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Lucy

Lucy (auch: Dinkinesh, amharisch für: Du Wunderbare) ist der Name des fossilen Teilskeletts eines sehr wahrscheinlich weiblichen Individuums des Vormenschen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grunddaten und Bedeutung
  2. 2. Körper und Alter
  3. 3. Aufrechter Gang und Fortbewegung
  4. 4. Klettern und Todesursache
  5. 5. Entdeckung und Aufbewahrung

Grunddaten und Bedeutung

Lucy, auch Dinkinesh genannt, ist das fossile Teilskelett eines sehr wahrscheinlich weiblichen Individuums der Vormenschenart Australopithecus afarensis. Gefunden wurde es 1974 im Afar-Dreieck in Äthiopien. Das Fossil wird auf ein Alter von 3,2 Millionen Jahren datiert.

Lucy ist für die Erforschung der frühen Hominini wichtig, weil ihr Skelett vergleichsweise gut erhalten ist. Hominini sind die Menschengruppe und ihre ausgestorbenen nahen Verwandten nach der Trennung von der Linie der Schimpansen. Zusammen mit Funden wie Ardi, DIK 1-1, dem Kind von Taung und Little Foot zählt Lucy zu den besterhaltenen Skeletten früher Hominini-Arten. Vermutlich blieb das Skelett erhalten, weil der Leichnam am Ufer eines Sees und Flusses rasch von Sand und Schlamm bedeckt wurde. An den Knochen finden sich keine Zahnspuren von Raubtieren.

Körper und Alter

Der erhaltene Unterkiefer zeigt, dass der 3. Molar, also der Weisheitszahn, bereits durchgebrochen war, aber nur geringe Abnutzungsspuren hatte. In der Fachliteratur wird Lucy deshalb meist als erwachsene Person beschrieben, die beim Tod etwa 25 Jahre alt war. Diese Einschätzung stützt sich außerdem auf die Form ihres Beckens. Einige Forscher deuten den Fund allerdings als männlich.

Aus der relativ geringen Größe des Beckenrings wurde geschlossen, dass die Gehirngröße der Neugeborenen ungefähr der eines neugeborenen Schimpansen entsprochen haben muss. Der Beckenring ist für diese Frage wichtig, weil bei der Geburt das Kind durch ihn hindurch gelangen muss.

Bis 2015 ging man davon aus, dass 47 von Lucys 207 Knochen gefunden worden seien. Dazu zählten unter anderem ein Oberschenkelknochen mit Kopf und Hals, zwei Schienbein-Fragmente, Teile des Beckens und der Wirbelsäule, mehrere Rippen sowie Teile des Schädels und beider Oberarmknochen. Knochen der Hände und Füße fehlen nahezu vollständig. 2015 wurde jedoch ein auffällig kleiner Wirbel als vermutlich von einem Pavian stammend erkannt. Für die übrigen 88 Fragmente wurde bestätigt, dass sie von Australopithecus afarensis stammen.

Aufrechter Gang und Fortbewegung

Besonders das Becken und der Oberschenkel zeigen deutliche Anpassungen an den aufrechten Gang. Beim zweibeinigen Gehen dient der Kopf des Oberschenkelknochens als Drehpunkt. Über ihn wird das Gewicht des Oberkörpers auf beide Beine übertragen. Beim vierbeinigen Laufen liegt dagegen ein erheblicher Teil des Gewichts auf den vorderen Gliedmaßen. Bei Zweibeinern führt diese Belastung zu einer Verdickung der Zonen im Oberschenkelhals, die bei Überlastung bruchgefährdet wären.

Eine 2005 veröffentlichte Computersimulation nutzte Maße von Lucys Körperbau und fossile Fußspuren aus Laetoli, die Australopithecus afarensis zugeschrieben werden. Das Ergebnis war, dass sich Australopithecus afarensis vollständig aufrecht mit einer Geschwindigkeit von 0,6 bis 1,3 m/s bewegen konnte. Das entspricht ungefähr 2 bis 4,5 km/h. Lucy selbst war mit etwa 107 Zentimetern Körpergröße im Vergleich zu anderen Funden ihrer Art relativ klein.

2008 wurde in den Vereinigten Staaten ein hochauflösender Computertomographie-Scan ihrer Knochen angefertigt. Aus den Daten entstand eine dreidimensionale Computersimulation, mit der der innere Aufbau des Skeletts untersucht werden kann.

Klettern und Todesursache

Eine Untersuchung von 2016 ergab, dass Lucys Armknochen im Vergleich zu ihren Beinknochen deutlich stärker waren. Daraus wurde geschlossen, dass sie ihre Arme regelmäßig stärker belastete als ihre Beine. Die Forscher erklärten dies damit, dass Lucy häufiger auf Bäumen geklettert als auf dem Boden gelaufen sei.

Im selben Jahr berichteten Mitglieder derselben Forschergruppe über Hinweise auf Grünholzfrakturen. Grünholzfrakturen sind Brüche, bei denen Knochen nicht vollständig glatt durchbrechen, wie es bei elastischerem Knochenmaterial vorkommen kann. Daraus leiteten sie ab, Lucy sei unmittelbar vor ihrem Tod, also perimortal, aus etwa 13 bis 14 Metern Höhe auf sehr harten Untergrund gestürzt.

Diese Deutung ist umstritten. Unter anderem Tim White und Donald Johanson wandten ein, die beobachteten Merkmale könnten ebenso gut durch Brüche entstanden sein, die erst nach dem Tod während der Fossilisation auftraten, also postmortal. Die Entdecker der Sturz-Hypothese hielten dagegen, dass in vielen Fällen scharfe, saubere Bruchkanten und kleine abgesplitterte Knochenfragmente noch an Ort und Stelle gefunden wurden. Ein solches Muster sei von Fossilien nicht bekannt, bei denen man eher eine Verschiebung der Fragmente erwarten würde.

Entdeckung und Aufbewahrung

Lucy wurde am 24. November 1974 in Hadar in Äthiopien von Donald Johanson entdeckt. Er war an diesem Tag mit dem Post-Doktoranden Tom Gray am Fundort 162 unterwegs. An einem Hang einer Senke, die ein zum Awash entwässerndes Wadi freigelegt hatte, fanden sie zunächst das Fragment eines hominiden Arms, dann die Rückseite eines kleinen Schädels und in der Nähe ein Bruchstück eines Oberschenkelknochens.

Nach Angaben von Yves Coppens erhielten die ersten Knochenstücke zunächst keine besondere Aufmerksamkeit, weil in der Region schon viele ähnliche Funde gemacht worden waren. Erst eine genauere Untersuchung zeigte, dass weitere Fragmente offenbar zu demselben Individuum gehörten. Damit war klar, dass es sich um eine ungewöhnliche Entdeckung handelte. Der Spitzname Lucy entstand im Forschercamp, wo beim Katalogisieren der Funde die Beatles-Kassette Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band lief, auf der das Lied Lucy in the Sky with Diamonds enthalten ist.

Von 1975 bis 1980 untersuchte Johanson die Knochen im Cleveland Museum of Natural History in den USA. Danach wurden Abgüsse erstellt und die Originale an die äthiopische Altertumsbehörde übergeben. Seitdem werden sie im Nationalmuseum in Addis Abeba verwahrt; das Original befindet sich in einem Tresor, in der Ausstellung ist ein Abguss zu sehen. Weitere Abgüsse befinden sich unter anderem im Museum von Semera in Äthiopien und im Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main. Die Sammlungsnummer des Skeletts lautet AL 288-1, wobei AL für Afar Locality steht.

Bei der Erstbeschreibung von Australopithecus afarensis im Jahr 1978 wurde Lucy als zusätzlicher Beleg, ein Paratypus, ausgewiesen. Grundlage dieser Erstbeschreibung war das Fossil LH 4 aus Laetoli. Ab August 2007 wurden Lucys Originalknochen in den Vereinigten Staaten ausgestellt. Der Transport wurde von vielen Paläoanthropologen kritisiert, weil sie Beschädigung oder Verlust befürchteten. Da die Besucherzahlen hinter den Erwartungen blieben, wurde Lucy ab März 2009 im Houston Museum of Natural Science eingelagert. Am 1. Mai 2013 kehrte sie nach Äthiopien zurück. Eine ähnliche Kontroverse entstand 2025, als bekannt wurde, dass Lucy zusammen mit DIK 1-1 für 60 Tage in Prag ausgestellt werden sollte.

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