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Tricoteuses
Als Tricoteuses ([tʁikɔtøːz], französisch; „Strickerinnen“) wurden während der Französischen Revolution politische Aktivistinnen aus den Kreisen der …
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Grundbedeutung
Als Tricoteuses, französisch für „Strickerinnen“, bezeichnete man während der Französischen Revolution politische Aktivistinnen aus dem Umfeld der Sansculottes. Sansculottes waren radikale Anhänger der Revolution aus einfachen sozialen Schichten. Die Tricoteuses traten an Orten des revolutionären Geschehens auf und unterstützten militant die Positionen der Jakobiner und Enragés.
Der Begriff ist wichtig, weil er mehr bezeichnet als Frauen, die tatsächlich strickten. Er wurde zu einem Symbol für weibliche politische Teilnahme in einer Zeit, in der Frauen kein Wahl- und Stimmrecht hatten und politische Frauenvereinigungen am 30. Oktober 1793 verboten wurden. Die Tricoteuses standen deshalb nicht nur für den Umsturz der alten Ordnung, sondern auch für eine Herausforderung der damaligen Geschlechterordnung.
Entstehung des Begriffs
Die Prägung des Begriffs wird auf einen Erlass von Pierre-Gaspard Chaumette, dem Sekretär der Pariser Kommune, vom 22. Dezember 1793 zurückgeführt. Darin wurde festgelegt, dass die „patriotischen Bürgerinnen des 5. und 6. Oktober“ bei Bürgerfeiern einen besonders gekennzeichneten Platz erhalten sollten. Sie sollten mit ihren Ehegatten und Kindern teilnehmen „und sie werden stricken“.
Der Begriff wurde außerdem mit Frauen auf der Tribüne des Nationalkonvents verbunden. Diese Frauen nahmen an den öffentlichen Sitzungen teil, unterstützten lautstark Maximilien de Robespierre und sollen dafür 40 Sous am Tag erhalten haben. Besonders einprägsam war das Bild von Tricoteuses am Fuß der Guillotine. Charles Henri Sanson, der Scharfrichter von Paris, beschrieb Frauen aus dem Milieu der radikalen Sansculottes, die mit Strickzeug auf Bänken an der Guillotine saßen, Witze machten und auf Verurteilte warteten.
Rolle in der Französischen Revolution
Eine Frau musste nicht tatsächlich beim politischen Auftreten stricken, um als Tricoteuse zu gelten. Der Name ging über seine wörtliche Bedeutung hinaus. Die Tricoteuses standen in einer Reihe mit anderen politisch sichtbaren Frauengruppen aus der Kleinbürgerschicht oder Arbeiterklasse, etwa den Poissardes des Zugs nach Versailles am 5./6. Oktober 1789 und den Blanchisseuses der Preisunruhen am 25. Februar 1793.
Das Stricken wurde früher oft als bloßer Zeitvertreib gedeutet. Zugleich galt es als typische Tätigkeit der weiblichen Privatsphäre. Wenn Frauen diese Tätigkeit in die politische Öffentlichkeit trugen, machten sie ihren Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe sichtbar. Die Geschlechterforschung deutet das Stricken deshalb als Zeichenhandlung in männlich beherrschten Bereichen: Eine geschlechtsspezifische soziale Praxis wurde Teil der Revolutionssymbolik.
Besonders stark traten die Tricoteuses während der Terreur von 1793/94 auf, der Hochphase der Revolution. Ihre Anwesenheit bei Hinrichtungen wird im Zusammenhang mit Revolutionskulten beschrieben, in denen die Guillotine für manche Anhänger als „heilig“ und als Mittelpunkt „roter Messen“ gelten konnte.
Stricken als Tarnung und Code
In späteren historischen Zusammenhängen wurde Stricken ebenfalls politisch oder militärisch genutzt, vor allem als unauffällige Tarnung. Im Ersten Weltkrieg betrieben belgische und französische Agentinnen unter deutscher Besatzung Untergrundkampf durch Stricken. Die französische Spionin Louise de Bettignies, Tarnname Alice Dubois, arbeitete von Lille aus für den britischen Geheimdienst. Ihr Alice Network bestand aus etwa 100 Agenten und nahm auch Strickerinnen auf.
Frauen, die in der Nähe von Bahnhöfen oder Gleisumschlagplätzen lebten, beobachteten Züge. Informationen über ein- und ausgehende Züge wurden durch verschiedene Strickmaschen nach Art der Züge unterschieden. Der Vorteil war, dass Stricken am Fenster über längere Zeit unauffällig wirkte. Die Arbeiten wurden anschließend in die Zentrale geschmuggelt.
Auch im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg diente Stricken als Tarnung. Molly Old Mom Rinker spionierte im Auftrag von George Washington die Briten aus. Sie setzte sich auf einen Hügel, gab vor zu stricken, beobachtete feindliche Linien und warf in Wollknäueln versteckte Notizzettel mit Informationen den Abhang hinunter, wo amerikanische Soldaten warteten.
Nachwirkung und Darstellung
In revolutionsfeindlichen und restaurativen Schriften wurden die weiblichen Sansculotten als Tricoteuses de Robespierre, also „Robespierres Strickweiber“, und als Furies de la Guillotine, „Rachegöttinnen der Guillotine“, dargestellt. Diese Schriften zeichneten häufig ein verzerrtes Bild von blutrünstigen Frauen als Gegenbild zur angeblich natürlichen Ordnung, in der Frauen nur liebevolle Mütter und Ehefrauen sein sollten und politisch nicht öffentlich auftraten.
Bis heute kann der Begriff im Französischen und Englischen metaphorisch für eine Frau mit radikaler politischer Haltung stehen. In Literatur, Film und Musik wurde das Motiv wiederholt aufgegriffen. Charles Dickens gestaltete in A Tale of Two Cities die Figur Thérèse Defarge als Tricoteuse, die Namen künftiger Guillotineopfer in codierter Form in ihr Strickmuster aufnimmt. Weitere Beispiele nennt der Artikel bei Louis-Sébastien Mercier, Mel Brooks, Ian Fleming, David Bowie und Christopher Nolan.