Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Pointillismus

Der Pointillismus ([po̯ɛ̃tiˈjɪsmʊs]; von französisch point ‚Punkt') bezeichnet eine Stilrichtung in der Malerei. Der Farbauftrag erfolgt in unzähligen, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Definition und Bedeutung
  2. 2. Bildaufbau und Farbtechnik
  3. 3. Entstehung und zentrale Werke
  4. 4. Reaktionen und internationale Verbreitung
  5. 5. Wirkung auf die moderne Kunst

Definition und Bedeutung

Der Pointillismus ist eine Stilrichtung der Malerei und gehört zum Post-Impressionismus. Seine Blütezeit lag zwischen 1889 und 1910. Bilder entstehen aus unzähligen winzigen Punkten, Tupfern oder kurzen Strichen reiner Farbe. Aus einer gewissen Entfernung verschmelzen diese einzelnen Farbzeichen erst im Auge des Betrachters zu Flächen und Gestalten.

Georges Seurat bezeichnete seine Methode zunächst als Chromo-Luminarismus, also Farblichtmalerei, und später als Divisionismus oder Teilungsmalerei. Allgemein setzte sich jedoch Paul Signacs Bezeichnung Pointillismus beziehungsweise Punktierstil durch. Félix Fénéon prägte 1886 außerdem den Begriff Neoimpressionismus, der die kunstgeschichtliche Weiterentwicklung des Impressionismus hervorheben sollte.

Zu den bedeutenden Vertretern zählen Georges Seurat, Paul Signac, Gustave Cariot, Henri Edmond Cross, Giovanni Segantini und Théo van Rysselberghe. Auch Camille Pissarro arbeitete einige Jahre in dieser Weise. Als deutsche Hauptvertreter gelten Curt Herrmann und Paul Baum.

Bildaufbau und Farbtechnik

Pointillistische Gemälde besitzen häufig einen streng geometrisch geplanten und ornamental wirkenden Aufbau. Anders als der Impressionismus wollen sie nicht in erster Linie eine realistische Momentaufnahme wiedergeben. Stattdessen wird das Bild als sorgfältig durchdachte Komposition gestaltet. Seurat ging dabei von der Gesamtkomposition über geometrische Beziehungen, Bildaufbau sowie die Beziehungen zwischen Licht und Gegenständen bis zu den einzelnen Bildelementen vor. Diesen umfassenden Ansatz nannte er Divisionismus.

Die technischen Grundlagen entwickelte Seurat 1883 und 1884 nach einer intensiven Beschäftigung mit der Farbenlehre. Er studierte Arbeiten von James Clerk Maxwell, Ogden Nicholas Rood, Charles Henry und besonders Eugène Chevreul über Farbwahrnehmung und additive Farbmischung.

Die Technik beruht auf dem Simultankontrast benachbarter Farben: Kleine, regelmäßige Tupfer reiner Farbe werden nebeneinandergesetzt, ohne sie zuvor auf der Palette vollständig zu vermischen. Erst beim Betrachten aus einiger Entfernung entsteht durch optische Verschmelzung und additive Farbmischung der gesamte Farbeindruck. Die Farben können dadurch leuchtender wirken. Beim direkten Vermischen auf der Staffelei werden sie dagegen dunkler; außerdem entstehen dabei fast unvermeidlich sogenannte Schmutzfarben. Mit dieser Methode entfernte sich der Pointillismus vom impressionistischen Ansatz und betonte das autonome Bild, das nach eigenen gestalterischen Gesetzen aufgebaut ist.

Entstehung und zentrale Werke

Seurats erstes großes Gemälde „Badende bei Asnières“ war erst ansatzweise pointillistisch ausgeführt. In seiner Komposition und der beginnenden Auflösung der Darstellung in einzelne Bildpunkte deutete sich die spätere Entwicklung jedoch bereits an. Nachdem der Salon de Paris das Bild 1884 abgelehnt hatte, wurde es im Salon der Unabhängigen gezeigt.

Zum richtungweisenden Werk der neuen Kunstrichtung wurde „Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte“ von 1884 bis 1886. Das Motiv – Menschen bei einer Freizeitbeschäftigung im Freien – war für den Impressionismus typisch. Seurat ordnete die Figuren aber konsequent der Gesamtkomposition unter und richtete sie an den waagerechten und senkrechten Hauptlinien aus. Er zeigte einen Querschnitt unterschiedlicher Gesellschaftsschichten und stellte die Personen in einer bewusst unrealistischen Systematik von vorn, von hinten und im Profil dar. Dadurch wirkt die Szene weniger wie ein zufälliger Augenblick als wie eine feierliche Inszenierung und Überhöhung der Wirklichkeit. Dieser Eindruck wird verstärkt, weil Seurat auch den Rahmen in die Bemalung einbezog.

Nach Seurats Tod im Jahr 1891 wurde Paul Signac zum führenden Theoretiker und Maler des Pointillismus.

Reaktionen und internationale Verbreitung

Die neue Malweise wurde zwiespältig aufgenommen. Künstler wie Paul Signac, Charles Angrand, Henri Edmond Cross, Albert Dubois-Pillet und Maximilien Luce waren von der Möglichkeit fasziniert, Malerei auf wissenschaftliche Grundlagen zu stellen. Camille Pissarro schloss sich der Bewegung zunächst an, äußerte sich später aber kritisch. Edgar Degas lehnte sie von Anfang an ab. Ablehnende Kritiker verspotteten die Technik als „Confettisme“. Félix Fénéon unterstützte sie dagegen mit theoretisch fundierten Kritiken und betrachtete sie als zukunftsweisend.

Für die internationale Verbreitung war die 1883 gegründete belgische Künstlergruppe Les Vingt, „Die Zwanzig“, besonders wichtig. Sie lud unterschiedliche Künstler zu ihren Ausstellungen ein und zeigte ab 1887 in Brüssel wiederholt Bilder Seurats und seiner Pariser Kollegen. Unter anderem Théo van Rysselberghe, Henry van de Velde und Jan Toorop übernahmen die neue Seh- und Malweise.

In Italien adaptierten Giovanni Segantini, Giuseppe Pellizza da Volpedo, Emilio Longoni und Angelo Morbelli den Pointillismus und entwickelten eigene Ausprägungen. Die deutschen Impressionisten tolerierten die Methode, verwendeten sie mit Ausnahme von Paul Baum und Curt Herrmann jedoch nicht; lange Pinselstriche blieben auch für die Malerei der Münchener Secession kennzeichnend.

Wirkung auf die moderne Kunst

Der Einfluss des Pointillismus auf die Kunst des 20. Jahrhunderts wurde lange unterschätzt. Teile der Kritik und des bürgerlichen Publikums betrachteten ihn lediglich als unbedeutendes technisches Verfahren. Zahlreiche bekannte Künstler, darunter Piet Mondrian, Henri Matisse, Elie und Robert Delaunay, Vincent van Gogh und Paul Gauguin, beschäftigten sich jedoch intensiv mit der Technik und durchliefen Phasen pointillistischer Experimente.

Einige Historiker sehen darin einen Hinweis darauf, dass der Pointillismus beim Übergang von den älteren Leitvorstellungen der Gegenständlichkeit und Wiedergabe zu Abstraktion und Konstruktion im 20. Jahrhundert eine wesentliche Rolle spielte. Der Kunsthistoriker Robert Rosenblum erklärte, Seurat könne sogar mit Cézanne konkurrieren, und bescheinigte ihm einen weit in Vergangenheit und Zukunft reichenden Blick. Das Gemälde „Grande Jatte“ bezeichnete er als eine Art „Eiffelturm der Malerei“.

Die Ausstellung „Wege des Pointillismus“ in der Albertina in Wien widmete sich 2016/2017 der Stilrichtung.

Weiterlesen