Chemie · Klasse 9–10 · aktualisiert
Van-der-Waals-Kräfte einfach erklärt
Wie kurzzeitige Dipole entstehen und warum Abstand, Kontaktfläche und Molekülform die Siedepunkte von Alkanen und die Haftung von Geckos erklären.
0 von 10 Aufgaben gelöst
Kurz gesagt
Van-der-Waals-Kräfte sind schwache Anziehungen zwischen Atomen oder Molekülen. Im engeren Sinn bilden bewegte Elektronen kurz einen temporären Dipol, der im Nachbarteilchen einen Dipol induziert. Je enger und großflächiger der Kontakt, desto stärker die Anziehung – deshalb siedet Heptan höher als Propan.
Van-der-Waals-Kräfte sind schwache Wechselwirkungen zwischen Atomen oder Molekülen. Im engeren Sinn meint der Begriff meist die Anziehung durch kurzzeitig ungleich verteilte Elektronen. Viele solcher schwachen Einzelwirkungen können gemeinsam Stoffeigenschaften und sogar die Haftung eines Geckos beeinflussen.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Ein Molekül besteht aus Atomen, die durch Atombindungen zusammengehalten werden. Zusätzlich können sich verschiedene Moleküle gegenseitig anziehen. Diese Anziehung zwischen Teilchen nennt man eine zwischenmolekulare Wechselwirkung.
Der Begriff Van-der-Waals-Kraft wird unterschiedlich verwendet. Im weiteren Sinn umfasst er Dipol-Dipol-Wechselwirkungen, Wechselwirkungen zwischen einem Dipol und einem induzierten Dipol sowie London-Dispersionswechselwirkungen. Im engeren Sinn bezeichnet er vor allem die London-Dispersionswechselwirkungen. Auf diesen häufigen schulischen Gebrauch konzentriert sich diese Seite.
London-Dispersionswechselwirkungen treten auch dann auf, wenn ein Teilchen keinen permanenten Dipol besitzt, also keine dauerhaft getrennte Plus- und Minusseite hat. Sie können außerdem neben anderen zwischenmolekularen Kräften wirken.
Definition
Van-der-Waals-Kräfte
Van-der-Waals-Kräfte sind relativ schwache, nichtkovalente Wechselwirkungen zwischen Atomen oder Molekülen. Sie sind keine zusätzlichen Atombindungen innerhalb eines Moleküls.
Merke: Eine Atombindung hält Atome innerhalb eines Moleküls zusammen. Eine Van-der-Waals-Wechselwirkung wirkt zwischen benachbarten Teilchen.
Teste dich
Elektronen befinden sich nicht ständig an derselben Stelle. Deshalb kann die negative Ladung in einem Atom oder Molekül für einen kurzen Moment ungleich verteilt sein.
Sind die Schwerpunkte der positiven und negativen Ladung vorübergehend getrennt, entsteht ein temporärer Dipol: Eine Seite ist kurzzeitig etwas negativer, die andere etwas positiver.
Nähert sich ein zweites Teilchen, beeinflusst der temporäre Dipol dessen Elektronenverteilung. Die Elektronen werden etwas verschoben. So entsteht im Nachbarteilchen ein induzierter Dipol. Gegensätzliche Teilseiten liegen einander gegenüber und ziehen sich an.
Eine einzelne London-Wechselwirkung ist schwach. Ihre Gesamtwirkung wächst aber, wenn viele günstige Kontakte gleichzeitig möglich sind. Drei Faktoren sind besonders wichtig. Der Abstand: Die Wechselwirkung nimmt bei wachsendem Abstand stark ab, die Teilchen müssen einander sehr nahe kommen. Die Kontaktfläche: Große aneinanderliegende Flächen ermöglichen viele gleichzeitige Wechselwirkungen. Die Polarisierbarkeit: Je leichter sich die Elektronenverteilung eines Teilchens verschieben lässt, desto stärker können temporäre und induzierte Dipole wirken.
Auch die Temperatur spielt eine Rolle. Bei höherer Temperatur bewegen sich Teilchen stärker. Dadurch können kurzreichweitige Anziehungen leichter überwunden werden.
Beispiel: Die Entstehung als Kette
- 1Die Elektronenverteilung in Teilchen A ist für einen Moment unsymmetrisch.
- 2Teilchen A besitzt dadurch eine kurzzeitig negative und eine kurzzeitig positive Seite.
- 3Die negative Seite verschiebt die Elektronen im benachbarten Teilchen B.
- 4Auf der zugewandten Seite von B entsteht positiver Charakter.
- 5Die entgegengesetzten Teilseiten ziehen sich an.
- 6Da sich die Elektronen weiterbewegen, verschwinden und entstehen solche Dipole fortlaufend neu.
Merke: Kurzer Abstand und große Kontaktfläche begünstigen viele Van-der-Waals-Wechselwirkungen. Stärkere Wärmebewegung erleichtert dagegen die Trennung der Teilchen.
Teste dich
Beim Sieden müssen Moleküle voneinander getrennt werden. Sind die zwischenmolekularen Anziehungen stärker, ist dafür mehr Wärmeenergie nötig. Der Stoff siedet dann bei einer höheren Temperatur.
