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Selma-nach-Montgomery-Märsche
Sie waren die Zuspitzung im Kampf für Wahlrechte nach dem Civil Rights Act of 1964 in Selma, Alabama, der von Amelia Boynton und ihrem Ehemann gestartet wurde.
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Bedeutung und Ausgangslage
Die drei Selma-nach-Montgomery-Märsche von 1965 bildeten den politischen und emotionalen Höhepunkt der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Im Mittelpunkt stand der Kampf gegen die systematische Behinderung des Wahlrechts Schwarzer Bürgerinnen und Bürger in Alabama. Amelia Boynton und ihr Ehemann Sam hatten diese Arbeit in Selma begonnen. Später unterstützten führende Bürgerrechtler wie James Bevel, Martin Luther King Jr. und Hosea Williams die Bewegung.
Selma war der Verwaltungssitz von Dallas County. Nach der Volkszählung von 1960 waren 57 % der Bevölkerung des Countys Schwarze. Trotzdem waren bei den Wahlen 1961 von rund 15.000 Schwarzen im wahlberechtigten Alter nur 130 als Wähler registriert. Verantwortlich waren die Jim-Crow-Gesetze, also gesetzliche Regeln zur rassistischen Trennung und Benachteiligung. Die Registrierung wurde unter anderem von Steuerklassen sowie Wissens- und Verständnistests abhängig gemacht; Analphabeten wurden ausgeschlossen. Hinzu kamen wirtschaftlicher Druck und offene Gewalt.
Kampf um die Wählerregistrierung
Amelia und Sam Boynton engagierten sich seit den 1930er Jahren in Bildungsprogrammen für Schwarze. Seit den späten 1950er Jahren warben sie für die Wählerregistrierung und gründeten dafür die Dallas County Voters League (DCVL). Unterstützung erhielten sie von der Southern Christian Leadership Conference (SCLC), einer wichtigen Bürgerrechtsorganisation, und deren Projektleiter James Bevel. Seit 1963 arbeitete außerdem das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC), eine von Schülern und Studenten getragene Organisation, in Selma mit gewaltfreien Methoden für die Registrierung Schwarzer.
Die Aktivisten waren massiver Einschüchterung ausgesetzt. Nach Sam Boyntons Tod im Mai 1963 ließ Sheriff Jim Clark die Kirche umstellen, um politische Beiträge bei der Trauerfeier zu verhindern. Dennoch nahmen mehrere hundert Schwarze teil. Im Sommer wurde der Studentenführer Bernard Lafayette von Angehörigen des Ku-Klux-Klans beinahe zu Tode geprügelt. Ein rein weißer Schulvorstand entließ 32 schwarze Lehrer fristlos, nachdem sie sich als Wähler hatten registrieren lassen.
Bei einer Masseneinschreibung am 7. Oktober 1963 wollten sich mehr als 350 Personen registrieren. Der zuständige Ausschuss ließ sie stundenlang in der Sonne warten und hörte nur rund 25 von ihnen an; die meisten Anträge wurden nach den Prüfungen abgelehnt. Sheriff Clark ließ SNCC-Mitglieder festnehmen und mit Elektroschockern foltern, wenn sie auf die Aktion hinwiesen oder den Wartenden Wasser und Essen bringen wollten.
Am 6. Juli 1964 wurden rund 50 Schwarze beim Betreten des Verwaltungsgebäudes festgenommen. Drei Tage später verbot ein lokales Gericht den Bürgerrechtsorganisationen, Versammlungen mit mindestens drei Personen zu organisieren. Ihre Arbeit war dadurch etwa sechs Monate lang blockiert. Im Winter bat Amelia Boynton die SCLC und Martin Luther King um Hilfe. Am 2. Januar 1965 widersetzte sich King mit einer Versammlung von Hunderten Menschen in der Brown Chapel dem Verbot. Im Januar und Februar folgten weitere Masseneinschreibungen. Auch in benachbarten Countys fanden Aktionen statt. Bei einer Demonstration in Marion schoss am 17. Februar ein Staatspolizist auf einen jungen Mann, der acht Tage später starb.
Die ersten beiden Protestzüge
Der erste Marsch am 7. März 1965 war eine Reaktion auf den Tod Jimmy Lee Jacksons, der am 17. Februar bei einer Bürgerrechtsdemonstration von Sicherheitskräften angeschossen worden war. Etwa 600 Menschen zogen unter der Führung von John Lewis aus Selma los. Ihr Ziel war Montgomery, die Hauptstadt Alabamas; die Strecke führte über den U.S. Highway 80.
An der Edmund-Pettus-Brücke stoppte die Polizei den Zug. Sie wurde dabei von weißen Bürgern unterstützt, die kurzfristig Polizeibefugnisse erhalten hatten. Mit Schlagstöcken, Peitschen und Tränengas griffen die Sicherheitskräfte die Demonstrierenden an. Mehr als 50 Verletzte, darunter John Lewis, mussten im Krankenhaus behandelt werden. Wegen dieser Gewalt ging der Tag als „Bloody Sunday“ in die Geschichte ein.
Zum zweiten Marsch rief Martin Luther King am 9. März 1965 auf. Auch dieser Zug erreichte Montgomery nicht. King ließ die Teilnehmenden aus Gründen der Deeskalation und auf Druck von Kongressmitgliedern noch vor der Edmund-Pettus-Brücke umkehren. Nach dem Marsch ermordeten weiße Rassisten den unitarischen Geistlichen und Teilnehmer James Reeb.
Der erfolgreiche Marsch nach Montgomery
Der dritte Marsch begann am 21. März 1965. Er dauerte fünf Tage und vier Nächte und erreichte am 24. März das etwa 86 km entfernte Montgomery. Die Demonstrierenden folgten dem U.S. Highway 80. Soldaten der US Army und Angehörige der National Guard schützten sie auf der Strecke.
Am Abend fand in Montgomery das Konzert „Stars for Freedom“ statt. Zu den auftretenden Künstlerinnen und Künstlern gehörten Joan Baez, Harry Belafonte, Tony Bennett, Frankie Laine, Peter, Paul and Mary, Sammy Davis, Jr. und Nina Simone. Am folgenden Tag versammelten sich rund 25.000 Menschen vor dem State Capitol Building, wo Martin Luther King eine Rede hielt.
Auch nach dem erfolgreichen Marsch setzte sich die rassistische Gewalt fort: Bei der nächtlichen Rückfahrt einer Gruppe nach Selma erschossen Mitglieder des Ku-Klux-Klans die aus Michigan angereiste freiwillige Helferin Viola Liuzzo, indem sie auf ihr Auto feuerten.
Erinnerung und Darstellung
1996 erklärte der US-Kongress die Marschroute zum Selma To Montgomery National Historic Trail und nahm sie in das National Trails System auf. Der Trail ist eine dezentrale Gedenkstätte: Mehrere historische Orte entlang der Strecke sind gemeinsam ausgeschildert und werden zusammen vermittelt. Etwa auf halber Strecke betreibt der National Park Service am Ort der damaligen Zeltstadt das Lowndes County Interpretive Center mit Museum, Führungen und Vorträgen.
In Selma erinnern unter anderem die Martin Luther King, Jr. Street Walking Tour, das private National Voting Rights Museum, das Slavery & Civil War Museum und die Edmund-Pettus-Brücke an die Ereignisse. In Montgomery gehören das Rosa Parks Museum, die Dexter Avenue King Memorial Baptist Church, das Alabama State Capitol und das Civil Rights Monument zum National Historic Trail.
Der Protestsong „Eve of Destruction“ von Barry McGuire erinnerte bereits 1965 mit der Zeile „Then take a look around to Selma, Alabama“ an die Gewalt staatlicher Organe. Die Märsche werden außerdem in dem oscarprämierten Dokumentar-Kurzfilm „A Time for Justice“, der Dokumentation „Eyes on the Prize“, dem Spielfilm „Wallace“ und dem Spielfilm „Selma“ von 2014 behandelt. Ein im Artikel angeführtes Zitat von Verena Lueken bezeichnet die Märztage 1965 als möglicherweise wichtigste Tage der amerikanischen Geschichte, weil die Ideen und Versprechen der Verfassung damals besonders greifbar geworden seien.