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Tibetische Maßeinheiten

Inhaltsverzeichnis · 1 Längenmaße. 1.1 Längenmaße mit festgelegten Maßgrößen. 1.1.1 Längenmaße des alltäglichen Lebens · 2 Winkelmaße · 3 Hohlmaße · 4 Gewichtsmaße.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick
  2. 2. Längen im Alltag und im Kālacakratantra
  3. 3. Proportionalmaße der Malerei
  4. 4. Winkel in der Astronomie
  5. 5. Hohl- und Gewichtsmaße
  6. 6. Zeitgrößen

Überblick

Tibetische Maßeinheiten wurden in Tibet verwendet, um Längen, Volumen, Gewichte, Winkel und Zeitintervalle zu bestimmen. Sie dienten im Alltag, in der Wirtschaft, in der Astronomie und in der tibetischen Malerei. Wichtig ist, dass nicht alle Größen auf dieselbe Weise gemessen wurden: Getreidemengen wurden zum Beispiel nicht gewogen, sondern mit Hohlmaßen, also Volumenmaßen, bestimmt.

Bei den Längenmaßen unterschied man feste Maße mit angenommener absoluter Größe, Proportionalmaße für Zeichnungen sowie Bogen- und Winkelmaße für astronomische Berechnungen. Bei den Gewichten gab es eigene Einheiten für Gold und andere für alltägliche Waren wie Butter, Fleisch, Holz oder Heu. Zeitgrößen wurden im Kalender und in der Astronomie ebenfalls mit speziellen Unterteilungen beschrieben.

Längen im Alltag und im Kālacakratantra

Im alltäglichen tibetischen Längenmaßsystem war die kleinste praktisch verwendete Einheit das sor-mo, die „Fingerbreite“. 12 sor-mo bildeten ein mtho, also eine „Spanne“ zwischen Zeigefinger und Daumen. 2 mtho entsprachen einem khru, der „Elle“. 4 khru bildeten ein rang 'dom beziehungsweise 'dom, den „Klafter“.

Ein überlieferter Messstab ist 182 cm lang und in 8 gleich große Teile eingeteilt. Das letzte Achtel ist nochmals in 12 Teile unterteilt, die die Einheit sor-mo darstellen. Daraus ergeben sich für dieses System: 1 'dom = 182 cm, 1 khru = 45,5 cm, 1 mtho = 22,75 cm und 1 sor-mo ungefähr 1,896 cm. Die absolute Größe dieser Einheiten war vermutlich in verschiedenen Landesteilen Tibets unterschiedlich.

Ein anderes Längensystem wurde durch das Kālacakratantra aus Indien nach Tibet überliefert. Seine kleinste Einheit ist phra-rab rdul, Sanskrit sūkṣma, „sehr feiner Staub“. Sie entspricht 1/262144 einer Fingerbreite, also ungefähr 0,000072 Millimeter. Die größte Einheit ist dpag-tshad, Sanskrit yojana. Eine dpag-tshad umfasst 32.000 Ellen, also ungefähr 14,56 km. Praktisch wurde dieses System in Tibet vor allem zur Beschreibung des Weltaufbaus verwendet; wichtig war dabei besonders die Einheit dpag-tshad.

Proportionalmaße der Malerei

In tibetischen Thangkas wurden Konstruktionszeichnungen oft wie ein Koordinatennetz angelegt. Die Zahlenangaben für Linienabstände verwendeten eine Grundgröße namens sor, ebenfalls „Fingerbreite“. Hier war sor aber kein festes Längenmaß wie ein Meter, sondern ein Proportionalmaß: Die Grundgröße richtete sich nach der Breite des Mittelfingers der dargestellten Person oder Gottheit.

Dadurch konnte ein sor je nach Größe der Zeichnung absolut verschieden lang sein. Innerhalb derselben Zeichnung blieb die Größe des sor jedoch immer gleich. Die kleinste Proportionaleinheit hieß nas, „Gerstenkorn“. 2 nas ergaben ein rkang, 4 rkang ergaben ein sor, das auch cha-chung, „kleines Teil“, genannt wurde. Eine größere Einheit war cha-chen, „großes Teil“, das 12 sor umfasste.

Winkel in der Astronomie

Winkelmaße wurden in der tibetischen Astronomie verwendet, vor allem zur Berechnung der Positionen, also der astronomischen Längen, von Mond, Sonne und den Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. Im geozentrischen Weltbild der Tibeter galt auch die Sonne als Planet.

