Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Ulrich Grosse

Ulrich Grosse (* 27. März 1953 in Nagold) ist ein ehemaliger deutscher Nahverkehrsberater. 1983 war er in Deutschland einer der ersten Berater von …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Person und Bedeutung
  2. 2. Ausbildung und frühes Engagement
  3. 3. Erste Beratungsprojekte
  4. 4. Planungen und Reaktivierungen seit 1990
  5. 5. Grundsätze seiner ÖPNV-Konzeption
  6. 6. Privates und filmisches Porträt

Person und Bedeutung

Ulrich Grosse (* 27. März 1953 in Nagold) ist ein ehemaliger deutscher Nahverkehrsberater. 1983 gehörte er in Deutschland zu den ersten Beratern von Landkreisen für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Seine Arbeit konzentrierte sich vor allem auf die Planung und Verbesserung von Bahn- und Busverkehren im ländlichen Raum. Dazu gehörten die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken und Haltepunkte, die Einführung regelmäßiger Taktfahrpläne sowie die bessere Abstimmung von Bussen und Eisenbahnen.

Ausbildung und frühes Engagement

Grosse wuchs in Nagold auf und studierte Mathematik und Physik an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Er ist ausgebildeter Lehrer. Von 1972 bis 1982 vertrat er die Stadt Nagold bei den Fahrplankonferenzen des Regionalverbands Nordschwarzwald und der Deutschen Industrie- und Handelskammer (IHK) Nordschwarzwald. Dabei setzte er sich besonders für ein besseres Verkehrsangebot auf der Nagoldtalbahn ein. Seit 1972 arbeitete er außerdem in einer Bürgerinitiative zur Reaktivierung der Ammertalbahn mit.

Erste Beratungsprojekte

1983 wurde in Baden-Württemberg die Zuständigkeit für die Schülerbeförderung von den Regierungspräsidien auf die Landkreise übertragen. Dadurch entstand bei den Landkreisen ein großer Beratungsbedarf, insbesondere bei der Finanzierung und Planung des ÖPNV. Grosse entwickelte Vorschläge für eine effektivere Organisation des Nahverkehrs und begann 1983 eine umfangreiche Beratung im Zollernalbkreis und im Schwarzwald-Baar-Kreis.

1984 setzte er an der Zollernalbbahn den Haltepunkt Balingen Süd durch. Nach Jahrzehnten, in denen Bahnhöfe und Haltepunkte stillgelegt worden waren, war dies in Baden-Württemberg erstmals wieder die Einrichtung eines neuen Bahnhaltepunkts außerhalb der Ballungsräume.

Im Schwarzwald-Baar-Kreis befasste sich Grosse besonders mit der Bahnstrecke Rottweil–Villingen. Daraus entstand eine Studie für eine City-Bahn Freiburg–Donaueschingen–Villingen–Rottweil. Ihre Ergebnisse wurden später bei den Ringzug-Planungen in den 1990er Jahren weiterverwendet.

1984 beauftragte ihn Volker Kauder, der damalige stellvertretende Landrat von Tuttlingen, mit der Nahverkehrsplanung im Landkreis Tuttlingen. Ab 1987 arbeitete Grosse dort an der Rückverlagerung von Schülerverkehren auf die Bahnstrecke Tuttlingen–Inzigkofen, zunächst im Abschnitt bis Fridingen an der Donau. Diese Arbeiten führten 1990 zum Donautal-Konzept, einem weiteren Vorläufer des Ringzugs. In den 1980er Jahren begann außerdem seine Beratung für den Interessenverband Gäu-Neckar-Bodenseebahn, der sich als Lobbyorganisation für die Gäubahn und besonders für deren zweigleisigen Ausbau einsetzt.

