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Matthias Gelzer
Matthias Gelzer (* 19. Dezember 1886 in Liestal; † 23. Juli 1974 in Frankfurt am Main) war ein schweizerisch-deutscher Althistoriker.
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Leben und akademischer Weg
Matthias Gelzer (19. Dezember 1886 in Liestal – 23. Juli 1974 in Frankfurt am Main) war ein schweizerisch-deutscher Althistoriker. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt lag auf der Geschichte der römischen Republik, besonders auf ihrer politischen Führungsschicht, ihren sozialen Abhängigkeiten und wichtigen Persönlichkeiten wie Caesar, Pompeius und Cicero.
Gelzer studierte von 1905 bis 1907 Geschichte und Klassische Philologie an der Universität Basel, unter anderem bei Friedrich Münzer. Von 1907 bis 1909 setzte er sein Studium an der Universität Leipzig fort. Anfang 1910 wurde er bei Ulrich Wilcken mit Studien zur byzantinischen Verwaltung Ägyptens promoviert. 1912 habilitierte er sich an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg mit einer Arbeit über die Nobilität der römischen Republik.
1915 erhielt Gelzer eine Berufung als ordentlicher Professor für Alte Geschichte an die Königliche Universität zu Greifswald, als Nachfolger von Walter Otto. 1918 wechselte er an die Universität Straßburg, 1919 auf den Lehrstuhl für Alte Geschichte der Universität Frankfurt am Main. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung 1955. 1924/1925 war er Rektor der Universität.
Gelzer war Mitglied der Bekennenden Kirche und zugleich aktiver Mitarbeiter am „Gemeinschaftswerk“ des Reichserziehungsministeriums, der sogenannten „Aktion Ritterbusch“, dem Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften ab 1940. Während der NS-Zeit hatte der politisch rechtskonservative Gelzer großen Einfluss an der Frankfurter Universität und galt als „reaktionärer Autokrat“. Zugleich wurde er nicht als NS-Sympathisant eingeordnet.
Gelzer war Bürger von Schaffhausen und Basel. Mit seiner Berufung nach Greifswald 1915 erhielt er auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Er war Ehrendoktor der Universitäten Basel (1959), Oxford und Frankfurt am Main sowie Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Akademien und Gesellschaften.
Forschungsmethode und Bedeutung
Gelzers Forschung war stark durch die philologische Quelleninterpretation geprägt. Das bedeutet, dass er historische Aussagen gründlich aus den überlieferten antiken Texten und aus der genauen Untersuchung ihrer Begriffe entwickelte. Als Schüler Ulrich Wilckens und des Altphilologen Richard Heinze verband er diese Methode mit einem ausgeprägten Sinn für historische Probleme und Fragestellungen. Heinze hatte ihn besonders zur intensiven Lektüre der Schriften Marcus Tullius Ciceros angeregt.
Für allgemeine Theoriedebatten hatte Gelzer wenig übrig. Juristische System-Konstruktionen im Stil Theodor Mommsens lehnte er ab. Stattdessen untersuchte er soziale Beziehungen, politische Verfahren und konkrete historische Quellen.
Besonders einflussreich war seine Habilitationsschrift Die Nobilität der römischen Republik von 1912. Sie stellte die römische Führungsschicht sozialgeschichtlich dar und untersuchte ihre Schichtung, ihre Herrschaftstechniken und ihre sozialen Grundlagen, insbesondere das Klientelwesen. Unter Klientelwesen ist in diesem Zusammenhang ein System sozialer Abhängigkeiten zu verstehen.
Gelzers Hauptergebnis war, dass innerhalb des Senatorenstandes eine engere Führungselite existierte: die Nobilität. Sie bestand aus den Mitgliedern der wenigen Familien, die Konsuln hervorgebracht hatten. Diese Nobilität dominierte die Wahlen und die politischen Entscheidungsprozesse aufgrund eines komplexen Systems sozialer Abhängigkeiten. Die Arbeit war streng aus den Quellen entwickelt und stützte sich auf die Untersuchung der antiken Begrifflichkeit.