Alkane sind Moleküle nur aus Kohlenstoff- und Wasserstoffatomen, deren C-Atome in einer Kette, auch verzweigt, nur durch Einfachbindungen verbunden sind. Beispiele sind Propan mit 3 C-Atomen und Heptan mit 7 C-Atomen.
Bei längeren Alkanmolekülen gibt es meist größere Kontaktmöglichkeiten. Deshalb steigen ihre Siedepunkte im Allgemeinen mit zunehmender Kettenlänge.
Nicht nur die Molekülgröße, sondern auch die Form ist wichtig. Das zeigt der Vergleich dreier Isomere mit derselben Summenformel \ce{C5H12}. Isomere besitzen dieselbe Summenformel, aber einen unterschiedlichen Aufbau. n-Pentan ist eine unverzweigte Kette aus fünf C-Atomen. 2-Methylbutan hat eine Seitenkette. Beim 2,2-Dimethylpropan sitzen vier CH₃-Gruppen um ein mittleres C-Atom, das Molekül ist fast kugelig.
Das kompakte 2,2-Dimethylpropan bietet ungünstigere Kontaktmöglichkeiten als das kettenförmige n-Pentan. Deshalb ist seine gesamte Van-der-Waals-Anziehung geringer und sein Siedepunkt niedriger.
Der Siedepunkttrend lässt sich hier gut mit Kontaktfläche und Molekülform erklären. Schmelzpunkte folgen nicht immer demselben einfachen Verlauf, weil weitere Einflüsse hinzukommen.
Beispiel: Propan und Heptan im Vergleich
- 1Propan besitzt eine kürzere Kohlenstoffkette als Heptan.
- 2Heptanmoleküle können sich über größere Bereiche berühren. Zwischen ihnen wirken daher insgesamt mehr beziehungsweise stärkere London-Wechselwirkungen.
- 3Folgerung: Zum Trennen der Heptanmoleküle ist mehr Wärmeenergie nötig. Heptan hat deshalb den höheren Siedepunkt.
| Isomer mit der Summenformel C₅H₁₂ | Form | Siedepunkt bei 1.013 hPa |
|---|---|---|
| 2,2-Dimethylpropan | fast kugelig | 9,5 °C |
| 2-Methylbutan | mit Seitenkette | 28 °C |
| n-Pentan | unverzweigte Kette | 36,1 °C |
Teste dich
Gecko-Füße besitzen sehr viele mikroskopisch feine Härchen. Diese Strukturen vergrößern die Kontaktfläche und bringen sehr viele Stellen des Fußes nahe an die Oberfläche.
Zwischen einem einzelnen Härchen und der Oberfläche wirken nur schwache Van-der-Waals-Wechselwirkungen. Weil jedoch sehr viele Kontaktpunkte gleichzeitig entstehen, addieren sich die Einzelwirkungen zu einer großen Gesamthaftung.
Beispiel: Viele schwache Kontakte statt einer starken Bindung
- 1Ein einzelner Kontaktpunkt trägt kaum zur Haftung bei.
- 2Tausende oder noch mehr eng anliegende Kontaktstellen wirken gleichzeitig.
- 3Die Wirkung beruht daher nicht auf einer einzelnen starken Bindung, sondern auf der Summe sehr vieler schwacher Wechselwirkungen.
Merke: Viele schwache Einzelkräfte ergeben zusammen eine große Kraft, wenn sehr viele Kontakte eng anliegen.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Van-der-Waals-Kräfte
Ursache
veränderliche Elektronenverteilung
Ablauf
temporärer Dipol, induzierter Dipol, Anziehung
Stärke
Abstand, Kontaktfläche und Polarisierbarkeit
Stoffeigenschaft
Siedepunkt von Alkanen
Anwendung
Haftung eines Geckos
Abgrenzung
Wechselwirkung zwischen Teilchen, keine Atombindung
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Hexan-Isomere: Welches siedet höher?
- 1Aufgabe: n-Hexan und 2,2-Dimethylbutan haben beide die Summenformel \ce{C6H14}. Sage vorher, welcher Stoff höher siedet, und begründe mit Van-der-Waals-Kräften.
- 2Gleiche Summenformel bedeutet: gleich viele Atome und gleich viele Elektronen. Der Unterschied liegt nur in der Form.
- 3n-Hexan ist eine unverzweigte Kette aus sechs C-Atomen. 2,2-Dimethylbutan ist verzweigt und kompakter.
- 4Die langgestreckten n-Hexan-Moleküle können sich über eine größere Fläche berühren. Zwischen ihnen wirken insgesamt stärkere London-Kräfte.
- 5Vorhersage: n-Hexan siedet höher. Die Messwerte bei 1.013 hPa bestätigen das: n-Hexan siedet bei etwa 69 °C, 2,2-Dimethylbutan bei etwa 50 °C.
Fehler finden
Warum siedet Octan höher als Butan? In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3Beim Sieden bleiben die Moleküle erhalten. Richtig: Beim Sieden werden die Octanmoleküle voneinander getrennt; dabei werden London-Kräfte zwischen den Molekülen überwunden, keine C–C-Bindungen gespalten.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Eine momentane Elektronenverteilung erzeugt einen temporären Dipol. Dieser kann im Nachbarteilchen einen Dipol . Gegenüberliegende Teilseiten mit Ladungscharakter ziehen sich an.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback