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Wilfried Gruhn
Wilfried Gruhn (* 15. Oktober 1939 in Königsberg, Ostpreußen) ist ein deutscher Musikpädagoge, Musikwissenschaftler, Violinist und emeritierter …
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Überblick
Wilfried Gruhn (* 15. Oktober 1939 in Königsberg, Ostpreußen) ist ein deutscher Musikpädagoge, Musikwissenschaftler, Violinist und emeritierter Hochschullehrer. Er ist vor allem für seine Arbeit zum musikalischen Lernen, zur Musiklehrerausbildung und zur Verbindung von Musikpädagogik mit Psychologie, Neurowissenschaften und Entwicklungsforschung wichtig. Musikpädagogik meint die wissenschaftliche und praktische Beschäftigung damit, wie Musik gelehrt und gelernt wird. Musikwissenschaft untersucht Musik historisch, theoretisch und systematisch.
Gruhn arbeitete sowohl praktisch als Musiker und Lehrer als auch wissenschaftlich an Hochschulen. Seine Laufbahn verbindet Schulunterricht, Hochschullehre, internationale Forschung und Fachpublikationen. Besonders bedeutend ist sein Interesse daran, wie Kinder Musik wahrnehmen, verstehen und lernen und wie diese Erkenntnisse in die Ausbildung von Musiklehrkräften einfließen können.
Ausbildung und beruflicher Weg
Gruhn wuchs nach Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen 1945 in Arnsberg im Sauerland auf. Er studierte Schulmusik und Violine sowie Musikwissenschaft bei Arnold Schmitz, Germanistik bei Paul Requadt und Psychologie bei Albert Wellek an der Universität Mainz. Anschließend absolvierte er ein Aufbaustudium in der Meisterklasse von Ludwig Bus in Saarbrücken.
Nach dem ersten Staatsexamen spielte er zunächst als Geiger im Kammerorchester des Saarländischen Rundfunks. 1966 schloss er das Referendariat in Rheinland-Pfalz mit dem zweiten Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen ab. 1967 promovierte er bei Hellmut Federhofer an der Universität Mainz zum Dr. phil. in Musikwissenschaft. Bis 1974 unterrichtete er als Gymnasiallehrer in Zweibrücken und leitete dort zugleich die Bibliotheca Bipontina.
Neben seiner Tätigkeit als Lehrer war Gruhn auch musikalisch aktiv, unter anderem im Mainzer Flötenquartett und im Heidelberger Kammerorchester. Außerdem engagierte er sich in Lehrplankommissionen und in der Lehrerfortbildung. 1972 erhielt er einen Lehrauftrag für Musikpädagogik an der Musikhochschule des Saarlandes. 1974 wurde er Professor an der Essener Folkwang-Hochschule, wo im Zusammenhang mit dem neuen Studiengang Schulmusik ein Modellversuch zur Entwicklung neuer Ausbildungsgänge für die Sekundarstufen I und II durchgeführt wurde. 1977 wechselte Gruhn an die Hochschule für Musik Freiburg und leitete dort den Studiengang Schulmusik bis zu seinem Ruhestand 2003.
Internationale Tätigkeit und Funktionen
Gruhn wirkte auch international in Lehre und Forschung. Er hatte Gastprofessuren an der Eastman School of Music, der Universiti Teknologi MARA, der Universidad Internacional de Andalucia in Sevilla und der Estnischen Musik- und Theaterakademie in Tallinn. Die Estnische Musik- und Theaterakademie verlieh ihm 2019 die Ehrendoktorwürde. Weitere Lehraufträge und Kurse führten ihn an die Hochschule der Künste Bern und die Kunstuniversität Graz.
In Fachorganisationen übernahm Gruhn mehrere Aufgaben. Von 1995 bis 1997 war er Präsident der Research Alliance of Institutes for Music Education. Seit 1994 vertrat er die Bundesrepublik Deutschland in der International Society for Music Education (ISME). Von 2000 bis 2004 war er Mitglied im Board of Directors der ISME. Von 2009 bis 2012 war er Vorsitzender der Internationalen Leo-Kestenberg-Gesellschaft.
Außerdem ist Gruhn Autor und Herausgeber zahlreicher Fachpublikationen und Aufsätze. Er war Mitherausgeber musikpädagogischer Zeitschriften, darunter Zeitschrift für Musikpädagogik, Musik und Unterricht und European Music Journal.
Forschung zum musikalischen Lernen
Ein zentraler Schwerpunkt von Gruhns Forschung ist das musikalische Lernen. Darunter versteht man Prozesse, durch die Menschen musikalische Fähigkeiten, Wahrnehmungen und Ausdrucksformen entwickeln. Seit 1980 hatte Gruhn intensive Kontakte zur amerikanischen Musikpädagogik. Dadurch setzte er sich besonders mit der Lerntheorie Edwin Gordons auseinander. Lerntheorie bedeutet hier ein Modell dafür, wie Menschen Musik aufnehmen, verstehen und verarbeiten.
