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Kleine Fabel

Kleine Fabel ist eine Parabel über eine verzweifelte Maus von Franz Kafka, die 1920 entstand. Sie wurde postum von Max Brod herausgegeben, der ihr auch den …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Handlung
  2. 2. Form und zentrale Aussage
  3. 3. Deutungsmöglichkeiten
  4. 4. Rezeption und Einordnung

Gegenstand und Handlung

„Kleine Fabel“ ist eine Parabel von Franz Kafka über eine verzweifelte Maus. Sie entstand 1920 und wurde postum von Max Brod herausgegeben, der auch den Titel gab.

Die Maus beschreibt, dass die Welt mit jedem Tag enger werde. Zunächst ist sie so breit, dass die Maus Angst bekommt und weiterläuft. Dann sieht sie in der Ferne Mauern, über die sie zunächst glücklich ist, weil sie Orientierung und Begrenzung versprechen. Die Mauern rücken jedoch immer schneller aufeinander zu. Die Maus gelangt in das „letzte Zimmer“, in dessen Winkel eine Falle steht, in die sie hineinläuft. Die Katze rät ihr, lediglich die Laufrichtung zu ändern, und frisst sie anschließend.

Form und zentrale Aussage

Der Text ist keine Fabel im traditionellen Sinn. Eine traditionelle Fabel ist eine meist lehrhafte Tiergeschichte mit einer erbaulichen oder aufklärerischen Botschaft. In Kafkas Erzählung fehlt eine solche eindeutige Lehre; stattdessen zeigt sich Ausweglosigkeit. Deshalb wird sie auch als „kleine Anti-Fabel“ und als Kafkas „kleinste Parabel“ bezeichnet. Der Titel ordnet den Text zwar der Gattung der Tiergeschichten zu, zugleich führt die Handlung aber den Täuschungscharakter möglicher Auslegungen vor Augen.

Die Erzählung umfasst nur die letzten dramatischen Momente im Leben der Maus, lässt darin aber ihren gesamten Lebensweg erkennen. Auffällig ist der Wechsel der Zeitformen: Auf das Präsens „wird enger“ folgt das Imperfekt „war sie“, in das ein Finalsatz im Imperfekt eingeschoben ist. Danach kehrt der Text zum Präsens zurück und endet mit „eilen“, „ich bin“, „steht“ und „ich laufe“.

Der Lebensweg wirkt dadurch vorherbestimmt. Die Maus flieht zunächst vor der grenzenlosen Weite, findet kurz Sicherheit in den Mauern und erreicht dann scheinbar ohne verstrichene Zeit das letzte Zimmer mit der Falle. Obwohl sie nach außen hin Entscheidungsfreiheit besitzt, kann sie ihrem Weg nicht entkommen. Der Rat der Katze, die Laufrichtung zu ändern, ist deshalb zynisch: Die Maus wird der Katze durch ihre eigene Lebenssituation geradezu ausgeliefert. Das Motiv eines schuldlosen Protagonisten, der in einem determinierten Untergangsszenario gefangen ist, findet sich laut Artikel auch in „Der Proceß“, „Das Schloss“, „Ein Landarzt“, „Das Urteil“ und „Vor dem Gesetz“.

Deutungsmöglichkeiten

Der Weg zwischen den enger werdenden Mauern kann allgemein als menschlicher Lebensweg verstanden werden, dessen zwangsläufiges Ende der Tod ist. Die einzelnen Stationen lassen sich als Schwierigkeiten der Jugend, beengende Pflichten des Erwachsenenlebens und die allgemeine Existenzsorge einschließlich der Angst vor dem Tod deuten. Der Rat der Katze könnte wie eine Verlockung zu einem radikalen Aufbruch wirken. Dieser führt hier jedoch nicht in die Freiheit, sondern in die Vernichtung.

Die Furcht der Maus vor der Falle erhält nachträglich ihre volle Berechtigung, obwohl kein kausaler Zusammenhang zwischen ihrer Angst und dem späteren Tod hergestellt wird. Die Maus befindet sich zwischen verschiedenen Formen des Todes: Sie ist nicht nur einer äußeren Gefahr ausgesetzt, sondern wird auch durch ihre eigene innere Befindlichkeit und ihre falsche Einschätzung der Realität bestimmt.

Eine andere Deutung schwächt den Anspruch der Geschichte ab, allgemein für „den Menschen“ zu gelten. Vielleicht betrifft sie nur die „graue Maus“, also jemanden, der sich bestimmten Zwängen unterwirft. Dann könnte der Text auch als Aufforderung gelesen werden, das Leben frühzeitig souverän anzugehen und nicht zwangsläufig zwischen Mauern in eine Falle zu laufen.

Wie in mehreren Kafka-Erzählungen sind Fehleinschätzung der Realität und Scheitern zentrale Themen. Anders als in „Der Bau“, „Forschungen eines Hundes“ oder „Der Dorfschullehrer“, die in einem unbefriedigenden Schwebezustand enden, führt „Kleine Fabel“ abrupt zu einem tödlichen Ende.

Rezeption und Einordnung

Beda Sudau hebt die besondere Konstruktion der Erzählung hervor: Ein zunächst schwermütig und beschaulich wirkender Lebensrückblick beschleunigt sich in kürzester Zeit zu einem Bewegungssog und endet in einer dramatischen „Zuschnapp-Bewegung“. Zusammen mit der grausamen Pointe entsteht ein gedanklicher Schock.

Der US-amerikanische Schriftsteller und Dozent David Foster Wallace führte „Kleine Fabel“ als Beispiel für Kafkas Komik beziehungsweise „funnyness“ an. Der Artikel verweist außerdem auf Ausgaben der Erzählung von Paul Raabe (1970), Jost Schillemeit (1992) und Roger Hermes (1997) sowie auf eine dreisprachige Graphic-Novel-Ausgabe von 2013. Als wichtige Forschungsliteratur werden unter anderem Arbeiten von Beda Allemann, Peter-André Alt und Manfred Engel genannt.

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