Planungen und Reaktivierungen seit 1990

In den 1990er Jahren weitete Grosse seine Beratung auf Bayern und Hessen sowie auf Teile der Schweiz, Vorarlbergs und Liechtensteins aus. Von 1990 bis 1993 arbeitete er mit SMA und Partner in Zürich an einem Integralen Taktfahrplan für Süddeutschland. Ein Integraler Taktfahrplan koordiniert die Abfahrtszeiten verschiedener Linien in regelmäßigen Abständen. Die Ergebnisse wurden 1993 mit dem Allgäu-Schwaben-Takt im bayerischen Allgäu umgesetzt. Dieser galt als erster in Deutschland verwirklichter Integraler Taktfahrplan. 1994 wurde er auf angrenzende württembergische Landkreise erweitert; anschließend beriet Grosse die Landkreise des bayerischen Allgäus.

Als Mitte der 1990er Jahre die Stilllegung der Mittelschwabenbahn drohte, erarbeitete Grosse für den Regionalverband Donau-Iller eine Studie. Ein neues Angebotskonzept sicherte schließlich den Weiterbetrieb der Strecke.

Ab 1995 war Grosse maßgeblich an den Ringzug-Planungen in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg beteiligt. Mit der Umsetzung in den Jahren 2003 und 2004 wurden unter anderem die Bregtalbahn und die nördliche Wutachtalbahn für den Personenverkehr reaktiviert. Außerdem wurde die Trossinger Eisenbahn vor einer bereits beschlossenen Stilllegung bewahrt.

1997 und 1998 arbeitete Grosse gemeinsam mit dem Tübinger Verkehrsplaner Gerd Hickmann an einer neuen Konzeption für die Südbahn, also die Bahnstrecke Ulm–Friedrichshafen. Zusätzlich planten sie die Reaktivierung des Westteils der Strecke Laupheim West–Schwendi. Der nicht abgebaute Abschnitt zwischen Laupheim West und Laupheim Stadt wurde 1999 wieder in Betrieb genommen.

Zwischen 2006 und 2008 entwickelte Grosse das Bahn- und Buskonzept entlang der Württembergischen Allgäubahn, das 2007/08 umgesetzt wurde. Bahn- und Busverkehr wurden dabei grundlegend neu geordnet. Buslinien wurden als Zubringer zur Schiene organisiert.

Neben dem Schienenverkehr plante Grosse auch städtische Busverkehre: Balingen (1990), Laufenburg (1991, grenzüberschreitend), Bad Säckingen (1992, grenzüberschreitend), Hechingen (1993), Rheinfelden (1994, grenzüberschreitend), Biberach an der Riß (1996), Laupheim (1999), Riedlingen (2000), Villingen-Schwenningen (2002), Tuttlingen (2004) und St. Georgen im Schwarzwald (2006). Nach der Einführung des Ringzugs 2003 begleitet er dessen Weiterentwicklung unter dem Namen Ringzug 2.0. Der Start mit elektrischen Fahrzeugen ist für die Mitte der 2020er-Jahre vorgesehen.

Grundsätze seiner ÖPNV-Konzeption

Grosse vertritt die Auffassung, dass der Öffentliche Personenverkehr auch im ländlichen Raum in der Regel am besten durch Taktverkehre organisiert wird. Dabei verkehren Busse und Bahnen nach einem regelmäßigen, aufeinander abgestimmten Fahrplan.

Buslinien sollten nach seiner Ansicht nicht parallel zu Eisenbahnstrecken verlaufen. Sie sollten stattdessen als Zubringer zur Schiene dienen und Fahrgäste zu Bahnhöfen oder Haltepunkten bringen. Nicht vertaktete Mischverkehre von Bus und Bahn entlang einer Bahnstrecke hält Grosse für wenig effektiv. Deshalb empfiehlt er in der Regel, den öffentlichen Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern.

Privates und filmisches Porträt

Ulrich Grosse ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt seit 1972 in Tübingen.

Der Südwestfunk produzierte den 45-minütigen Film „Musik im Fahrplan“, ein Porträt über Ulrich Grosse. Der Film wurde 1985/86 bundesweit in den Dritten Programmen ausgestrahlt.

Weiterlesen