Geschichte · Klasse 7–11 · aktualisiert
Christliche und islamische Welt: Konflikt und Austausch verstehen
Du untersuchst religiöse Vielfalt, Schutz und Ungleichheit sowie Krieg und Austausch. Du lernst, historische Urteile mit Grenzen zu begründen.
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Kurz gesagt
„Christliche Welt“ und „islamische Welt“ sind vereinfachende Sammelbegriffe. In beiden lebten Menschen verschiedener Religionen und Interessen. Kriege, friedliche Kontakte und Austausch gehörten zu ihren Beziehungen.
Können Menschen miteinander handeln und trotzdem ungleiche Rechte haben? Können Herrscher derselben Religion gegeneinander kämpfen? An christlichen und islamischen Gesellschaften untersuchst du, warum Religion allein ihre Beziehungen nicht erklärt.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
5 Abschnitte
Die Begriffe „christliche Welt“ und „islamische Welt“ fassen viele unterschiedliche Gesellschaften zusammen. Sie sagen nicht, dass alle Bewohner denselben Glauben oder dieselben Interessen hatten. Auch Herrscher derselben Religion waren nicht unbedingt Verbündete.
Al-Andalus hieß das Gebiet der Iberischen Halbinsel, das zwischen 711 und 1492 muslimisch beherrscht wurde. Seine Grenzen und Herrschaften veränderten sich. Dort lebten hauptsächlich Muslime, Christen und Juden. Auch die Muslime waren keine einheitliche Gruppe: Zu ihnen gehörten unter anderem Araber und nordafrikanische Berber. Nach dem Ende des Kalifats von Córdoba, einer muslimischen Herrschaft, zerfiel al-Andalus in mehrere weitgehend unabhängige Staaten.
Auch Christen standen auf verschiedenen Seiten. Lateinische Christen gehörten zur westlichen Kirche, orthodoxe Christen zu östlichen Kirchen. Im vierten Kreuzzug eroberten und plünderten lateinische Kreuzfahrer 1204 die christlich-orthodoxe Stadt Konstantinopel, die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches. Ein Kreuzzug war also nicht zwangsläufig ein Krieg von Christen gegen Muslime.
Definition
Sammelbegriff
Ein Sammelbegriff fasst Verschiedenes unter einem Namen zusammen. Dabei können wichtige Unterschiede unsichtbar werden.
Merke: Frage nach Bewohnern, Herrschern und ihren Interessen. Die Religion eines Herrschers beschreibt nicht die ganze Bevölkerung.
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Dhimmi waren nichtmuslimische Schutzbefohlene islamischer Herrscher. Der Status galt für Angehörige von Buchreligionen, also Religionen mit heiligen Schriften: Juden, Christen und Zoroastrier, die einer weiteren Religion angehörten. Dhimmi zahlten die Dschizya, eine Steuer pro Person. Dafür erhielten sie insbesondere das Recht, ihre Religion weiter auszuüben. Schutz bedeutete jedoch keine rechtliche Gleichheit mit Muslimen.
Der rechtliche Status erklärt außerdem nicht vollständig, wie Menschen tatsächlich behandelt wurden. In al-Andalus veränderte sich ihre Lage mit der Zeit. Unter den Almohaden, einer muslimischen Herrscherfamilie, wurden Dhimmi deutlich härter behandelt. Viele Christen und Juden verließen das Land, weil ihnen andernfalls der erzwungene Glaubenswechsel oder der Tod drohte.
Eine ähnliche Verbindung von Religionsausübung und Ungleichheit gab es in den Kreuzfahrerstaaten. Das waren Herrschaften, die aus dem ersten Kreuzzug entstanden. Ihre Bewohner gehörten verschiedenen Religionen und Bevölkerungsgruppen an. Die Herrscher übernahmen im Wesentlichen das ältere islamische Dhimmi-System. Andere Christen, Muslime und Juden durften ihre Religion ausüben, waren gegenüber lateinischen Christen aber rechtlich benachteiligt.
Merke: Du musst zwei Fragen trennen: Darf jemand seinen Glauben ausüben? Hat er dieselben Rechte wie andere?
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Kreuzzüge waren Kriege, die von der lateinischen Kirche gebilligt wurden. Religiöse Ziele, Machtinteressen und wirtschaftliche Interessen spielten dabei eine Rolle. Papst Urban II., das Oberhaupt der westlichen Kirche, rief 1095 in Clermont Ritter zur bewaffneten Hilfe für Christen im Orient auf. Damit waren hier Gebiete im östlichen Mittelmeerraum gemeint. Der byzantinische Kaiser Alexios hatte wegen des Vordringens der Seldschuken, einer muslimischen Macht, um Hilfe gebeten.
Für Kreuzfahrer wurde die Gewinnung der heiligen Stätten in Jerusalem ein wichtiges Ziel. Der Ausdruck „Heiliger Krieg“ sollte den Kampf als Gottes Willen rechtfertigen. Das war eine religiöse Rechtfertigung der Beteiligten, kein Beweis dafür, dass Gott Gewalt wollte. Urbans Rede ist nur in vier späteren unterschiedlichen Fassungen überliefert.
Im Juli 1099 eroberten Kreuzfahrer Jerusalem und töteten muslimische und jüdische Bewohner in großer Zahl. Über die Opferzahl gibt es unterschiedliche Schätzungen: Eine geht von 20.000 Opfern aus. Die Historiker Thomas Asbridge und Benjamin Kedar kommen dagegen auf etwas über 3.000 Opfer. Die genaue Zahl ist damit nicht gesichert. Schon 1096 hatten Gruppen des Volkskreuzzuges jüdische Gemeinden im Rheinland und in Lothringen massakriert. Christliche Feindbilder und teilweise sozialer Neid trugen zu diesen Angriffen bei.
Der christliche Geschichtsschreiber Wilhelm von Tyrus beschrieb später die massenhaften Tötungen in Jerusalem und rechtfertigte sie als Urteil Gottes. Saladins Sekretär Imad ad-Din beschrieb dagegen die muslimische Eroberung Jerusalems 1187 als Dschihad. Saladin war Sultan, also Herrscher, von Ägypten und Syrien. Dschihad bedeutet allgemein Bemühen auf dem Weg Gottes und kann auch bewaffneten Kampf bezeichnen. Nach Imad ad-Din nahmen die Belagerer die Aufgabe der Stadt erst an, nachdem die Belagerten mit der Tötung muslimischer Gefangener und mit Zerstörungen gedroht hatten. Wer Lösegeld zahlte, durfte abziehen. Beide Berichte geben religiöse Sichtweisen wieder. Auch unter Christen gab es Kritik an bewaffneten Kreuzzügen.
Definition
Perspektive
Eine Perspektive ist der Blickwinkel eines Menschen. Seine Stellung und Überzeugungen beeinflussen, wie er Ereignisse beschreibt und beurteilt.
Merke: Trenne eine Handlung von ihrer Rechtfertigung: Wer Gewalt als Gottes Willen bezeichnet, liefert damit keine neutrale Erklärung.
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Ein Konflikt entsteht beim Streit zwischen Menschen oder Gruppen und kann gewaltsam ausgetragen werden. Zusammenleben bedeutet zunächst, dass verschiedene Gruppen am selben Ort leben. Austausch geht darüber hinaus: Menschen geben etwa Waren, Wissen oder Gebräuche weiter. Diese Formen können nebeneinander vorkommen.
In al-Andalus übernahmen manche Christen arabische Gebräuche, Kunst und Ausdrücke. Diese Christen wurden Mozaraber genannt. Sie behielten ihren christlichen Glauben und ihre romanischen Sprachen, also eine Gruppe miteinander verwandter Sprachen. Kulturelle Übernahme bedeutete somit keinen vollständigen Glaubenswechsel.
Nach der Eroberung Toledos 1085 kamen Gelehrte aus anderen Ländern in die Stadt. Sie übersetzten wissenschaftliche Texte aus dem Arabischen ins Lateinische. Damit wurde Wissen über Sprachgrenzen hinweg weitergegeben. Die vorausgehende Eroberung und der anschließende Wissensaustausch sind unterschiedliche Vorgänge.
Auch Handel verband Gebiete. Das Emirat Granada, eine muslimische Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel, verband Handelswege Europas mit denen des Maghreb, einer Region Nordafrikas. Arabisch war seine Amtssprache und die Muttersprache der Mehrheit seiner Bewohner. Handel ist ein Beispiel für Austausch; er belegt für sich genommen keine gleichen Rechte aller Beteiligten.
