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Kleinbergbau
Als Kleinbergbau (engl. artisanal and small-scale mining – ASM) bezeichnet man die Gewinnung von mineralischen Rohstoffen mit einfachen, nicht industriellen …
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Begriff und Grundlagen
Kleinbergbau, englisch „artisanal and small-scale mining“ (ASM), ist die Gewinnung mineralischer Rohstoffe mit einfachen, nicht industriellen Methoden. Er kann durch Migration oder einen plötzlichen Zustrom von Menschen rasch entstehen. 2012 arbeiteten weltweit etwa 15 Millionen Menschen direkt im Kleinbergbau. Obwohl dort mehr Menschen beschäftigt sind als im industriellen Bergbau, besitzt dieser Sektor kaum Marktmacht.
Kleinbergbau findet vor allem dort statt, wo Lagerstätten für den industriellen Abbau zu klein sind und sich hohe Investitionen in schwere Maschinen und langfristige Verfahren nicht lohnen. Voraussetzung ist meist, dass die kleinen Lagerstätten wertvolle Bodenschätze enthalten. Typisch sind Goldseifenlagerstätten sowie Lagerstätten mit mesothermalen Gold- oder Kupfergängen. Teilweise wird Nachlesebergbau betrieben: Nach dem Ende eines großen Bergbaubetriebs gewinnen Menschen verbliebene Rohstoffe aus häufig nicht ordnungsgemäß verschlossenen Grubenbauen.
Kennzeichnend sind ein geringer Kapital- und Technologieeinsatz, aber ein sehr hoher Arbeitskräfteeinsatz. Kleinbergbau durch kleine Unternehmen besitzt einen gewissen Mechanisierungsgrad. Kleinstbergbau wird dagegen von Einzelpersonen in Handarbeit ausgeführt; an einem kleinen Bergwerk arbeiten dabei bis zu fünf Personen. Gewonnen werden besonders Edelmetalle, Buntmetalle, Stahlveredler wie Chrom und Nickel sowie Refraktärmetalle wie Tantal, Niob und Wolfram. Abhängig von der Mächtigkeit der Deckschicht erfolgt der Abbau im Tagebau oder im tagesnahen Untertagebau.
Entwicklung und heutige Bedeutung
Kleinbergbau ist die ursprüngliche Form der bergbaulichen Rohstoffgewinnung und wurde bereits vor mehreren Jahrtausenden betrieben. Während der spanischen Kolonialzeit war er in fast allen lateinamerikanischen Ländern verbreitet; vielerorts reicht er bis in vorkolumbianische Epochen zurück. Häufig entwickelte er sich aus traditioneller Landwirtschaft und traditionellem Handwerk.
In Europa wurde Eisenerz ab dem 5. vorchristlichen Jahrhundert in sogenannten Mollkauten und später in Pingen abgebaut. Seit dem 10. Jahrhundert gewann man Steinkohle durch Kohlengräberei in kleinen Pütts. In Deutschland wurden vom 17. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts drei bis 10 Zentimeter mächtige Kupferschieferflöze im Duckelbau ausgebeutet. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand außerdem Notbergbau: Mit einfachsten Mitteln wurden an den Rändern bekannter Steinkohlenreviere eigentlich nicht gewinnungswürdige Restpfeiler abgebaut.
Heute kommt Kleinbergbau in fast allen Ländern Lateinamerikas sowie in Indien und vielen afrikanischen Ländern vor. Weil der Erzverkauf lukrativ ist, wächst der Sektor dort stetig. Formeller Kleinbergbau ist behördlich zugelassen, staatlich geregelt und registriert. Informelle Bergbautreibende besitzen dagegen meist weder eine Registrierung noch Landtitel oder Schürfrechte. Sie arbeiten teilweise ohne Zustimmung auf fremden Grundstücken und außerhalb eines geeigneten Regelungsrahmens, werden jedoch häufig staatlich geduldet. In einigen Ländern organisieren bewaffnete Gruppen den Kleinbergbau. In Kolumbien dient er beispielsweise ihrer Kapitalbeschaffung. Zusätzlich zu unsicheren Arbeitsbedingungen werden Bergleute durch eine unfaire Preisbildung benachteiligt.
Der Kleinbergbau liefert rund 25 % der weltweiten Goldproduktion. In Lateinamerika entfallen sechs bis acht Prozent der Goldförderung auf ihn. 60 % der Weltkobaltförderung stammen aus dem Kongo; davon werden etwa 15–20 % im Kleinbergbau gewonnen. Kobalt, Lithium, Nickel, Mangan und Graphit werden unter anderem für Batterien von Elektroautos benötigt. 2004 wurden etwa 15 bis 20 % der weltweit benötigten mineralischen Rohstoffe im Kleinbergbau gefördert. 2020 betrug sein Anteil bei Kobalt etwa 20 % und bei Tantal rund 100 %. Neben den 15 Millionen direkt Beschäftigten arbeiten Hochrechnungen zufolge weitere 85 Millionen Menschen in Nebenbetrieben. Damit sind insgesamt rund 100 Millionen Menschen wirtschaftlich vom artisanalen Bergbau abhängig. Besonders für die ländliche Bevölkerung ist er eine wichtige Einkommensquelle.
