30:55 der aus der Unterwelt lebend zurückkehrte. Das war Herakles.
30:59 Insofern überschreitet Odysseus mit dem Gang in die Unterwelt eine Grenze, die allen anderen Menschen gesetzt war.
31:08 Der Hades bleibt nicht die letzte Grenzerfahrung des Helden. Kaum hat Odysseus die Weiterreise angetreten,
31:15 erwartet ihn die nächste Prüfung. Sie kommt in Gestalt der Sirenen.
31:22 Übernatürlichen Wesen mit betörendem Gesang. Odysseus will ihn unbedingt hören.
31:32 Binde mich los! Doch wer dem Gesang der Sirenen lauscht, stürzt sich in die See,
31:38 will zu ihnen und ist verloren. Binde mich los! Mach mich los!
31:43 An den Mast gefesselt lässt Odysseus die Tortur über sich ergehen. Alle anderen an Bord haben sich die Ohren mit Wachs verstopft.
31:55 In der griechischen Mythologie sind die Sirenen die Töchter des Flussgottes Acheloos.
32:01 Der Fluss liegt in Westgriechenland und mündet dort ins Mittelmeer. Der Legende nach wurde in seiner Nähe zu homerischer Zeit
32:12 ein grausamer Opferkult betrieben. Auf einer vorgelagerten Insel sollen Artemis-Priesterinnen gelebt
32:20 und arglose Reisende auf das Eiland gelockt haben, um sie der Göttin Artemis zu opfern.
32:28 Der Artemis-Strophaia-Kult ist ein Kult, der für uns sehr dunkel ist und sehr unverständlich.
32:34 Wir wissen, dass dieser Gottheit Tiere geopfert wurden. Und dass man beim Tieropfer so merkwürdige Zaunkonstruktionen
32:42 entwickelt hat, in denen diese Tiere eingesperrt wurden. Angeblich sind auch in gewissen Zeiten
32:48 Menschenopfer vorgenommen worden für diese Gottheit. Menschenopfer sind etwas, was in der archaischen Zeit
32:54 natürlich etwas Unerhörtes gewesen ist. Genauso wie Kannibalismus oder ähnliches.
33:00 Knapp mit dem Leben davongekommen sieht Odysseus aus der Ferne Dampf und hört dumpfes Getöse.
33:07 Die "gestaltlose Charybdis" erzeugt gefährliche Strömungen und Strudel. Gleichzeitig nähert sich von Steuerbord ein anderes Ungeheuer:
33:20 "Skylla", ein Seemonster mit vielen Hälsen und gefräßigen Köpfen. Odysseus verliert noch einmal sechs Männer.
33:32 Die Schrecken scheinen kein Ende zu nehmen. Für die sagenhaften Ungeheuer Skylla und Charybdis
33:40 gibt es eine wissenschaftliche Erklärung. Hinter den Namen verbergen sich Naturphänomene im Golf von Patras.
33:49 Skylla steht für das regelmäßige Auftreten von Tornados, die übers Wasser fegen und Menschen und Schiffe mit sich reißen können.
34:00 Die Wirbel der Charybdis entstehen durch unberechenbare, starke Gezeitenströme zwischen Ebbe und Flut.
34:07 Ein Phänomen, das noch heute zwischen dem Golf von Patras und dem tieferen Ionischen Meer auftritt.
34:17 Wo Odysseus den nächsten Halt einlegt, lässt sich geografisch nicht genau nachvollziehen.
34:23 Bei Homer ist es die Insel des Sonnengottes Helios. Der Held erreicht sie am Abend desselben Tages.
34:32 Auf der Insel weiden die heiligen Rinder des Sonnengottes. Sie dürfen nicht geschlachtet werden, sonst geschieht ein Unglück.
34:40 Alle an Bord haben geschworen, die Tiere nicht anzurühren. Doch als der Proviant ausgeht, fürchten die Männer, zu verhungern.
34:51 Ohne Wissen des Odysseus töten sie die Rinder. Ein Frevel, den Zeus höchstpersönlich rächt.
35:00 Als die Männer die Insel verlassen, schickt ihnen der mächtigste aller Götter einen verheerenden Orkan.
35:08 Odysseus überlebt als einziger seiner Besatzung. Das verdankt er nicht zuletzt seiner Disziplin.
35:14 Dieser Einfallsreichtum, die Kreativität von Odysseus und seine Flexibilität, auf neue Probleme
35:20 mit immer wieder neuen Lösungen zu reagieren. Das waren Eigenschaften,
35:25 die für einen Koloniegründer in dieser Zeit auch sehr wichtig waren. Neun Tage hält sich der Held auf einem Floß über Wasser.
35:33 Bis er auf eine "fernab im Meer gelegene Insel" gerät. Schon im Altertum haben Geografen vermutet,
35:40 dass Odysseus auf der Insel Malta gestrandet ist. Ein unbekanntes, uraltes Volk hat dort gewaltige Tempel erbaut.
35:51 Als die ersten griechischen Seefahrer dort hinkommen, ist die Insel schon seit vielen Jahrhunderten menschenleer.
35:59 Vielleicht schreibt Homer deshalb, dass dort eine einsame Göttin lebt, zu der "kein Gott und kein Mensch jemals" kommt.
36:07 Sie ist so schön, dass Odysseus fast seine Frau und die Heimat vergisst. Ihr Name lautet Kalypso, und sie will Odysseus zum Mann.
36:18 Er sagt ausdrücklich, dass Kalypso schöner sei als Penelope, dass sie nicht altere, dass sie unsterblich sei.
36:25 Dass er bei ihr auch selbst Unsterblichkeit erlangen könnte, trotzdem möchte Odysseus um jeden Preis
36:32 nach Hause zu Penelope zurückkehren. Und schlägt deswegen dieses Angebot von Kalypso aus.
36:40 Es dauert sieben Jahre, bis die Götter zustimmen, dass Odysseus die Insel verlassen darf.
36:46 Wieder setzt ein Sturm ein, der ihn nach Norden verschlägt. Ins Land der Phäaken.
36:53 Etliche Forscher haben das Phäakenland auf Korfu verortet. Doch im Epos ist nicht von einer Insel die Rede.
37:02 Deshalb halten immer mehr Wissenschaftler die heutige Stadt Parga an der Westküste Griechenlands für wahrscheinlicher.
37:10 Auch dort haben Griechen in der Antike eine große Kolonie gegründet. Das Phäakenland liegt an einem vorgeschobenen Kap.
37:18 Flankiert von zwei sandigen Buchten, wie Homer schreibt. Odysseus' Heimat ist von dort aus nicht mehr weit entfernt.
37:30 Der Gestrandete wird von drei Mädchen entdeckt. Zwei flüchten aus Angst. Das dritte aber beschreibt der Dichter
37:37 als mutig und hilfsbereit dem Fremden gegenüber. Odysseus trifft auf die Königstochter Nausikaa.
37:48 Sie weist dem Helden den Weg zum Palast. Dort. Das ist der Palast meines Vaters.
37:56 Der Aufenthalt bei den Phäaken ist die letzte Station auf Odysseus' Irrfahrt.
38:02 Wie damals üblich wird dem Gast zu Ehren ein Festmahl abgehalten, bei dem auch ein blinder Sänger auftritt.
38:10 Der König hat ihn eingeladen. Wissenschaftler wollen in dem Sänger den Dichter Homer wiedererkennen.
38:18 Als Autor habe er sich in seinem Epos ein Denkmal gesetzt. Odysseus lernt bei den Phäaken einen König kennen,
38:28 den Homer als Herrscher einer idealen Kolonie beschreibt. Odysseus könnte sogar bleiben.
38:35 Die Phäaken-Geschichte hat einen koloniegeschichtlichen Hintergrund. Odysseus trifft dort auf ein gastfreundliches Volk.