Zur Zeit ihres Erscheinens nahm die Studie eine Sonderstellung in der traditionell verfassungsgeschichtlich orientierten althistorischen Forschung ein. Ihre Bedeutung wurde jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg vollständig erkannt, als sozialhistorische Fragestellungen in der Alten Geschichte stärker an Bedeutung gewannen. Christian Meier fasste dies später so zusammen: „Unsere Kenntnis der Struktur der spätrepublikanischen Gesellschaft und Politik ist durch Matthias Gelzer auf eine ganz neue Basis gestellt worden.“
Biographien und weitere Arbeiten
Über Fachkreise hinaus wurde Gelzer besonders durch seine historischen Biographien bekannt. Sie waren durch eine sehr gründliche Dokumentation der antiken Quellen gekennzeichnet und werden teilweise bis heute als Standardwerke zitiert.
1921 erschien Caesar, der Politiker und Staatsmann. Das Werk war lange Zeit die ausführlichste und reichhaltigste Darstellung des römischen Imperators Caesar. Es erlebte zahlreiche Auflagen und Übersetzungen, unter anderem ins Japanische sowie durch Peter Needham ins Englische. Martin Jehne bezeichnete es noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts als „die grundlegende wissenschaftliche Biographie“ Caesars und hob die „Aufarbeitung der gesamten Quellenüberlieferung“ hervor.
1941 veröffentlichte Gelzer Caesars weltgeschichtliche Leistung. Die Studie entstand als Antwort auf das caesarkritische Werk Caesars Eintritt in die Weltgeschichte seines akademischen Schülers Hermann Strasburger. 1942 folgte eine Untersuchung über Gnaeus Pompeius Strabo und die politischen Anfänge seines Sohnes Gnaeus Pompeius Magnus. 1943 veröffentlichte Gelzer eine Studie über die imperia extraordinaria des Pompeius, also über den in diesem Zusammenhang untersuchten Bereich seiner außerordentlichen Herrschaftsaufträge. 1949 widmete er Pompeius eine eigene Monographie: Pompeius. Lebensbild eines Römers.
Auch Cicero gehörte zu Gelzers zentralen Forschungsgegenständen. Bereits 1968 behandelte er in Cicero und Caesar das ambivalente Verhältnis dieser beiden Protagonisten ihrer Epoche. Aus einem umfangreichen Artikel über Marcus Tullius Cicero für Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft entstand 1969 Cicero. Ein biographischer Versuch. Diese Biographie war erneut eng an den antiken Quellen gearbeitet.
Darüber hinaus betreute Gelzer Schulausgaben der Werke von Caesar, Tacitus und Sallust. Damit wirkte seine Arbeit auch in der schulischen Beschäftigung mit antiker Geschichte und Literatur weiter.
Schriften (Auswahl)
Zu Gelzers wichtigsten Veröffentlichungen gehören:
- Studien zur byzantinischen Verwaltung Ägyptens (1909), seine Dissertation.
- Die Nobilität der römischen Republik (1912), seine Habilitationsschrift und grundlegende Untersuchung zur sozialen Struktur der römischen Führungsschicht.
- Caesar, der Politiker und Staatsmann (1921).
- Gemeindestaat und Reichsstaat in der römischen Geschichte (1924).
- Die Achaica im Geschichtswerk des Polybios (1940).
- Caesars weltgeschichtliche Leistung (1941).
- Cn. Pompeius Strabo und der Aufstieg seines Sohnes Magnus (1942).
- Vom roemischen Staat. Zur Politik und Gesellschaftsgeschichte der römischen Republik (1943, zwei Bände).
- Das erste Konsulat des Pompeius und die Übertragung der großen Imperien (1943).
- Der Rassengegensatz als geschichtlicher Faktor beim Ausbruch der römisch-karthagischen Kriege (1943).
- Pompeius. Lebensbild eines Römers (1949).
- Über die Arbeitsweise des Polybios (1956).
- Kleine Schriften (1962, drei Bände), herausgegeben von H. Strasburger und Chr. Meier.
- Cicero und Caesar (1968).
- Cicero. Ein biographischer Versuch (1969).