Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Suzanne Ciani
Suzanne Ciani (* 4. Juni 1946) ist eine US-amerikanische Musikerin, Sounddesignerin, Komponistin und Labelmanagerin, die in den 1970er Jahren frühe Erfolge …
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung und künstlerisches Profil
Suzanne Ciani (* 4. Juni 1946) ist eine US-amerikanische Musikerin, Sounddesignerin, Komponistin und Labelmanagerin. Sie gehört zu den Pionierinnen der elektronischen Musik. Bekannt wurde sie besonders durch innovative Klänge, Soundeffekte für Filme und Fernsehwerbung sowie durch Musik, in der sie häufig Quadrofonie einsetzt. Dabei wird ein Klang nicht nur auf zwei, sondern auf vier getrennte Kanäle verteilt. Bei den Grammy Awards wurde sie fünfmal für das Best New Age Album nominiert.
Cianis Arbeit verbindet elektronische Klangerzeugung, Komposition, Klaviermusik, Film- und Werbemusik. Neben ihrer Tätigkeit als Solokünstlerin arbeitete sie als Gastmusikerin, produzierte Soundeffekte und gründete eigene Plattenfirmen.
Ausbildung und erste Arbeiten
Ciani wurde in einem Armeekrankenhaus in Indiana geboren und wuchs in Quincy (Massachusetts), einer südlichen Vorstadt von Boston, auf. Ihre Familie stammt ursprünglich aus Italien. Sie hat vier Schwestern; ihr Vater war Arzt. Mit sechs Jahren begann sie Klavier zu spielen.
Von 1964 bis 1968 studierte Ciani am Wellesley College „Traditional Liberal Arts“ und erhielt eine klassische Musikausbildung. Zusätzlich besuchte sie Abendkurse, unter anderem am Massachusetts Institute of Technology, wo sie erstmals mit Musiktechnik in Kontakt kam. Von 1968 bis 1970 erwarb sie an der University of California, Berkeley, einen Masterabschluss in Komposition.
Während ihres ersten Jahres in Berkeley lernte sie durch ihren damaligen Freund den Synthesizererfinder Don Buchla kennen. Sein analoger modularer Buchla-Synthesizer, insbesondere der Buchla 200, prägte ihre weitere Arbeit stark. Zeitweise nutzte sie ein gemietetes Studio am Mills College in Oakland und zahlte dafür 5 Dollar pro Besuch. An der Stanford University besuchte sie einen Kurs für Computermusik und erhielt unter anderem Unterricht bei Max Mathews, John Chowning und Leland Smith am Artificial Intelligence Lab.
Nach ihrem Abschluss arbeitete sie bei Buchla and Associates, um Geld für einen eigenen Buchla 200 zu verdienen. 1969 erhielt sie ihren ersten bezahlten Kompositionsauftrag: die Produktion von zehn Werbespots für Macy’s. Außerdem arbeitete sie an Soundinstallationen, Ausstellungen, Tanzperformances und Filmmusik, komponierte am San Francisco Tape Music Center und am Mills College und nahm experimentelle Stücke in ihrem Garagenstudio auf. Eine kurzzeitig gegründete Möbelfirma gab sie nach sechs Monaten auf. Danach entschied sie sich, ihren Lebensunterhalt mit Musik zu verdienen.
1970 veröffentlichte sie gemeinsam mit dem Bildhauer Harold Paris ihr Debütalbum Voices of Packaged Souls: Musique concrète. Sie produzierte es während einer Nachtschicht bei der Radiostation KPFA in Berkeley. Die ursprüngliche Auflage betrug nur 50 Kopien.
Karriere zwischen Werbung, Synthesizer und Alben
Im April 1974 zog Ciani mit ihrem Synthesizer und ihrer Kleidung nach New York, wo sie die folgenden neunzehn Jahre lebte. Zu ihren frühen Aktivitäten gehörte eine Soloperformance in der Bonino Gallery. Als Sessionmusikerin hatte sie zunächst mit unregelmäßigem Einkommen zu kämpfen. Bei einem Auftritt im Lincoln Center weigerte sie sich zu spielen, weil keine Quadrofonie-Beschallungsanlage vorhanden war. Nach einer Soloperformance im April 1975 schlug Vladimir Ussachevski sie für ein Stipendium vor; 1976 erhielt sie schließlich ein Stipendium des National Endowment for the Arts. In dieser Zeit lebte sie unter anderem auf dem Dachboden des Kunstkritikers Robert Hughes und im Kellerstudio von Philip Glass.
