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Kuhblasen
In Indien, wo das Rind aufgrund religiöser hinduistischer Vorstellungen einen besonderen Schutz genießt (siehe auch Heilige Kuh), wird die Praktik phooka …
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Verfahren und Zweck
Kuhblasen bezeichnet ein Verfahren zur Anregung der Milchabgabe bei Milchtieren. Dabei wird kräftig Luft in die Vagina einer Kuh eingeblasen, manchmal auch in den After. Ziel ist, dass das Tier mehr Milch gibt beziehungsweise Milch abgibt. Meist wird direkt mit dem Mund eingeblasen; möglich sind auch Röhren oder die Verbindung mit weiteren Maßnahmen zur Stimulation der Milchproduktion.
Das Verfahren ist nicht nur bei Rindern bekannt. Es wurde auch bei Pferden, Yaks, Kamelen und Ziegen beschrieben. In der ethnographischen Literatur finden sich Berichte aus vielen Ländern, doch systematische wissenschaftliche Untersuchungen sind bislang selten.
Geschichte und räumliche Verbreitung
Kuhblasen ist seit langer Zeit belegt. Ein Tempelfries aus Tell el-Obed im alten Ur, datiert auf 2800–2600 v. Chr., zeigt die Herstellung von Kuhmilchprodukten und rechts einen Priester beim Kuhblasen. Herodot beschrieb im zweiten Kapitel des vierten Buches seiner Historien im 5. Jahrhundert v. Chr. die Skythen: Sie bliesen Pferdestuten mit hohlen Knochenröhren Luft in die Scheide, während eine andere Person melkte.
Mindestens bis zum 17. Jahrhundert wurde cow blowing auch in Irland praktiziert. Besonders viele Belege stammen von afrikanischen Hirtennomaden; verbreitet ist die Praxis in Süd- und Ostafrika, etwa bei Dinka und Nuer. Weitere Berichte betreffen unter anderem die alten Skythen und Tibet.
Phooka in Indien und Praxis bei den Nuer
In Indien heißt die Praktik phooka; auch die Bezeichnung doom dev kommt vor. Wegen religiöser hinduistischer Vorstellungen genießt das Rind dort besonderen Schutz. Das indische Tierschutzgesetz von 1890 verbot phooka ausdrücklich und definierte es so: “Phooka or doom dev includes any process of introducing air or any substance into the female organ of a milch animal with the object of drawing off from the animal any secretion of milk.”
Wer die Handlung ausführte, sie bei Tieren im eigenen Besitz oder unter eigener Kontrolle durchführen ließ oder erlaubte, konnte mit einer Geldstrafe bis zu fünfhundert Rupien oder mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bestraft werden. Das betroffene Tier ging in Staatsbesitz über. 1938 wurde das Gesetz erweitert. Mohandas Karamchand Gandhi berichtet in seiner Autobiographie von phooka; nach seiner Beobachtung habe er einen starken Ekel vor Milch empfunden, und die Praxis habe seine Haltung zur Gewalt an Tieren beeinflusst.
Der Ethnologe Edward Evan Evans-Pritchard beschrieb und fotografierte Kuhblasen bei den Nuer. Dort wurde Luft besonders bei Kühen in die Vagina geblasen, die ihr Kalb verloren hatten. Zusätzlich schob man der Kuh eine Puppe des toten Kalbes mit dessen Fell, einen tulchan, zu. Beides sollte die Milchproduktion anregen.
Mögliche körperliche Wirkung
Die Cervix uteri ist der Gebärmutterhals. Wird sie gedehnt, kann dies über den Ferguson-Reflex zur Ausschüttung von Oxytocin führen. Oxytocin ist ein Hormon: Während der Geburt regt es die Muskulatur der Gebärmutter an; außerdem stimuliert es die Milchejektion, also die Abgabe von Milch aus dem Euter.
Ob Kuhblasen tatsächlich einen Ferguson-Reflex auslöst, ist ungeklärt. Oxytocin wird auch durch das Saugen des Jungtiers sowie durch das „Anrüsten“ ausgeschüttet. Anrüsten ist eine Art Eutermassage vor dem Melken.
Zusammenstellung der belegten Vorkommen
Die Zusammenstellung von Plischke (1954) nennt Vorkommen bei mongolischen Kalmücken in den südrussischen Steppengebieten, Jakuten an der Lena in Sibirien sowie in Abessinien, bei Kaffa, Nuer, Dinka, Baggara in Kordofan, Somal, Galla, Wasiba, Wanyaturu, Wagogo, Hottentotten und Bana im Logone-Gebiet südlich des Tschad. Außerdem werden west- und zentralasiatische Hirtennomaden, China am Tung-Fluss, Sichuan am Dadu He, Indien, die Alpen – Untergurgl im oberen Ötztal, Almen des Pfitscher Jochs und Gargellen – sowie die Pyrenäen aufgeführt.
Für die Skythen vermerkt die Übersicht ausdrücklich Pferde. Für Indien nennt sie T. Murari (1937), Gandhi (1927/1929) und die Bezeichnung „phooka“.