Grundlage war die Ekliptik: Das ist der Großkreis, der durch die Projektion der scheinbaren jährlichen Sonnenbahn auf die Himmelskugel entsteht. Aus Sicht der Erde bewegen sich Mond und Planeten mit kleinen Abweichungen in der Breite entlang dieses Bereichs.

Die Ekliptik wurde in Tibet zuerst in 12 Tierkreiszeichen eingeteilt, tibetisch khyim. Für Berechnungen wurden sie mit den Zahlen 0 bis 11 bezeichnet. Außerdem gab es eine Einteilung in 27 Mondhäuser oder Mondstationen, tibetisch rgyu-skar, gezählt von 0 bis 26. Ein voller Kreis entsprach also 12 khyim = 360 Grad oder 27 rgyu-skar = 360 Grad. 1 khyim entsprach 30 Grad. 1 rgyu-skar wurde in 60 chu tshod, „Bogenstunden“, unterteilt und entsprach 13 Grad und 20 Bogenminuten. 1 chu tshod hatte 60 chu srang und entsprach 13 Bogenminuten und 20 Bogensekunden. 1 chu srang bestand aus 6 dbugs und entsprach 13 1/3 Bogensekunden. 1 dbugs entsprach 2 2/9 Bogensekunden.

Hohl- und Gewichtsmaße

Getreide, Hülsenfrüchte und ähnliche Waren wurden in Tibet mit Messkästen gemessen, nicht gewogen. Solche Messkästen hießen 'bo oder bogs 'bo. Die größte Hohlmaßeinheit war khal. 1 khal wurde in 20 bre unterteilt, und 1 bre umfasste 6 phul, also „Handvoll“.

Die Größe der Messkästen war je nach Landesteil sehr verschieden. Die zentraltibetische Regierung führte im 17. Jahrhundert ein geeichtes Normmaß für das khal ein, das für das Schatzamt verbindlich war. Das zugehörige Messgerät hieß mkhar ru oder gtan tshigs mkhar ru. Das mit einem solchen Gerät gemessene Getreide wog ungefähr 15 kg, wobei Reiseberichte stark unterschiedliche Angaben nennen. Das liegt auch daran, dass bei einem Volumenmaß das Gewicht je nach Korngröße und Wassergehalt schwanken kann. Bei einer angenommenen Dichte von 0,8 g/cm³ entspräche 1 khal etwa 18.750 cm³ oder 18,75 Litern; 1 bre wäre dann etwas weniger als 1 Liter.

Bei Gewichtsmaßen unterschied man Einheiten für Edelmetalle und gewöhnliche Waren. Für Gold war die kleinste Einheit nas, „Gerstenkorn“. 2 nas ergaben 1 ma nu, 2 ma nu ergaben 1 se ba, 2 se ba ergaben 1 gser tam, und 15 gser tam ergaben 1 zho. Diese Goldgewichte variierten regional stark. Für Butter, Fleisch, Holz, Heu und ähnliche Waren verwendete man Balkenwaagen mit verschiebbaren Gewichtssteinen. Die größte gewöhnliche Gewichtseinheit hieß ebenfalls khal; 1 Gewichts-khal entsprach 20 nyag, und 1 nyag entsprach 4 spor.

Zeitgrößen

Die in Tibet bekannten Zeitintervalle waren Jahr, tibetisch lo, Monat, zla ba, Tag, zhag, und Tageszeit, dus tshod. Die genauere Zeitaufteilung gehört zum tibetischen Kalender.

Für astronomische Berechnungen wurden drei Tagesarten unterschieden: Zodiak-Tag, lunarer Tag und natürlicher Tag. Sie wurden ähnlich wie die Ekliptik unterteilt, nämlich in chu tshod, „Stunde“, chu srang, „Minute“, und dbugs, „Länge eines Atemzuges“. Ein Tag umfasste 60 chu tshod, 1 chu tshod wurde in 60 chu srang unterteilt, und 1 chu srang bestand aus 6 dbugs.

Für den natürlichen Tag, tibetisch nyin zhag, mit 24 Stunden bedeutet das: 1 chu tshod entspricht 24 Minuten, 1 chu srang entspricht 24 Sekunden, und 1 dbugs entspricht 4 Sekunden.

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