Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Urbanisierung: Ursachen, Formen und Folgen
Du lernst, warum Städte wuchsen, welche Formen Urbanisierung hat und wie du Zahlen, Chancen und Probleme des Stadtwachstums beurteilst.
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Kurz gesagt
Urbanisierung bedeutet, dass sich städtische Lebensformen ausbreiten. Dazu gehören mehr Bebauung, ein größerer Stadtbevölkerungsanteil, Versorgungsnetze und veränderte Lebensweisen. Neue Arbeitsplätze boten Chancen; schlechte Wohnungen und Umweltbelastungen schufen Probleme.
Eine Stadt wächst: Neue Häuser entstehen, Menschen ziehen zu und Wasserleitungen werden gebaut. Doch diese Veränderungen betreffen unterschiedliche Bereiche. Du untersuchst, warum Städte im 19. Jahrhundert wuchsen und weshalb mehr Stadtbewohner nicht schon bessere Lebensbedingungen bedeuteten.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Urbanisierung bedeutet die Ausbreitung städtischer Lebensformen. Du kannst dabei vier Dimensionen unterscheiden. Das sind vier Blickrichtungen auf einen Vorgang, die gemeinsam auftreten können.
Die physische Dimension betrifft die Bebauung: Die bebaute Fläche wächst. Die demographische Dimension betrifft die Bevölkerung: Der Anteil der Stadtbewohner an der Gesamtbevölkerung steigt. Mehr Stadtbewohner allein bedeuten noch keinen größeren Anteil, wenn zugleich die Gesamtbevölkerung wächst.
Die funktionale Dimension betrifft die Ausbreitung städtischer Infrastruktur. Infrastruktur sind Einrichtungen und Netze, etwa für Wasserversorgung und Verkehr. Auch städtische Arbeits- und Dienstleistungsformen breiten sich im Umland aus. Dienstleistungen sind Arbeiten wie Handel oder Verwaltung, bei denen keine Waren hergestellt werden.
Die soziale Dimension betrifft die Übernahme städtischer Verhaltens- und Lebensweisen auch außerhalb der Stadt. Urbanisierung reicht deshalb über neue Häuser und steigende Einwohnerzahlen hinaus.
Definition
Verstädterungsquote
Der Anteil der Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung eines Gebietes. Eine Quote beschreibt einen Anteil, keine absolute Einwohnerzahl.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: Neue Häuser einordnen
- 1Am Rand einer Stadt wird bisher unbebautes Gelände mit Wohnhäusern bebaut.
- 2Damit wächst die bebaute Fläche. Das gehört zur physischen Dimension.
- 3Ob auch der Anteil der Stadtbevölkerung steigt, lässt sich aus den neuen Häusern allein nicht ablesen.
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Im 19. Jahrhundert verloren viele Landarbeiter ihre Beschäftigung. Ein Grund war der Einsatz von Maschinen in der Landwirtschaft: Dadurch wurden weniger Arbeitskräfte gebraucht. Armut und Bevölkerungswachstum verschärften die Lage. Solche Bedingungen heißen Pushfaktoren: Sie drängen Menschen aus ihrer Herkunftsregion.
In Industriezentren entstanden Arbeitsplätze. Die Hoffnung auf Verdienst zog Menschen an. Solche Anreize am Zielort heißen Pullfaktoren. Sie garantierten aber weder eine Arbeitsstelle noch eine gute Wohnung. Du musst deshalb zwischen der Hoffnung vor einem Umzug und den tatsächlichen Lebensbedingungen danach unterscheiden.
Nicht nur Fabriken waren für das Städtewachstum wichtig. Auch Hafenhandel, Verkehrsknoten und Verwaltung oder andere Dienstleistungen spielten eine Rolle. Verkehrsknoten sind Orte, an denen wichtige Verkehrswege zusammentreffen. In Deutschland nach 1850 hingen Industrialisierung und Stadtwachstum eng zusammen. Sie waren aber nicht dasselbe.
Definition
Push- und Pullfaktoren
Pushfaktoren sind belastende Bedingungen am Herkunftsort. Pullfaktoren sind Anreize am Zielort. Gemeinsam helfen sie, einen Umzug zu erklären.
Merke: Die Hoffnung auf Verdienst konnte zum Zuzug führen. Sie war keine Zusage für Arbeit oder eine gute Wohnung.
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Eine historische Tabelle, die die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht hat, zeigt Werte für das Deutsche Reich, den damaligen deutschen Staat. Sie beruht auf einer späteren Zusammenstellung von Jürgen Reulecke, einem Historiker. Du untersuchst hier also kein ursprüngliches Zählblatt.
Im Deutschen Reich stieg der Anteil der Stadtbevölkerung von 36,1 % im Jahr 1871 auf 60,0 % im Jahr 1910. Die Differenz beträgt 23,9 Prozentpunkte. Prozentpunkte geben den Abstand zwischen zwei Prozentanteilen an. Die Gesamtbevölkerung stieg zugleich von 41,010 auf 64,926 Millionen. Diese Einwohnerzahlen zählen Menschen; die Prozentwerte beschreiben den Anteil der Stadtbewohner.
Vergleiche zuerst denselben Raum und dieselbe Bezugsgröße. Preußen ist ein gesondert erfasstes Gebiet in der Tabelle. Seine Werte beziehen sich auf einen anderen Raum als die Werte für das Deutsche Reich. Prüfe außerdem, was jeweils als Stadt gezählt wurde und ob sich Gemeindegrenzen änderten. Eine Eingemeindung bedeutet, dass ein Ort oder Gebiet einer anderen Gemeinde zugeordnet wird. Dadurch können sich deren Einwohnerzahlen verändern.
Die beiden Reichswerte zeigen einen größeren Stadtbevölkerungsanteil. Sie verraten aber keine persönlichen Umzugsmotive und beweisen nicht, wie viel Wachstum allein durch Zuzug entstand. Aus ihnen allein kannst du auch keine Verbesserung der Wohnverhältnisse ableiten.
| Jahr | Gesamtbevölkerung im Deutschen Reich | Anteil der Stadtbevölkerung |
|---|---|---|
| 1871 | 41,010 Millionen | 36,1 % |
| 1910 | 64,926 Millionen | 60,0 % |
Merke: Ein steigender Anteil beschreibt eine Veränderung. Er erklärt für sich genommen weder ihre Ursachen noch die Lebensbedingungen.
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Stadtwachstum bot neue Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Es brachte aber auch überfüllte Wohnungen und schlechte hygienische Verhältnisse mit sich. Hygiene betrifft Bedingungen, die helfen, Krankheiten zu vermeiden, etwa sauberes Wasser und die Beseitigung von Abwasser. Mehr Stadtbewohner bedeuteten deshalb nicht schon bessere Wohnverhältnisse.
Später verbesserten technische Netze die Versorgung. Zwischen 1880 und 1910 wurden Leistungen für Wasser, Energie und Verkehr ausgebaut. Bei einem Urteil musst du also den Zeitraum berücksichtigen: Frühe Wohnprobleme und spätere Verbesserungen gehören beide zur Entwicklung.
Städte waren außerdem mit ihrem Umland verbunden. Sie bezogen Wasser und Energie auch aus größerer Entfernung. Die Kanalisation, ein Netz zur Ableitung von Abwasser, leitete Abfälle und Schadstoffe aus dem Stadtgebiet. Das konnte die Hygiene in der Stadt verbessern und zugleich die Umgebung belasten. Eine Verbesserung innerhalb der Stadt konnte somit mit Nachteilen außerhalb verbunden sein.
Ein begründetes Urteil nennt Vorteile und Belastungen und erklärt, für wen und wann sie galten. Neue Erwerbschancen waren ein Vorteil. Schlechte Wohnungen waren eine Belastung. Verbesserte Versorgung war ein Fortschritt, doch auch die Folgen für Umwelt und Umland gehören in dein Urteil. Die Gewichtung hängt davon ab, welchen Zeitraum und welche betroffene Gruppe du untersuchst.
Merke: Prüfe Arbeit, Wohnen, Versorgung und Umwelt gemeinsam. Benenne dabei den Zeitraum und die betroffene Gruppe.
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Alles auf einen Blick
Urbanisierung
Begriff
Urbanisierung ist die Ausbreitung städtischer Lebensformen und hat vier Dimensionen.
Ursachen
Beschäftigungsverlust auf dem Land konnte Menschen fortdrängen; die Hoffnung auf Verdienst konnte sie in Industriezentren ziehen.
Vielfalt
Auch Hafenhandel, Verkehrsknoten, Verwaltung und andere Dienstleistungen waren für Stadtwachstum wichtig.
Daten
Vergleiche gleiche Räume und Bezugsgrößen und prüfe Stadtdefinitionen sowie Gemeindegrenzen.
Urteil
Neue Erwerbschancen und bessere Versorgung müssen zusammen mit Wohnproblemen und Umweltbelastungen betrachtet werden.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Was belegt der steigende Stadtbevölkerungsanteil?
- 1Aufgabe: Prüfe, ob der steigende Stadtbevölkerungsanteil im Deutschen Reich bessere Wohnverhältnisse beweist.
- 2Werte feststellen: 1871 betrug der Anteil 36,1 %, 1910 waren es 60,0 %.
- 3Veränderung berechnen: 60,0 minus 36,1 ergibt eine Zunahme um 23,9 Prozentpunkte.
- 4Aussagebereich bestimmen: Gemessen wird der Anteil der Stadtbevölkerung, nicht die Qualität ihrer Wohnungen.
- 5Ergebnis formulieren: Der Stadtbevölkerungsanteil stieg. Ob die Menschen besser wohnten, lässt sich aus diesen beiden Werten allein nicht beurteilen.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zu Erwerbschancen und Wohnen In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage verwechselt Erwerbschancen mit guten Lebensbedingungen. Richtig: Stadtwachstum brachte auch überfüllte Wohnungen und schlechte hygienische Verhältnisse mit sich.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Die Ausdehnung bebauter Flächen gehört zur Dimension der Urbanisierung. Neue Verdienstmöglichkeiten in Industriezentren wirkten für Menschen vom Land als . Im Deutschen Reich betrug der Stadtbevölkerungsanteil 1910 .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback