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Stresstest (Finanzwirtschaft)
Ein Stresstest ist ein Instrument des Risikomanagements in der Finanzwirtschaft. Man unterscheidet dabei Mikro-Stresstests, die von Finanzinstituten selbst, …
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Begriff, Zweck und Arten
Ein Stresstest ist ein Instrument des Risikomanagements in der Finanzwirtschaft. Er simuliert mithilfe der Szenariotechnik, wie sich veränderte Risikofaktoren auf bestimmte Messgrößen, etwa die Kernkapitalquote eines Finanzinstituts, auswirken. Stresstests sollen mögliche Folgen bestimmter Entwicklungen sichtbar machen, die Ergebnisse kommunizierbar machen und als Grundlage für Entscheidungen dienen. Sie werden vor allem ergänzend zur Bewertung des Marktrisikos eingesetzt.
Mikro-Stresstests betrachten einzelne Finanzinstitute. Sie werden von den Instituten selbst oder von der mikroprudentiellen Aufsicht durchgeführt, beispielsweise von BaFin oder EZB. Makro-Stresstests untersuchen dagegen Risiken für größere Teile des Finanzsystems und gehören zur makroprudentiellen Aufsicht, etwa durch Deutsche Bundesbank, FINMA/SNB oder FSA.
Bei einer Szenarioanalyse werden mehrere Risikofaktoren gleichzeitig verändert. Eine Sensitivitätsanalyse ist dagegen ein eindimensionales Szenario, in dem nur ein Risikofaktor variiert wird.
Krisensimulation und Risikomessung
Für Kreditinstitute, Fondsgesellschaften und Versicherungsgesellschaften sind Stresstests teilweise gesetzlich vorgeschrieben. Anhand hypothetischer Krisen wird geprüft, wie sich Belastungen auf Ertrag und Eigenkapital eines Finanzdienstleisters auswirken und ob daraus eine Unternehmenskrise entstehen könnte.
Eine wichtige Risikokennzahl ist der Value at Risk (VaR). Er gibt an, welchen Verlust eine bestimmte Risikoposition, zum Beispiel ein Wertpapierportfolio, mit einer vorgegebenen Wahrscheinlichkeit und innerhalb eines bestimmten Zeithorizonts nicht überschreitet. Eine wesentliche Einschränkung besteht darin, dass Risiken in der Wirklichkeit – anders als im zugrunde liegenden Modell – nicht normalverteilt sind. Deshalb ergänzen Stresstests die VaR-Berechnung: Sie untersuchen extreme Szenarien, die der Value at Risk nicht angemessen erfasst. Beide Verfahren können auch kombiniert werden; die EZB nutzt dies beispielsweise zur Ermittlung des Credit VaR.
Als exogene oder endogene Belastungsfaktoren kommen unter anderem steigende oder fallende Zinsen, eine Aktienhausse oder Aktienbaisse, Veränderungen von Rohstoffpreisen und Devisenkursen sowie eine allgemeine Rezession infrage. Für Kreditportfolios stehen Stresstests durch die Umsetzung des ICAAP (Internal Capital Adequacy Assessment Process), eines Verfahrens zur Beurteilung der angemessenen Kapitalausstattung, besonders im Fokus der Banken.
Ziele und Erfahrungen aufsichtlicher Tests
Die Finanzkrise 2007 und die Insolvenz von Lehman Brothers 2008 beeinträchtigten zunächst Teilmärkte wie Börse und Interbankenmarkt und später die gesamte Weltwirtschaft. Weil funktionsfähige Kreditinstitute, Versicherungen und andere Finanzdienstleister für die Volkswirtschaft wesentlich sind, führten die Aufsichtsbehörden auf wichtigen Finanzmärkten Stresstests für ausgewählte Institute ein. Genau festgelegte Parameter eines Krisenszenarios werden dabei auf die Institute angewandt.
Das allgemeine Ziel ist die Prüfung der Stabilität des Finanzsystems. Aufsichtliche Stresstests sollen mögliche Schwachstellen aufdecken, die Robustheit der Kernkapitalquoten überprüfen und Auswirkungen einer Marktstörung auf die Liquidität der Institute sichtbar machen.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank entwickelten das Konzept der Makro-Stresstests mit. Solche Tests waren ein wichtiger Bestandteil des erstmals 1999 durchgeführten Financial Sector Assessment Program (FSAP), das nationale Finanzsysteme untersucht.
Ein IWF-Stresstest von 2007 sollte mögliche Verluste durch Asset Backed Securities (ABS), also durch Vermögenswerte besicherte Wertpapiere, ermitteln. Trotz eines „beispiellosen Immobilienpreisszenarios“ kam der IWF zu dem Ergebnis, vom US-Immobilienmarkt und den darauf beruhenden Finanzprodukten gehe wahrscheinlich keine systemische Gefahr aus. Zu den Teilnehmern gehörten Lehman Brothers und Bear Stearns. Als möglicher Grund für die zu gering angesetzten Verluste gilt, dass die deutliche Verschlechterung der Kreditqualität in den Jahren 2006/07 nicht berücksichtigt wurde.
2009 wurde mit dem SCAP erstmals ein Makro-Stresstest für 19 Großbanken in den USA durchgeführt. Die Banken sollten aufgrund der Ergebnisse ihre Eigenkapitalbasis stärken; außerdem wurden detaillierte Ergebnisse der einzelnen Institute veröffentlicht. Die von den Banken selbst berechneten Bottom-up-Ergebnisse wurden durch einen Top-down-Vergleichstest kontrolliert. Rund 85 % des zusätzlichen Kapitalbedarfs entfielen auf Bank of America, Wells Fargo und General Motors Acceptance Corporation (GMAC). Dabei spielten Sondereinflüsse eine große Rolle: Bank of America hatte Merrill Lynch übernommen, Wells Fargo hatte Wachovia erworben, und GMAC war durch die Krise bei General Motors stark belastet.
Europäische Stresstests
Die Vereinigung der europäischen Bankenaufseher CEBS organisierte 2009 den ersten EU-weiten Stresstest für 21 Banken; 2010 wurde er auf 91 Kreditinstitute ausgeweitet. Simuliert wurden eine starke Rezession, ein Einbruch an den Aktienbörsen und Turbulenzen am Markt für Staatsanleihen. Als bestanden galt der Test nur, wenn ein Institut unter den Stressannahmen noch eine Kernkapitalquote von mindestens 6 % erreichte. Sieben Banken bestanden nicht.
Die neu geschaffene Europäische Bankaufsichtsbehörde (EBA) prüfte 2011 als Nachfolgerin der CEBS erneut 91 europäische Banken. Bei zypriotischen Banken wertete sie den hohen Bestand griechischer Staatsanleihen nicht als Risiko, weil Verluste aus Staatsanleihen im Szenario nicht vorgesehen waren. Daher bestanden Bank of Cyprus und Laiki Bank den Test problemlos. Weniger als eine Woche nach Veröffentlichung der Ergebnisse vereinbarten Europas Staats- und Regierungschefs jedoch ein neues Rettungspaket für Griechenland, das Abschreibungen auf griechische Staatsanleihen vorsah.
Erst im Dezember 2011 bezog die EBA solche Verluste in einen zusätzlichen EU-weiten „Blitz“-Stresstest, die EU capital exercise, ein. Danach gehörten Bank of Cyprus und Laiki Bank zu 31 EU-Instituten mit zusätzlichem Eigenkapitalbedarf. Sechs deutsche Banken benötigten zusammen 13,1 Milliarden Euro. Sie sollten ihre Kapitaldecke erhöhen, um bis Ende Juni 2012 die verlangte Kernkapitalquote von 9 % zu erreichen.
2014 untersuchten EBA und EZB in deren neuer Aufsichtsrolle im Einheitlichen Europäischen Bankenaufsichtsmechanismus (SSM) 130 Banken der Eurozone. Die Prüfung verband eine rückblickende Bewertung der Aktiva, den Asset Quality Review, mit zukunftsorientierten Stresstests. Bei 25 europäischen Banken, darunter einer deutschen, wurde eine unzureichende Kapitalausstattung festgestellt.
Am 3. März 2015 teilte die EBA angesichts der verbesserten Kapitalausstattung europäischer Banken mit, dass 2015 kein weiterer europaweiter Stresstest stattfinden werde. Beim europäischen Stresstest 2016 wurden 51 Geldinstitute aus 16 Staaten geprüft. Erstmals flossen auch Rechtsrisiken in die Bewertung ein; das Ergebnis fiel größtenteils positiv aus.