Beispiel: Gebräuche übernehmen und den Glauben behalten
- 1Mozaraber waren Christen in al-Andalus, die Teile der arabischen Kultur übernahmen.
- 2Die Übernahme von Gebräuchen ist ein Beispiel für kulturellen Austausch.
- 3Weil sie ihren christlichen Glauben behielten, darfst du daraus keinen Übertritt zum Islam ableiten.
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Ein historisches Urteil braucht einen Maßstab und passende Beobachtungen. Willst du etwa die Stellung einer Religionsgruppe beurteilen, kannst du nach freier Religionsausübung und gleichen Rechten fragen. Nenne auch, für welchen Ort und welche Zeit dein Urteil gilt. Ein Beispiel trägt kein Urteil über alle christlichen oder islamischen Gesellschaften.
Über al-Andalus urteilen Forscher unterschiedlich. Die Mittelalterforscherin María Rosa Menocal betont die Duldung verschiedener Religionen. Sie bewertet die Lage der Juden unter dem Kalifat als deutlich besser als in den christlichen Reichen Europas. Der Historiker Bernard Lewis hebt dagegen hervor, dass Andersgläubige rechtlich nicht gleichberechtigt waren. Der Mittelalterforscher Francisco García Fitz erkennt kulturellen Austausch und friedliche Wirtschaftsbeziehungen an, bestreitet aber Gleichheit und volle Anerkennung der Unterschiede. Eine vergleichsweise bessere Stellung und fehlende Gleichberechtigung können gleichzeitig bestehen.
Auch bei Reformen musst du Anspruch und Wirklichkeit trennen. Der osmanische Sultan Abdulmecid I., ein muslimischer Herrscher, erließ am 18. Februar 1856 einen Reformerlass. Staatliche Schulen sollten seinen Untertanen unabhängig von der Religion offenstehen, wenn sie die Alters- und Prüfungsbedingungen erfüllten. Für bestimmte Streitfälle zwischen Angehörigen verschiedener Religionen waren gemischte Gerichte vorgesehen. Das waren Reformversprechen. Sie beweisen keine vollständige Umsetzung.
Ein begründetes Urteil kann deshalb lauten: Der Erlass versprach beim Schulzugang eine Verbesserung für Nichtmuslime. Ob sie diese Möglichkeit im Alltag tatsächlich nutzen konnten, lässt sich mit dem Reformversprechen allein nicht klären.
Merke: Beobachtung, Maßstab, Grenze: Nenne deinen Beleg, erkläre deine Bewertung und sage, was damit noch nicht bewiesen ist.
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Alles auf einen Blick
Christliche und islamische Welt
Vielfalt
Religiöse Sammelbegriffe verdecken unterschiedliche Gruppen und Interessen.
Dhimmi
Schutz und weitere Religionsausübung waren mit rechtlicher Ungleichheit verbunden.
Kreuzzüge
Religiöse Rechtfertigungen müssen von den Handlungen und ihren Folgen getrennt werden.
Austausch
Handel und Wissenstransfer konnten neben Konflikten und ungleichen Rechten bestehen.
Urteil
Vergleiche Beobachtungen anhand eines Maßstabs und benenne die Grenzen deiner Belege.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Das Schulversprechen des osmanischen Erlasses prüfen
- 1Aufgabe: Beurteile, was der osmanische Reformerlass von 1856 über den Schulzugang belegt.
- 2Beobachtung: Staatliche Schulen sollten Untertanen unabhängig von ihrer Religion aufnehmen, sofern sie die Alters- und Prüfungsbedingungen erfüllten.
- 3Maßstab: Prüfe, ob die Religion beim Zugang zur Schule einen Unterschied machen sollte.
- 4Urteil: Der Erlass versprach einen Zugang unabhängig von der Religion, aber weiterhin unter Alters- und Prüfungsbedingungen.
- 5Einschränkung: Aus dem Versprechen folgt nicht, dass alle Berechtigten tatsächlich Zugang erhielten. Dafür wären Belege zur Umsetzung nötig.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zum Dhimmi-Status In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3Die dritte Aussage verwechselt Schutz mit gleichen Rechten. Richtig: Der Schutz bedeutete keine rechtliche Gleichheit mit Muslimen.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Papst Urbans Aufruf in Clermont erfolgte . Die Zahlung der Dschizya sicherte Dhimmi insbesondere das Recht auf . Im Emirat Granada war die Amtssprache.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback