Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Verzögerungslaut
Ein Verzögerungslaut (auch Füll-Laut, Verlegenheitslaut, Pausenlaut, Flicklaut, englisch hesitation vowel, hesitation sound) gehört in Rhetorik und …
Inhalt6 Abschnitte
Grundbegriff und Zweck
Ein Verzögerungslaut, auch Füll-Laut, Verlegenheitslaut, Pausenlaut oder Flicklaut genannt, ist ein Verzögerungsphänomen der gesprochenen Sprache. In Rhetorik und Soziolinguistik bezeichnet er eine meist einsilbige, in der Länge dehnbare Diskurspartikel. Im Deutschen sind typische Formen äh, ähm oder mhh.
Verzögerungslaute werden zwischen Wörtern oder Sprecheinheiten eingesetzt, um eine Sprechpause zu überbrücken. Sie haben keine lexikalische Bedeutung im engeren Sinn, tragen also normalerweise keine eigene Wortbedeutung wie ein gewöhnliches Inhaltswort. Trotzdem können sie für das Verstehen eines Gesprächs wichtig sein, weil sie anzeigen, dass eine Äußerung noch nicht abgeschlossen ist.
Sprachplanung und Denkpause
Verzögerungslaute füllen Pausen, während der Sprecher seine Äußerung plant. In dieser Zeit trifft das Gehirn eine Wortwahl, bringt Wörter in die richtige Reihenfolge und legt Betonung und Grammatik fest.
Darum gelten gefüllte Pausen wie äh oder ähm zusammen mit ungefüllten Pausen als Indikatoren für Sprachplanung. Sie zeigen, dass Sprechen nicht nur aus dem Aussprechen fertiger Sätze besteht, sondern auch aus laufender Planung während des Redens.
Atmung und Sprechmotorik
Beim Sprechen nutzt der Mensch die Sprechatmung. Sie unterscheidet sich deutlich von der Ruheatmung, also der Atmung ohne Artikulation von Sprechlauten. Die Ruheatmung dient der Sauerstoffaufnahme und der Abgabe von CO_{2}. Die Sprechatmung stellt zusätzlich den Luftstrom bereit, der für die Lautbildung nötig ist. Dieser Luftstrom heißt Phonationsstrom und ist vor allem ein exspiratorischer Luftstrom, weil normalerweise ausgeatmete Luft zur Lautbildung verwendet wird. Der Artikel beschreibt dies als „Blasebalgfunktion“.
Bei der Ruheatmung sind Einatmungsphase, also Inspiration, und Ausatmungsphase, also Exspiration, ungefähr gleich lang. Bei der Sprechatmung verschiebt sich das Verhältnis stark zugunsten der Ausatmung. Die Umstellung von Ruheatmung auf Sprechatmung ist ein komplexer neuronaler und motorischer Prozess. Er wird überwiegend in der Großhirnrinde gesteuert, verändert den Atemrhythmus und bezieht die motorische Kontrolle der Stimmlippen im Kehlkopf ein.
Damit Sprechatmung aufrechterhalten werden kann, muss Sprechmaterial unmittelbar bereitstehen. Wenn dieses zeitweise fehlt, helfen Verzögerungslaute als motorische Ersatzroutinen. Sie verhindern, dass der Sprecher ständig in die Ruheatmung zurückfällt und erneut einatmen muss. So können sie den Atemvorgang ökonomisieren und eine mögliche respiratorische Imbalance, zum Beispiel ein Hyperventilations-Syndrom, vermeiden helfen.
Rolle im Gespräch
Verzögerungslaute können neben ihrer motorischen und respiratorischen Funktion auch eine kommunikative Funktion haben. Sie halten den sprachlichen Kontakt zum Hörer aufrecht und zeigen an, dass der Sprecher weitersprechen möchte oder ein vorangegangenes Wort durch ein passenderes ersetzen will.
Ein Beispiel ist: „Wir fahren zum Flughafen, äh, zum Bahnhof“. Hier signalisiert der Verzögerungslaut, dass der Sprecher seine Formulierung korrigiert. Dadurch gehören Verzögerungslaute zu den Mechanismen, die den Sprecherwechsel im Gespräch mitregeln: Der Hörer erkennt, dass der Sprecher noch nicht fertig ist.
Die Grenze zwischen Verzögerungslaut und Interjektion ist fließend. Interjektionen sind Ausrufe oder lautliche Äußerungen mit Ausdrucks- oder Appellfunktion. Verzögerungslaute haben normalerweise keine solche besondere Funktion, können aber ähnlich eingesetzt werden, etwa für distanzierende Ironie oder Zweifel: „Sie reisen also mit ihrer, äh, Gemahlin?“ oder „Ich weiß nicht, hm, sollen wir das wirklich machen?“ Wenn die motorisch-respiratorische Ursache fehlt und der Laut nur zur Wirkung inszeniert wird, handelt es sich nicht um einen Verzögerungslaut im eigentlichen Sinn.
Bewertung und Umgang
Häufiger und unmotiviert wirkender Gebrauch von Verzögerungslauten wird oft negativ bewertet. Er kann als Hinweis auf mangelnde Konzentration oder sogar auf Sprachstörungen gedeutet werden. In Sprecherziehung sowie in Schulungen für öffentliche Auftritte oder Verkaufsgespräche wird deshalb flüssige Rede eingeübt, die Verzögerungslaute möglichst vermeidet.
In vorproduzierten Rundfunksendungen werden Verzögerungslaute meist herausgeschnitten; solche Schnitte heißen ä-Stopper. Beim Stenografieren von Reden werden sie ignoriert. In Transkripten der Sozialforschung hängt es vom methodischen Ansatz ab, ob Verlegenheitslaute notiert oder weggelassen werden. In der Schriftsprache erscheinen sie nur als Stilmittel, wenn gesuchte Mündlichkeit dargestellt werden soll.
Regional verschieden können auch Wörter wie ja oder halt als Diskurspartikeln eingeschoben werden. Außerdem kann häufiger oder gewohnheitsmäßiger Gebrauch von Verlegenheitslauten in der Parodie überzeichnet werden, etwa bei Politikern oder anderen Prominenten wie Edmund Stoiber, Boris Becker oder Barack Obama.
Formen in verschiedenen Sprachen
Auch wenn Verlegenheitslaute keinen eigenen lexikalisierten Inhalt haben, unterscheiden sie sich je nach Sprache in ihrer lautlichen Gestalt. Das zeigt, dass solche Laute sprachlich geprägt sind, obwohl sie keine normale Wortbedeutung tragen.
Genannte Beispiele sind englisch er, erm, uh, um; französisch euh; spanisch eh, Mm-hmm; japanisch えっと etto und あのお anō; schwedisch hm; chinesisch 那个 nà ge.