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Peitscheneffekt (Supply-Chain-Management)
Der Ausdruck Peitscheneffekt (engl. bullwhip effect, whiplash effect) bezeichnet das Phänomen, dass Bestellungen beim Lieferanten zu größeren Schwankungen …
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Kernidee und Bedeutung
Der Peitscheneffekt, englisch bullwhip effect oder whiplash effect, bezeichnet ein Phänomen in Lieferketten: Bestellungen beim Lieferanten schwanken stärker als die tatsächlichen Verkäufe an die Endkunden. Diese Abweichungen verstärken sich in vorgelagerter Richtung der Lieferkette, also vom Händler über Zwischenstufen bis zum Ursprung der Lieferkette.
Das Bild stammt vom Schlagen einer Peitsche: Eine kleine Bewegung des Handgelenks kann sich zu einer großen Schwingung an der Peitschenschnur verstärken. Übertragen auf Lieferketten bedeutet das: Schon kleine Veränderungen der Endkundennachfrage können große Bestellmengen-Schwankungen bei Zulieferern auslösen.
Im Supply-Chain-Management ist der Peitscheneffekt wichtig für das Risikomanagement. Er zeigt, warum Unternehmen entlang einer Lieferkette Informationen austauschen, ihre Planung koordinieren und ihre Prozesse aufeinander abstimmen müssen. Das um 1960 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelte MIT Beer Distribution Game, auf Deutsch Bierspiel, ist ein didaktisches Simulationsspiel, das diese Problematik veranschaulicht.
Wichtige Ursachen
In der Literatur werden besonders vier Ursachen genannt: Verarbeitung von Nachfragesignalen, Auftragsbündelung, Engpasspoker und Preisschwankungen.
Bei der Verarbeitung von Nachfragesignalen erstellt ein Akteur seine Nachfrageprognose aus der beobachteten Nachfrage. Ein kurzfristiger Nachfrageschub wird dann als Signal für eine dauerhaft hohe zukünftige Nachfrage gedeutet. Dadurch wird die Nachfrage übertrieben an den Lieferanten weitergegeben. Lange Lieferzeiten verstärken diese Verzerrung zusätzlich.
Auftragsbündelung bedeutet, dass Unternehmen Bestellungen sammeln und dann in größeren Mengen bestellen. Gründe sind bestellfixe Kosten, Mengenrabatte oder Staffelpreise. Dadurch entstehen Perioden ohne Bestellung und danach Perioden mit sehr großen Bestellmengen. Zulieferer können solche Schwankungen durch Mengenrabatte fördern; dies wird auch Hockeyschläger-Phänomen genannt. Je nach Prognoseverfahren können solche Ausreißer wiederum falsche Erwartungen über die zukünftige Nachfrage erzeugen.
Engpasspoker entsteht bei befürchteter Knappheit oder Versorgungsengpässen. Abnehmer planen dann oft großzügigere Bestellmengen, ähnlich wie bei Hamsterkäufen. Diese Zuschläge summieren sich über mehrere Stufen der Lieferkette zu großen Nachfragebooms. Tritt der erwartete Engpass nicht ein, nutzen Unternehmen zunächst ihre aufgebauten Bestände, wodurch die Bestellintervalle länger werden.
Preisschwankungen zwischen Stufen der Lieferkette können ebenfalls Bestellmengen verändern. Erwartet ein Abnehmer zum Beispiel steigende Preise, steigt seine momentane Nachfrage, weil er Vorräte anlegt. Diese Vorräte passen aber nicht unbedingt zur aktuellen Endkundennachfrage. In den folgenden Perioden fällt sein Bedarf dann geringer aus, und die Bestellintervalle verlängern sich.
Informationsaustausch als Gegenmaßnahme
Viele Ursachen des Peitscheneffekts hängen mit mangelndem Informationsfluss zwischen den beteiligten Unternehmen zusammen. Deshalb zielen Gegenmaßnahmen vor allem auf besseren Informationsaustausch und stärkere Koordination.
Ein Beispiel ist Collaborative Planning, Forecasting and Replenishment (CPFR). Dabei planen Unternehmen gemeinsam, erstellen Prognosen und stimmen die Warenversorgung ab. Hersteller können zum Beispiel Point-of-Sale-Daten nutzen, also Verkaufsdaten direkt vom Verkaufsort. Dadurch sind sie nicht nur auf indirekte Informationen durch Händlerbestellungen angewiesen, sondern können näher an der tatsächlichen Endkundennachfrage planen.
Eine weitere Methode ist der lieferantengesteuerte Bestand, englisch vendor managed inventory. Dabei kümmert sich der Zulieferer um den Lagerbestand seines Kunden. Auch das kann helfen, Bestellungen stärker an der tatsächlichen Nachfrage auszurichten.
Prozess- und Preisstrategien
Gegen gebündelte Bestellungen können operative Prozesse so gestaltet werden, dass Bestellschwankungen kleiner werden. Im Einzelhandel können Produkte zum Beispiel auf Mischpaletten geliefert werden, also verschiedene Produkte auf derselben Palette. Dadurch wird von einem einzelnen Produkt nicht gleich eine ganze Palette geliefert, sondern nur ein Teil. Wenn Mischpaletten häufiger geliefert werden, steigt die Lieferfrequenz für das einzelne Produkt.
Die einzelne Filiale erhält dann pro Lieferung zwar weniger von einem Produkt, insgesamt bleibt die Menge durch häufigere Lieferungen aber gleich. Der Vorteil ist, dass schneller auf Schwankungen der Endkundennachfrage reagiert werden kann. Außerdem ist weniger Sicherheitsbestand nötig, also weniger Reservebestand zur Absicherung gegen zukünftige Nachfrageschwankungen. Dadurch können auch Bestellschwankungen geringer ausfallen.
Gegen Bestellschwankungen durch Preisfluktuationen werden Everyday Low Prices (EDLP) genannt, also stets gleichbleibende Preise. Allerdings können gezielte Werbemaßnahmen mit starken Preisschwankungen ein wichtiges Absatzinstrument sein. Unerwünschte Effekte wie Vorratskäufe oder Substitutionskäufe bei Kunden sowie Produktionsengpässe oder Absatzschwankungen bei Herstellern können durch koordinierende Maßnahmen abgemildert werden; dies wird Efficient Promotion genannt. Außerdem können Preisfluktuationen auch durch Konkurrenzpreise entstehen, weil Kunden unveränderte eigene Preise im Vergleich zur Konkurrenz als verändert wahrnehmen.
Umgang mit Engpässen und Fortschrittszahlen
Um Versorgungsengpässe durch Hamsterkäufe zu vermeiden, sollten knappe Produkte im Engpassfall zum Beispiel anhand historischer Nachfragen zugeteilt werden. Dann hat ein Kunde keinen Anreiz, übertrieben viel zu bestellen. Wenn er weiß, dass er nur die gleiche Menge wie im Vorjahr bekommt, kann er die gelieferte Menge nicht durch eine höhere Bestellung beeinflussen. Weiß er dagegen, dass er nur die Hälfte der bestellten Menge bekommt, wird er das Doppelte seines tatsächlichen Bedarfs bestellen.
Als weitere mögliche Methode zur Verhinderung des Bullwhip-Effekts gilt das Konzept der Fortschrittszahlen. Es muss jedoch von allen Partnern in der Lieferkette gleichermaßen angewendet werden. Dabei werden Bedarfsmengen entlang der Lieferkette im Grunde nur weitergereicht. Sie werden nacheinander von einem Zählpunkt in der Logistik zum nächsten Zählpunkt verschoben. Die geplante oder ermittelte Durchlaufzeit zwischen den Zählpunkten dient als Vorlaufzeit.
Abweichungen und Schwankungen, die durch Losgrößen entstehen, werden über die kumulative Bedarfsermittlung bei den aufeinanderfolgenden Abrufen miteinander verrechnet. Dadurch soll der Peitscheneffekt vermieden werden.