1978 gründete sie Ciani/Musica. Inc. Dort produzierte sie Werbejingles für Coca-Cola, Merrill Lynch, AT&T und General Electric. Besonders bekannt wurde ihr Soundeffekt für das Öffnen einer Colaflasche und das Einschenken. Außerdem schuf sie die Logo-Töne für Energizer und die American Broadcasting Company. Zeitweise arbeitete sie bis zu zehn Studiosessions pro Woche.
Als Gastmusikerin wirkte Ciani 1976 auf dem Debütalbum der Starland Vocal Band mit und steuerte unter anderem den brausenden Effekt im Refrain von Afternoon Delight bei. 1977 produzierte sie die Soundeffekte für Meco: Star Wars and Other Galactic Funk. 1975 komponierte sie den Soundtrack für den experimentellen Film Rainbow’s Children; 1986 folgte die Musik für einen Dokumentarfilm über Mutter Teresa. 1979 entwickelte sie für den Flipperautomaten Xenon Soundeffekte mit ihrer Stimme und einem Vocoder. Dadurch wurde sie zur ersten weiblichen Stimme eines Flipperautomaten. 2013 wurde sie dafür in die Pinball Expo Hall of Fame aufgenommen. Später nahm sie ihre Stimme auf einem Soundchip auf, unter anderem für Aufzugsdurchsagen; auch die US-Regierung beauftragte sie mit Klängen für Flugsimulatoren.
1980 trat Ciani in der David Letterman Show und in der PBS-Kindersendung 3-2-1 Contact auf. Sie arbeitete mit Harald Bode an einem „negativen Vocoder“, dessen Entwicklung nach Bodes Tod 1987 abgebrochen wurde. Für Lily Tomlins Film Die unglaubliche Geschichte der Mrs. K. orchestrierte sie die Filmmusik. Nach eigener Darstellung beziehungsweise dem Artikel war sie damit die erste Frau, die alleine die Musik für einen Hollywoodfilm komponiert hatte.
1982 veröffentlichte sie ihr erstes Studioalbum Seven Waves, das zunächst nur in kleiner Auflage und nur in Japan erschien. 1984 wurde es in den USA durch Atlantic Records veröffentlicht. Für die Produktion verwendete sie unter anderem einen MC-8- und MC-4-Sequencer, einen Prophet-5, einen Roland-TR-808, den Buchla 200, einen Bode-Vocoder, ein Lyricon, ein Synclavier, einen Polymoog, einen Arp-Synthesizer und Eventide Processing. 1985 erhielt sie beim Cannes Lions International Festival of Creativity einen bronzenen Löwen. The Velocity of Love erschien 1986 bei RCA Records; der Titelsong wurde ihr bekanntestes Stück und enthielt ihre ersten Klavieraufnahmen nach einer langen Konzentration auf den Buchla-Synthesizer. Von 1988 bis 1992 veröffentlichte Private Music mehrere ihrer Alben und Wiederveröffentlichungen.
Pianissimo von 1990 wurde trotz Cianis überwiegend elektronischer Aufnahmen ihr meistverkauftes Album. 1991 erschien Hotel Luna, inspiriert von Reisen nach Italien zur Erforschung ihrer Vorfahren. Für die Seifenoper Liebe, Lüge, Leidenschaft komponierte und spielte Ciani ab 1992 die Titelmusik und Musik für mehrere Episoden. 1994 gründete sie mit Seventh Wave eine eigene unabhängige Plattenfirma. Dream Suite wurde 1994 in Moskau mit dem Young Russia Orchestra aufgenommen und für einen Grammy nominiert. Turning von 1999 enthielt ihre erste Komposition mit Text, gesungen von der taiwanischen Künstlerin Chyi Yu.
Spätere Projekte und Veröffentlichungen
Anfang 2006 gewann Ciani mit Silver Ship bei den fünften Annual Independent Music Awards den Preis für das beste New-Age-Album. Sie war zuvor Gründungsmitglied der Jury gewesen. Außerdem tritt sie in der New-Age-Jazzgruppe The Wave auf.
2012 wurde Ciani in die Keyboard Magazine Hall of Fame aufgenommen. 2014 finanzierte sie über eine erfolgreiche Kickstarter-Kampagne den Dokumentarfilm A Life in Waves über ihr Leben als Pionierin der elektronischen Musik. Der von Brett Whitcomb und Bradford Thomason produzierte Film hatte am 12. März 2017 beim South by Southwest Festival Premiere und wurde später auf DVD beziehungsweise 2020 als Blu-Ray veröffentlicht.
2015 erhielt Ciani den Alumnae Achievement Award des Wellesley College. 2016 veröffentlichte sie mit Buchla Concerts 1975 zwei Liveperformances aus New York, die ursprünglich im April 1975 entstanden waren. Im selben Jahr erschien mit Kaitlyn Aurelia Smith Sunergy, eine gemeinsame Aufnahme, auf der beide Buchla-Synthesizer spielten. Im Mai 2017 erhielt Ciani beim Moogfest als erste Frau den Moog Music Innovation Preis.
Live Quadrophonic, im Juni 2018 gemeinsam mit dem Produzenten KamranV veröffentlicht, dokumentiert Cianis erstes Solokonzert auf einem Buchla-Synthesizer nach 40 Jahren Pause. Das Konzert fand am 5. März 2016 im Gray Area in San Francisco statt und wurde in Vierkanal-Quadrofonie präsentiert. Die Veröffentlichung war auf 227 nummerierte Schallplatten mit 45/min und einen eigens angefertigten Hardwaredecoder begrenzt. Der Decoder wandelt die zwei Audiokanäle der Schallplatte in vier Kanäle um. Auch klassische Regular-Matrix-Quadrofoniereceiver und moderne Receiver mit Dolby Pro Logic II können das Album wiedergeben.
2019 erschien das ursprünglich 1969 aufgenommene, bis dahin unveröffentlichte Album Flowers of Evil. Darauf wird Charles Baudelaires Gedicht Élévation von Cianis Buchla-Synthesizer begleitet. 2020 veröffentlichte sie digital Improvisation on Four Sequences at Festival Antigel, die erste eigenständige Veröffentlichung auf ihrem Label Atmospheric. Das Material wurde in mehreren Raummixen angeboten, darunter Quadrofonie, Ambisonics, 5.1 und Stereo. Ebenfalls 2020 erschien Denali, auf dem Ciani Klavier und Buchla 200 spielt.
Zu ihren zentralen Soloalben gehören neben Voices of Packaged Souls, Seven Waves, The Velocity of Love und Pianissimo auch Neverland, History of My Heart, Hotel Luna, Dream Suite, Pianissimo II und III, Turning und Silver Ship. Zu den wichtigen Liveveröffentlichungen zählen Buchla Concerts 1975, LIVE Quadraphonic und Improvisation on Four Sequences at Festival Antigel. Sie veröffentlichte außerdem Lehr- und Notenbücher wie New Age Piano (1991), Dream Songs (1995), Turning (1999) und The Best of Suzanne Ciani (2007). Ihre Filmmusik umfasst unter anderem Snakes (1974), Die unglaubliche Geschichte der Mrs. K. (1981), Mother Teresa (1986), Liebe, Lüge, Leidenschaft (1991–1995) und Mother Teresa: The Legacy (2001).
Privatleben und Auszeichnungen
1992 wurde bei Ciani Brustkrebs im Frühstadium diagnostiziert. Nach erfolgreicher Strahlentherapie und Operationen erholte sie sich. Das Ereignis veranlasste sie, New York zu verlassen und nach Kalifornien umzuziehen. Seitdem lebt sie in der Küstengemeinde Bolinas. Von 1994 bis 2000 war sie mit dem Produzenten und Anwalt Joseph Anderson verheiratet; die Ehe wurde geschieden.
Zu ihren weiteren Auszeichnungen gehören der SEAMUS Award (2023), der A2IM Independent Icon Award (2020), der Moog Innovation Award (2017), die Aufnahme in die Pinball Expo Hall of Fame (2013) und die Keyboard Magazine’s Hall of Fame (2012). Für ihre Werbemusik erhielt sie Clio Awards für Excellence in Advertising (1977–1989) und den Bronze Lion Award (1985). 1987 bekam sie den Most Valuable Synthesizer Player Award der National Academy of Recording Arts and Sciences. 1992 wurde sie von der Zeitschrift Keyboard als Best New Age Keyboardist ausgezeichnet, 1997 erhielt sie den Lifetime Achievement Award der Women in Audio Section der Audio and Engineering Society. Die Grammy-Nominierungen für Best New Age Album betrafen Neverland (1988), Hotel Luna (1991), Dream Suite (1996), Pianissimo II (1997) und Turning (2000).