Geschichte · Klasse 11–13 · aktualisiert
Migrationsgeschichte: Ursachen und Verläufe verstehen
Du lernst, warum Migration zur Geschichte gehört, wie sich Wanderungen vergleichen lassen und wo Zahlen und Berichte an Grenzen stoßen.
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Kurz gesagt
Migration bedeutet, den Lebensmittelpunkt für eine gewisse Dauer zu verlegen. Sie gehört seit Langem zur menschlichen Geschichte. Gründe, Wege und Handlungsspielräume unterscheiden sich: Arbeitssuche und erzwungene Flucht sind nicht gleichzusetzen.
Ein Ortswechsel kann Arbeit, Familienleben oder Schutz ermöglichen. Doch Menschen können unterschiedlich frei darüber entscheiden, ob, wann und wohin sie gehen. Du vergleichst historische Wanderungen und prüfst, was Zahlen darüber aussagen können.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Migration meint hier die Verlegung des Lebensmittelpunktes für eine gewisse Dauer. Wie lang diese Dauer sein muss, ist nicht einheitlich festgelegt. Wir verwenden Migration als Oberbegriff, der auch Flucht einschließt.
Arbeit, Familie und Schutzsuche bewegten Menschen schon lange vor heutigen Staatsgrenzen. Migration ist deshalb ein historischer Normalfall: Sie ist ein wiederkehrendes Phänomen. Das bedeutet weder, dass sie zu allen Zeiten gleich häufig war, noch, dass sie freiwillig oder konfliktfrei verlief.
Im 19. Jahrhundert bestanden Aus-, Ein- und Durchwanderung nebeneinander. Dieselbe grenzüberschreitende Bewegung ist aus Sicht des Herkunftslandes Auswanderung und aus Sicht des Aufnahmelandes Einwanderung. Durchwanderung bedeutet einen vorübergehenden Aufenthalt auf dem Weg in ein anderes Zielland.
Auch das Kaiserreich war ein Ziel von Arbeitsmigration. Industriezentren wie das Ruhrgebiet zogen Arbeitskräfte und Familien an. Zwischen Reichsgründung und 1910 stieg die Zahl registrierter Ausländer von 206.000 auf knapp 1,3 Millionen. Saisonarbeiter, die zeitlich begrenzt für eine Arbeit kamen, fehlen darin. Diese Bestandszahl beschreibt registrierte Personen, keine Summe aller Zuzüge.
Definition
Binnenmigration
Binnenmigration ist ein Wechsel des Lebensmittelpunktes innerhalb eines angegebenen Gebietes. Du musst dazusagen, ob damit etwa eine Region oder ein Staat gemeint ist.
Beispiel: Zuwanderung in das Kaiserreich
- 1Industriezentren wie das Ruhrgebiet zogen Arbeitskräfte und Familien an.
- 2Das zeigt: Zur Migrationsgeschichte gehört neben dem Weggehen auch das Ankommen.
- 3Die Zahl registrierter Ausländer erfasst einen Bestand. Saisonarbeiter fehlen darin.
Teste dich
Für einen Vergleich trennst du Zeitraum, Herkunft und Ziel, Anlass oder Beweggründe, Größenordnung und Handlungsspielraum. Handlungsspielraum meint die Möglichkeiten, selbst über eine Bewegung zu entscheiden. Ein länger wirkender Beweggrund ist nicht dasselbe wie ein einzelner auslösender Anlass.
Fall A: 1816–1914 wanderten rund 5,5 Millionen Deutsche in die USA aus, die Vereinigten Staaten von Amerika. Wirtschaftliche Perspektiven waren wichtig. Gegen Ende des Jahrhunderts verringerten bessere Chancen in Deutschland und die Wirtschaftskrise in den USA die Bewegung. Für den gesamten Zeitraum lässt sich kein einzelner Anlass angeben. Wirtschaftliche Beweggründe belegen außerdem nicht, dass jeder Auswanderer völlig frei entscheiden konnte.
Fall B: Nach 1933 mussten etwa eine halbe Million Menschen vor dem nationalsozialistischen Regime, kurz NS-Regime, Deutschland verlassen. Die Verfolgung begrenzte ihre Wahlfreiheit. Die Fliehenden fanden 1933–1939/40 Aufnahme in mehr als 80 Staaten weltweit. Die Aufnahmebereitschaft anderer Staaten nahm in den 1930er-Jahren ab. Es handelte sich um erzwungene Flucht, nicht um freie Arbeitswanderung.
Beide Fälle zeigen eine Bewegung aus Deutschland. Doch Fall A nennt ein bestimmtes Zielland, Fall B viele Aufnahmestaaten. Auch die Zeitangaben unterscheiden sich: Die gerundete Gesamtzahl nach 1933 hat hier kein genau angegebenes Endjahr. Du darfst die beiden Gesamtzahlen deshalb nicht wie gleich lange Zeitabschnitte behandeln. Die Verfolgung in Fall B unterscheidet sich zudem von den wirtschaftlichen Beweggründen in Fall A.
| Vergleichspunkt | Fall A | Fall B |
|---|---|---|
| Zeitraum | 1816–1914 | Nach 1933; Endjahr der Gesamtzahl nicht angegeben |
| Richtung | Deutsche in die USA | Aus Deutschland; 1933–1939/40 Aufnahme in mehr als 80 Staaten weltweit |
| Beweggründe | Wirtschaftliche Perspektiven wichtig; kein einzelner Anlass für den Gesamtzeitraum | Flucht vor der Verfolgung durch das NS-Regime |
| Umfang | Rund 5,5 Millionen Deutsche | Etwa eine halbe Million Menschen |
| Handlungsspielraum | Keine Aussage über die Wahlfreiheit jedes Einzelnen möglich | Durch Verfolgung und abnehmende Aufnahmebereitschaft begrenzt |
Merke: Vergleiche nicht nur die Zahl der Menschen. Prüfe auch Zeiträume, Ziele, Beweggründe und Entscheidungsmöglichkeiten.
