Physik · Klasse 9–13 · aktualisiert
Messunsicherheit berechnen und richtig angeben
Bestimme Messunsicherheiten, unterscheide Streuung und Mittelwert und vergleiche Messergebnisse mit ihren Intervallen.
0 von 10 Aufgaben gelöst
Kurz gesagt
Die Messunsicherheit zeigt, welche Werte einer Messgröße zugeordnet werden können. Ein vollständiges Ergebnis nennt Bestwert, Unsicherheit und Einheit, etwa L=(20{,}0\pm0{,}1)\,\mathrm{cm}. Wiederholungen zeigen zufällige Streuung und helfen, die Unsicherheit des Mittelwerts zu bestimmen.
Keine Messung liefert einen vollkommen exakten Wert. Ein vollständiges Messergebnis besteht deshalb aus einem Bestwert, einer Messunsicherheit und einer Einheit, zum Beispiel L=(20{,}0\pm0{,}1)\,\mathrm{cm}. Die Unsicherheit beschreibt, welche Werte der Messgröße aufgrund des Messverfahrens vernünftigerweise infrage kommen.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Du misst die Länge eines Tisches dreimal. Auch bei sorgfältiger Arbeit können sich die Werte unterscheiden. Gründe sind die Skalenteilung, ein anderer Startpunkt oder die Blickrichtung beim Ablesen.
Der Bestwert ist die beste Schätzung aus den Daten, bei einer Messreihe häufig der Mittelwert. Er ist kein exakt bekannter wahrer Wert.
Ein Zahlendreher oder eine ungeeignete Versuchsanordnung ist eine grobe Abweichung. Prüfe die Ursache und dokumentiere sie. Einen auffälligen Wert darfst du nicht allein wegen deiner Erwartung streichen; dafür brauchst du ein begründetes Kriterium.
Eine systematische Abweichung verschiebt Werte unter gleichen Bedingungen in dieselbe Richtung. Ein falsch eingestellter Nullpunkt am Kraftmesser ist ein Beispiel. Wiederholungen beseitigen sie nicht. Prüfe das Gerät, kalibriere es, ändere das Verfahren oder berücksichtige einen passenden Unsicherheitsbeitrag.
Zufällige Abweichungen wechseln unvorhersehbar in Betrag und Richtung. Reaktionszeit, Temperatur und letzte Anzeigestelle können schwanken. Wiederholungen machen die Streuung auswertbar.
Eine Typ-A-Bewertung nutzt statistische Daten aus Wiederholungen. Eine Typ-B-Bewertung nutzt andere Informationen, etwa Herstellerangaben, Kalibrierung, Skalenteilung, Erfahrungswerte oder Umgebungsbedingungen. A und B bezeichnen die Bewertung, nicht gute und schlechte Unsicherheiten.
Definition
Messunsicherheit
Die Messunsicherheit quantifiziert die Variabilität der Werte, die einem Messergebnis zugeordnet werden können. Sie ist kein Eingeständnis schlechten Arbeitens, sondern eine notwendige Angabe zur Qualität einer Messung.
Merke: Ein Messwert ohne Unsicherheit sagt nicht, wie präzise und belastbar das Ergebnis ist.
Teste dich
Bei einer direkten Messung liest du die gesuchte Größe am Gerät ab. Bei einem Analoggerät ist die Hälfte der kleinsten Skalenteilung eine einfache schulische Abschätzung der Ablesegrenze. Bei einer Digitalanzeige kannst du ohne genauere Angabe eine Einheit der letzten Stelle ansetzen. Das ist noch keine statistisch bestimmte Standardunsicherheit. Hersteller- und Kalibrierangaben haben Vorrang.
Runde die Unsicherheit auf höchstens zwei von null verschiedene Ziffern. Runde dann den Bestwert auf dieselbe Dezimalstelle. Aus I=0{,}227459\,\mathrm{A} und u_I=0{,}0050\,\mathrm{A} wird:
I=(0{,}2275\pm0{,}0050)\,\mathrm{A}
Die absolute Unsicherheit u besitzt dieselbe Einheit wie die Messgröße. Bei einem von null verschiedenen Bestwert ist die relative Unsicherheit ihr Verhältnis zum Betrag des Bestwerts:
u_\mathrm{rel}=\frac{u}{|x|}
Als Prozentwert gilt:
u_\%=\frac{u}{|x|}\cdot100\,\%
Für F=(0{,}25\pm0{,}05)\,\mathrm{N} folgt als einfache Abschätzung 0{,}05\,\mathrm{N}/0{,}25\,\mathrm{N}=0{,}20, also 20\,\%.
Bei vergleichbaren unabhängigen Wiederholungen teilst du die Summe der Messwerte durch ihre Anzahl. So erhältst du den Mittelwert. Für die Stichprobenstandardabweichung quadrierst du die Abstände der Einzelwerte zum Mittelwert, addierst sie, teilst durch die Anzahl minus eins und ziehst die Wurzel. Sie beschreibt die Streuung der Einzelwerte. Die Standardunsicherheit des Mittelwerts erhältst du, indem du diese Standardabweichung durch die Wurzel aus der Anzahl teilst. Wenn die Messgröße x heißt, schreibst du dafür s_{\bar x}; der Balken kennzeichnet den Mittelwert.
Bei vergleichbaren unabhängigen Wiederholungen sinkt die statistische Unsicherheit des Mittelwerts im Modell ungefähr mit der Wurzel aus der Messzahl. Die Streuung der Einzelwerte und eine systematische Verschiebung verschwinden dadurch nicht. Ein Vertrauensbereich braucht zusätzlich einen Faktor passend zu Messzahl und Vertrauensniveau; das Niveau musst du nennen.
Beispiel: Ablesegrenze am Federkraftmesser
- 1Ein analoger Federkraftmesser besitzt Teilstriche im Abstand von 0{,}1\,\mathrm N. Du liest 0{,}25\,\mathrm N ab.
- 2Die halbe Skalenteilung beträgt als einfache Ablesegrenze:
- 3\Delta F=\frac{0{,}1\,\mathrm N}{2}=0{,}05\,\mathrm N
- 4F=(0{,}25\pm0{,}05)\,\mathrm N
- 5Das rechnerische Intervall dieser einfachen Abschätzung reicht von 0{,}20\,\mathrm N bis 0{,}30\,\mathrm N. Es ist keine Angabe eines Vertrauensniveaus.
Beispiel: Drei Zeitmessungen auswerten
- 1Drei Zeitmessungen ergeben 10{,}0\,\mathrm{s}, 10{,}2\,\mathrm{s} und 9{,}8\,\mathrm{s}.
- 2Addiere die Zeiten: 10{,}0\,\mathrm{s}+10{,}2\,\mathrm{s}+9{,}8\,\mathrm{s}=30{,}0\,\mathrm{s}.
- 3Der Mittelwert ist \bar t=30{,}0\,\mathrm{s}/3=10{,}0\,\mathrm{s}.
- 4Die Abweichungen vom Mittelwert sind 0\,\mathrm{s}, 0{,}2\,\mathrm{s} und -0{,}2\,\mathrm{s}.
- 5Quadriere 0\,\mathrm{s} zu 0\,\mathrm{s^2}.
- 6Quadriere 0{,}2\,\mathrm{s} zu 0{,}04\,\mathrm{s^2}; für -0{,}2\,\mathrm{s} ergibt sich derselbe Wert.
- 7Die Quadratsumme beträgt 0{,}08\,\mathrm{s^2}.
- 8Teile durch n-1=2: s^2=0{,}08\,\mathrm{s^2}/2=0{,}04\,\mathrm{s^2}.
- 9Daraus folgt s=\sqrt{0{,}04\,\mathrm{s^2}}=0{,}20\,\mathrm{s}.
- 10Für den Mittelwert gilt s_{\bar t}=0{,}20\,\mathrm{s}/\sqrt3\approx0{,}12\,\mathrm{s}.
- 11s beschreibt die Einzelwerte; s_{\bar t} die Unsicherheit des geschätzten Mittelwerts.
Teste dich
Für die Geschwindigkeit v=s/t misst du Weg und Zeit. Beide Unsicherheiten beeinflussen das berechnete Ergebnis.
Für s\ne0 und t\ne0 heißen die relativen Beiträge r_s=u_s/|s| und r_t=u_t/|t|. Bei unabhängigen, probabilistisch beschriebenen Eingangsgrößen werden sie quadratisch kombiniert:
u_v\approx|v|\sqrt{r_s^2+r_t^2}
Wenn Eingangsunsicherheiten sichere Größtwerte meinen, addierst du die relativen Beiträge konservativ:
u_v\approx|v|(r_s+r_t)
Die Wahl hängt von der Bedeutung der Eingangsunsicherheiten ab; die Regeln sind nicht austauschbar.
Beispiel: Geschwindigkeit mit Unsicherheit bestimmen
- 1Gegeben sind s=(50{,}00\pm0{,}50)\,\mathrm{m} und t=(20{,}0\pm1{,}0)\,\mathrm{s}.
- 2Für den Bestwert gilt v=s/t=50{,}00\,\mathrm{m}/20{,}0\,\mathrm{s}=2{,}50\,\mathrm{m/s}.
- 3Die relativen Eingangsunsicherheiten sind 0{,}50\,\mathrm{m}/50{,}00\,\mathrm{m}=0{,}01=1\,\% und 1{,}0\,\mathrm{s}/20{,}0\,\mathrm{s}=0{,}05=5\,\%.
- 4Für unabhängige statistische Beiträge setzt du ein: u_v=2{,}50\,\mathrm{m/s}\cdot\sqrt{0{,}01^2+0{,}05^2}.
- 5Das ergibt gerundet u_v\approx0{,}13\,\mathrm{m/s}.
- 6Das Ergebnis lautet v=(2{,}50\pm0{,}13)\,\mathrm{m/s}.
- 7Wenn beide Eingangsunsicherheiten dagegen Größtwerte meinen, addierst du die relativen Beiträge: u_v\approx2{,}50\,\mathrm{m/s}\cdot(0{,}01+0{,}05).
- 8Dann folgt der konservative Näherungswert u_v\approx0{,}15\,\mathrm{m/s}.
- 9Die Zeit trägt mit 5\,\% mehr bei als der Weg mit 1\,\%. Eine bessere Zeitmessung senkt die Unsicherheit hier stärker.
Merke: Quadratische und lineare Kombination sind keine frei austauschbaren Rezepte. Die Wahl hängt davon ab, wie die Eingangsunsicherheiten bestimmt und interpretiert wurden.
Teste dich
Vergleiche Ergebnisse zusammen mit ihren Unsicherheiten. Bilde zuerst aus x\pm u das rechnerische Intervall:
[x-u;\,x+u]
Für dieses Rechenbeispiel sei nahe der Erdoberfläche der Referenzwert g_\mathrm{ref}\approx9{,}81\,\mathrm{m/s^2} angenommen. Aus g_A=(9{,}83\pm0{,}01)\,\mathrm{m/s^2} folgt das Intervall [9{,}82;9{,}84]\,\mathrm{m/s^2}. Es enthält den Referenzwert nicht. Aus g_B=(9{,}78\pm0{,}05)\,\mathrm{m/s^2} folgt [9{,}73;9{,}83]\,\mathrm{m/s^2}; darin liegt der Referenzwert. Nach dieser einfachen Intervallregel ist B mit ihm verträglich, obwohl A den näheren Bestwert besitzt.
Ein Intervall aus einer Standardunsicherheit ist keine sichere Grenze für den wahren Wert. Überlappende Intervalle können auf Verträglichkeit hinweisen, beweisen aber keine Gleichheit. Für weitergehende Vergleiche beachtest du Verteilung, Vertrauensniveau, Messzahl und mögliche Abhängigkeiten.
Definition
Präzision und Richtigkeit
Präzision beschreibt, wie wenig wiederholte Messwerte unter vergleichbaren Bedingungen streuen. Richtigkeit beschreibt die Nähe ihres Mittelwerts zu einem geeigneten Referenzwert. Messwerte können eng beieinanderliegen und durch einen systematischen Einfluss dennoch verschoben sein.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Messunsicherheit
Ergebnis
Bestwert, Unsicherheit und Einheit
Ursachen
zufällige, systematische und grobe Abweichungen
Bestimmung
Typ A aus Wiederholungen, Typ B aus weiteren Informationen
Darstellung
absolute und relative Unsicherheit
Fortpflanzung
Eingangsbeiträge passend zum Unsicherheitsmodell kombinieren
Vergleich
Intervalle und Präzision gemeinsam beurteilen
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Relative Unsicherheit einer Spannungsmessung
- 1Gegeben ist U=(15{,}0\pm0{,}6)\,\mathrm{V}. Gesucht ist die relative Unsicherheit.
- 2Setze Bestwert und absolute Unsicherheit mit Einheiten ein: u_\mathrm{rel}=0{,}6\,\mathrm{V}/15{,}0\,\mathrm{V}=0{,}04.
- 3Als Prozentwert gilt u_\%=0{,}04\cdot100\,\%=4\,\%. Die Einheit Volt kürzt sich im Verhältnis heraus.
- 4Der Bestwert und die absolute Unsicherheit bleiben 15{,}0\,\mathrm{V} und 0{,}6\,\mathrm{V}; der Prozentwert ergänzt sie.
Fehler finden
Streuung und Mittelwertunsicherheit unterscheiden In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 4Die markierte Zeile verwechselt s mit s_{\bar t}. Richtig ist s_{\bar t}=0{,}20\,\mathrm{s}/\sqrt3\approx0{,}12\,\mathrm{s}.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Ein vollständiges Messergebnis enthält den , die und die . Die absolute Unsicherheit besitzt dieselbe Einheit wie die Messgröße.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback