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Tsiganologie
Tsiganologie oder Sinti- und Romastudien (englisch Romani Studies) ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld und Studienfach, das sich mit der Kultur, …
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Gegenstand und Abgrenzung
Tsiganologie beziehungsweise Sinti- und Romastudien (englisch Romani Studies) bezeichnet ein interdisziplinäres Forschungsfeld und Studienfach. Es untersucht Kultur, Geschichte und politische Erfahrungen der Roma und Sinti, ihre Wechselwirkungen mit anderen Bevölkerungsgruppen sowie die Einstellungen dieser Gruppen gegenüber Roma und Sinti. Interdisziplinär bedeutet, dass mehrere Fachrichtungen zusammenarbeiten, etwa Geschichte, Ethnologie, Soziologie, Sprach- und Kulturwissenschaft.
Das heutige Fach ist von der pseudowissenschaftlichen und rassistischen „Zigeunerkunde“ oder „Zigeunerforschung“ zu unterscheiden, die besonders im Nationalsozialismus betrieben wurde. Auch die Bezeichnung „Tsiganologie“ ist umstritten: Sinti und Roma lehnen sie teilweise ab, weil der Versuch, ein einheitliches Wesen eines „Zigeunertums“ zu bestimmen, an rassenideologische Praktiken im Nationalsozialismus erinnert. International wird deshalb häufig von Romani Studies gesprochen. Zu bekannten Fachvertretern gehören Ian Hancock und Milena Hübschmannová.
Entwicklung bis zum Nationalsozialismus
Die Beschäftigung mit Roma und Sinti reicht bis in die Frühe Neuzeit zurück. Johann Erich Biester hielt 1793 fest, dass die Eigenbezeichnung im Plural „Roma oder Romma“ und im Singular „Rom“ laute. Ihm waren außerdem „Sinte“ sowie die regional belegte Form „Romni“ bekannt. Als erster Tsiganologe im deutschen Sprachraum gilt Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann (1756–1804), der einen historischen Versuch über Lebensweise, gesellschaftliche Ordnung, Geschichte und Herkunft der damals als „Zigeuner“ bezeichneten Menschen veröffentlichte.
Im 19. Jahrhundert nahm die Zahl entsprechender Schriften deutlich zu. Diese Entwicklung hing einerseits mit der Neuorganisation der Polizei und der systematischen behördlichen Erfassung von „Zigeunern“ und „nach Zigeunerart Umherziehenden“ zusammen, andererseits mit einer romantisierenden zeitgenössischen „Zigeunermode“. Heinrich von Wlislocki sammelte literarische Überlieferungen und führte Feldstudien bei siebenbürgischen Wandergruppen durch. 1888 entstand in Großbritannien die Gypsy Lore Society als internationaler Zusammenschluss von Menschen, die sich mit „Zigeunern“ und „Travelers“ beschäftigten.
Rassistische Forschung und ihre Folgen
Im Nationalsozialismus wurde die ältere „Zigeunerforschung“ ausdrücklich rassistisch ausgerichtet. Wissenschaftliche, administrative, polizeiliche und politische Einrichtungen beschäftigten sich mit der sogenannten „Lösung der Zigeunerfrage“. Besonders einflussreich war die Rassenhygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle (RHF).
Die Forscher der RHF unter Leitung von Robert Ritter erhoben und lieferten Daten, die für den Genozid an den mitteleuropäischen Roma verwendet wurden. Forschung war damit unmittelbar an Erfassung, Verfolgung und Vernichtung beteiligt. Nach 1945 setzte Hermann Arnold diese Forschungstradition fort und berief sich ausdrücklich auf die Arbeit der RHF. Seine Veröffentlichungen prägten den Diskurs über die Minderheit in der Bundesrepublik bis in die 1980er Jahre.
Zwischen den 1980er Jahren und 2012 wurde „Tsiganologie“ als neue Bezeichnung für die Erforschung der Geschichte, Kultur und Herkunft der als „Zigeuner“ bezeichneten Gruppen verwendet. Der Namenswechsel sollte einen Bruch mit der diskreditierten „Zigeunerkunde“ markieren. Umstritten blieb jedoch, ob auch ihre Annahmen und Methoden tatsächlich überwunden wurden.
Deutsche Ansätze und Kontroversen
In Deutschland sollte die in den 1980er Jahren neu begründete Tsiganologie nicht länger als eine gegen die untersuchten Menschen gerichtete „Polizeiwissenschaft“ arbeiten. Ihr Anspruch war, Klischees aufzudecken und falsche Vorstellungen zu berichtigen. Wichtige Vertreter waren Joachim S. Hohmann und das 1978 aus einer „Arbeitsgruppe Marginalität“ hervorgegangene Gießener „Projekt Tsiganologie“ um Reimer Gronemeyer. Daran wirkten unter anderem Mark Münzel, Bernhard Streck und später Georgia A. Rakelmann mit.
Hohmann gab seit 1990 die Buchreihe Studien zur Tsiganologie und Folkloristik heraus. Nach seinem Tod 1999 führte Wolfgang Wippermann sie unter dem programmatisch veränderten Titel Sinti- und Romastudien. Publikationen zur Geschichte der Sinti und Roma und zum Antiziganismus weiter; die letzte Veröffentlichung erschien 2003. Das Gießener Projekt veröffentlichte von 1984 bis 1986 die Gießener Hefte für Tsiganologie und von 1990 bis 1992 die Tsiganologischen Studien. Neben der Verfolgungsgeschichte sollten diese Zeitschriften auch die kulturelle Eigenständigkeit der Minderheit darstellen.