Aus Ansätzen der cognitive sciences, also der Kognitionswissenschaften, entwickelte Gruhn empirische Zugänge zur Lernforschung. Empirisch bedeutet, dass Erkenntnisse durch Beobachtung, Messung oder Untersuchung gewonnen werden. Ein wichtiger Bereich war die „perception and cognition of music“, also die Wahrnehmung und gedankliche Verarbeitung von Musik. Dazu kamen neue Möglichkeiten der Neurowissenschaften, die das Gehirn und Nervensystem untersuchen.
Gruhn arbeitete in diesem Zusammenhang mit Medizinern, Psychologen und Neurologen zusammen, darunter Eckart Altenmüller, Roland Laszig, Niels Birbaumer, Martin Lotze, Ulrike Halsband und Mariacristina Musso. Diese Zusammenarbeit trug zur Erforschung der neuronalen Grundlagen musikalischen Lernens bei. Neuronal bedeutet, dass Vorgänge im Nervensystem und Gehirn gemeint sind.
Aus dieser Forschung entstanden zahlreiche Studien zur Lernentwicklung bei Kindern allgemein und bei Kindern mit einem Cochlea-Implantat. Ein Cochlea-Implantat ist ein Hörimplantat, das Menschen mit schwerer Hörschädigung beim Hören unterstützen kann. Weitere Themen waren die Bildung mentaler Repräsentationen, also innerer Vorstellungen von Musik, Augenbewegungen und mental speed, also geistige Verarbeitungsgeschwindigkeit. Daran arbeiteten unter anderem Burkhart Fischer von der Universität Freiburg im Breisgau und Niels Galley von der Universität zu Köln mit. Außerdem untersuchte Gruhn mit Albert Gollhofer den Zusammenhang zwischen musikalischem Lernen und körperlich-motorischen Aspekten, also Bewegung und Körpersteuerung.
Frühkindliches Musiklernen und historische Forschung
Mit der stärkeren Konzentration auf frühkindliches Musiklernen wurde 2003 das Gordon Institut für frühkindliches Musiklernen in Freiburg gegründet. Gruhn leitete dieses Institut bis 2009. Ziel war es, die lerntheoretischen Grundlagen Edwin Gordons mit neurobiologischen Forschungsergebnissen zu verbinden und zu erweitern. Diese Erkenntnisse sollten für die Ausbildung von Musiklehrerinnen und Musiklehrern nutzbar gemacht werden.
Parallel dazu verfolgte Gruhn historische Forschung zur Geschichte der Musikerziehung. Historische Forschung fragt danach, wie sich Musikunterricht, Musikbildung und ihre gesellschaftlichen Aufgaben im Laufe der Zeit entwickelt haben. Dieser Forschungsstrang führte 2009 zur Gründung der Internationalen Leo Kestenberg-Gesellschaft. Damit verbunden war die Herausgabe der Gesammelten Schriften Leo Kestenbergs in 6 Bänden, die zwischen 2009 und 2013 erschienen.
Wichtige Veröffentlichungen
Gruhns Veröffentlichungen zeigen seine wichtigsten Arbeitsfelder: Musik, Sprache und Text; Methoden des Musikunterrichts; musikalisches Verstehen; Geschichte der Musikerziehung; Musiklernen bei Kindern; musikalische Begabung; Bewegung und musikalischer Ausdruck; sowie Leo Kestenberg.
Zu seinen Arbeiten als Autor gehören unter anderem Musiksprache Sprachmusik Textvertonung. Aspekte des Verhältnisses von Musik, Sprache und Text (1978), Wege des Lehrens im Fach Musik. Ein Arbeitsbuch zum Erwerb eines Methodenrepertoires (1983, mit Wilhelm Wittenbruch), Wahrnehmen und Verstehen. Untersuchungen zum Verstehensbegriff in der Musik (1987; 2. Auflage 2004), Geschichte der Musikerziehung (1993; 4. Auflage 2014), Der Musikverstand (1998; 3., überarbeitete Auflage 2008; 4. Auflage 2014), Kinder brauchen Musik (2003), Anfänge des Musiklernens (2010), Musikalische Gestik (2014) und Wir müssen lernen, in Fesseln zu tanzen. Leo Kestenbergs Leben zwischen Kunst und Kulturpolitik (2015).
Als Herausgeber veröffentlichte Gruhn unter anderem Werke zur Ausbildung von Musiklehrkräften, zur Gegenwartsmusik, zur Moderne und Postmoderne, zur Verbindung von Neurowissenschaften und Musikpädagogik sowie zu musikalischer Begabung und Musiklernen. Dazu zählen Neurosciences in Music Pedagogy (2007, mit Francis H. Rauscher), Leo Kestenberg: Gesammelte Schriften, 6 Bände (2009–2013), Der musikalische Mensch. Evolution, Biologie und Pädagogik musikalischer Begabung (2014, mit Annemarie Seither-Preisler), Musiklernen. Bedingungen, Handlungsfelder, Positionen (2018, mit Peter Röbke) und Music in the lives of young children (2023, mit Warren Brodsky).