38:44 Und über Nausikaa, der Königstochter, eröffnet sich ihm die Möglichkeit, in das Königshaus einzuheiraten.
38:53 Es handelt sich bei den Phäaken um das Gegenstück zu Polyphem. In der Figur des einäugigen Zyklopen
39:00 verdichten sich die Sorgen und Ängste der Kolonisten. Die Phäaken dagegen verkörpern das Positivszenario eines Kolonisten:
39:09 Nämlich die Aufnahme bei einem gastfreundlichen Volk. In einer einzigen Nacht
39:15 bringt ein Schiff der Phäaken Odysseus nach Hause. Während der Held in einem Schlaf liegt,
39:21 der dem Tod am nächsten kommt, wie es heißt. Zehn Jahre und tausende Seemeilen liegen hinter Odysseus.
39:30 Ein Höllentrip übers Meer zwischen der Türkei, Nordafrika, Italien und Griechenland.
39:36 Von seinen zwölf Schiffen bleibt kein einziges übrig. Und alle Gefährten sterben.
39:42 Der König von Ithaka ist der einzige Überlebende. Während der griechischen Kolonisation ist sein Inselreich
39:52 ein wichtiges Drehkreuz auf dem Weg ins westliche Mittelmeer. Von der Ägäis aus lassen viele Seefahrer ihr Schiff am Isthmus
40:00 von Korinth über Land schaffen, um dann weiter nach Italien zu segeln. Aber auch, wenn sie die Route um die Peloponnes nehmen,
40:10 machen sie an seinem Hafen Station. Bis zum 6. Jahrhundert v. Chr. dauert die Auswandererwelle an.
40:19 Vom östlichen bis in den westlichen Mittelmeerraum entstehen blühende Kolonien.
40:25 Viele der Neugründungen werden reicher als ihre Mutterstädte. Den Sieger von Troja macht Homer zur neuen Lichtgestalt der Griechen.
40:36 Er erfindet ihn in einer Zeit, als furchteinflößende Geschichten die Menschen in Angst und Schrecken versetzt haben.
40:47 Alles, was Homer über die damalige Welt weiß, verdichtet er in den Abenteuern des Odysseus.
40:57 Anders als die klassischen Kriegsheroen bewährt sich sein Held auch außerhalb des Schlachtfelds.
41:03 Und besteht jede Prüfung, die ihm auferlegt wird. Als Lohn erhält Odysseus die Chance auf einen Neuanfang.
41:11 Auf seinen Irrfahrten muss er sehr viel erdulden. Er ist ein passiver Held, er ist Monstern und Mächten ausgeliefert,
41:19 die ihm überlegen sind. Er kann ihnen nicht im offenen Kampf entgegentreten.
41:24 Erst, wenn er wieder auf Ithaka angelangt ist, nach Hause kommt, kann er wieder zu den Tugenden eines aktiven Helden zurückkehren.
41:36 20 Jahre sind vergangen, als Odysseus wieder in seine Heimat zurückkehrt. Er weiß nicht, was ihn dort erwartet.
41:46 Aber nach der langen Zeit muss er damit rechnen, dass sich ein anderer an seine Position gesetzt hat.
41:53 Und die Herrschaft über sein Reich übernommen hat. So wie die Odyssee begonnen hat, so endet sie auch.
42:03 Der Held greift zu einer List. Odysseus verkleidet sich als Bettler,
42:07 damit ihn Freund und Feind nicht gleich erkennen, wie Homer schreibt. Bis zum letzten Vers bleibt die Geschichte von Odysseus spannend.
42:17 Als beliebtester Held der Antike hat Odysseus die Jahrtausende überdauert. Er ist der Prototyp des mannhaften Heroen. Ein Held, der immer siegt.
42:28 Und seine Irrfahrt wird zum sprichwörtlichen Sinnbild für widrige Unternehmungen mit glücklichem Ausgang.
42:39 Untertitel im Auftrag des ZDF, 2018