Das Projekt nahm jedoch eine relativ geschlossene, kollektive Kultur der als „Zigeuner“ bezeichneten Gruppen an. Es beschrieb sie als periphere, vormoderne und teilweise archaische „Stammesgesellschaft“, deren freiheitlicher „Eigensinn“ sich gegen eine „uniforme Industriegesellschaft“ richte und am Nomadismus festhalte. Insbesondere Streck deutete die nationalsozialistische Verfolgung seit den 1980er Jahren eher als sozialpolitisch denn als rassistisch motiviert. Er lehnte eine Bewertung als Genozid nach dem Vorbild der Shoa ab.
Wissenschaftler und Angehörige der Minderheit kritisierten diese Positionen scharf. Die Bürgerrechtsbewegung forderte in den 1980er Jahren die staatlich-rechtliche Anerkennung der deutschen Sinti und Roma als ethnische Minderheit und die Anerkennung der nationalsozialistischen Verbrechen als Genozid. Sie sah die Gießener Forschung als Hindernis dafür an. Kritisiert wurden vor allem die romantisierende Vorstellung einer „natürlichen“ Rückständigkeit, die ethnische Umdeutung sozialer Probleme, wissenschaftliche und methodische Mängel sowie die Bagatellisierung des Genozids und seines rassistischen Motivs. Auch Strecks Sprache wurde als Nähe zu einer Rechtfertigung des Massenmordes beanstandet.
Ende der 1990er Jahre knüpfte eine Leipziger Gruppe um Streck erneut an den ethnologischen Ansatz an. Das „Zentrum für tsiganologische Forschung“ und das 2005 gegründete „Forum Tsiganologische Forschung“ untersuchten sogenannte „Zigeunerkulturen“ auf transnationaler, nationaler und lokaler Ebene, besonders in Osteuropa. Streck verstand „Zigeuner“ als Dienstleistungsnomaden und hielt die Bezeichnung für ein „altehrwürdiges Gruppenetikett“. Die Leipziger Schule übernahm die Bezeichnung „Sinti und Roma“ nicht, blieb in der deutschsprachigen Forschung isoliert und wurde beschuldigt, das antiziganistische Bild vom „ewigen Zigeuner“ zu wiederholen. Eine für 2010 geplante Veröffentlichung Strecks wurde kurz vor Erscheinen abgesagt. Das Forum stellte später seine Tätigkeit ein; die letzte Tagung fand 2011 statt, das letzte Gruppenzirkular erschien im April 2012. Wolfgang Benz bewertete den gesamten ethnologischen Ansatz als „Irrweg“, der antiziganistische Ressentiments verstärkt habe.
Internationale Forschung und Romani Studies
Die 1888 in Großbritannien gegründete Gypsy Lore Society fördert kulturwissenschaftliche Forschung zu „Gypsy and Traveler cultures“. Sie bezieht unter anderem Rom, Romanichels, Cale, Sinti, Ludar, Romungre sowie Irish und Scottish Travelers ein. Ihr Ziel ist es, verschiedene Wissenschaften zu vernetzen, Informationen zu verbreiten und ein besseres Verständnis der Vielfalt dieser Gruppen zu ermöglichen. Ihr Journal of the Gypsy Lore Society wurde 2000 in Romani Studies umbenannt; seit 1989 befindet sich der Hauptsitz der Gesellschaft in den USA. Romani Studies sind unter anderem an den Universitäten Manchester, Greenwich und Austin vertreten. Die Bezeichnung steht für eine Distanzierung von der alten Tsiganologie.
1991 gründeten bulgarische Sozial- und Geisteswissenschaftler die Gesellschaft für Minderheitenstudien „Studii Romani“. Sie erforscht ethnische, religiöse und kulturelle Aspekte der Roma-Minderheit in Bulgarien und auf dem Balkan; zu ihren Trägern gehören allerdings auch Vertreter der ethnologischen „Zigeunerforschung“.
An der Karlsuniversität Prag besteht das von der Romanes-Expertin Milena Hübschmannová begründete Studienangebot „Romistika“. Das interdisziplinäre Programm untersucht anthropologische, historische, politische, religiöse, folkloristische und literarische Aspekte der „Roma-Kultur“. Sein essentialistischer Ansatz – also die Annahme eines bestimmbaren kulturellen Wesenskerns – ist umstritten. Katrin Reemtsma betonte 1996 dagegen, die europäischen Roma seien „kein homogenes Volk“; Kulturkontakt, Kulturwandel und interkulturelle Beziehungen seien zentrale Merkmale ihrer Kultur.
Das von der Europäischen Union getragene European Academic Network on Romani Studies bestand planmäßig von 2011 bis 2015 und sollte die soziale Inklusion von Roma unterstützen. Anders als die weit gefasste Tsiganologie bezog es sich nur auf Roma. Romani Studies untersuchen ausschließlich romanessprachige Gruppen. Wegen dieses anderen Gegenstands und Selbstverständnisses sind Romani Studies und Tsiganologie nicht gleichzusetzen.