Arbeitsweise, Sicherheit und Menschenrechte
Der Mechanisierungsgrad ist meist gering. Häufig verwenden die Bergleute einfache Handwerkzeuge wie Spitzhacken. Maschinen werden aus Kostengründen oft gebraucht gekauft und befinden sich vielfach in schlechtem Zustand. Lange Stillstandszeiten führen deshalb zu Produktionsausfällen. Auch die Erzaufbereitung reicht von reiner Handarbeit, etwa dem Zerstampfen mit einem Mörser, über ältere Verfahren mit Pochwerken, Waschrinnen und Stoßherden bis zu modernen Maschinen wie Schlagwalzenbrechern.
Oft arbeiten im Kleinbergbau schlecht oder gar nicht ausgebildete Menschen. Gut ausgebildete Bergleute sind wegen der geringen Bezahlung und niedrigen Sicherheitsstandards schwer zu gewinnen; auch den Betreibern fehlen häufig Fachkenntnisse. Die Beschäftigten besitzen vielfach weder Schutzhelme und Sicherheitsschuhe noch Arbeitsanzüge. Gefahren entstehen durch ungesicherte Stollen und Schächte, unzureichend abgestützte Halden, eindringendes Wasser und mangelhaft bewetterte Grubenbaue. Bewetterung bezeichnet die Versorgung unterirdischer Gruben mit frischer Luft. An den Rändern offener Tagebaue mit alluvialem oder verwittertem Gestein drohen Landrutschungen. Arbeitsunfälle sind häufig.
Beim Umgang mit gesundheitsschädlichen Chemikalien fehlt meist die Schutzausrüstung. Quecksilber für die Goldgewinnung wird teilweise in den eigenen Behausungen verarbeitet. Diese Arbeit übernehmen häufig Frauen, darunter Schwangere, in Anwesenheit ihrer Säuglinge und kleinen Kinder. Gesundheitliche Schäden sind verbreitet. Hinzu kommen Verletzungen der Menschenrechte: In manchen Regionen gibt es Zwangsarbeit, und Kinder arbeiten mit Chemikalien wie Quecksilber.
Folgen für die Umwelt
Bei der Goldgewinnung wird Quecksilber zur Amalgamierung goldhaltiger Konzentrate eingesetzt, also zur Bindung des Goldes in einem Amalgam. Schätzungen zufolge verbraucht der Kleinbergbau dafür jährlich mehrere hundert Tonnen Quecksilber. Retorten zur Rückgewinnung werden kaum verwendet. Deshalb gelangt das Schwermetall während der Aufbereitung in Böden und Gewässer; abhängig von der Bodenbeschaffenheit kann es dort zusätzlich mobilisiert werden. Beim Brennen des Amalgams gelangt Quecksilber in die Atmosphäre und verteilt sich über weite Teile der Region.
Erosion und die Verschlammung von Flüssen schädigen die betroffenen Gebiete langfristig. Verschmutzte und vergiftete Flüsse können nicht mehr als Trinkwasserreservoir dienen; zugleich wird ihr Fischbestand beeinträchtigt. Beim Abbau und bei der Aufbereitung von Silbererzen entstehen große Bleimengen. Das Blei verseucht Luft und Böden und kann noch Jahre nach dem Ende des Bergbaus schädlich wirken. Besonders schwerwiegend ist dies in Ländern mit niedrigen Umweltstandards, beispielsweise Peru.
Ungesichert zurückgelassene Altbergbaue gefährden die örtliche Bevölkerung. Außerdem können aus offenen Grubenbauen noch jahrelang saure Grubenwässer austreten und die Umwelt stark belasten.
Regulierung und Verbesserungsmöglichkeiten
Nutzen und Schäden des Kleinbergbaus stehen in einem starken Gegensatz. Er verursacht Gesundheitsprobleme, Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden, ist zugleich aber ein wichtiger regionaler Wirtschaftsfaktor und sichert vielen Menschen Arbeit und Lebensunterhalt. Industrielle Großbergwerke benötigen zwar erheblich mehr Kapital, aber deutlich weniger Arbeitskräfte. Ihre Einführung kann daher vielen Kleinschürfern die Einkommensgrundlage nehmen. Schätzungen zufolge verloren allein in Tansania durch den industriellen Bergbau etwa 400.000 Menschen ihre Beschäftigung. Nach einer Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI würde ein Boykott des Kleinbergbaus die Lage der beteiligten Menschen nicht verbessern.
Um Umwelt- und Sozialstandards sowie die Sorgfaltspflichten nach den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte und den OECD-Leitsätzen einzuhalten, gelten transparente und zertifizierte Lieferketten als unerlässlich. Ein Ansatz sind „Certified Trading Chains“ (CTC). Voraussetzung für legales Arbeiten ist jedoch häufig, dass Genossenschaften und Kleinunternehmen wirtschaftlich attraktive Zonen erhalten, die als „Zone d’Exploitation Artisanale“ (ZEA) beziehungsweise „Artisanal and small scale mining“ (ASM) bezeichnet werden.
Die Certified-Trading-Chains-Initiativen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) unterstützen Kleinbergbau-Kooperativen und örtliche Behörden dabei, Mindeststandards und Kontrollmechanismen einzuführen. Als wichtigster Faktor für bessere Umwelt- und Sozialstandards gelten starke staatliche Institutionen in den Bergbauländern. Rohstoffverarbeitende Unternehmen fordern ebenfalls verpflichtende Auflagen. Die europäische Autoindustrie bemüht sich beispielsweise um den Nachweis sauberer Lieferketten; insbesondere bei Kobaltminen im Kongo bestehen dabei jedoch erhebliche politische Probleme.