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WAAGER-Modell
Das WAAGE R-Modell ist ein einheitliches Strukturierungsmodell für Bewertungsprozesse im Biologie-, Chemie- und Physikunterricht. Es wurde von verschiedenen …
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Grundidee und Ziel des WAAGE^R-Modells
Das WAAGE^R-Modell ist ein fachübergreifendes Strukturierungsmodell für Bewertungsprozesse im Biologie-, Chemie- und Physikunterricht. Es wurde 2022 von Vertretenden der Fachdidaktiken und der Unterrichtspraxis vorgestellt. Sein Ziel ist, Lernende Schritt für Schritt dabei zu unterstützen, zu einer begründeten eigenen Meinung und Entscheidung bei naturwissenschaftlich geprägten Konflikten zu gelangen.
WAAGER ist ein Akronym für die sechs Schritte Wahrnehmen, Analysieren, Argumentieren, Gewichten, Entscheiden und Reflektieren. Das Modell orientiert sich an einem vollständigen, idealtypischen Bewertungsprozess und endet bewusst mit einer Reflexion. Die Schritte können mit unterschiedlichen Methoden umgesetzt und auch einzeln als Schwerpunkte verwendet werden.
Es fördert die Bewertungskompetenz, einen der vier miteinander verbundenen Kompetenzbereiche der Bildungsstandards neben Sachkompetenz, Erkenntnisgewinnungskompetenz und Kommunikationskompetenz. Bewertungskompetenz zeigt sich darin, fachliche und überfachliche Perspektiven sowie Bewertungsverfahren zu kennen und anzuwenden: Aussagen oder Daten werden anhand verschiedener Kriterien beurteilt, Meinungen begründet gebildet, Entscheidungen auch ethisch getroffen und deren Folgen reflektiert.
Bewertungsaufgaben betreffen oft sozio-wissenschaftliche Fragen (socio-scientific issues, SSI). Das sind reale, ungelöste, komplexe und kontroverse Fragen mit Wissenschaftsbezug, etwa Verschmutzung, Folgen für Ökosysteme oder Gesundheit. Kontroversen aus Wissenschaft und Politik sollen auch im Unterricht nicht einseitig dargestellt werden. Eine Herausforderung besteht darin, dass solche Fragen meist kein eindeutiges „Richtig“ oder „Falsch“ haben und Unterrichtszeit sowie fachliche Grundlagen erfordern.
Konflikt wahrnehmen und untersuchen
Am Anfang steht die bewusste Wahrnehmung eines Problems als Entscheidungskonflikt mit moralischer Relevanz und normativer Komplexität. Normative Komplexität bedeutet hier, dass unterschiedliche Interessen, Werte und Vorstellungen davon, was geschehen soll, aufeinandertreffen. Lernende beschreiben den Konflikt, benennen Betroffene und konkurrierende Interessen und positionieren sich zunächst spontan; auch eine neutrale Position ist möglich.
Leitfragen sind: „Worin besteht der Konflikt?“, „Wer ist betroffen?“ und „Wie würdest du dich spontan entscheiden?“
Danach analysieren die Lernenden mögliche Handlungsoptionen. Dazu gehören etwa Kompromisse, Mittelwege, Alternativen sowie beteiligte Interessen und Normen. Je nach Problem können zwei Optionen wie Ja/Nein oder mehrere Optionen bestehen. Außerdem werden die fachlichen Informationen erarbeitet, die für eine angemessene Bewertung nötig sind. Die zentrale Frage lautet: „Was könnte man tun, um diesen Konflikt zu lösen?“
Argumente oder Kriterien prüfen
Im Schritt des Argumentierens gibt es zwei mögliche Vorgehensweisen: argumentbasiertes und kriterienbasiertes Bewerten. Eine scharfe Trennung ist in der Praxis schwierig, weil sich beide Formen häufig vermischen.
Beim argumentbasierten Bewerten werden möglichst vielfältige Argumente gesammelt und geprüft. Es eignet sich besonders bei wenigen Handlungsoptionen, etwa bei Pro-Contra-Konflikten, ist aber kognitiv und zeitlich aufwendig. Jedes Argument soll enthalten:
- eine fachlich begründete „Ist“-Aussage,
- eine normative, also auf Werte oder Normen bezogene „Soll“-Aussage,
- eine Schlussfolgerung aus Fach- und Werturteil.
Die „Ist“-Aussage wird mit naturwissenschaftlichen Theorien, Gesetzen, Daten oder Berechnungen geprüft. Bei der „Soll“-Aussage wird untersucht, welche Interessen oder Normen ihr zugrunde liegen und ob diese berechtigt sind. Ein Wertepool kann dabei helfen, beispielsweise Freiheit, Wirtschaftlichkeit, Solidarität, Gerechtigkeit, Artenvielfalt, Tierwohl, Fortschritt und Gesundheit. Wichtige Fragen sind: „Stimmt mein Argument überhaupt?“ und „Ist die Forderung in meinem Argument überhaupt berechtigt?“
Bei vielen Optionen oder Bewertungsaspekten ist das kriterienbasierte Bewerten günstiger. Die Lernenden formulieren zunächst Bewertungskriterien und wählen dann aus, welche Aspekte für die Entscheidung wichtig sind. Am Beispiel der Nachhaltigkeit von Vapes gegenüber Zigaretten kann „ökologische Nachhaltigkeit“ ein Kriterium sein. Ein konkretes Argument kann sich auf wiederaufladbare Lithium-Ionen-Batterien, Rohstoffverbrauch und den ökologischen Fußabdruck beziehen; der abstraktere ethisch-moralische Wert dazu ist „Fortschritt“.
Bedeutung abwägen und entscheiden
Im Schritt Gewichten werden die geprüften Argumente oder Kriterien nach ihrer relativen Wichtigkeit gegeneinander abgewogen. Dafür können Rangfolgen wie „wichtig“, „weniger wichtig“ und „neutral“ oder Skalen wie „+“, „o“, „-“ beziehungsweise 0–5 genutzt werden. Die Gewichtung kann beispielsweise tabellarisch für verschiedene Handlungsoptionen festgehalten werden.
Anschließend treffen die Lernenden auf dieser Grundlage eine begründete Entscheidung für eine Handlungsoption. Entscheidungen verschiedener Akteure können verglichen werden. Dabei lässt sich untersuchen, welche Wertmaßstäbe zugrunde liegen, ob eine Argumentation eher fakten- oder interessenbasiert sowie objektiv oder subjektiv ist und ob Kompromisse oder weitere Handlungsoptionen sichtbar werden.
Zum Schluss reflektieren die Lernenden ihre anfängliche Position und ihre endgültige Entscheidung in einem Vorher-Nachher-Vergleich. Bei einem Planspiel sollen sie danach aus ihrer eigenen Sicht Stellung nehmen, nicht aus der übernommenen Rolle. Möglich sind auch Folgenreflexionen über Konsequenzen für beteiligte Interessengruppen und Methodenkritik: Lernende vergleichen die Bewertungsmethode mit ihren Alltagsstrategien. Sie können zudem Konsens und Dissens zwischen Akteuren erkennen und diskutieren.
Einsatz im Unterricht und Beispiele
Das Modell muss nicht immer vollständig durchlaufen werden. Drei Grundtypen bündeln Teilschritte:
- Wahrnehmen und Analysieren: Konflikt, moralische Relevanz und verschiedene Interessen erfassen sowie Handlungsoptionen entwickeln.
- Argumentieren: Vorgegebene Konflikte und Optionen mithilfe von Argumenten oder Kriterien bearbeiten.
- Gewichten, Entscheiden und Reflektieren: Vorgegebene Argumente oder Kriterien gewichten, entscheiden und die Entscheidung begründen. In Variante 3a erfolgt dies vorwärtsgerichtet; in Variante 3b wird eine bereits getroffene Entscheidung rückwärtsgerichtet rekonstruiert und auf ihre Rechtfertigung geprüft.
Das Modell kann mit Planspielen oder der Mystery-Methode verbunden werden. Beim Konflikt um das „Verbrenner-Aus“ untersuchten Lernende beispielsweise Elektroautos und Wasserstoffautos. Sie ordneten Kriterien den ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimensionen der Nachhaltigkeit zu, führten Modellversuche durch, prüften Argumente, nahmen Rollen mit bestimmten Interessen ein und reflektierten danach ihre ursprüngliche Wahrnehmung.
Weitere Bewertungssettings behandelten die „Nachhaltigkeit von Vapes im Gegensatz zu Zigaretten“ sowie „Milch oder pflanzenbasierte Alternativen“. Dabei erwarben Lernende unter anderem durch Experimente Fachwissen, etwa zu Inhaltsstoffen, Makronährstoffen oder Nachweisreaktionen. Weitere Informationen betrafen Treibhausgasemissionen, Flächen- und Wasserverbrauch, Kohlendioxid-Fußabdruck, Eiweiß- und Calciumionengehalt.
Grenzen und Bedeutung des Modells
Das WAAGE^R-Modell ist ein Orientierungsrahmen für Bewertungsprozesse in allen drei naturwissenschaftlichen Fächern. Es soll trotz fachlicher Unterschiede die Förderung der Bewertungskompetenz erleichtern und Probleme wie Konzeptvielfalt, hohen Zeitaufwand und eine nur gelegentliche Kompetenzförderung verringern. Seine sechs Schritte bilden einen zusammenhängenden Prozess, erlauben aber flexible Schwerpunkte und eine Beschränkung auf einzelne Teilschritte.
Eine Entscheidung im Unterricht darf jedoch nicht mit einer endgültigen Lösung des realen Problems gleichgesetzt werden. Viele zugrunde liegende Konflikte sind prinzipiell nicht vollständig lösbar. Lehrpersonen sollen daher unterschiedliche Entscheidungen würdigen. Auch Dissens ist ein mögliches und wichtiges Ergebnis: Er kann Lernenden zeigen, dass unterschiedliche Sichtweisen bestehen bleiben dürfen. Diese Fähigkeit wird als Ambiguitätstoleranz bezeichnet.