Teste dich
Eine Flucht verläuft häufig über mehrere Stationen. Menschen suchen zunächst nahe Orte auf. Weitere Stationen können Verwandte, Nachbarregionen oder Lager sein. Rückkehr und erneute Flucht können folgen. Eine feste Reihenfolge, die für alle gilt, gibt es dabei nicht.
Nähe kann wichtig sein, weil Menschen auf eine rasche Rückkehr hoffen. Zugleich beschränken fehlendes Geld, fehlende Papiere und Hindernisse an Grenzen die möglichen Wege. Eine kurze Fluchtdistanz belegt deshalb keine geringe Gefahr am Herkunftsort.
Fliehende versuchen, innerhalb dieser Grenzen Entscheidungen zu treffen. Ihre Mittel, Kontakte und Handlungsmöglichkeiten beeinflussen den Verlauf. Flucht ist daher häufig regional nahe und etappenweise, aber nicht jede Flucht bleibt in der Nähe oder folgt demselben Weg.
Definition
Etappe
Eine Etappe ist ein Abschnitt eines längeren Weges. Ein erreichter Aufenthaltsort muss noch nicht das endgültige Ziel sein.
Merke: Eine Flucht kann Rückkehr und erneute Flucht einschließen. Eine gerade Linie vom Herkunftsort zum endgültigen Ziel bildet solche Wege nicht ausreichend ab.
Teste dich
Frage bei jeder Zahl zuerst: Wer wird gezählt, in welchem Gebiet und für welchen Zeitraum? Eine absolute Zahl gibt eine Menge an. Ein Bevölkerungsanteil setzt eine Menge ins Verhältnis zur Bevölkerung. Ein Bestand zählt anwesende oder registrierte Personen; eine Zahl von Zu- oder Fortzügen erfasst Bewegungen. Diese Bezugsgrößen sind nicht austauschbar.
Die Zahl registrierter Ausländer im Kaiserreich ist eine Bestandszahl. Saisonarbeiter fehlen darin. Sie lässt sich nicht direkt mit der Gesamtzahl der Deutschen vergleichen, die 1816–1914 in die USA auswanderten. Der eine Wert betrifft registrierte Personen, der andere eine Wanderungsbewegung über einen langen Zeitraum.
Auch Datenreihen zur Abwanderung können unterschiedlich aufgebaut sein. Die Reihe zur deutschen Abwanderung 1834–1939 erfasst ausschließlich transatlantische Wanderung, also Wanderung über den Atlantik, und hat Lücken. Innereuropäische Bewegungen fehlen. Daraus folgt nicht, dass es innerhalb Europas keine Wanderung gab.
Ab 1946 umfasst die hier betrachtete Meldestatistik registrierte Fortzüge deutscher und ausländischer Personen über die Grenzen. Die beiden Reihen erfassen somit unterschiedliche Bewegungen und Personengruppen. Ein direkter Vergleich würde diese Unterschiede übergehen. Ein belastbares Urteil benennt deshalb Bezugsgröße, Zeitraum und Erfassungslücken.
Definition
Bezugsgröße
Die Bezugsgröße legt fest, worauf sich eine Zahl bezieht: etwa auf registrierte Personen oder auf Fortzüge in einem bestimmten Zeitraum.
Merke: Fehlende Erfassung ist kein Beweis dafür, dass eine Bewegung nicht stattgefunden hat.
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Alles auf einen Blick
Migrationsgeschichte
Normalfall
Migration gehört als wiederkehrendes Phänomen zur Geschichte; sie ist deshalb nicht notwendig freiwillig.
Vergleich
Zeitraum, Richtung, Beweggründe, Umfang und Handlungsspielraum müssen getrennt geprüft werden.
Flucht
Wege führen häufig über nahe Stationen; Rückkehr und erneute Flucht sind möglich.
Bezugsgröße
Ein Personenbestand, eine Zahl von Wanderungen und ein Bevölkerungsanteil messen Verschiedenes.
Quellenlücken
Nicht erfasste Bewegungen dürfen nicht als nicht vorhandene Bewegungen gelten.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Den Aussagebereich einer Meldestatistik bestimmen
- 1Aufgabe: Bestimme, was die betrachtete Meldestatistik ab 1946 erfasst.
- 2Personengruppe bestimmen: Sie umfasst deutsche und ausländische Personen.
- 3Vorgang bestimmen: Gezählt werden registrierte Fortzüge über die Grenzen.
- 4Urteil formulieren: Die Statistik erfasst damit keine Binnenwanderungen innerhalb des Staates. Sie belegt aber auch nicht, dass solche Wanderungen fehlten.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zur Abwanderungsreihe In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3Die letzte Aussage verwechselt eine Lücke in der Reihe mit dem Fehlen von Migration. Richtig: Innereuropäische Bewegungen sind in dieser Reihe nicht erfasst. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass sie nicht stattfanden.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Rund 5,5 Millionen Deutsche wanderten im Zeitraum in die USA aus. Nach 1933 mussten vor dem NS-Regime etwa Menschen Deutschland verlassen. Die Zahl registrierter Ausländer im Kaiserreich lag 1910 bei knapp ; Saisonarbeiter fehlen darin.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback